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28.03.2019 LITERATURGESCHICHTE

Traeume von einer schoenen neuen Welt

Aus der Geschichte des utopischen Denkens

von Josef Tutsch

 
 

"Christianopolis", von Johann Valentin
Andreae, 1619 - Bild: Wikipedia

1966 lernte John Lennon in London die japanische Künstlerin Yoko Ono kennen. Beide hätten gern in New York zusammen gelebt, doch da gab es Schwierigkeiten. Yoko Ono besaß aufgrund ihrer früheren Ehe eine „Green card“ für die USA, Lennon jedoch wurde eine Aufenthaltsgenehmigung auf Dauer verweigert. So proklamierten die beiden am 1. April 1973 auf einer Pressekonferenz einen gedachten Staat, in dem es weder Pässe noch Grenzkontrollen geben würde, „Nutopia“.

An der Tür zur Wohnung des Paares im New Yorker Dakota Building wurde eine goldene Plakette angebracht, die den Ort zur „Nutopischen Botschaft“ erklärte. In sein Album „Mind Games“, das er im selben Jahr herausbrachte, nahm Lennon eine Hymne des Staates Nutopia auf: vier Sekunden Stille. „Lasst uns alle in Gedanken die weiße Fahne oder ein Taschentuch schwenken“, schrieb Yoko Ono 2017 zum 27. Jubiläum der Staatsgründung, zum Zeichen, „dass wir alle zusammen und in Frieden leben“.

Nutopia – das jüngste von 20 Projekten, die der argentinische Schriftsteller Alberto Manguel in seinem Streifzug durch fünf Jahrhunderte des utopischen Denkens vorstellt. Eigentlich, erläutert Manguel, der in den 1960er Jahren Vorleser bei seinem erblindeten Kollegen Juan Luis Borges war, geht die Tradition der Utopie noch viel weiter zurück. Im biblischen Garten Eden gab es keine Sünde und keinen Tod; nachdem Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen hatten, wurden sie daraus vertrieben.

Was die Bibel in den Anfängen der Menschheitsgeschichte ansiedelte, kannte die griechische Mythologie als Inseln der Seligen, weit entfernt, ganz am Rande der bewohnten Welt. In seiner „Göttlichen Komödie“ verband Dante beide Vorstellungen. „Hier spross die Menschheit ohne Schuld und Leid, hier jede Frucht in ew‘gem Frühlingsleben, hier schmeckst du noch des Nektars Lieblichkeit“, wird der Dichter von einer schönen Dame belehrt, als er auf seiner Jenseitswanderung den Gipfel des Läuterungsberges erreicht hat.

Im Zeitalter der Entdeckungsreisen, also seit dem späten 15. Jahrhundert, brach eine wahre Manie aus, dieses Sehnsuchtsziel auch wirklich zu erreichen. Dabei waren die Vorstellungen vom Paradies auf Erden allerdings recht handfest. Manguel nennt als Beispiel einen gewissen Alejo García, der in den 1520er Jahren Südamerika auf der Suche nach einem sagenhaften Berg ganz aus Silber durchstreifte. Dutzende anderer Konquistadoren taten es ihm nach und forschten nach dem Goldland „Eldorado“.

Manguels Buch ist jedoch nicht solchen Begehrlichkeiten gewidmet, sondern den literarischen und philosophischen Entwürfen, die in den letzten fünf Jahrhunderten zum Thema „Utopie“ entstanden. Den Namen gab der gesamten Gattung der philosophische Dialog, den der englische Schriftsteller Thomas More 1516 herausbrachte. More – oder eigentlich seine Kunstfigur Hythlodeus, die im Buch von der neuen Insel „Utopia“ berichtete – benannte sehr präzise das Übel, das in den real existierenden Staaten dem Glück der Menschen im Wege stand: „Wo es Privateigentum gibt, wo alle Menschen alle Werte am Maßstab des Geldes messen, da wird es kaum jemals möglich sein, eine gerechte und glückliche Politik zu treiben.“

Thomas Mores "Utopia", 1516
Bild: Wikipedia 


More führte in seinem utopischen Entwurf das Konzept eines idealen Staates fort, das fast 1.900 Jahre zuvor Platon entworfen hatte. Die Utopier haben „in erster Linie das Ziel vor Augen, für alle Bürger möglichst viel Zeit frei zu machen für die freie Pflege geistiger Bedürfnisse“. Nur für die „Bürger“, wohlgemerkt, Sklaven müssen die schmutzigen und mühsamen Dienstleistungen erbringen. Manguel spricht von einem „libertären Kommunismus“, vermeidet jedoch eine Diskussion, inwieweit der Leser diese Utopie eigentlich ernst nehmen soll. Schon der Name „Hythlodeus“ lässt da Zweifel aufkommen: Das griechische Wort bedeutet so viel wie „Unsinnskrämer“ oder „Possenreißer“.

Aber viele von Mores „Schülern“ in den folgenden fünf Jahrhunderten haben Mores „Kommunismus“ völlig unironisch beim Wort genommen. Zum Beispiel der italienische Dominikanermönche Tommaso Campanella in seinem „Sonnenstaat“, hundert Jahre nach der „Utopia“. Für die Organisation der Arbeit fand er eine andere Lösung als More: Jeder Einwohner, resümiert Manguel, „muss seine Liebe zum Staat unter Beweis stellen, denn die Liebe ist entscheidend in allen gesellschaftlichen Aktivitäten.“

Die Erziehung der Sonnenstaatler zielt auf eine „breite und mannigfaltige Bildung in den verschiedenen Bereichen menschlicher Neugier“. Auf den Gedanken, die „Neugier“ könnte sich auch auf Alternativen zum Leben im Sonnenstaat richten, scheint Campanella in seiner Fixierung auf das eigene Konzept nicht gekommen zu sein. „Der größte magische Akt des Menschen ist es, den Menschen Gesetze zu geben“, umschrieb der Mönch die Rolle, die er sich selbst dabei zudachte.

Gesetze, versteht sich, die auf alle Zeit unabänderlich, da vernünftig, sein sollten. Der englische Staatsmann Francis Bacon dagegen wollte in seiner „Nova Atlantis“, die 1627, wenige Jahre nach dem „Sonnenstaat“ entstand, die Möglichkeit des Fortschritts durchaus einkalkulieren. Private Seefahrt, berichtet Manguel, ist zwar verboten, Handel um materielle Güter darf es nicht geben. Aber weil damit zu rechnen ist, dass das „Licht der Erkenntnis an jeder Stelle der Erde hervorbrechen“ kann, schickt der Staat auf Bacons utopischer Insel Bensalem regelmäßig Schiffe aus, um Informationen über fremde Länder einzuholen.

Schwer zu sagen, inwieweit Campanella und Bacon tatsächlich an den „idealen“ Charakter ihrer Utopien glaubten – und womöglich auch an deren Realisierbarkeit in unserer Welt. Fragen, die sich erst recht bei den imaginären Ländern und Staaten stellen, die seit dem 16. Jahrhundert in phantastischen Romanen und fiktiven „Reiseberichten“ so gern geschildert wurden. Zum Beispiel in „Gullivers Reisen“ von Jonathan Swift, 1726. Die Houyhnhnms sind in einem Maße intelligent und zivilisiert, dass es bei ihnen keinen Streit über „wahr“ oder „falsch“ gibt. Sie haben nicht einmal Begriffe, mit denen sie das Böse bezeichnen könnte. Ein „Framing“, das beinahe beneidenswert klingt – wenn uns da nicht gleich die Gedankenpolizei aus George Orwells „1984“ in den Sinn käme. Wahrscheinlich sind die Houyhnhnms doch mehr Satire als Utopie.

Was die Frage der Realisierbarkeit angeht – vereinzelt, so Manguel, hat es bereits lange vor den sozialistischen Experimenten des 19. und 20. Jahrhunderts Versuche gegeben, in abgeschiedenen Weltgegenden menschenfreundliche Utopien Wirklichkeit werden zu lassen. Im 17. Jahrhunderten richteten die Jesuiten in Südamerika unter den Indios staatsähnliche Missionen ein, in denen die Indios nicht nur zum Christentum bekehrt, sondern auch vor Sklavenjägern geschützt werden sollten. Man wird unterstellen dürfen, dass es sehr ernsthaft gemeint war, wenn diese „Reduktionen“ unter das Gesetz „Liebe deinen Feind wie dich selbst“ gestellt wurden. Aber über einen wohlmeinenden Paternalismus kamen die Jesuitenstaaten niemals hinaus.

1824 unternahm der Sozialreformer Robert Owen in Indiana einen neuen Anlauf. Seine Kolonie „New Harmony“ sollte die Menschheit auf einen „höheren Grad an Vortrefflichkeit und Glück“ heben. Manches bei Owen klingt wie ein Zitat aus den Ausführungen jenes Hythlodeus: Die Gesellschaft solle von einem „individuellen“ und egoistischen in ein „aufgeklärtes soziales System“ verwandelt werden. Realisiert, schreibt Manguel, wurde immerhin, dass Jungen wie Mädchen in New Harmony kostenlos Unterricht erhielten und dort die erste öffentliche Bibliothek Amerikas entstand.

In den 1840er Jahren versuchte der französische Anwalt Étienne Cabet, in Nordamerika mehrere utopische Siedlungen aufzubauen. Dass er seinem Projekt den Namen „Icarie“ gab, nach jenem griechischen Helden, der bei seinen Flugversuchen der Sonne zu nahe kam und abstürzte, darf man wohl als unfreiwillige Selbstironie verbuchen. Cabet wollte über die Güterverteilung hinaus vor allem die Beziehung der Geschlechter gründlich reformieren: Da die Partnerwahl in seiner Gesellschaft frei von äußeren Zwängen sein sollte, würde es keinerlei Gründe für Scheidung oder Ehebruch mehr geben. Ob ihm der Gedanke, dass Menschen und ihre Beziehungen sich im Lauf der Jahrzehnte ändern, wirklich derart unvertraut war? Noch eingehender befasste sich 1816 der frühsozialistische Theoretiker Charles Fourier mit dem Egoismus in sexuellen und erotischen Dingen zum Thema: In seiner idealen Gesellschaft sollten die Zwänge der Monogamie abgeschafft sein. Bereits im „Sonnenstaat“ des Campanella galt nach platonischem Vorbild die „Weibergemeinschaft“.

Robert Owens Vision von "New Harmony",
1838 - Bild: Wikipedia 


Ein Jahrhundert nach Fourier machte die amerikanische Autorin Charlotte Perkins Gilman das Vorhandensein von Männern ganz prinzipiell als das große Problem der real existierenden Gesellschaften aus. Ihre friedliche Gesellschaft sollte nur aus Frauen bestehen, die sich durch Parthenogenese fortpflanzen würden. Kriminalität sollte durch eine Art Eugenik abgewöhnt werden: Mädchen mit „kriminellen Anlagen“ müssten davon abgehalten werden, Kinder zu bekommen, sie könnten ihre Anlagen also auch nicht weitergeben. Als Ergebnis dieser Züchtung würde Arbeit am Ende als Vergnügen angesehen wird: Alle Bewohnerinnen von Gilmans „Herland“ würden die ihnen übertragenen Aufgaben gern erfüllen.

Manguel hat auf kritische Fragen zu solchen Utopien verzichtet, Reflexionen bleiben dem Leser überlassen. Der Umstand, dass ihre Entwürfe überkommene Moralvorstellungen über den Haufen warfen, muss die utopischen Schriftsteller intensiv beschäftigt haben. Cabet wollte bei Erwachsenen alle Religionen tolerieren, religiöse Kindererziehung jedoch konsequent unterbinden. Owen erklärte alle Religionen für „vernunftwidrig“. Die Frage, ob seine eigene Lehre von der Verderblichkeit des Egoismus nicht doch irgendwie mit der biblischen Geschichte vom Sündenfall zusammenhing, scheint er sich gar nicht erst gestellt zu haben.

Immer und immer wieder taucht in den Utopien die Befürchtung auf, zu viel Verkehr mit der Außenwelt könnten fremde Ideen hineintragen, die den Bestand des idealen Gemeinwesens gefährden. Der Großteil der Utopien ist deshalb auf abgelegenen Inseln angesiedelt; auf diese Konvention griff der amerikanische Jurist Austin Tappan Wright zurück, als er seinem Staat „Islandia“ ein „Gesetz der Hundert“ verordnete: Nicht mehr als 100 Fremde dürfen sich gleichzeitig zu Besuch in Islandia aufhalten. Manguel: „Die Maßnahme trägt dazu bei, die Sitten und die friedliche Lebensart zu erhalten, die es für die Bewohner anderer Nationen so interessant machen.“ „Die Lebensart erhalten“: Das ist das Grundgesetz all dieser Utopien. In ihnen ist keine Entwicklung vorgesehen, damit auch kein Leben. Die Verfassung, die ihnen die Erfinder gegeben haben, soll ein für allemal gelten, jede Veränderung wäre ein Abstrich an Idealität.

Seit dem späten 18. Jahrhundert traten mehr und mehr negative Gegenbilder, sogenannte „Dystopien“, neben die positiven Utopien. Manguel hat diese Kehrseite des utopischen Denkens – Zeugnisse des Prinzips Angst, wenn man Ernst Blocks „Prinzip Hoffnung“ derart variieren darf – nicht in seine Anthologie aufgenommen. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ ist ebenso wie Orwells „1984“ längst sprichwörtlich geworden. Aber meinte Huxley seine Welt ohne Hunger und ohne Krankheit und ohne Krieg, allerdings auch ohne Gefühle und ohne kritisches Denken überhaupt negativ? Michel Houllebecq äußerte in seinen „Elementarteilchen“ den bösartigen Gedanken, dass der Roman von 1932 vielleicht doch eher ein irdisches Paradies schildern wollte.

Für Paradiese gilt, was Manguel aus Hermann Melvilles „Moby Dick“ zitiert: „Sie ist auf keiner Karte verzeichnet“; gemeint ist die Insel, die Captain Ahab sucht. „Die wahren Orte sind das nie.“ Genau das sagte Thomas More ganz am Anfang der utopischen Literatur mit dem Titel seines Buches auch: Der „beste Staat“ ist „Utopia“, ein „Nicht-Ort“. Gilt das ebenso für Höllen? Die historischen Erfahrungen der Moderne legen den Gedanken nahe, dass die „Dystopien“ irdisch realisierbar sind.


Neu auf dem Büchermarkt:
Alberto Manguel: Sehnsucht Utopie. Eine Reise durch fünf Jahrhunderte, aus dem Französischen von Amelie Thoma, Folio Verlag, Bozen – Wien 2018, 104 S. mit vielen Abb., ISBN 978-3-85256-758-7, 32,00 €


Mehr im Internet:

Utopie - Wikipedia
Alberto Manguel: Sehnsucht Utopie, Folio Verlag
scienzz artikel Politische Philosophie

 

 

 

 

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