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03.04.2019 - KULTURGESCHICHTE

"Bartstoppeln, Palaestinensertuch, AKW-Nein-Sonne"

Bekenntnisse in Religion, Rechtswesen und Politik

von Josef Tutsch

 
 

"Gorleben-Stein" in Hannover,
Weißekreuzplatz
Bild: Axel Hindemith/Wikipedia

Es war zwei Wochen nach den Störfällen im japanischen Kernkraftwerk Fukushima im März 2011. Das Jugendmagazin „Bravo“ legte seiner aktuellen Ausgabe eine „Lachende Sonne“ als Poster bei: „Atomkraft? Nein danke“. „Unsere Leser sind die Generation, die mit den Folgen unserer heutigen politischen Entscheidung pro oder contra Atomkraft leben müssen“, erklärte der Chefredakteur. „Mit dem Poster sprechen wir unseren Lesern aus dem Herzen.“

Die Art, wie „Bravo“ die Herzen seiner Leser in Anspruch nahm, lässt vermuten, dass der Posterbeilage schwierige Diskussionen vorangingen. Zum ersten Mal wurde die politische Zurückhaltung aufgegeben, die das Magazin in 55 Jahren wohlweislich geübt hatte, um seine Leserschaft in keiner Weise zu verschrecken. Offenbar war die Redaktion zu dem Schluss gekommen, schreibt der Soziologe Simon Teune von der Technischen Universität Berlin, nach Fukushima sei das Bekenntnis gegen Kernkraftwerke endgültig im „Mainstream“ angekommen. Die Aktion sei also ökonomisch unschädlich, vielleicht sogar vorteilhaft.

Die „Lachende Sonne“ ist bis heute das bekannteste Erkenntniszeichen der Protestbewegung geblieben, die seit den 1960er Jahren die westlichen Gesellschaften geprägt hat. Erkenntniszeichen zugleich im Sinne von „Bekenntnis“: erstens zu einer politischen Position und zweitens zu einer Gemeinschaft, sei es auch bloß die einer Generation. Letztes Jahr befasste sich im Hamburger Warburg-Haus eine wissenschaftliche Tagung mit der Kulturgeschichte solcher  Bekenntnisse. Das Spektrum der Themen reicht von den christlichen Glaubensformeln der Spätantike über die Geständnisse im Strafprozess bis zu den politischen Kontroversen der letzten Jahrzehnte. Die Beiträge sind jetzt als Sammelband erschienen.

Die Formen dieser Bekenntnisse sind nicht weniger vielfältig als die Inhalte, sie reichen vom sprachlich formulierten Text über zeremonielle Handlungen bis zu Buttons oder Aufklebern. Gleich die Einleitung des Bandes weist darauf hin, dass Bekenntnisse sehr stark davon abhängen, was jeweils in einer Kultur als öffentlich, was als privat gilt. Dass von Politikern Stellungnahmen zu politischen Kontroversen wie etwa zur Nutzung von Kernkraft erwartet werden, versteht sich von selbst. Doch als Bundeskanzler Gerhard Schröder bei seinem Amtseid 1998 und dann wieder 2002 auf den Zusatz „So wahr mir Gott helfe“ verzichtete, löste das öffentliche Diskussionen aus. Schröder lehnte es ab, sich gegenüber der Öffentlichkeit religiös zu „bekennen“.

Im Bundestagswahlkampf 2017 fragte die Fernseh-Moderatorin Sandra Maischberger im Bundestagswahlkamp 2017 die beiden Kanzlerkandidaten Merkel und Schulz, ob sie an diesem Tag eine Kirche besucht hätten. Diese Neugier wurde von Teilen des Publikums als ein bisschen peinlich empfunden. Dabei treten Politiker jeder Couleur auf Kirchentagen und bei Reformationsjubiläen doch sehr gern auf. Und manche Fußballspieler tragen ihr religiöses Bekenntnis sehr offensiv zur Schau, obwohl sich doch bezweifeln lässt, inwieweit das mit Fußball zu tun hat.

Oder wenn man auf eine andere Art von Bekenntnissen blickt, bei Nicht-Prominenten: In den 1990er Jahren war das Fernsehformat der „Daily Talks“ groß in Mode. Menschen wie du und ich fanden nichts dabei, einem Millionenpublikum intime Dinge aus ihrem Privatleben zu offenbaren, etwa sexuelle Neigungen oder Suchtprobleme. Man könnte Zweifel anmelden, ob solche Selbstentblößungen etwas mit politischen Kundgebungen nach Art der Anti-Atomkraft-Sonne zu tun haben. Aber im einen wie im anderen Fall und ebenso bei religiösen Bekenntnissen geht es darum, der Öffentlichkeit etwas von der eigenen Persönlichkeit kundzutun – je nachdem, welche Reaktionen zu erwarten sind, auch im Sinne von Martin Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders“.

Baptisterium der Orthodoxen in Ravenna
Bild: Testus/Wikipedia 


„Das Christentum ist seinem Wesen nach eine bekennende Religion“, zitiert der Wuppertaler Theologe Christian V. Witt seinen Kollegen Hans von Campenhausen. Die frühen Christen offenbarten mit ihrem Bekenntnis zu Jesus als „dem Christus“, dem Heiland, ihre Differenz gegenüber der jüdischen oder hellenistisch-römischen Umwelt, unter Umständen auch ihre Bereitschaft zum Martyrium. Witt zeichnet den Prozess nach, der von dort zu den komplex ausformulierten Glaubensbekenntnissen des 4. Jahrhunderts führte. Ihre Aufgabe richtete sich auch nach innen, in die christliche Gemeinschaft selbst: Sie sollten den „rechten“ Glauben gegenüber dem abgrenzen, was als „Ketzerei“ zu gelten hatte.

Praktisch wichtig werden Bekenntnisse in religiös oder weltanschaulich pluralistischen Gesellschaften vor allem dann, wenn ein Individuum von einer zu einer anderen Gemeinschaft konvertieren will. Die Hamburger Kulturwissenschaftlerin Christine Bischoff warnt davor, solche Konversionen einseitig religiös oder gar theologisch zu interpretieren. Hinter den Bekenntnisformeln stehe vielmehr die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, in der man sich heimisch fühlt – oder auch nicht mehr heimisch. Die alten Taufformeln, in denen es heißt „Widersagst du dem Satan?“, machen diesen Prozess der Abgrenzung deutlich.

In spätantiken Bauten wie dem „Baptisterium der Orthodoxen“ in Ravenna, erläutert der Hamburger Kunsthistoriker Carsten Juwig, lässt sich noch nachvollziehen, wie im 4. oder 5. Jahrhundert eine Taufzeremonie ablief. Mit dem Blick nach Westen sagte der Täufling dem Teufel und der sündigen Welt ab, dann wandte er sich nach Osten und legte sein Bekenntnis des Glaubens zu Christus ab. Die Nacktheit beim Taufakt versinnbildlichte das Ausziehen des „alten Menschen“ und die Rückkehr zur Sündenfreiheit im Paradies. Der Anblick des leuchtenden Deckenmosaiks trug ebenso wie das Wasser und das duftende Öl dazu bei, dass der Täufling seine wunderbare Verwandlung zu einem neuen Menschen mit allen Sinnen erleben konnte.

Heute werden solche Konversionen eher nüchtern ablaufen. Bischoff hat in einer Reihe von Interviews den „Bekehrungs“-prozess analysiert, der dem vorangeht. So berichtete ein junger Mann von einer Silvesterfeier: „Kurz vor Mitternacht haben alle anderen von zehn ab heruntergezählt und wollten anstoßen. Es war laut, und es wurde viel getrunken. Und ich habe gemerkt: ‚Nein, das will ich alles nicht, mir bedeutet das alles nichts.‘“ Wenig später legte „Heiko“, der sich heute „Jafar“ nennt, das islamische Glaubensbekenntnis ab – in seinem Fall offenbar nicht als radikaler Islamist, sondern als selbstbewusster „Exot“, der auch kritische Fragen stellen darf: „Die Leute sind es gewohnt, dass ich frech und streng bin, und sie sagen dann: ‚Das ist halt der Deutsche.‘“

Eine Parallele zu dem Erlebnis des späteren Kirchenvaters Augustinus am 15. August 386, wo ihm in einer existentiellen Krise die Paulusbriefe in die Hand fielen und fortan sein Leben bestimmten. Aus Augustinus eigener Schilderung entwickelte sich in den folgenden anderthalb Jahrtausende eine ganze Literaturgattung von „Bekenntnissen“, bis hin zu Thomas Manns „Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull“. Der Sammelband hat diesen Aspekt des Themas ausgeklammert. Breiten Raum nehmen dagegen die Bekenntnisse und Geständnisse aus dem juristischen Bereich ein. Die Innsbrucker Ethnologin Silke Meyer  hat Insolvenzgeschichten unter die Lupe genommen. Die Ähnlichkeit mit der Beichte ist frappant, das fällt auch dem einen oder anderen Schuldner auf, wie Meyer berichtet: Es sei „ein bisschen wie in der Kirche“, auf das Bekennen der Sünden und das Büßen folgt die Vergebung, „und dann spielt man das Spiel eben mit, wenn es seinen Zweck erfüllt“. 

In der „Constitutio Criminalis“ von 1532, berichtet der Bielefelder Historiker Peter Schuster, wurde das Geständnis durchweg „Bekenntnis“ genannt. Der Berliner Psychologe Lennart May, der in Strafprozessen als Gutachter tätig ist, wirft die Frage auf, wie viele der Geständnisse, die vor der Polizei oder vor Gericht abgelegt werden, vielleicht falsch sind -  und wie viele davon womöglich sogar zu einer Verurteilung führen. May hat festgestellt, dass es im Laufe der polizeilichen Ermittlungen oft zu einem fatalen Wendepunkt kommt: Wenn erst einmal jemand mit plausiblen Gründen als Beschuldigter deklariert ist, werden konkurrierende Hypothesen leicht unter den Tisch gekehrt. Und dann richten sich die Verhöre oft weniger darauf, den Sachverhalt zu klären als ein Geständnis hervorzulocken.

Im Kriminalprozess spielt die Frage, ob der Schuldige seine Schuld bekennt, bei der Strafzumessung auch heute noch eine wichtige Rolle. Wie man sich die Seelsorge an Verurteilten im 16. Jahrhundert vorzustellen hat, zeigt der Freiburger Kunsthistoriker Andreas Plackinger an der Hinrichtung eines gewissen Antonio Rinaldeschini 1501 in Florenz. Rinaldeschini hatte ein Heiligenbild mit Pferdemist verunreinigt. Ein Gemälde im Florentiner Museo Stibbert zeigt, dass ihm bei der Exekution eine kleine Bildtafel vorgehalten wurde: Die Darstellung Christi am Kreuz sollte ihn zur Reue bringen – und auch zum Einverständnis mit seinem eigenen Todesurteil.

Aus der "Geschichte des Antonio Giuseppe
Rinaldeschi" von Filippo Dolciati, um 1502
(Museo Stibbert, Florenz) 
Bild: Comune di Firenze/Wikipedia 


Ein Element von Reue und Umkehr ist auch in den modernen Protestbewegungen enthalten: Einer breiten Öffentlichkeit ist bewusst geworden, dass die Industrialisierung nicht nur Wohlstand gebracht hat, sondern auch Umweltzerstörung. 1975, berichtet Simon Teune, entwarf die dänische Studentin Anne Lund das Zeichen für einen Hauptstrang des ökologischen Protests, die Anti-Kernkraft-Bewegung. Für die „Freie Republik Wendland“, die 1980 bei Gorleben ausgerufen wurde, war die „Lachende Sonne“ eine Art Wappen. Ein „Bild“-Reporter, der von dort „undercover“ berichten sollte, legte sie sich als selbstverständlichen Teil seiner Tarnkleidung zu: „Bartstoppeln, Palästinensertuch, AKW-Nein-Sonne, eine Lederjacke und sorgfältig verschmuddelte Jeans sollten den sonst korrekt gekleideten Fotojournalisten in einen typischen unauffälligen Atomkraftgegner verwandeln.“

Das Zeichen allein genügte jedoch nicht, der Journalist flog auf. Zeichen sind eben „bloß“ Zeichen, sie können täuschen und als Täuschung entlarvt werden. Umgekehrt gibt es auch Beispiele dafür, dass Bekenntnisbewegungen ohne optisch einprägsame Zeichen auskommen, und dennoch die Gesellschaft verändern. 1971 bekannten in der Zeitschrift „Stern“ 374 prominente und weniger prominente Frauen „Wir haben abgetrieben“. Die Aktion brachte langfristig das Ende des alten Paragrafen 218 im Strafgesetzbuch.

Was geschieht eigentlich mit Zeichen, die zunächst eine Differenz gegenüber der herrschenden Mehrheit markiert haben, wenn die Position, für die sie stehen, plötzlich zum Mainstream geworden ist? Teune hat darauf verzichtet, diese Frage allgemein zu stellen, über den Spezialfall der „Lachenden Sonne“ hinaus. Gerade an dieser Stelle könnte man durchaus den Bogen von den politischen Bekenntnissen zurück zu den religiösen schlagen: Im 4. Jahrhundert wurde das Christentum binnen dreier Generationen von einer verfolgten Minderheit zur herrschenden Religion – und das Kreuz vom Zeichen einer schändlichen Hinrichtung zum Symbol des christlichen Staates.

In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, verstärkt Bekenntnisse gefordert werden, etwa zu den politischen Kontroversen, die sich anlässlich der Migrationsbewegung herausgebildet haben. So kritisierte der Frontmann der „Toten Hosen“, Campino, die Schlagersängerin Helene Fischer wegen ihrer „unpolitischen“ Haltung. Fischer, war wohl der Gedanke, wäre als öffentliche Person verpflichtet, gegen den „Rechtspopulismus“ „Haltung“ zu beziehen.

Ebenso finden sich bei Politikern Intentionen, wenn schon nicht die Bürger, dann doch die staatlichen Einrichtungen zu verpflichten, am einprägsamsten durch optische Zeichen. Letztes Jahr ordnete der bayerische Ministerpräsident Markus Söder an, in allen Dienstgebäuden des Freistaates sei ein Kreuz anzubringen – nicht etwa als Demonstration einer persönlichen Glaubensentscheidung, das wäre mit der grundgesetzlich verbrieften Religionsfreiheit ja auch unvereinbar, sondern als Ausdruck, so wörtlich, „unserer bayerischen Identität und Lebensart“. Der Sammelband hat jedoch darauf verzichtet, das Thema „Bekenntnisse“ in die Gegenwart fortzuführen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Bekenntnisse. Formeln und Formen, herausgegeben von Christine Bischoff, Carsten Juwig und Lena Sommer, Reimer Verlag, Berlin 2019, 246 S. m. 8 farb. u. 36 sw. Abb., ISBN 978-3-496-01615-1, 29,90 € [D]


Mehr im Internet:

Bekenntnis - Wikipedia
Bekenntnisse. Formeln und Formen, herausgegeben von Christine Bischoff, Carsten Juwig und Lena Sommer, Reimer Verlag
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