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02.05.2019 - POLITISCHE THEORIE

Der politische Theoretiker, der als Ghostwriter des Satans verdaechtigt wurde

Vor 550 Jahren wurde Niccolo Macchiavelli geboren

von Josef Tutsch

 
 

Niccolò Macchiavelli, posthumes
Portrait von Santi di Tito
(Palazzo Vecchio, Florenz)
Bild: Wikipedia

Dieses Buch sei „von der Hand des Satans“ geschrieben, wetterte 1539 der englische Kardinal Reginald Pole. 1559 setzte Papst Paul IV. alle seine Schriften auf den Index verbotener Bücher – nein, nicht die des Satans, sondern die seines irdischen „Ghostwriters“, Niccolò Macchiavelli. 1576 verdächtigte ihn der protestantische Geschichtsschreiber Innocent Gentileschi als geistigen Urheber der „Bartholomäusnacht“ in Paris, bei der 1572, Jahrzehntenach Macchiavellis Tod, Tausende von Protestanten ermordet worden waren. 1739 verfasste Kronprinz Friedrich von Preußen, der spätere „Große“, eine Kampfschrift, um „die Verteidigung der Menschheit zu übernehmen gegen dieses Ungeheuer, das sie verderben will“, „diesen Unhold, wie ihn kaum die Hölle hervorbrächte“. Bereits bei Shakespeare findet sich das Wort vom „mörderischen Macchiavelli“, in Balzacs Romanen ist „macchiavellistisch“ ein Synonom für niederträchtig oder hinterhältig.

Es wird wenige große Denker geben, die von den verschiedensten Seiten mit derartiger Verve in den Abgrund der Hölle verdammt wurden wie Niccolò Macchiavelli. Wenn er als Politiker jene Lehren befolgt hätte, die seit fünf Jahrhunderten aus seinem Hauptwerk, dem „Fürsten“, herausgelesen werden – die Verdammungen hätten kaum entschiedener ausfallen können. Aber an praktischer Politik fiel in Macchiavellis Leben wenig an. 14 Jahre lang amtierte der Spross einer verarmten Adelsfamilie, der am 3. Mai 1469, vor 550 Jahren, geboren worden war, als Kanzleisekretär der Florentiner Republik. Seine Mitarbeit bei diplomatischen Missionen und bei der Militärreform ermöglichte ihm intime Einblicke in das politische Geschehen, jedoch kaum Einfluss.

Als 1512 die Medici wieder die Macht ergriffen, wurde Macchiavelli einige Tage lang eingekerkert und gefoltert. Er zog sich dann auf sein Landgut bei San Casciano zurück. In der Hoffnung, wieder im Staatsdienst unterzukommen, widmete er sein Buch „Vom Fürsten“ 1513 Lorenzo de‘ Medici. Lorenzo zeigte kein Interesse, der Text blieb vorerst unveröffentlicht. Die Herrscherfamilie betraute Macchiavelli gelegentlich mit unbedeutenden Aufgaben. Das ließ ihm reichlich Zeit für die Schriftstellerei, etwa für die Komödie „Mandragola“. Sie gilt bis heute als eines der besten italienischen Lustspiele.

Oder für einen umfangreichen Kommentar zum römischen Geschichtsschreiber Livius: Die römische Republik gab Macchiavelli ein ideales Gegenbild zum zerrissenen Italien seiner Zeit. Auch dieses Buch, das die politischen Probleme der Gegenwart im Gewand historischer Fragestellungen diskutierte, erschien erst aus Macchiavelllis Nachlass. 1520 erhielt er den Auftrag, eine Geschichte der Stadt Florenz zu schreiben. Als die Medici 1527 erneut vertrieben wurden, ersuchte er sofort um seine Wiedereinsetzung auf den alten Posten. Doch seine Versuche, sich bei den Medici anzubiedern, hatten ihn kompromittiert. Verbittert starb er im Juni dieses Jahres.

Was die Leser der folgenden Jahrhunderte schockierte, war Macchiavellis Bereitschaft, die Mechanismen der Politik sezierend bloßzulegen, ohne gleich eine ethische Bewertung vorzunehmen. Egon Friedell prägte in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ den Vergleich, bei Macchiavelli werde der Staat ähnlich untersucht wie in der Zoologie „Haifisch, Königstiger und Kobra“. Das war in der Geschichte des politischen Denkens tatsächlich eine Revolution und für die Zeitgenossen, als Macchiavellis Bücher seit Anfang der 1530er Jahre endlich zu lesen waren, ein Schock. In der Nachfolge von Aristoteles wurde politische Theorie in der Hauptsache als eine normative Disziplin abgehandelt, Thema war das Streben der Gemeinschaft nach dem Guten, analog zur Ethik, die sich mit dem Streben des einzelnen nach dem Guten befasste.

Macchiavelli widersprach dieser normativen Betrachtungsweise nicht einmal. Aber ihn interessierte vielmehr die Realität des politischen Betriebs. Und in den real existierenden Staatswesen war das moralische Bewusstsein eben nur ein Faktor unter vielen. Der Verfasser enthielt sich jeder moralischen Bewertung, er beurteilte die politischen Aktionen vielmehr bloß unter dem Gesichtspunkt inwieweit sie Effizienz versprachen – Effizienz in der Technik des Machterwerbs und der Machterhaltung. Der Philosoph Max Horkheimer vermerkte einmal, Macchiavelli habe eine Wissenschaft von der Politik begründet, die der neuzeitlichen Physik oder Psychologie vergleichbar sei.

Niccolò Macchiavelli, Statue
an den Uffizien in Florenz
von Lorenzo Bartolini, 1845
Bild: Jebulon/Wikipedia


Heute meint der Begriff des „Macchiavellismus“, dass der Zweck die Mittel heilige, auch unmoralische Mittel wie Grausamkeit und Heuchelei. „Es ist weit sicherer, gefürchtet zu werden als geliebt“, schrieb Macchiavelli, „ein kluger Fürst kann und darf sein Wort nicht halten, wenn er dadurch sich selbst schaden würde“, „der Fürst muss Milde, Treue, Menschlichkeit, Redlichkeit und Frömmigkeit zur Schau tragen und besitzen, aber wenn es nötig ist, imstande sein, sie in ihr Gegenteil zu verkehren“.

„Muss“, „darf nicht“: Es gibt reichlich Stellen, die den Eindruck nahelegen, dass Macchiavelli den „Macchiavellismus“ lehrte. Dazu trägt auch der vieldeutige Zentralbegriff der „virtù“ bei. „Virtù“, das wird gern mit „Tugend“ übersetzt, meint jedoch eher eine moralisch neutrale „Fähigkeit“ und „Tüchtigkeit“, bezogen auf den Herrscher: die Kraft, die Macht im Staat zu ergreifen und zu verteidigen. Ein wenig schlägt in diesem Begriff auch so etwas wie „machismo“ durch: „Ich bin der Meinung, dass es besser ist, draufgängerisch als bedächtig zu sein. Denn Fortuna ist ein Weib; um es unterzukriegen, muss man es schlagen und stoßen“.

Fortuna, die Glücks- und Schicksalsgöttin, der Inbegriff der günstigen oder widrigen Umstände. Zu den Umständen, die aus Macchiavellis Sicht nun einmal nicht zu ändern waren, zählte auch, dass wir in einer unfriedlichen, nicht von der Moral beherrschten Welt leben: „Ein Mensch, der immer nur das Gute tun will, muss zugrunde gehen unter so vielen, die nicht gut sind.“

Macchiavelli hat keine Erörterung zur Verhältnismäßigkeit der Mittel vorgelegt, also zu der Grenze, an der ein Politiker sich sagen müsste, hier sei es besser, im Machtkampf zu unterliegen oder aus der Politik auszusteigen. Dabei war ihm sehr wohl bewusst, dass moralische Einstellungen auch in der Politik wirkende Kräfte sein können: als „Legitimitätsglaube“, wie es vier Jahrhunderte später der Soziologe Max Weber ausdrückte, als Glaube der Beherrschten an die Legitimität der Herrschaft. Macchiavelli sprach jedoch unumwunden aus, dass es dabei nicht auf Fakten ankommt, sondern vielmehr auf den „Glauben“, vom Standpunkt des Fürsten aus betrachtet: auf den Schein, der glauben macht.

An manchen Stellen im „Principe“ geht es um das, was wir heute „Propaganda“ nennen: „Es ist nicht nötig, dass ein Fürst alle Tugenden besitzt, wohl aber, dass er sie zu besitzen scheint.“ Aber er wusste sehr wohl, dass solche Propaganda in der Gefahr steht, entlarvt zu werden, wenn die „Tugenden“ bloßer Schein sind. Nicht aus Moral, wohl aber um der Machterhaltung willen – spätere Theoretiker sprachen von „Staatsraison“ – müsse der Herrscher darauf verzichten, seine Triebe ungehemmt auszuleben. Nicht einfach aus Spaß töten, sich nicht an den Frauen der Untertanen vergreifen, nicht ihr Eigentum antasten: Der an moralischen Fragen desinteressierte Macchiavelli formulierte im 16. Jahrhundert Grundsätze dessen, was später als „Limitation“ von Herrschaft diskutiert wurde.

Nicht im Fürstenbuch, wohl aber im Livius-Kommentar wird deutlich, dass auch der Gedanke demokratischer Partizipation in seinem Denken wichtig war: „Republiken sind Staaten, in denen das Volk Fürst ist.“ Sicherlich dachte Macchiavelli dabei nicht nur an das alte Rom, das vor der Kaiserzeit, sondern auch an das Florenz, in dem er selbst einige Jahre lang an der Politik beteiligt war.

Es ist viel gerätselt worden, wie Macchiavelli seine Ratschläge an die Fürsten mit seiner republikanischen Einstellung verbinden konnte. Der italienische Literaturhistoriker Giuseppe Petronio liefert eine Erklärung: Auch in den Jahren erzwungener politischer Inaktivität blieb Macchiavelli seinen republikanischen Vorstellungen treu. Aber er konnte sich der Frage nicht verschließen, ob es vielleicht Krisensituationen gibt, in denen die republikanischen Strukturen versagen und sich dann unvermeidlich der Ruf nach „starken Männern“ einstellt.

Seine Gegenwart sah er als eine solche Situation. Italien war politisch zersplittert, dem Zugriff der Großmächte Frankreich und Spanien preisgegeben. Der Zustand seines Vaterlandes, meinte 1824 der Historiker Leopold von Ranke, schien Macchiavelli „so verzweifelt, dass er kühn genug war, ihm Gift zu verschreiben“. Italien – das war der Punkt, an dem der kühle Analytiker nicht kühl bleiben konnte. Am Schluss des „Principe“ steigert sich das Buch zu einem hymnischen „Aufruf, Italien von den Barbaren zu befreien“.

Ob Macchiavelli es in vollem Ernst meinte, wenn er Lorenzo de‘ Medici mit dieser Bitte ansprach? „Ihr habt das Recht auf Eurer Seite; denn der Krieg ist gerecht für den, der dazu gezwungen ist, und die Waffen sind heilig, wenn sie die einzige Hoffnung sind.“ Lorenzo, sollte er diese Sätze überhaupt gelesen haben, wird zu dem realistischen Schluss gekommen sein, dass eine solche Aufgabe die Möglichkeiten seines Hauses und der Stadt Florenz weit überstieg. Ausgerechnet den großen Klassiker des politischen Realismus hatte in diesem Punkt sein Blick für das Mögliche verlassen.

Macchiavellis Grabmal in
S. Croce, Florenz
Bild: Jebulon/Wikipedia


Ein Nebensatz macht jedoch deutlich, dass Macchiavellis Ideal eines großen Mannes nicht etwa jener Cesare Borgia war, dessen politische und militärische Aktionen das Anschauungsmaterial für viele Erörterungen im „Principe“ geliefert hatten. Die nationale Aufgabe wurde mit der Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft der Ägypter durch Moses verglichen. 1519 erinnerte Macchiavelli in einer „Denkschrift über die Reform des Staates von Florenz“ an Lykurg und Solon im alten Griechenland: „Es wird kein Mann wegen irgendeiner Handlung so sehr gepriesen, als es die werden, welche durch Gesetze und Einrichtungen die Republiken und Reiche reformiert haben.“

Natürlich wurde auch diese Denkschrift von den Medici achtlos beiseite gelegt. Zum „Macchiavellisten“ par excellence bei der Nachwelt wurde Richard III. in Shakespeares Königsdrama, um 1592. Zwei Generationen nach Macchiavellis Tod war sein Name unter den Intellektuellen Europas bereits redensartlich geworden, als Synonym für das Böse in der Politik. Shakespeares Richard ist ein Macchiavellist, der am Ende scheitert: Es gelingt ihm nicht, Grausamkeit und Heuchelei derart zu perfektionieren, dass Widerstand ausbleibt. Die Geister der Ermordeten, die vor Richard erscheinen, machen deutlich, dass auch sein eigenes Gewissen gegen den „Macchiavellismus“ rebelliert. Politisch wirksam wird es jedoch nicht, die Entscheidung fällt auf dem Schlachtfeld.

Inwieweit dieses Bild viel mit dem historischen Macchiavelli zu tun hat, ist eine andere Frage. Der Historiker Jacob Burckhardt schrieb einmal, Macchiavelli habe in seiner Analyse bloß „aufrichtig“ sein wollen – aber aufrichtig in einem Maße, das dem Leser „entsetzlich“ vorkommen  müsse. Friedrich Nietzsche sprach von dem „unbedingten Willen, sich nichts vorzumachen“.

Ein Wille zur Aufrichtigkeit, der nicht nur in Macchiavellis politischer Theorie zum Ausdruck kommt, sondern auch im schwarzen Humor seiner Komödie „Mandragola“. Der amerikanische Soziologe James Burnham stellte trocken fest, Macchiavellis schlechtes Bild bei der Nachwelt rühre ganz einfach daher, „dass die Menschen in Wirklichkeit gar nicht die Wahrheit über sich selbst wissen wollen“. Wenn man dem folgt, wollte das auch Kronprinz Friedrich nicht, als er 1739, wohl gemeinsam mit seinem Freund Voltaire, den „Anti-Macchiavell“ verfasste. Als König hatte er im „Politischen Testament“ 1752 seine Meinung geändert: „Ich muss leider zugeben, dass Macchiavelli Recht hat.“


Mehr im Internet:

Niccolò Maccchiavelli - Wikipedia 
scienzz artikel Politische Theorie 

 

 

 

 

 

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