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kultur

27.04.2019 - ENGLISCHE LITERATUR

"Soll" und "Haben" auf einer unbewohnten Insel

Vor 300 Jahren erschien Daniel Defoes "Robinson Crusoe"

von Josef Tutsch

 
 

Daniel Defoe (National Maritime
Museum, London) - Bild: Wikipedia

„Bemerkenswert war auch, dass ich zwar nur drei Untertanen hatte, dass diese aber drei verschiedenen Glaubensbekenntnissen angehörten.  Freitag war Protestant wie ich, sein Vater Heide und Kannibale und der Spanier Katholik. Immerhin herrschte in meinem Hoheitsgebiet vollkommene Glaubensfreiheit.“

Die Herrschaft, die Robinson Crusoe nach 28 Jahren der Einsamkeit auf „seiner“ Insel errichten kann, hat Züge einer Utopie. Als Daniel Defoe am 25. April 1719, vor 300 Jahren, seinen Erfolgsroman veröffentlichte, waren die Zeiten der Inquisition zwar vorbei. Aber unerwünschte religiöse Lehren wurden weiter drangsaliert, davon wusste Defoe ein Lied zu singen. Nach dem Willen seines Vaters hätte der Spross einer puritanischen Familie Geistlicher werden sollen. Doch er schlug die Laufbahn eines Kaufmanns ein.

Nach der „Glorreichen Revolution“, unter Wilhelm III, betätigte er sich als Journalist im Dienste der Regierung und legte sich, im Einverständnis mit dem königlichen Hof, gelegentlich auch mit der anglikanischen Kirche an. Als 1703 bekannt wurde, dass das Pamphlet „Der kürzeste Weg, mit Dissenters zu verfahren“ aus seiner Feder stammte, brachte ihn das ins Gefängnis. Darin hatte Defoe satirisch vorgeschlagen, die Abweichler doch gleich totzuschlagen. König Wilhelm, der ihn hätte schützen können, war kurz zuvor verstorben, seine Nachfolgerin Anne stützte sich wieder auf die Staatskirche.

Doch Defoe hatte Glück. Der Speaker des Unterhauses, Robert Harley, kam zu dem Schluss, es sei zweckmäßig, den scharfen Verstand und die gewandte Feder dieses Autors zu nutzen. In den folgenden Jahren arbeitete Defoe im Dienste Harleys wieder als Journalist. Passender als „Journalist“ wäre vielleicht „Propagandist“ zu sagen. „Er war Harley, der ihn aus dem Gefängnis befreit hatte, ausgeliefert“, hat der Anglist Johannes Kleinstück festgestellt, „und Harley trug keine Bedenken, diese Zwangslage auszunutzen.“

Wie schwer oder wie leicht sich Defoe mit dieser Situation tat, ist kaum zu sagen. Er hatte, so Kleinstück, „wie es scheint, ein recht elastisches Gewissen“. Aber vielleicht trugen diese Umstände ja doch dazu bei, dass er sich im Alter von fast 60 Jahren der Belletristik zuwandte. Als sein künstlerisch bedeutendster Roman gilt heute die „Glück und Unglück der berüchtigten Moll Flanders“, 1722. Das Buch gab sich als Lebensbeichte einer reuigen Sünderin. Mit vorgetäuschtem Realismus gewährte Defoe seinen Lesern intimen Einblick in die Londoner Unterwelt und in das korrumpierte Gerichtswesen der Zeit.

Als Tatsachenbericht tarnte sich das Buch „Die Pest in London“, das im selben Jahr herauskam. Ein pseudo-journalistischer Bericht aus dem Jahr 1665, damals war Defoe gerade mal fünf Jahre alt, so perfekt inszeniert, dass die Nachwelt ihn gern als historisch authentisches Dokument gelesen hat. In die Weltliteratur ging jedoch sein allererster Roman ein, „Das Leben und die seltsamen überraschenden Abenteuer des Robinson Crusoe aus York, Seemann, der 28 Jahre allein auf einer unbewohnten Insel an der Küste von Amerika lebte“.

Es wurde eines der meistgelesenen Bücher aller Zeiten. Meistgelesen jedenfalls dann, wenn man die zahllosen Bearbeitungen mit zählt, bis hin zum Kinder- und Jugendbuch. Und es wurde eines der am meisten imitierten Bücher, bis hin zu den „Robinsonaden“ in Film und Fernsehen heute und zu den Inselwitzen in den Illustrierten. Robinson gehört wie Odysseus und Don Quijote, Hamlet und Faust zu den literarischen Figuren, die sich aus dem Werk ihrer Dichter gelöst haben und ein eigenes, mythisches Leben führen. „Robinson“ und „Robinsonade“ sind längst Wörter unseres alltäglichen Sprachgebrauchs, als Sinnbilder des Eskapismus, der Flucht aus dem grauen Alltag auf eine traumhafte Insel.

Robinson Crusoe, Illustration von
Walter Paget, 1894 - Wikipedia 


Allerdings: „Der Robinson unserer Träume ist ein anderer als der des Daniel Defoe“, schrieb der Literaturkritiker Ulrich Greiner in einem Essay für die „ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher“. Defoes Robinson ist, in Greiners Worten, „der Bürger als Selfmademan“. Auf seine einsame Insel geworfen, muss er die technische Entwicklung, die das moderne Europa möglich gemacht hat, im Alleingang nachvollziehen. Mit den Werkzeugen, die er aus dem Schiffswrack retten kann, eignet sich Robinson viele jener Beruf an, die in der arbeitsteiligen Gesellschaft von anderen geleistet werden, vom Ackerbauern über den Schneider bis zum Zimmermann.

Seine Produktivität in Austausch umzusetzen, bleibt ihm in der Einsamkeit freilich verwehrt. Doch als sich endlich die Gelegenheit bietet, steigt er sofort wieder in den Welthandel ein. Auch dafür hat er vorgesorgt. Zu den Gütern, die er 28 Jahre zuvor vom Schiff geborgen hat, gehört eine Sache, die in der Einsamkeit völlig nutzlos  ist: Gold. „‘Armseliger Kram‘, rief ich aus, ‚wozu taugst du nun? Nicht einmal des Aufhebens bist du wert!‘“ Robinson steckt den „Kram“ ein, er  muss 28 lange Jahre darauf warten, dass Gold wieder Wert gewinnt.

Robinson wird auf der Insel zum fähigen Bauern und Handwerker, er lernt die Natur zu beherrschen. Doch eigentlich wäre er viel lieber Kaufmann. Defoe selbst hatte sich in jungen Jahren als Kaufmann betätigt, dabei allerdings Konkurs gemacht; er wusste um die Risiken des Geschäftslebens. In einem zweiten Leben versuchte er, seine Verluste mit einem noch viel riskanteren politischen Engagement wettzumachen – und erlitt wiederum Schiffbruch. Seinen Robinson ließ er auf der einsamen Insel über die fromme Ergebung in Gottes unerforschlichen Wille räsonieren.

Von Resignation allerdings ist Robinson – und man darf vermuten: mit ihm der Schriftsteller Defoe – weit entfernt. „Er hilft sich selbst, und so hilft ihm Gott“, hat Greiner die Moral des Romans auf den Punkt gebracht – kein Wunder, dass Eltern in den letzten dreihundert Jahren das Buch ihren Kindern so gern in die Hand drückten. Zwei Jahrhunderte nach dem Roman hat der Soziologe Max Weber diese eigentümliche Selfmade-Mentalität als „Geist des Kapitalismus“ beschrieben und ihre Ursprünge in der puritanischen Ethik analysiert.

Defoe legte viel Wert auf die Feststellung, sein Roman sei mitnichten eine Fiktion, vielmehr ein Tatsachenbericht. Dahinter stand ein uraltes Misstrauen gegenüber der schönen Literatur, sowohl gegenüber ihrem Wahrheitsanspruch als auch gegenüber ihrem moralischen unddidaktischen Nutzen. Aus diesen kunstfeindlichen Traditionen des Puritanismus konnte sich Defoe, wie der Literaturwissenschaftler Rudolf Stamm gezeigt hat, niemals lösen. Ein Jahr nach dem Erscheinen des „Robinson Crusoe“ ließ er ein langes reflektierendes Nachwort folgen. Was für ein Verbrechen sei es doch, eine erfundene Geschichte als wahr zu erzählen, nur um den Mitmenschen mit einem erstaunlichen Bericht imponieren zu können, hieß es darin.

Dabei wusste Defoe doch genau, wie gründlich er seine Vorlage, den Bericht eines schottischen Matrosen namens Alexander Selkirk, verändert hatte. Selkirk war 1704 auf einer Insel ausgesetzt worden und hatte vier Jahre dort verbringen müssen, ganz mit sich allein. Nachher war er kaum noch in der Lage zu sprechen. Robinson dagegen verliert keine seiner intellektuellen Fähigkeiten, am wenigsten die, Vorteile und Nachteile einer Situation quasi kaufmännisch gegeneinander aufzurechnen, wie „Soll“ und „Haben“: „Ich bin auf eine furchtbare, einsame Insel verschlagen, ohne jede Hoffnung auf Befreiung.“ „Aber Gott sandte wunderbarerweise das Schiff nahe genug an die Küste, dass ich so viele notwendige Dinge daraus holen konnte, die zur Befriedigung meiner Bedürfnisse dienen oder mich in die Lage versetzen, mich, solange ich lebe, selbst zu versorgen.“

Die buchhalterische Einstellung, hat der Anglist Ian Watt es formuliert, liegt Crusoe „im Blut“. Solche Reflexionen gehörten zu den Techniken der Gewissenserforschung. Womöglich machte auch Defoe selbst sich ein Gewissen daraus, wenn er in seinen Romane die Phantasie schalten und walten ließ. War es nicht eine Vergeudung von kostbarer Lebenszeit, erfundene Geschichten zu schreiben und zu lesen? Andererseits – vielleicht lag darin ja der beste Weg, den Menschen eine Moral eindringlich nahezubringen.

Die Moral, sich, soweit es dem Menschen überhaupt möglich sein konnte, in Reflexion und Handeln der eigenen Stellung im göttlichen Plan von Erlösung und Verdammnis zu vergewissern. Es gehörte mit zu dieser puritanischen Religiosität, dass die dogmatischen Streitigkeiten demgegenüber zurücktraten. Ungeschmälert blieb jedoch das religiöse Empfinden, die Unterordnung unter den göttlichen Willen – und natürlich der Wunsch, zu den Auserwählten zu gehören: „Ich kniete in größter Demut zu Boden, und indem ich Gott meine Sünden bekannte, unterwarf ich mich seiner gerechten Strafe und bat ihn, mir gnädig zu sein um Jesu Christi willen.“

Robinson und Freitag, Illustra-
tion von Carl Offterdinger, um
1880 - Bild: Wikipedia 


Das Buch brachte Defoe das bescheidene Honorar von 50 Pfund ein, seinen Verleger dagegen machte es zum reichen Mann. Die „Robinsonaden“ der folgenden drei Jahrhunderte füllen inzwischen ganze Bibliotheken. Eine der ersten war Johann Gottfried Schnabels „Insel Felsenburg“, die von 1731 an erschien. Wie so viele spätere kehrte sie bereits Defoes Vorbild in einem entscheidenden Punkt um: Während Robinson seine Rückkehr in die Zivilisation kaum erwarten kann, suchen Schnabels Insulaner ihr Heil gerade in der Flucht in eine Gegenwelt.

Eine Generation später gab der Rousseauismus dieser Fluchtbewegung ihr theoretisches Fundament. Als der französische Seefahrer Louis Antoine de Bougainville 1768 auf Tahiti landete, schien das irdische Paradies entdeckt: eine Gesellschaft frei von den Zwängen der abendländischen Zivilisation. In der Gegenwart haben sich vor allem manche Fernsehprogramme darauf kapriziert, uns solche Paradiese vor Augen zu führen, mit viel nackter Haut und selbstverständlich unter dem Titel „Robinsonade“. Mit Defoe hat das allerdings nichts zu tun. Sein „Robinson Crusoe“ wollte gerade im Gegenteil die Segnungen von Fortschritt und Zivilisation preisen.

In den letzten Jahren haben viele Literaturwissenschaftler sich der ideologiekritischen „Entlarvung“ jener Voraussetzungen gewidmet, die für den Romanhelden wie für seinen Verfasser dahinter standen. Der „Robinson Crusoe“ – das Hohelied des Welthandels, von dem Robinson so lange ausgeschlossen bleibt, des Kolonialismus und nicht zuletzt – ungeachtet des betonten Desinteresses für die überlieferten christlichen Dogmen – auch der Mission? Robinson bekehrt Freitag nicht nur zum Christentum, er führt ihn vor allem an die europäische Lebensweise heran. In einem Film des Regisseurs Jack Gold von 1975 wurde süffisant gefragt, was eine solche Missionierung eigentlich für das Thema Sexualität bedeuten müsste. Als Freitag von der ganz andersartigen Sexualmoral in seinem Stamm berichtet, ist Robinson derart entsetzt, dass er glaubt, Freitag mit einer Scheinhinrichtung auf den „rechten“ Weg bringen zu müssen.

Ob sich der Kaufmann Defoe ein Gewissen daraus machte, dass er sein Geld unter anderem in Überseegeschäften, Sklavenhandel eingeschlossen, investierte? Zu Anfang des Romans wird erzählt, wie Crusoe, der sich als Abendländer doch eher zum Sklavenhalter denn zum Sklaven bestimmt sieht, in Marokko in die Sklaverei gerät. Zusammen mit zwei schwarzen Mitgefangenen gelingt ihm die Flucht. Den einen wirft er gleich nach dem Ablegen vom Hafen über Bord, weil er für die weitere Flucht eine Belastung gewesen wäre, und ruft ihm zu, er möge doch zurückschwimmen. Den anderen verkauft er an den portugiesischen Kapitän, der die beiden auf hoher See aufliest.

Allerdings nicht ohne sich zusichern zu lassen, nach zehn Jahren würde sein „Kamerad“, zum Christenmenschen bekehrt, freigelassen. Auch Freitags Rolle bleibt in einem seltsamen Zwielicht zwischen Sklave und Freund. Niemals fragt Robinson nach seinem „richtigen“ Namen, beinahe möchte man glauben, er sei ein halbwegs vernunftbegabtes Haustier.


Mehr im Internet:

Robinson Crusoe - Wikipedia 
scienzz artikel Englische Literatur

 

 

 

 

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