Berlin, den 26.04.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

16.03.2019 - PHILOSOPHIE

Ohne dieses Vergnuegen koennen wir nicht leben

Aus der Kulturgeschichte der Trunkenheit

von Josef Tutsch

 
 

Weingott Dionysos, Schale des Exekias,
um 540 v. Chr. (Staatl. Antikensamm-
lungen, München) - Bild: Wikipedia

Im Jahr 1914, der Erste Weltkrieg hatte bereits begonnen, erklärte Zar Nikolaus II. den Verkauf von Wodka in Russland für ungesetzlich. Dahinter stand die Erkenntnis, dass die Kampfkraft der Armee durch den Alkoholkonsum beeinträchtigt wurde. Andererseits – mit dem Verbot reduzierte der Staat seine Einnahmen um nicht weniger als ein Viertel, und das mitten im Krieg. Womöglich, meint der englische Schriftsteller Mark Forsyth in seiner „Kurzen Geschichte der Trunkenheit“, die jetzt auf deutsch erschienen ist, kam das russische Volk erst in dieser Situation der verordneten Abstinenz zu einem realistischen Einblick in die Mechanismen seines politischen Systems. Jedenfalls war es drei Jahre später mit der Zarenherrschaft vorbei.

Forsyth hat einen Abriss zur Entwicklungsgeschichte des „Homo alcoholicus“ vorgelegt, von der Steinzeit bis heute. Es geht nicht um den Alkohol selbst, sondern um die „Trunkenheit“. Der Autor verschweigt nicht, dass er selbst sich gelegentlich in einen „bedüdelten Zustand“ versetzt. Er kennt also beide Seiten aus eigener Erfahrung, die „Fallstricke“ der Trunkenheit und „ihre Götter“ – wobei die Götter ja vielleicht eher Dämonen sind. Der lockere Stil wirft an manchen Stellen die Frage auf, ob die ernsthaften Probleme des Alkoholkonsums nicht doch etwas leichthin beiseite gewischt werden, macht das Buch aber auch zu einer höchst vergnüglichen Lektüre.

Zur Trunkenheit ist Alkohol nicht einmal unbedingt vonnöten. Forsyth berichtet von Experimenten, dass Soziologen alkoholfreies Bier ausschenkten, den Probanden jedoch verschwiegen, dass keine Prozente darin waren. Ziemlich viele verhielten sich genau so, wie das, je nach Milieu und eigener Erfahrung, unter Alkoholeinfluss eben zu erwarten gewesen wäre, also aggressiv oder libidinös oder „musikalisch“.

Am Anfang der Entwicklungsgeschichte stand sicherlich die Bekanntschaft mit gärendem Obst. So können sich die Mantelbrüllaffen auf einer Insel von Panama an den heruntergefallenen Früchten der Astrocaryum-Palme gütlich tun, mit 4,5 Prozent Alkoholgehalt. „Erst werden sie ausgelassen und laut, dann schläfrig und unkoordiniert, und dann fallen sie manchmal aus ihren Bäumen und tun sich weh.“

Zum Glück kommt Alkohol in der Natur gar nicht so häufig vor. Zoologen, schreibt Forsyth, haben ganzen Rattenkolonien unbegrenzten Zugang gewährt. Nach einigen Tagen Alkoholexzess bildete sich ein, wie soll man sagen, „zivilisierter“ Umgang mit der Droge heraus. Alle paar Tage fanden „Partys“ statt; ansonsten beschränkte sich die Mehrzahl der Ratten auf einen „Drink“ vor der Nahrungsaufnahme und einen zweiten vor dem Schlafengehen. Am höchsten war der Alkoholkonsum bei jenen Ratten, die in der sozialen Rangordnung unten rangierten.

In der menschlichen Evolution muss es vor etwa zehn Millionen Jahren eine Genmutation gegeben haben, die uns in die Lage versetzte, Alkohol besser verarbeiten zu können, als viele andere Tiere das können. Wahrscheinlich, überlegt Forsyth, war es auch dieser Umstand, dass der Urmensch andere Affen „unter den Tisch saufen“ konnte, der ihm einen evolutionären Vorteil verschaffte. Der Alkoholkonsum stärkte auch den sozialen Zusammenhalt. Ein einzelner betrunkener Mensch wäre für jedes Raubtier eine leichte Beute gewesen. Nicht so eine ganze Trinkgemeinschaft.

Gerog Mühlberg: Bierduell, um 1900
Bild: Wikipedia 


Die vermutlich älteste künstlerische Darstellung eines trinkenden Menschen ist das Halbrelief der „Venus von Laussel“ aus der Dordogne, um 23.000 v. Chr. In der Hand hält sie ein Horn. Wasser, meint der Autor, wird wohl nicht darin gewesen sein, das hätte kaum zu einer solchen Darstellung den Anlass gegeben. Den frühesten archäologisch eindeutigen Beleg für Alkoholkonsum bieten die großen Steinwannen, die in Göbekli Tepe in der heutigen Türkei gefunden wurden. Chemische Analysen haben gezeigt, dass man darin Gerste und Wasser vermischte, also offenbar Bier braute. Wollten die Menschen der Frühgeschichte, als sie irgendwann um 9.000 v. Chr. den Ackerbau „erfanden“, nicht nur nährendes Brot gewinnen, sondern auch berauschende Getränke?

Die Mythologie der alten Sumerer im 3. Jahrtausend v. Chr. brachte die Entstehung der Zivilisation mit dem Alkohol in Verbindung: Enki, der Gott der Weisheit, und Inanna, die Göttin der Lust, beginnen einen Wettkampf im Trinken von Bier und Wein. Inanna gewinnt. Während Enki seinen Rausch ausschläft, raubt sie ihm seine Weisheit und bringt sie auf die Erde. Im alten Ägypten gehörte Alkoholkonsum zwingend zu den religiösen Riten dazu, die oft dann auch als sexuelle Orgien abliefen.

À propos Orgien: „Wir in der westlichen Welt haben keine Tradition der religiösen Trunkenheit“, schreibt Forsyth – während in anderen Kulturen der „betrunkene Mystizismus“, das „Auffinden Gottes am Grunde der Flasche“, wie Forsyth es reichlich salopp formuliert, doch gang und gäbe war oder ist. Selbst im Islam, wo die herrschende Auslegung des Korans zwar im Paradies ganze „Bäche von Wein“ verheißt, für das diesseitige Leben den Alkohol jedoch verdammt. Bei vielen arabischen und persischen Dichtern wurde der Weinrausch zur Metapher der mystischen Versenkung in Gott.

Vielleicht geht die abendländische Distanz zum religiösen Rausch ja bereits auf die Bibel zurück, auf die Abgrenzung des Volkes Israel von seinen Nachbarn. Und auf die intellektuellen Reflexionen im antiken Griechenland: Sokrates und Platon philosophierten ausgiebig über die Frage, wie betrunken man werden durfte und wie man sich im betrunkenen Zustand zu verhalten hatte. Sokrates, meint Forsyth, war vielleicht „der Erste in einer langen Reihe von Männern, die sich rühmen konnten, selbst durch ausgiebigen Alkoholkonsum nicht besoffen zu werden“.

Ein „Weiser“ auch in dieser Hinsicht, ebenso wie Konfuzius. Aber es finden sich auch Fälle von ausgiebigem Alkoholkonsum bei sehr unerfreulichen Figuren. 1925 hob Stalin in der Sowjetunion das Wodkaverbot auf, das Lenin vom Zarenregime übernommen hatte. Der Diktator lud sein Politbüro gern zu Trinkgelagen ein. „Diese Abendessen waren furchtbar“, erinnerte sich später Chruschtschow, auf dessen Glatze Stalin seine Pfeife auszuklopften pflegte. Beria als Chef der Geheimpolizei unterhielt die Versammlung, indem er die Schreie von Häftlingen unter der Folter imitierte – niemand wusste, ob er nicht vielleicht als nächster an der Reihe war. Die regelmäßigen Alkoholexzesse erschwerten jede Oppositionsbildung: Die Gefahr, dass sich jemand verplapperte, war allgegenwärtig:

Mit dem allgemeinen Trinkzwang stellte sich Stalin in eine lange Tradition. Am Hofe Iwans des Schrecklichen im 16. Jahrhundert war es üblich, jene als Verräter zu denunzieren, die in der verordneten „Fröhlichkeit“ nicht recht mithalten konnten. Peter der Große im 18. Jahrhundert perfektionierte die Kunst, bei seinen Untergebenen wiet bei den ausländischen Botschaftern Trunkenheit zu erzwingen und seine Mitmenschen am Ende „auf kotzende Wracks zu reduzieren“.

Da war die Nutzung des Alkohols durch jenen hoffnungsvollen jungen Politiker, der 1758 in die Bürgerversammlung von Virginia einzog, doch viel weniger dramatisch. George Washington listete präzise auf, wie viel Wein, Bier, Punsch, Rum usw. es ihn kostete, die Mehrheit der insgesamt 600 Wahlberechtigten hinter sich zu bringen. Andererseits gab es immer wieder Projekte, die Menschheit vom Fluch des Alkohols zu befreien. 1787, berichtet Forsyth, wollte der britische Innenminister Lord Sidney Australien zu einer „trockenen“ Kolonie machen, zur moralischen Besserung der Sträflinge. Durchgehalten wurde dieser Vorsatz gerademal bis zur Einschiffung in Plymouth: Es waren weder Seeleute noch Marinesoldaten zu finden, die den Transport ans andere Ende der Welt ohne Alkohol durchführten. Alle Versuche, wenn schon nicht das Bier, dann doch wenigstens den Rum in Australien zu verbieten, blieben ergebnislos. 1793 entschloss sich der Vizegouverneur Francis Grose zu einem radikalen Kurswechsel. Da der Rum nun einmal nicht zu unterbinden war, richtete er ein staatliches Monopol ein.

Edgar Degas: Absinthtrinker, 1876
(Musée d'Orsay, Paris)
Bild: Wikipedia 


Seit dem späten 19. Jahrhundert versuchten sich die Staaten der USA an der „Prohibition“. Es ging, wie Forsyth betont, zunächst weniger um den Alkohol allgemein als um Hochprozentiges, nämlich um den Whiskey, und um die „Kultur“ der Gewalt, die sich in vielen Saloons ausgebildet hatte. Mit der Zeit radikalisierte sich die Bewegung, 1920 wurde durch Bundesgesetz definiert, dass alle Getränke als „berauschend“ galten, die  mehr als 0,5 Volumenprozent Alkohol hatten. Offenbar, meint Forsyth, hatte der Kampf gegen den Alkohol sogar Erfolg: 1933, als die Prohibition aufgehoben wurde, lag der legale Konsum kaum halb so hoch wie 1920.

Kehrseite war, dass zwar die berüchtigten Saloons auf dem Land schließen mussten, dafür jedoch die „Speakeasys“ oder „Flüsterkneipen“ in den großen Städten einen enormen Aufschwung nahmen, gegen Korruptionszahlungen geduldet von der Polizei. Sie wurden sowohl von Weißen frequentiert wie von Schwarzen, von Männern wie von Frauen – ehrbaren Frauen, wohlgemerkt, anders als es in den Saloons gewesen war. Damit tat die Prohibition indirekt einiges für den Ausgleich der Rassen in den USA und für die Emanzipation der Frauen.

In der Weltgeschichte finden sich Beispiele, dass versucht wurde, gegen den Alkoholkonsum mit allergrößter Brutalität vorzugehen. Aus dem China des 11. Jahrhunderts v. Chr. ist eine „Proklamation zur Trunkenheit“ überliefert: „Wenn jemand davon erfährt, dass irgendwo gemeinsam getrunken wird, ist er angehalten, diese Personen in Gewahrsam zu nehmen.“ „Gemeinsam“ bedeutete vermutlich: in Etablissements außerhalb der eigenen Familie. Das legte die Gefahr von Verschwörungen nahe, die Proklamation drohte den Delinquenten mit der Hinrichtung.

Durchgeführt wurde diese Drohung sicherlich nur ausnahmsweise. „Drogen sind eine Konstante“ in der Geschichte, vermerkt Forsyth lapidar. Statt des vielbeschworenen „Kriegs gegen die Drogen“ gibt es in der Realität eher einen Krieg „zwischen“ den verschiedenen Rauschmitteln, „und den gewinnt in der Regel der Alkohol“. Recht zynisch meint der Autor, wenn die Regierungen wirklich Heroin oder Kokain ausmerzen wollten, dann könnten sie das am ehesten durch eine Abschaffung der Alkoholsteuer bewerkstelligen.

Ähnlich wie die griechische Philosophie setzte auch die christliche Theologie, wie die Geschichte vom Weinwunder bei der Hochzeit von Kana belegt, von Anfang an eher auf eine Beherrschung des Alkoholkonsums als auf dessen Abschaffung. Vielleicht nahm das Johannesevangelium mit dieser Erzählung ja Bezug auf den griechischen Weingott Dionysos: Man erzählte sich in der Antike, dass aus Quellen in der Nähe von Dionysostempeln bei Festen wunderbarerweise statt Wasser plötzlich Wein sprudelte.

Wenn man einer russischen Legende Glauben schenkt, machte die tolerante Haltung des Christentums zum Alkoholgenuss sogar Weltgeschichte. 987 n. Chr. lud Großfürst Wladimir von Kiew Vertreter der großen Religionen zu einem Streitgespräch an seinen Hof. Die Paradiesesschilderungen der Muslime faszinierten den Großfürsten. Doch als sie ihm sagen mussten, im Diesseits sei Alkohol verboten, entschied er sich für das Christentum: „Trinken macht den Russen Freude. Ohne dieses Vergnügen können wir nicht leben.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Mark Forsyth: Eine kurze Geschichte der Trunkenheit. Der Homo alcoholicus von der Steinzeit bis heute, aus dem Englischen von Dieter Fuchs, Klett-Cotta, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-608-964073, 272 S., 20,00 EUR [D], 20,60 EUR [A]


Mehr im Internet:

Trunkenheit - Wikipedia 
Mark Forsyth: Eine kurze Geschichte der Trunkenheit. Der Homo alcoholicus von der Steinzeit bis heute,Klett-Cotta>
scienzz artikel Essen und Trinken 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet