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kultur

21.04.2019 RELIGIONSGESCHICHTE

Auf Tuchfuehlung mit dem Erloeser

Reliquien vom Leiden und Sterben Jesu

von Josef Tutsch

 
 

Dornenkrone Jeus, bis zum Brand im
April 2019 in Notre-Dame de Paris
Bild: Gavigan/Wikipedia

„Jesus, Sohn des Joseph“ steht in aramäischer Schrift auf einem der Knochengefäße in einem Grab, das 1980 bei Bauarbeiten im Süden Jerusalems zu Tage kam. Auf weiteren Gefäßen finden sich die Namen „Joseph“, „Maria“ und „Matthäus“ sowie „Judas, Sohn des Jesus“, schließlich in griechischer Schrift „Mariamenou Mara“.

2007 verkündete der Filmemacher James Cameron in einem Dokumentarfilm der Welt, hier im heutigen Jerusalemer Vorort Talpiot sei nun das „echte“ Grab von Jesu Familie entdeckt worden – echt im Unterschied zur Grabeskirche, in der seit dem 4. Jahrhundert der Ort von Jesu Kreuzigung und Grablegung vermutet wird. Der Film müsse die Grundfesten der christlichen Kirche erschüttern, meinte der Enthüllungsjournalist Simcha Jacobivici, der Regie geführt hatte. Mit den Grundfesten war der Glaube an die Auferstehung und an ein leeres Grab gemeint – schließlich war das Gefäß mit der Aufschrift „Jeschua Bar Jehosef“ nicht leer.

Wirklich das Grab von Jesu Familie? Die Namen Jesus, Joseph, Maria und Jesus waren im Palästina des 1. Jahrhunderts durchaus häufig; dass sie nicht nur in einer einzigen Familie, eben der des „Jesus von Nazareth“, zusammen vorkamen, scheint nicht ausgeschlossen. Und wie wahrscheinlich ist es, dass eine Familie, diee in Galiläa ansässig war, in Jerusalem ein Familiengrab besaß? Das Grab selbst könnte tatsächlich aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. stammen. Von den Inschriften allerdings erklärte die israelische Behörde für Altertümer 2003, sie seien „viel später“ hinzugefügt und mit künstlicher Patina überzogen worden.

Aus den Namen „Maria“ und „Judas“ leitete Jakobivici auch gleich einen ganzen Roman ab. Ein DNA-Vergleich habe ergeben, dass Jesus und „Mariamenou Mara“ nicht verwandt waren. Da man sie jedoch im selben Grab bestattet hatte, sei anzunehmen, dass sie miteinander verheiratet waren, mit Judas als ihrem gemeinsamen Sohn. „Mariamenou Mara“ wurde flugs mit der Maria Magdalena aus dem Lukas-Evangelium identifiziert. Über die Schwierigkeit, dass von einem verheirateten Jesus im Neuen Testament nicht die Rede ist, wurde hinweggesehen.

Ganz gleich, ob die Filmemacher selbst sich nun der christlichen Tradition verpflichtet fühlten oder ob sie deren Versatzstücke mit leichter Provokation bloß geschäftstüchtig nutzen wollten, im Gewand seriöser archäologischer Wissenschaft, wie sich versteht – der Film stellte sich in eine Jahrhunderte alte Tradition: das Mysterium „handgreiflich“ fassbar zu machen. Bereits Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, war auf der Suche nach solch sinnlicher und handgreiflicher „Authentizität“, als sie sich um 325 n. Chr. zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufmachte. Die Stätte der Kreuzigung suchte sie dort, wo Kaiser Hadrian etwa hundert Jahre nach Jesu Tod einen Tempel der Göttin Venus hatte errichten lassen. Der Legende zufolge fand sie drei Kreuze. Zwei mussten von den Schächern sein, die zusammen mit Jesus hingerichtet worden waren. Helena veranlasste eine Sterbende, ihre Hand auf die Kreuze zu legen. Nur eines davon zeigte die Wunderkraft, Leben zu schenken, und erwies sich damit als das Kreuz des Erlösers.

Tausende und Abertausende frommer Christen taten es in den folgenden Jahrhunderten der Kaiserin nach und pilgerten ins Heilige Land zur Grabeskirche, die Helena hatte erbauen lassen. Sie wollten präzise an dem Ort gegenwärtig sein, wo Jesus gelebt und gelitten hatte.  Teile des Kreuzes wurden nach Konstantinopel und nach Rom gebracht, wo sie sich, wie Skeptiker später spöttelten, zu ganzen Wäldern vervielfältigten: Auch Gläubige, die nicht selbst nach Palästina reisen konnten, wollten den materiellen Zeugnisse der Passion nahe sein. Jede Kirche, die etwas auf sich hielt, wollte ein Partikel des Heiligen Kreuzes vorweisen können.

Ausstellung des Heiligen Rocks in Trier, 2012
Bild: US-Air Force/Stephani Schafer/Wikipedia


Jacobivicis und Camerons Ehrgeiz, der Welt auch gleich die Knochen des Erlösers präsentieren zu können, war den frommen Christen in Helenas Nachfolge freilich fremd. In den Evangelien heißt es, die Frauen um Jesus und seine Jünger hätten ein leeres Grab vorgefunden. Da Christus der Apostelgeschichte zufolge vierzig Tage nach der Auferstehung zum Himmel aufgefahren war, konnte es leibliche Reliquien also nicht geben. Oder beinahe nicht geben. Nach jüdischem Brauch war Jesus am siebenten Tag nach der Geburt beschnitten worden. Im Mittelalter beanspruchten mehrere Orte Europas, im Besitz von Jesu Vorhaut zu sein. Noch bis 1983 wurde eines der Exemplare in Calcata in Latium bei Prozessionen mitgeführt; dann verschwand es.

Und sicherlich musste bei Jesu Kreuzigung Blut in den Boden unter dem Kreuz geflossen sein. Bis heute wird im oberschwäbischen Weingarten jedes Jahr am Freitag nach Himmelfahrt bei einer Prozession, dem sogenannten „Blutritt“, ein Stück dieser blutgetränkten Erde mitgeführt. Ansonsten musste man sich mit Reliquien begnügen, von denen man annehmen durfte, dass Jesus sie berührt hatte. Voran natürlich die Partikel vom Kreuzesholz und die Nägel der Kreuzigung; einer dieser Nägel soll in der „Eisernen Krone“ des Königsreichs Italien in Monza verarbeitet sein. In Aachen wird bis heute alle sieben Jahre unter anderem das Lendentuch ausgestellt, das Jesus bei seiner Hinrichtung trug, in Trier in unregelmäßigen Abständen der „Heilige Rock“, das „ungenähte Gewand“, um das die römischen Soldaten bei der Kreuzigung würfelten. Oder der Kelch vom letzten Abendmahl: Er befindet sich in der Kathedrale von Valencia. Oder die Lanze, mit welcher der tote Jesus durchbohrt wurde: Eines der Exemplare, die miteinander um Echtheit konkurrieren, ist in der Schatzkammer der Wiener Residenz ausgestellt.

Es gab und gibt nicht nur Sachzeugnisse der Passionsgeschichte, auch solche aus der Kindheit Jesu. In der Kirche S. Maria Maggiore in Rom werden Teile der Krippe aus Bethlehem aufbewahrt, in Aachen gehören die Windeln, die der Legende zufolge aus Josephs Beinkleidern angefertigt wurden, zu den Heiligtümern. In Loreto in den italienischen Marken ist das Haus der Heiligen Familie zu sehen, das Engel auf wunderbare Weise hinübertrugen. In Rom steht neben dem Lateranpalast eine „Heilige Stiege“; es soll sich um die Treppe handeln, auf der Jesus stand, als er von Pontius Pilatus zum Tod am Kreuz verurteilt wurde. Ende des 12. Jahrhunderts ließ der Erzbischof von Pisa ganze Schiffsladungen von Erde aus Palästina auf seinen Campo Santo bringen: Die Pisaner konnten sich in Erde begraben lassen, auf der – vielleicht – einst Jesus gewandelt war.

Usw. usf., es könnte durchaus sein, dass bereits im Mittelalter das eine oder andere Stück als ein bisschen genierlich empfunden wurde. Der ganze Stolz von Kloster Gräfrath bei Köln war der Kot der Eselin, die Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem getragen hatte. Natürlich hatte der Besitz von Reliquien auch eine handfest politische und ökonomische Bedeutung, schon wegen der Wallfahrten, die sich daran knüpften. Als der Trierer Erzbischof 1196 Jesu Rock in seine Stadt brachte, ging es ihm vor allem darum, das Kloster von Prüm in der Eifel zu übertrumpfen. Dort wurden die Sandalen Jesu gezeigt.

Die große Zeit dieser Jesus-Reliquien war mit den Kreuzzügen seit Ende des 11. Jahrhunderts angebrochen. Der zunehmende Handelsverkehr zwischen Palästina und dem westlichen Europa bewirkte, dass „authentische“ Überbleibsel aus Leben und Umwelt Jesu Christi zu einem blühenden Wirtschaftszweig wurden. Sie boten das Mittel, dem Erlöser nahezukommen und sich der Heilsgeschichte sinnlich zu vergewissern. Die religiöse Rechtfertigung gab eine Stelle im Johannes-Evangelium. „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“, sagt der Apostel Thomas. Damit er das Mysterium glauben kann, will er es zunächst sehen und ertasten.

Man darf vermuten, dass diese Erzählung als Antwort auf Zweifel entstand, die aus der jüdischen oder hellenistisch-römischen Umwelt an der Auferstehung Christi vorgebracht wurden. Der platonische Philosoph Kelsos, der im 2. Jahrhundert n. Chr. meinte, die Zeugen der Auferstehung wären ganz einfach einer Halluzination aufgesessen, wird nicht der erste gewesen sein. Den Erlöser nach Art des ungläubigen Thomas anzufassen, war den Gläubigen späterer Generationen nicht möglich. Aber die Reliquien aus dem Leben Jesu konnten sie durch das Glas der Reliquiare hindurch sehen – oder doch wenigstens erahnen.

Dass den Augen mehr erlaubt sei als dem Tastsinn, das ging aus einer anderen Stelle im Johannes-Evangelium hervor. „Ich habe den Herrn gesehen“, verkündet Maria Magdalena den Jüngern, nachdem sie am Grab war. Dort allerdings hat Jesus zu ihr gesagt: „Halte mich nicht fest“, in anderer Übersetzung „Berühre mich nicht!“ Nach der Bekehrung des ungläubigen Thomas spricht Jesus dann eine Sentenz, die klar stellt, dass der Glaube selbst noch viel höher steht als die Wahrnehmung mit den Augen: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“

Verehrung des Turiner Grabtuchs,
2006
Bild Paul Munhoven/Wikipedia

So sahen es jedenfalls die Theologen. Aber wegen der Schwachheit des menschlichen Geistes war den Gläubigen eben auch der sinnliche Zugang erlaubt. Enorme Summen wurden aufgewandt, um in Reliquien Sachzeugnisse der Heilgeschichte präsent zu haben. 1237 zahlte König Ludwig IX. von Frankreich, „der Heilige“, seinen halben Staatsschatz, um in Byzanz die Dornenkrone Christi zu erwerben. Als Reliquienschrein ließ er die Sainte-Chapelle in Paris errichten. Bis zum großen Brand im April 2019 wurde die Dornenkrone in der Kathedrale Notre-Dame aufbewahrt – oder vielmehr das, was von ihr noch übrig ist: Einen Dorn nach dem anderen verschenkten Ludwigs Nachfolger an ihre Kollegen. Jesus-Reliquien konnten als Kapital in der internationalen Politik genutzt werden.

Nichts kennzeichnet deutlicher den Kulturbruch, den Reformation und Aufklärung mit sich brachten, als das Unverständnis, mit dem wir heute auf diese Aktion Ludwigs des Heiligen blicken. Einen ersten heftigen Schlag versetzte dem Reliquienkult die Reformation. Für Martin Luther fielen Reliquien unter das Verdikt des Götzendienstes. Seit der Aufklärung verschärfte sich dieser „Kulturkampf“. Anlässlich einer großen Wallfahrt zum Heiligen Rock 1844 verfasste Rudolf Löwenstein sein Spottgedicht von der „Freifrau von Droste-Vischering, Vi-Va-Vischering“, die nach Trier ging, Tri-Tra-Trie-er ging – und dann, nachdem sie von ihrer Lähmung geheilt war, zum Kuhschwof, „Ki-Ka-Kuhschwof“.

1887 machte der portugiesische Schriftsteller Eça de Queiroz das Reliquienwesen zum Gegenstand einer bösen Satire: Eine reiche Erbtante schickt ihren Neffen auf Pilgerreise ins Heilige Land, damit er ihr eine Jesus-Reliquie besorge. Er kommt – die Erwerbung König Ludwigs hat der Autor souverän ignoriert – mit der Dornenkrone zurück, verwechselt aber leider die Pakete. Als die Tante das ihrige öffnet, findet sie das „duftschwangere“ Negligée seiner Geliebten in Alexandria. Der Neffe wird enterbt. Zum Glück hat er vorgesorgt: Durch einen Handel mit gefälschten Reliquien kann er sich über Wasser halten.

Blickt man auf das Ganze der Religionsgeschichte, ist die Reliquienverehrung, über die manche aufgeklärte Geister heute gern lächeln, eher der Normalfall, die Skepsis die Ausnahme. Altägyptische Städte rühmten sich, Reliquien des Totengottes Osiris zu besitzen, auf Ceylon wird der linke Eckzahn Buddhas verehrt, im Jerusalemer Felsendom sollen zwei Haare vom Haupt des Propheten Mohammed aufbewahrt sein. Ein Seitenblick auf die modernen „Ersatzreligionen“ liegt nahe: die Mumien von Lenin und Stalin in Moskau sowie von Mao in Peking.

Fälschungen gehören dazu, wie immer, wenn etwas besonders hoch geschätzt wird, das ist bei Reliquien nicht anders als bei Kunstwerken oder bei Banknoten und Geldmünzen. Aber wer weiß, vielleicht wollte der unbekannte Beschrifter der Knochengefäße in Talpiot, falls die Namen wirklich gefälscht sein sollten, sich ja auch bloß einen etwas  makabren Scherz erlauben. Und nicht alles, was „falsch“ oder „nicht authentisch“ ist, muss als Fälschung entstanden sein. Das berühmte „Turiner Grabtuch“ stammt wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert. Mit der Passion Christi kann es also nichts zu tun haben. Eine der Theorien besagt, dass es bei einer blutigen Imitation von Jesu Kreuzigung benutzt wurde, wie sie damals in Exzessen der Frömmigkeit vorkamen und heute noch jedes Jahr zur Karwoche von den Philippinen berichtet werden. Das würde erklären, wie der „realistische“ Abdruck der Wundmale  zustande gekommen sein könnte.


Mehr im Internet:

Jesus-Reliquien - Wikipedia 
scienzz artikel Leben und Legende des Jesus von Nazareth
scienzz artikel Rund um den Karfreitag 

 

 

 

 

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