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12.05.2019 - DEUTSCHE GESCHICHTE

Die Geburtsstunde Deutschlands?

Vor 1.100 Jahren wurde der Sachsenherzog Heinrich zum Koenig des Ostfraenkischen Reiches gewaehlt

von Josef Tutsch

 
 

Siegel König Heinrichs I., 925
Bild: Wikipedia

„Herr Heinrich saß am Vogelherd“, dichtete 1835 der österreichische Schriftsteller Johann Nepomuk Vogl, „recht froh und wohlgemut“, „Herr Heinrich schaut so fröhlich drein; wie schön ist heut‘ die Welt!“ Doch die Idylle hat keinen Bestand. „Der Staub wallt auf, der Hufschlag dröhnt“, „es hält der Tross vor‘m Herzog plötzlich an.“ „Hoch lebe Kaiser Heinrich, hoch!“, „s‘ist deutschen Reiches Will‘.“

In der Vertonung, die der pommersche Komponist Carl Loewe dem Gedicht gab, hat sich die Schilderung dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt: So, ja so muss es abgelaufen sein, als im Frühjahr 919 das „Kaiserreich der Deutschen“ entstand. Wenn es jemand nicht glauben will: In Quedlinburg ist heute noch der „Finkenherd“ zu sehen, ein Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert, das präzise an der Stelle stehen soll, wo einer Legende aus dem hohen Mittelalter zufolge der Sachsenherzog Heinrich bei der Vogeljagd von der Nachricht überrascht wurde, er sei zum König des Ostfränkischen Reiches gewählt worden.

Die Realität wird prosaischer gewesen sein. Am 23. Dezember 918 war König Konrad in Weilburg den Verletzungen erlegen, die er sich im Krieg gegen den Bayernherzog Arnulf zugezogen hatte. Seit seiner Wahl 911 in Forchheim hatte er versucht, sich gegen die konkurrierenden Machthaber im Ostfränkischen Reich durchzusetzen. Vergeblich – sein Herzogtum Franken hatte ihm dazu nicht die hinreichende Basis geboten. Dem Geschichtsschreiber Widukind von Corvey zufolge gab Konrad auf dem Sterbebett seinem Bruder Eberhard den Auftrag, nicht selbst nach der Königswürde zu streben, sondern dem mächtigsten seiner Widersacher, eben dem Herzog von Sachsen, die Insignien zu überbringen.

Der Geschichtsschreiber Liutprand von Cremona berichtet sogar, der sterbende Konrad hätte alle anderen Herzöge um sich versammelt und den einzigen Abwesenden,  Heinrich, zu seinem Nachfolger wählen lassen. Historisch gesichert ist, dass Heinrich zwischen dem 14. und dem 24. Mai 919, vor nunmehr 1.100 Jahren, in Fritzlar in einer Heeresversammlung zum König erhoben wurde. Zunächst offenbar nur von Sachsen und Franken. Am Anfang von Heinrichs Herrschaft stand ein Bündnis mit dem neuen Frankenherzog Eberhard; daraus mag die Geschichte von der Designation durch Konrad entstanden sein. In Schwaben und in Bayern konnte Heinrich sich erst später durchsetzen. Das Informelle seiner Thronbesteigung spiegelt sich vielleicht auch in der Nachricht wider, er habe auf die rituelle Salbung durch den Erzbischof von Mainz verzichtet.

War das die Geburtsstunde des „Deutschen Reiches“? Oder „Deutschlands“? Die national geprägte Geschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat es gern so gesehen. Mit Heinrich beginne „die Geschichte des deutschen Reichs und des deutschen Volkes“, schrieb 1855 der Historiker Wilhelm von Giesebrecht. Heinrich sei „recht eigentlich der Gründer des Reiches“ gewesen, stimmte ihm ein halbes Jahrhundert später Karl Lamprecht zu.

Der Sachsenherzog selbst konnte von einem solchen „Deutschen Reich“ noch gar nichts wissen. Von einem Kaisertitel, mit dem Heinrich in Vogls und Loewes Ballade begrüßt wird, war erst recht keine Rede. Aber wenn man nach historischen Ursprüngen sucht, also die Anfänge einer Entwicklung von den späteren Ergebnissen her sehen will, dann ist es richtig: Heinrichs Regierung schuf die Grundlagen für das, was später das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ genannt wurde.

Als alternatives Geburtsdatum käme die Wahl Konrads 911 in Frage. So vertrat es etwa in den 1920er Jahren der Historiker Johannes Haller. Aber gegenüber Konrad ist Heinrich zweifellos die beeindruckendere Gestalt: Er vermochte sich durchzusetzen, und zwar, wie Hallers Kollege Johannes Fried in seiner Analyse der zeitgenössischen Quellen aufgedeckt hat, durch einen Wechsel der Strategie. Konrad hatte in Verkennung seiner Möglichkeiten versucht, die anderen Herzöge militärisch unter seinen Willen zu zwingen. Heinrich scheute zwar nicht grundsätzlich die Konfrontation, setzte aber viel stärker auf Kooperation, auf „amicitia“, „Freundschaft“, wie die Quellen es ausdrücken. Ohne gelegentlichen „Verrat“, wenn man das so moralisierend ausdrücken will, ging es dabei nicht ab. 923 schloss Heinrich ein Freundschaftsbündnis mit dem Herzog von Lothringen. Damit verletzte er seine amicitia mit dem westfränkischen König Karl. Der „Verrat“ wurde belohnt, indem nun auch das Herzogtum Lothringen sich dem Ostfränkischen Reich anschloss.

Schlossberg und Stiftskirche Quedlinbug
Bild: A. Savin/Wikipedia 


Als selbstverständlich wurde die Zugehörigkeit der fünf Herzogtümer zu einem gemeinsamen „Reich“ - und ihre Abgrenzung gegenüber dem Westfränkischen Reich, dem späteren Frankreich – damals noch keineswegs empfunden. Vielleicht stand hinter der Bereitschaft, Konrad und später Heinrich die Krone zu überlassen, zunächst ja bloß die Befürchtung, eine Herrschaft des westfränkischen Königs Karl auch über das Ostfränkische Reich, also eine Wiederherstellung des fränkischen Großreiches, könnte für die Herzöge drückender werden. Unumkehrbar, meinte 1990 der Historiker Carlrichard Brühl, war diese Entwicklung hin zu „Deutschland“ und „Frankreich“ erst im frühen 11. Jahrhundert, als auch das Wort vom „Regnum Teutonicum“ aufkam.

Der Ruf „s‘ist deutschen Reiches Will‘!“, den Vogl in seiner Ballade erschallen ließ, war eine sehr gewagte Projektion aus der deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts über neun Jahrhunderte zurück. Erst ganz allmählich bildete sich im Laufe des 10. Jahrhunderts ein Zusammengehörigkeitsgefühl heraus. Ein frühes Beispiel zeigt sich in der Chronik des Adalbert von Magdeburg aus den 960er Jahren. Darin heißt es, der sterbende Konrad habe die Großen des Volkes väterlich ermahnt, „es über die Wahl seines Nachfolgers nicht zu einer Spaltung im Reich kommen zu lassen“.

Die Furcht vor dem sogenannten „Partikularismus“, der „Kleinstaaterei“, hat die deutsche Geschichte durchzogen, auch der Neid auf Frankreich, wo es den Königen seit dem hohen Mittelalter mehr und mehr gelang, eine zentrale Macht durchzusetzen. Die Sehnsucht dagegen, die Zusammengehörigkeit als Nation durch eine Ursprungsgeschichte zu bekräftigen, prägt die politische Kultur sowohl in Deutschland als auch in Frankreich. „Wer wir sind“ war vor einigen Jahren eine viel beachtete Fernsehserie über „die Deutschen“ überschrieben. In historischer Perspektive: woher „wir“ kommen. Inwieweit solches Fragen nach den Ursprüngen in einer pluralistischen, auch durch Migration geprägten Gesellschaft legitim sein kann, wird in der Gegenwart emotional diskutiert.

Dabei ist es noch eine vergleichsweise rationale Form solch nationaler Mythenbildung, die deutsche und die französische Geschichte im frühen 10. Jahrhundert beginnen zu lassen. Generationenlang wurde darüber gestritten, ob Karl der Große, der im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt wurde, ein Deutscher oder ein Franzose gewesen wäre. 1933 entdeckte der Mittelalterhistoriker Bruno Krusch, das Kaiserreich der Deutschen würde sogar noch drei Jahrhunderte weiter zurückreichen. Mit dem Frankenkönig Chlodwig habe es 508 die „erste deutsche Kaiserkrönung“ gegeben. Historisch steht dahinter bloß, dass der Merowingerkönig von dem oströmischen Kaiser Anastasios mit dem Ehrentitel eines römischen Konsuls ausgezeichnet wurde und sich angeblich mit „Augustus“ anreden ließ.

Es gab und gibt eine solche Sehnsucht nach den Ursprüngen auch auf Französisch. „Für mich beginnt die Geschichte Frankreichs mit Chlodwig, gewählt zum König von Frankreich, aus dem Stamm der Franken, die Frankreich den Namen gegeben haben“, sagte Präsident de Gaulle einmal. Wenn nicht gleich, wie es im 19. Jahrhundert gar nicht so unüblich war, der Gallier Vercingetorix und der Cherusker Arminius als Begründer deutscher und französischer Staatlichkeit angesprochen werden. Noch 1987 schrieb eine deutsche Boulevardzeitung in aller Naivität, Arminius – „Hermann der Deutsche“, wie er früher in den Schulbüchern genannt wurde – habe „die Deutschen“ geeint.

Zurück zu König Heinrich. Der Legende von der Vogeljagd, die erst im 12. Jahrhundert aufkam, verdankt er seinen Beinamen „der Vogler“, seinen Nachruhm ganz wesentlich auch seinem Sohn Otto, der 962 vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt wurde – mit jenem Titel, den Vogls Ballade in poetischer Freiheit schon dem Vater zusprach. Heinrich wird von solchen Weiterungen, für die er die machtpolitische Grundlage schuf, nicht das Geringste geahnt haben. Aus der Kaiserkrönung eines deutschen Königs entwickelte sich eine der phantastischsten geschichtsphilosophischen Konstruktionen, die jemals historische Wirksamkeit entfalteten: Über mehr als acht Jahrhunderte hinweg, bis zum Ende des Reiches 1806, beanspruchten deutsche Herrscher die legitime Nachfolge von Caesar und Augustus und Konstantin.

Heilige Lanze, in der 
Schatzkammer der Hof-
burg, Wien - Bild: René
Hanke/Wikipedia 


Und damit eine Oberhoheit über das christliche Abendland: Als „Heiliges Römisches Reich“ sollte die deutsche Fortsetzung das alte Rom noch übertreffen. Der Faszination des Kaisertitels konnten sich aber auch jene nicht entziehen, die mit Deutschland nichts im Sinn hatten. 1804 krönte sich in Paris Napoleon Bonaparte zum „Kaiser der Franzosen“. Der vorläufig letzte Fall war der größenwahnsinnige Despot Jean-Bodel Bokassa, der sich 1976 den Titel „Kaiser des Zentralafrikanischen Kaiserreichs“ zulegte.

In der deutschen Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts wurde Heinrichs vorsichtige Selbstbeschränkung auf Deutschland gern gegen die Politik seiner Nachfolger in Stellung gebracht, die unter großen Opfern immer wieder danach strebten, die römische Kaiserwürde zu gewinnen. Dieses „falsche“ Ziel habe die Entstehung eines deutschen Nationalstaates bereits im Mittelalter verhindert, polemisierte 1859 der protestantische Historiker Heinrich von Sybel. Es dauerte Generationen, bis die Entgegnung des österreichischen Historikers Julius Ficker, dass ein Nationalstaat nun einmal nicht zum Wertekanon des Mittelalters gehörte, sich im allgemeinen historischen Bewusstsein durchsetzen konnte.

Im Dritten Reich stilisierte Heinrich Himmler den König zum Urbild deutscher Politik, wie sie nach seinen Vorstellungen  hätte sein sollen, Heinrichs Sohn Otto, den Kaiser, dagegen zum Verräter an der deutschen Sache. Dafür gab es neben der Frage des Kaisertums noch einen zweiten Grund: Heinrich ließ sich als Vorläufer der deutschen Ostkolonisation auffassen. Dabei war Heinrichs „Ostpolitik“ primär ein Abwehrkampf gegen die Beutezüge ungarischer Reiterheere, denen die deutschen Territorien in seinen ersten Regierungsjahren schutzlos ausgeliefert waren. 926 jedoch gelang es, einen ungarischen Fürsten gefangen zu nehmen. Für seine Freilassung und gegen hohe Tribute wurde ein neunjähriger Waffenstillstand vereinbart. Das Einvernehmen, das Heinrich mit den andern deutschen Herzögen erzielt hatte, ermöglichte es ihm, das Land mit Burgen zu befestigen und selbst eine schlagkräftige Reiterarmee aufzubauen.

Bereits 932 fühlte sich Heinrich stark genug, den Tribut aufzukündigen. Im Mai 933 wurden die Ungarn erstmals in einer offenen Feldschlacht besiegt. Gleichzeitig entfaltete Heinrich aber auch eine aggressive Politik gegen die slawischen Stämme östlich der Elbe. Ziel war es zunächst einmal, die Besitzungen seines Hauses um Merseburg vor  Überfällen zu schützen. Heinrich ging jedoch mit äußerster Brutalität vor. Bei der Eroberung eines der slawischen Hauptorte, der Burg Gana bei Meißen, wurden den Quellen zufolge alle Erwachsenen umgebracht und die Kinder versklavt. Die Slawen antworteten auf solche Härte mit gleicher Münze und töteten alle Bewohner sächsischer Burgen, die sie einnehmen konnten – was wiederum die Sachsen dazu brachte, „keine Gefangenen zu machen“, wie das im militärischen Sprachgebrauch heißt.

Der Chronist Widukind von Corvey stellte Heinrichs Härte gegen „Außenstehende“ dem Willen zum Ausgleich gegenüber, den er innenpolitisch praktizierte. Anscheinend machte Heinrich – anders als seinerzeit Karl der Große in den Sachsenkriegen – keine Anstalten, die Slawen zum Christentum zu bekehren und sie auf Dauer der Reichsgewalt zu unterwerfen. Seine Soldaten konnten auf diesen Feldzügen Beute machen und sich militärische Lorbeeren erringen. Für einen zeitweiligen Rückzug konnte er Tribute erpressen – im Grunde nicht viel anders, als es die ungarischen Reitertruppen im Ostfränkischen Reich auch taten. Die sogenannte „Ostkolonisation“ des späteren Mittelalters war ein völlig anderes Phänomen: Viele Tausende ließen sich, gerufen von den lokalen Machthabern, als Bauern, Handwerker und Händler in den Gebieten östlich der Elbe nieder.


Ausstellung

„Heinrich I. in Quedlinburg“, 19. Mai 2019 bis 2. Februar 2020 in Schlossmuseum und Stiftskirche Quedlinburg


Mehr im Internet:

Heinrich I. - Wikipedia
Ausstellung „Heinrich I. in Quedlinburg“, Schlossmuseum und Stiftskirche Quedlinburg
scienzz artikel Frühes Mittelalter

 

 

 

 

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