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10.04.2019 - DEUTSCHE GESCHICHTE

Ein Staat ohne Eigenschaften?

Zweieinhalb Jahrhunderte Reflexionen ueber Preussen

von Josef Tutsch

 
 

Schlossrohbau in Berlin, Juni 2015
Bild: Mirjam Guterland/Wikipedia

„Letztlich sind wir alle Preußen“, soll Konrad Adenauer einmal gesagt haben. Falls dieser Ausspruch wirklich authentisch ist – Begeisterung schwang darin sicherlich nicht mit. Zu Preußen pflegte Adenauer zeitlebens ein distanziertes Verhältnis. Dabei amtierte der erste Kanzler der Bundesrepublik Deutschland von 1921 bis 1933 als Oberbürgermeister von Köln zugleich Präsident des „Staatsrats“, der zweiten parlamentarischen Kammer neben dem preußischen Landtag. Seine Vorbehalte hatte der Rheinländer wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in einer Rede offen kundgetan: Das alte Preußen mit seinem „kulturfeindlichen, angriffslustigen Militarismus“ sei „der böse Geist Europas“ gewesen.

Vielleicht schade, dass die beiden Osteuropa-Historiker Hans-Jürgen Bömelburg und Andreas Lawaty Adenauers provozierende Rede von 1919 nicht in ihre mehr als 500 Seiten starke Anthologie mit „deutschen Debatten“ zum Thema „Preußen“ aufgenommen haben. Aber ansonsten bietet der Band eine bunte Mischung verschiedenster Texte: von der Lyrik eines Johann Wilhelm Ludwig Gleim im Siebenjährigen Krieg („Ein Held fall‘ ich; noch sterbend droht mein Säbel in der Hand!“) bis zu den Versuchen von DDR-Historikern um 1980, die „progressiven Seiten in der Geschichte Preußens“ als Erbe des „sozialistischen deutschen Staates“ zu retten. Oder das „Badische Wiegenlied“ von Ludwig Pfau, geschrieben 1849, nachdem preußische Truppen in Rastatt die Revolution niedergeschlagen hatten: „Schlaf‘, mein Kind, schlaf‘ leis, dort draußen geht der Preuß‘! Deinen Vater hat er umgebracht, deine Mutter hat er arm gemacht.“ Ein sanfter Pazifist war Pfau allerdings ganz und gar nicht: „Und wo dein Vater liegt, mein Schatz, da hat noch mancher Preuße Platz.“

Preußen und kein Ende … In der deutschen Geschichtskultur scheint dieser Staat, der 1947 durch ein Gesetz des Alliierten Kontrollrates als „Träger des Militarismus und der Reaktion“ aufgelöst wurde, weiterhin gegenwärtig. Einer der jüngsten Texte in dem Band ist ein Artikel des damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert aus dem Jahr 2001. Damals stand einerseits der 300. Jahrestag der Gründung des Königreichs Preußen an, andererseits der 125. Geburtstag von Konrad Adenauer. Lammert verstand es, das „doppelte Erbe“ rhetorisch, Bömelburg und Lawaty sagen: „symbolpolitisch“, zu versöhnen. Dass Bundestag und Bundesregierung nach heftigen Diskussion von Bonn nach Berlin umgezogen waren, lag gerade einmal zwei Jahre zurück.

Am Anfang des Bandes stehen Auszüge aus dem „Politischen Testament“ König Friedrichs II. von 1768. Oder Friedrichs des Großen – die Zeiten, da die Bennenung des Königs bloß mit der Nummer als Sakrileg empfunden wurde, liegen noch gar nicht so lange zurück. Dass der Herrscher eines recht kleinen und armen Landes es wagte, halb Europa herauszufordern und in dieser Auseinandersetzung bestehen konnte, faszinierte die Zeitgenossen wie die Nachwelt. Auch er sei preußisch gesinnt gewesen, erinnerte sich später der alte Goethe, „oder, um richtiger zu reden, ‚fritzisch‘“. „Denn was ging uns Preußen an? Es war die Persönlichkeit des großen Königs, die auf alle Gemüter wirkte.“

Es war eine Faszination jenseits aller moralischen Kategorien, wie zum Beispiel Thomas Mann es sehr genau empfand, als er 1914 den Siebenjährigen Krieg mit dem Ersten Weltkrieg, Friedrichs Einmarsch im neutralen Sachsen mit dem Angriff des Deutschen Reiches auf das ebenso neutrale Belgien in Parallele setzte. „Die Welt beurteilt unser Handeln nicht nach den Gründen, sondern nach dem Erfolg“, zitierte Mann den König. „Was bleibt uns also zu tun? Wir müssen Erfolg haben.“

Man kann diesen Erfolg auch von der Kehrseite her betrachten. „Der ‚Soldatenkönig‘ Friedrich Wilhelm I. züchtete Preußens Armee“, schrieb der Journalist Christoph Diekmann 2017, „sein räuberischer Sprössling Friedrich II. ließ sie von der Kette. Aus Ruhmsucht verheerte er Europa und hinterließ Leichenberge, weshalb er auch ‚der Große‘ heißt.“ Was bedeutet es „symbolpolitisch“, wenn die Potsdamer Garnisonskirche jetzt wieder aufgebaut wird? Dieckmann nennt sie „eine „gotteslästerliche Bude“. Lange bevor Adolf Hitler gemeinsam mit Reichspräsident von Hindenburg dort 1934 mit dem „Tag von Potsdam“ feierte, die Kontinuität zwischen Preußen und dem Dritten Reich feierte, war sie der „Kriegstempel der Hohenzollern“.

Adolph Menzel: Flötenkonzert Friedrichs des
Großen in Sasnssocui, um 1851 (Alte Natio-
nalgalerie, Berlin) - Bild: Wikipedia


Ihr „böser Geist würde auch in die neue Hülle fahren“, befürchtet Dieckmann. Nicht die erste Kontroverse dieser Art. In wenigen Monaten soll das Berliner Stadtschloss neuerrichtet sein. 1950/51 hatte Walter Ulbricht es abreißen lassen, es solle „uns nicht mehr an unrühmlich Vergangenes erinnern“, schrieb damals das „Neue Deutschland“. Berlin gewinne seine historische Mitte zurück, jubelte die Presse, nachdem der Beschluss zum Wiederaufbau gefasst war. Bömelburg und Lawaty haben, aus welchen Gründen auch immer, darauf verzichtet, die Debatte um den Wiederaufbau zu dokumentieren. Aber ein Beitrag des Historikers Eberhard Straub ist aufgenommen, der 1990 mahnte, „Angst vor Preußen und seinen Königen“ sei „nicht unbedingt ein Hinweis auf weltstädtische Großherzigkeit“. „Preußen war auch einmal ein Begriff für Bildung und Freiheit, seine Schulen, Hochschulen und Akademien wurden als vorbildlich erachtet. Das ermöglichten seine Könige, das ermöglichte der königliche Staat.“

„Preußisch war uns gleichbedeutend mit sauber, anständig, gerecht und pflichtgetreu“, versuchte 1951 der Historiker Hans-Joachim Schoeps, Sohn einer jüdischen Familie, die „Ehre Preußens“ zu retten. „Ich glaube nicht, dass der neue deutsche Bundesstaat ohne dieses Erbe das aus dem echten preußischen Ethos stammt, wird existieren können.“ Ähnlich Marion Gräfin Dönhoff 1994 in einer Schrift zum preußischen Widerstand im Nationalsozialismus. Für sie als Nachkommin eines alten preußischen Adelsgeschlechts war es das zentrale Problem der deutschen Geschichte, wie preußisches „Maß“ sich in die „Maßlosigkeit“ des Nationalsozialismus hatte verkehren können.

Von einer anderen Seite der preußischen Geschichte, dem „Unechten“ an Preußens Ethos, wie Schoeps es vielleicht sah, wusste Gotthold Ephraim Lessing, der zur Zeit Friedrichs des Großen einige Jahre in Berlin lebte, 1767 in einem Brief ein Lied zu singen: Preußen sei „das sklavischste Land Europas“. Zwar dürfe man „gegen die Religion so viele Sottisen zu Markte zu bringen, als man will“. Versuche man jedoch, „für die Rechte der Untertanen, gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme zu erheben“, sei es um die „Berlinische Freiheit“ sehr übel bestellt.

Bömelburg und Lawaty räumen denn auch bereits in ihrer Einleitung zum Sammelband mit dem einen oder anderen Mythos um den „Philosophenkönig“ auf. Etwa seine vielgerühmte Abschaffung der Pressezensur 1740: Der politische Teil der Zeitungen wurde nicht weniger gegängelt als in anderen Staaten auch. Oder die religiöse Toleranz: Friedrich „wollte mit Hilfe jüdischer Kaufleute die eigenen Staatsfinanzen ordnen sowie den Absatz eigener Waren östlich der preußischen Grenzen fördern“. Jüdische Unternehmer nutzte er dazu, durch Falschprägung von Münzen die Nachbarn zu schädigen – mit dem Hintergedanken, dass sein Staat die Verantwortung an „jüdische Machinationen“ abschieben konnte.

Das unterschied sich wenig von der Praxis anderer Potentaten, nur dass Friedrich für eigentlich religiöse Fragen ein bemerkenswertes Desinteresse an den Tag legte, es ihm also nicht weiter schwer fiel, dem politischen Kalkül Vorrang einzuräumen. „Der preußische Staat war buchstäblich an die Stelle Gottes getreten“, schrieb der Politikwissenschaftler Martin Greiffenhagen 1981 in einer Analyse der „politischen Kultur Preußens“. Ein Staat freilich, der rein formal bestimmt war, gleichgültig gegenüber Inhalten und Zielen, „historisch-politischen Wertbezügen“, dafür jedoch umso mehr auf Effizienz ausgerichtet. „Die geschichtliche Bodenlosigkeit Preußens war zugleich die Quelle seiner Kraft.“

Das erkannte bereits Theodor Fontane um 1894 in seinem Fragment „Die preußische Idee“. Mit beißender Ironie schrieb er, in der Gegenwart würden sich „seine“ Preußen durch alle Wechsel der aktuellen Politik hindurch im Zweifel mit der Einsicht beruhigen: „Bismarck hat immer Recht.“ Ist der Gedanke böswillig, dass sich statt „Bismarck“ auch andere, schlimmere Namen einsetzen lassen? Immer wieder setzte sich das Dritte Reich mit dem Preußen Friedrichs des Großen in eins.

Carl Hasenpflug: Garnisonskirche zu Pots-
dam, 1827 - Bild: Wikipedia 


Der quälende Gedanke, ob darin ein Quentchen Wahrheit sein könnte, womöglich mehr als bloß ein Quentchen, beherrschte die politische Publizistik der frühen Nachkriegszeit. Friedrich und Bismarck, schrieb 1950 der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Röpke nachdenklich, hätten dem Nationalsozialismus vielleicht doch den Weg bereitet, in dem sie „eine bestimmte Überlieferung und Geistesart geschaffen haben, die es Hitler so außerordentlich erleichterte, weiteste Schichten des deutschen Volkes einzufangen“.

Im Zentrum der Preußenkritik nach 1945 stand der Begriff des „Militarismus“. Im „Typus des preußischen Offiziers“, meinte der Historiker Friedrich Meinecke in seinem Buch über die „deutsche Katastrophe“, habe „ein bestimmter rationaler Gedanke die absolute Herrschaft erhalten“, „der Gedanke einer unbedingten, nicht nach rechts und nicht nach links sehenden Hingabe an den Beruf und an den der diesen Beruf gab, den Obersten Kriegsherrn“.

„Preußen war Preußen durch seine Armee, nicht durch seinen Wohlstand und Ackerbau“, stellte 1849 Fontane fest, es war durch und durch ein „Militärstaat“. In der Affaire des Hauptmanns von Köpenick 1906 wurde diese Aussage zur Realsatire. Aber zum ganzen Bild gehört eben auch, dass ausgerechnet dieses vom Militär geprägte Preußen in der Weimarer Republik zu einem wesentlichen Rückhalt der republikanischen Kräfte wurde.

Wenn jemand nach dem Zweiten Weltkrieg gedacht haben sollte, mit dem Auflösungsbeschluss des Alliierten Kontrollrats wäre Preußen nun endgültig abgetan – um 1980 überrollte, mehr oder weniger überraschend, eine „Preußenwelle“ Deutschland. „Preußen ist wieder chic“, spottete der Historiker Hans-Ulrich Wehler 1979, in einer „Flucht vor der bundesrepublikanischen Wirklichkeit“ in eine verklärte Vergangenheit würde uns „der ruppige Militär- und Obrigkeitsstaat im Goldrahmen“ präsentiert.

Ein Jahr später forderte der CDU-Vorsitzende Helmut Kohl im Bundestagswahlkampf die „geistig-moralische Wende“. Die Vermutung liegt nahe, dass Kohls Wende-Parole und die Preußenwelle ihren Ursprung aus ein und demselben Ungenügen nahmen: aus der Frage, welche Rolle die Bundesrepublik Deutschland eine volle Generation nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa einnehmen konnte, aus der Frage also nach einer historischen Perspektive.

Dass die „Flucht“ ausgerechnet in Richtung Preußen ging, hatte etwas Paradoxes. 1979 sprach der Journalist Sebastian Haffner von einem „Staat ohne Eigenschaften“. Schon Fontane hatte gesehen, dass die Addition der vielen Territorien zu „Preußen“ von allerlei historischen Zufällen geprägt war. Wenn man es mit den Ländern der heutigen Bundesrepublik vergleichen will: Dass die Mark Brandenburg und das Deutschordensland Ostpreußen seit dem 16. Jahrhundert unter der Hohenzollerndynastie zusammenwuchsen, war noch viel „zufälliger“ als etwa der Zusammenschluss der nördlichen Rheinlande mit Westfalen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Seit 1990, schreiben Bömelburg und Lawaty, „leben die Deutschen in einem vereinigten Deutschland, das erstmals seit 150 Jahren eine nicht-preußische Lösung der deutschen Frage darstellt.“ Ob der Ausdruck „nicht-preußisch“ so ganz trifft, darf man allerdings bezweifeln. In den 1950er Jahren brandmarkte „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein Adenauers Bundesrepublik gern als einen „klerikalen Rheinbund“. Die Wiedervereinigung hat beides zusammengefügt, den „Rheinbund“ und „Preußen“. Dass die knappe Entscheidung im „Hauptstadtbeschluss“ von 1991 für Berlin als Symbol empfunden wurde, scheint nicht weiter verwunderlich.

Einem Aspekt, der in vielen deutschen Reflexionen über Preußen bloß am Rande eine Rolle spielt, haben Bömelburg und Lawaty wieder seinen gebührenden Platz gegeben: dem Miteinander von Preußen und Polen. Vor drei Jahren hatten die beiden Forscher bereits in polnischer Sprache eine Preußen-Anthologie herausgebracht. Der originellste Beitrag in diesem Zusammenhang ist sicherlich die Vision des Publizisten Constantin Frantz von einem übernationalen „baltischen Bundesstaat“, bestehend aus dem „protestantischen Preußen“ und dem „katholischen Polen“. Die historische Realität spiegelt sich eher in Augsteins Buch „Friedrich und die Deutschen“ von 1981: Bereits lange vor den Polnischen Teilungen sei Polen durch die preußische Monarchie „geschröpft und ausgeplündert“ worden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Preußen. Deutsche Debatten – 18.-21. Jahrhundert. Eine Anthologie, herausgegeben von Hans-Jürgen Bömelburg und Andreas Lawaty, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2018, 616 S., ISBN 978-3-520-91001-1, 29,90 €


Mehr im Internet:
Preußen. Deutsche Debatten – 18.-21. Jahrhundert, herausgegeben von Hans-Jürgen Bömelburg und Andreas Lawaty,
Preußen - Wikipedia  
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