Berlin, den 18.09.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

15.04.2019 - KUNSTGESCHICHTE

Schmutzige Heilige und liederliche Studenten

Die Alte Pinakothek in Muenchen zeigt die "Utrechter Caravaggisten"

von Josef Tutsch

 
 

Hendrick ter Brugghen: Fröhlicher
Trinker, um 1625 (Utrecht, Cen-
traal Museum) - Bild: Wikipedia

„Um Unannehmlichkeiten oder eklige Tierchen zu vermeiden, untersucht genau die Betten und Laken“, mahnte 1604 der holländische Maler Karel von Mander seine Kollegen, wenn sie nach Rom reisen wollten. „Aber vor allem enthaltet euch der leichtfertigen Frauenzimmer, denn weit über alle eure Sünden hinaus werdet ihr dadurch euer Leben lang ruiniert werden.“ Abraten wollte Mander von der Reise jedoch auf gar keinen Fall. Rom sei „das Haupt der Malerschulen“, vor allem die Werke des jungen Caravaggio müsse man unbedingt gesehen haben: „Was seine Künstlerhand angeht, so ist diese sehr gefällig und eine wunderschöne Manier, der die Malerjugend nachfolgen sollte.“

Manders Aufforderung fiel bei seinen Kollegen auf fruchtbaren Boden. In großer Zahl machten sich junge Maler aus Flandern und den Niederlanden in den folgenden Jahren nach Rom auf. Ihr Ziel war nicht so sehr die Antike oder die Hochrenaissance mit den Meisterwerken eines Raffael und eines Michelangelo, die uns heute als „klassisch“ gelten, sondern die allerneueste zeitgenössische Kunst, eben jener Michelangelo Merisi, nach seinem Herkunftsort in der Lombardei auch „Caravaggio“ genannt.

Zu den ersten Reisenden gehörten drei Maler aus Utrecht. 1607 zog Hendrick ter Brugghen in den Süden; einige Jahre später folgten ihm Gerard von Honthorst und Dirck van Baburen. Ihnen ist die große Ausstellung gewidmet, die am 17. April in der Alten Pinakothek in München eröffnet wird. Die Schau war zuvor im Centraal Museum in Utrecht zu sehen. 70 Meisterwerke dieser Utrechter „Caravaggisten“ und ihrer Zeitgenossen wie Valentin de Boulogne oder Bartolomeo Manfredi oder Jusepe de Ribera sind zu sehen. Immerhin vier Gemälde stammen von Caravaggios eigener Hand, darunter die berühmte „Grablegung Christi“ aus den Vatikanischen Museen.

Warum fand die neueste Kunst aus Rom um 1610 gerade in Utrecht Interesse, einer Stadt, die man im Vergleich mit Amsterdam oder Den Haag vielleicht doch ein bisschen provinziell nennen muss? Der Kunsthistoriker Marten Jan Bok verweist im Katalog darauf, dass die religiöse Atmosphäre in Utrecht damals relativ „liberal“ geprägt war. Die katholische Kirche hatte ihre dominante Stellung in den 1570er Jahren verloren, aber auch die orthodoxen Calvinisten hatten die Oberhand nicht gewinnen können. Die Utrechter Stadtregierung begünstigte das Konzept einer „breiten Volkskirche“, ohne formelle Registrierung in diese oder jene Richtung. Gerard von Honthorst war katholisch, von Dirck von Baburen und Hendrick ter Brugghen ist keine Konfessionszugehörigkeit bekannt. Adel und Patriziat orientierten sich an den „internationalen kulturellen Entwicklungen“.

Mit Caravaggio selbst kam in Rom keiner der drei in Kontakt. Als ter Brugghen aufbrach, hatte der Meister die Stadt bereits in Richtung Neapel verlassen. Verlassen müssen: Bei einer Schlägerei, an der Caravaggio beteiligt war, hatte es einen Toten gegeben. 1610 verstarb der Maler im Alter von nur 38 Jahren. Aber sein Schaffen bedeutete eine Revolution, die sich gerade durch die „Utrechter Caravaggisten“ über Europa verbreitete. Ob Mander repräsentativ für die Zeitgenossen sprach, als er die Bilder „gefällig“ nannte, kann man allerdings bezweifeln. Teile des Publikums werden vielmehr schockiert gewesen sein. Caravaggio stellte Licht und Schatten, erläutert der Katalog der Ausstellung, gern in grellem Kontrast nebeneinander, „bei fast völligem Verzicht auf graduelle Übergänge“, in der Regel vor einem sehr dunklen Hintergrund.

Das erzielte bei den Szenen aus dem Alten und Neuen Testamentoder aus dem Leben der Heiligen einen hoch dramatischen, ja theatralischen Effekt. Den Kirchenpolitikern damals kam diese Malweise entgegen: Die katholische Gegenreformation setzte darauf, die Menschen emotional zu überwältigen. Es gab einen zweiten Punkt, der konservative Kunstfreunde befremdet haben muss: Die Theatralik ging mit einem krassen Naturalismus einher. Manche von Caravaggios Heiligenfiguren stellen schmutzige Füße und Fingernägel zur Schau.

Caravaggio: Grablegung Christi,
1603 (Pinacoteca Vaticana, Rom)
Bild: Wikipedia 


Spätestens seit Derek Jarmans „Caravaggio“-Film 1986 ist der Künstler postum wieder ein Medienstar, der Archetyp eines verruchten Genies. Ob all das, was die Zeitgenossen sich über Caravaggios Neigung zu Raufereien und sexuellen Eskapaden erzählten, authentisch ist, muss offen bleiben. Er führte wohl in der Tat ein Leben am Rande der römischen Unter- und Halbwelt – und war zugleich der Liebling der geistlichen und weltlichen High society. Lustvoll inszenierte er sich als Gesellschaftsschreck. In einer Quelle wird berichtet, dass er sich gern in kostbaren Samt kleidete, ihn jedoch ungewaschen solange trug, bis er ihm in Fetzen vom Leib hing.

Für die Zeit von 1600 bis 1630, berichtet die Kunsthistorikerin Liesbeth M. Helmus im Katalog, sind in Rom nicht weniger als 572 ausländische Künstler dokumentarisch belegt. Gut die Hälfte davon waren „fiamminghi“, kamen also aus den Niederlanden, Flandern, der Wallonie oder Brabant. Manders Warnungen ungeachtet, tauchten viele offenbar durchaus gern in das „Milieu“ ein. Selbst Honthorst, der ein eher „bürgerliches“ Leben führte, musste einmal eine Nacht im Gefängnis verbringen: Er war im Haus einer Prostituierten mit einem Degen angetroffen worden. Sicherlich hatte er gute Gründe, die Waffe mit zu führen. Kriminalität war allgegenwärtig. Wenn in den religiösen Gemälden der Zeit Schwerter und Dolche aufblitzen, vermerkt Helen Langdon, dann hatte das durchaus seinen „Sitz im Leben“.

Und während die Heiligengestalten der Renaissance idealisiert dargestellt waren, kamen sie bei Caravaggio und seinen Schülern direkt von der Straße mit all ihrer Gewalt und all ihrem Schmutz. Eine „Gossenkunst“, um das Schimpfwort zu nehmen, das Kaiser Wilhelm II. gegen die französische Moderne im späten 19. Jahrhundert vorbrachte. Was die Darstellung von Hässlichkeit angeht, steigerten die „Caravaggisten“ aus dem Norden ihr Vorbild noch. Dem Aufruf Karel van Manders an junge Maler, „te stelen en te rapen“, zu stehlen und zu rauben, fügten sie ein Drittes hinzu: den Meister an drastischem Realismus noch zu übertreffen. 

Dahinter stand eine lange Tradition realistischer Bildkunst – ein Unterschied zwischen italienischer und niederländischer Malerei, der sofort ins Auge springt, wenn man zum Beispiel Bilder von Hieronymus Bosch neben solche von Raffael stellt. Was den Niederländern abging, war jene Eigenschaft, die Mander mit dem Wort „gefällig“ umschrieb. Von Caravaggio lernten sie die Kunst, Hässlichkeit und Schmutz „gefällig“ zu inszenieren.

Manche der Bilder entstanden bereits, während die Künstler noch in Rom weilten, andere nach der Rückkehr in die Heimat, wo sie den neuen Stil verbreiteten. Der Großteil der Gemälde befasst sich mit Sujets aus der Bibel und aus den Geschichten der Heiligen. Von Caravaggio selbst ist die „Grablegung Christi“ aus dem Vatikan zu sehen. Eine hochdramatische, beinahe bühnenhafte Szene, der Leichnam wird „präsentiert“, schreibt Helmus im Katalog. In seiner Fassung des Themas nahm Baburen das Theatralische ein Stück weit zurück, der Betrachter bekommt den Vorgang eher zufällig mit.

Andererseits ist die Krassheit der Darstellung noch gesteigert. Der schwere Leichnam kippt nach vorn über und ist dadurch teilweise verschattet. Die Gesichter von Nikodemus und von Johannes sind expressiv, man möchte sagen: expressionistisch verzerrt. Zum Vergleich ist die „Grablegung“ des französischen Malers Nicolas Tournier daneben gestellt. Helmus: „Ruhig und scheinbar mühelos tragen Nikodemus und Johannes den Leichnam Christi zum geöffneten Grab.“ Eleganz war Tournier offenbar wichtiger als der Realismus.

Wie Baburens Kollege Honthorst mit den römischen Anregungen umging, zeigt ein Gemälde, das aus Los Angeles gekommen ist. Caravaggio modellierte seine Figuren gern, indem er Licht von außerhalb des Bildes einfallen ließ. Honthorst bevorzugte dagegen eine weniger „harte“ Beleuchtung. In seiner „Verspottung Christi“ steht eine Fackel effektvoll im Zentrum der Komposition, in der nächtlichen Szene fällt von dort Licht auf den gemarterten Leib Jesu und auf die Gesichter der Schergen. Solche Darstellungen brachten Honthorst den Beinamen „Gherardo delle notti“ ein, „Gerhard der Nächte“.

Dass die Utrechter Maler im Rom des frühen 17. Jahrhunderts sich nicht bloß inspirieren ließen, sondern auch selbst ihren italienischen Kollegen Anregungen gaben, zeigt die Ausstellung an einer „Verspottung Christi“ von dem Tessiner Malers Giovanni Serodine. Honthorsts Technik der Lichtquelle mitten im Bild ist aufgenommen. Die Schergen halten Jesus eine Kerze vor: Sie wollen sehen, wie er leidet. Am weitesten in Richtung hin zu altniederländischen Traditionen veränderte ter Brugghen den Caravaggismus. Die Komposition gewinnt ihre Lebendigkeit aus dem scharfen Kontrast zwischen dem idealisierten, hell ausgeleuchteten Leib des Heilands und den Fratzen seiner Peiniger.

Gerard von Honthorst: Verspottung Christi,
um 1616 (Los Angeles County Museum)
Bild: Wikipedia 


Noch ein Beispiel für die Gestaltung einer biblischen Geschichte durch die Caravaggisten: die „Befreiung Petri“. Das Thema war im päpstlichen Rom beliebt, man konnte es als Hinweis auf die Unabhängigkeit des Papsttums von weltlichen Mächten lesen. Das Vorbild für Honthorsts Bearbeitung des Themas, erläutert Volker Manuth, war ein Caravaggio-Bild zu einer anderen biblischen Geschichte: der Berufung des Apostels Matthäus. Gerade in diesem Bild zeigt sich aber auch, dass Honthorst bei aller Bewunderung für Caravaggio seine künstlerische Eigenständigkeit zu wahren wusste. Die Darstellung verbindet den naturalistischen Stil mit der stärker „klassizistischen“ Manier des Bolognesen Annibale Carracci. In den 1620er Jahren gewann der Klassizismus allmählich sogar die Oberhand. Heute gelten die Konkurrenten Carracci und Caravaggio gleichermaßen als Begründer der italienischen Barockmalerei.

Bei allem Übergewicht der religiösen Bildsujets – auch Bilder aus dem Volksleben kommen in der Ausstellung nicht zu kurz. Das Falschspiel war ein beliebtes Thema, in einem Bild von ter Brugghen werden die gefährlichen Folgen angedeutet: Einer der Mitspieler greift zum Schwert. Honthorst stellte gern fröhliche, aber vermutlich doch ein wenig anrüchige Gesellschaften dar: Damen mit weit offener Bluse, Herren in modischem Kostüm – schwer zu sagen, ob man sich solche Szenen in einem Wirtshaus oder in einem Bordell vorzustellen hat.

Der caravaggeske Realismus der Darstellung verband sich in diesen Bildern mit moralischer Belehrung, mit der Warnung vor Prostitution und Alkoholgenuss. Auf einem Bild aus der Alten Pinakothek in München, das „Der liederliche Student“ benannt ist, tritt im Hintergrund eine zahnlose Alte zu der Dirne. Offenkundig eine Kupplerin. In ihren Armen hält sie einen Säugling, vielleicht das Kind des Studenten, der vom rechten Weg abgekommen ist.

Nach der Rückkehr der Maler in die Heimat traten solche nicht eigentlich religiösen, dafür jedoch strikt moralisch intendierten Bildthemen sogar in den Vordergrund. Marten Jan Bok weist darauf hin, dass die „Libertins“ in Utrecht gerade in jenen Jahren vor 1620, als Baburen und Honthorst in Rom weilten, die Macht an strengere calvinistische Gruppen verloren hatten. Sowohl Honthorst als auch ter Brugghen konnten jedoch in den frühen 1620er Jahren noch prachtvolle Bilder von einem Heiligen außerhalb der Bibel malen: Sebastian als Schutzheiliger gegen die Pest wird im Volk gerade in dieser Zeit, als der Krieg gegen Spanien wieder aufflammte, sehr beliebt gewesen sein.

In einem von Honthorsts späten moralisierenden Bildern sitzt im hellen Licht der Kerze eine junge Frau mit tief ausgeschnittenem Dekolletée, gegenüber im Dunkel der junge Galan, der dem Betrachter den Rücken zukehrt. Am Bildrand ist eine alte Frau zu sehen, die den Geschäftsabschluss vergnügt erwartet. Damit auch ja keine Zweifel über die Art des Geschäftes bleiben, hat Honthorst eine Dochtschere im Bild untergebracht: Die Zeit für einen Kunden pflegten die Kupplerinnen an der Dauer einer brennenden Kerze zu bemessen. Wahrscheinlich hat die Schere aber noch eine zweite Bedeutung: Unsere Lebenszeit ist bemessen, wir dürfen sie nicht mit eitlen Vergnügungen vergeuden.


Ausstellung:

Utrecht, Caravaggio und Europa, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek, München, 17. April 2019 bis 21. Juli 2019


Neu auf dem Büchermarkt:

Utrecht, Caravaggio und Europa, herausgegeben von Bernd Ebert und Liesbeth M. Helmus, Hirmer Verlag, München 2019, ISBN 978-3-7774-3132-1, 45,00 € [D], 46,30 € [A], 54,90 CHF


Mehr im Internet:
Utrecht, Caravaggio und Europa, Alte Pinakothek, München 
Utrechter Caravaggisten - Wikipedia 
scienzz artikel Barock

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet