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07.05.2019 - POPULAERKULTUR

Scheppernde Musik, lange Haare, ekstatische Gliederverrenkungen

Die "Pop Society" in den 1950ern und 1960ern

von Josef Tutsch

 
 

Der King: Elvis-Presley-
Statue in Jerusalem
Bild: Eranb/Wikipedia

Die Rolling Stones waren noch gar nicht aufgetreten, als bereits Feuerwerkskörper gezündet wurden, Schuhe und Unterwäsche flogen auf die Bühne. Nur mit viel Mühe konnten Ordner die Bühne für die Musiker freihalten. Zehn Minuten, nachdem Mick Jagger & Co. zu spielen begonnen hatten, stürmten einige Dutzend Fans das Podium, sie wollten unbedingt gleich neben ihren Idolen stehen. Polizisten räumten die Bühne mit dem Knüppel, damit das Programm fortgesetzt werden konnte. Viele der Zuschauer stiegen auf die Bänke und hüpften rhythmisch, bis die ersten Bretter splitterten.

Das Konzert der Rolling Stones 1965 in Berlin war einer der Höhepunkte der „Jugendkultur“ in den 60er Jahren. Seit dem späten 18. Jahrhundert, schreibt der Berliner Historiker Bodo Mrozek in seiner neuen Studie zur „pop society“, war die Jugend nach und nach als „Lebensphase eigenen Rechts“ entdeckt worden, zwischen Kindheit und Erwachsenenleben. Im frühen 20. Jahrhundert kamen mit den Jugendbünden und „Boy Scouts“ Organisationen auf, die eigens den Jugendlichen vorbehalten waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab der relative Wohlstand in breiten Bevölkerungsschichten mit mehr Taschengeld und Freizeit der Jugend auch eine wachsende ökonomische Bedeutung.

Der Berliner Historiker Bodo Mrozek hat die Entwicklung der jugendlichen Subkultur in den 1950ern und 1960ern in einem mehr als 700 Seiten umfassenden Buch nachgezeichnet. Die kulturelle oder moralische Revolution ging der politischen, die wir im Rückblick mit der Jahreszahl „1968“ umschreiben, voran. Bis heute wird die Musik dieser Zeit von vielen der Älteren unter uns als eine Art Heimat empfunden. Der Blick in die Zeitzeugnisse zeigt jedoch: Damals wurde diese Jugendkultur von den „Etablierten“ in der Gesellschaft vor allem als Randale wahrgenommen.

Bei jenem legendären Konzert in der Berliner Waldbühne sah sich der Veranstalter durch die Tumulte im Publikum genötigt, den Auftritt der Rolling Stones nach etwa einer halbe Stunde abzubrechen. Die Band, die noch jung war, hatte einen großen Teil ihres Repertoires auch bereits abgespielt; doch das wollten die Zuschauer nicht akzeptieren und forderten Zugaben. In den folgenden Minuten wurden große Teile des Mobiliars zerstört, die Polizei räumte die Waldbühne.

Heute würden wir das vielleicht nicht einmal so ungewöhnlich finden. Aber nach den Maßstäben damals passten die Ausschreitungen eben nicht zu einem Konzert. Ein Konzert – das war eine Veranstaltung, bei der das Publikum gesittet der Musik lauschte und nach dem Schlussakkord ebenso gesittet seinen Beifall oder auch sein Missfallen kundtat. Die jugendliche Musikkultur sprengte nun diesen Rahmen.

Es war, betont der Autor, eine durch und durch internationale Entwicklung, die, von den angelsächsischen Ländern ausgehend, die gesamte westliche Welt erfasste und durch den „Eisernen Vorhang“ hindurch auch die DDR. Und ebenso international waren das Entsetzen vieler Älterer und die Versuche, die neue Jugendkultur zu unterdrücken. Mrozek hat eine kleine Bilderserie mit Verbrennungsszenen zusammengestellt: Im amerikanischen „Bible Belt“ wie in der Schweiz, in der Bundesrepublik Deutschland wie in der DDR landeten Schallplatten und sogenannte Schundliteratur auf dem Scheiterhaufen.

Bill Haley & His Comets, 1954
Bild: Wikipedia 


Es waren eben nicht bloß die gewalttätigen Ausschreitungen, die Ärgernis erregten. Bereits die Art, wie die jugendlichen Zuhörer dieser neuen Musik, von Elvis Presley und Bill Haley bis zu den Beatles und den Rolling Stones, körperlich „mitgingen“, rief Kopfschütteln hervor. Die Presse spottete gelegentlich über die rhythmischen Bewegungen von Kopf und Händen zur Musik: Es handle sich um eine „psychische Epidemie“. Ein Polizeipsychologe widersprach, er sah darin eher „eine harmlose Ventilsitte“ nach Art des Karnevals: Aggressivität würde auf diese Weise ritualisiert und damit gemäßigt. Einige Tage vor dem Berliner Konzert 1965 übte sich auch die Boulevardzeitung „B.Z.“ in Verständnis: „In der Waldbühne soll ja gekreischt werden, darf man Jacken schwingen und in Ohnmacht fallen. Das gehört dazu.“

Sätze, die der Zeitung später, nachdem sich herausgestellt hatte, dass es nicht beim „Kreischen“ und „in Ohnmacht fallen“ blieb, den Vorwurf eintrugen, sie haben Feuer geschürt. Über einen Zusammenhang zwischen der „harten Beat-Musik“ und der Gewalt wurde heftig spekuliert. Die „rhythmisch stark akzentuierte Lärmorgie“ sei „durchaus geeignet, bei jugendlichen Zuhörern eine gefährliche Massenhysterie zu erzeugen“, hieß es in einem Papier der Berliner Polizei.

Das war sicherlich vielen Beobachtern der Szene aus dem Herzen gesprochen. „Es begann mit einem Lärm, als würden riesige Blechplatten abgeladen werden“, berichtete die „Offenbach-Post“ 1958 über ein Konzert des amerikanischen Rock‘n‘Roll-Sängers Bill Haley in Mannheim. „Sofort geriet das Auditorium in einen Zustand der Besinnungslosigkeit.“ „Die jungen Leute trampeln, pfeifen, kreischen und springen von ihren Sitzen auf. Die Ohren vibrieren, die Sitze wackeln und der Boden scheint zu beben.“ Über ein Rock‘n‘Roll-Turnier in Frankfurt am Main 1957 wurde berichtet, die Teilnehmer würden „verklärte und blöde Gesichter zugleich“ machen, „als sei man von Trance befallen, von einer fremdartigen Krankheit der Ekstase“.

Waren die scheppernden Sounds, die – Originalton Mrozek – „ungewohnten klanglichen Informationen“, die das Publikum derart mitgehen ließen, überhaupt Musik und nicht vielmehr Lärm? „Negermusik“ war ein verbreitetes Schimpfwort dieser Jahre, als Inbegriff von emotionaler Enthemmung. Außerhalb des Konzertsaals störten viele Jugendliche – „Halbstarke“, wie man damals sagte – gern mit überlauten Motorrädern die Ruhe und Ordnung. Dass die Darbietungen auf der Bühne wie die Reaktionen im Publikum auch ihre sexuelle Note hatten, war schwer zu übersehen. Elvis Presley verdankte seinem berühmten Hüftschwung den Beinamen „The Pelvis“, „das Becken“.

In der Mode wurden vor allem lange Männerhaare zum Kennzeichen sowohl der Pop- und Beatmusik als auch einer von bürgerlichen Maßstäben abweichenden Jugendkultur. „Lange Haare, die über Ohren und Kragen herabfallen, wirken ungepflegt“, zitiert Mrozek ein „Buch vom guten Benehmen für Jedermann“ aus dem Jahr 1951. Im Westen wie im Osten galt ein militärisch kurzer Schnitt als Norm. Mitte der 1960er Jahre jedoch verbreitete sich von Kalifornien aus eine Kulturrevolution um die Welt: der „Hippie-Look“ mit wallenden Haaren und üppigen Bärten. Der Autor hat einen Polizeibericht aus dem Westberlin des Jahres 1966 gefunden, in dem es heißt, „weit widerlicher“ als Minirockträgerinnen und „Gammler in verdreckten Pelzjacken“ seien „jene langmähnigen Schlakse, die sich in ihrer modernen Kleidung mit den hochhackigen Schuhen in einer impertinenten Art bewegen und benehmen, die sofort erkennen lässt, dass es für sie keine Ordnungsnormen gibt, die von ihnen anerkannt werden müssten“.

Wenigstens in dieser Hinsicht gab es nicht einmal einen Gegensatz der politischen Systeme. In der DDR belobigte das „Neue Deutschland“ Ostberliner Schüler, die einen langhaarigen Kameraden in Selbstjustiz mit der Schere zur Kurzhaarfrisur zurückgeführt hatten. Manche Polizeistellen sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik führten „Gammler-Karteien“, mit der Rechtfertigung, unter dieses Milieu würden sich gern „entlaufene Anstaltszöglinge“ und „echte Kriminelle“ mischen. Am Gammler-Phänomen kam es gelegentlich aber auch zu Spaltungen in der Jugendszene, die in sich eben vielfältiger war, als man im Rückblick meinen könnte. In Frankfurt am Main erregte 1967 ein Auftritt zwischen jugendlichen Rockern und jugendlichen Gammlern Aufsehen: Die einen wollten den anderen die Haare schneiden.

1957 wurden in Köln einige hundert Jugendliche vorläufig festgenommen, weil sie laut Polizeibericht „Krawall veranstaltet“ hatten. Sieben von ihnen wurden wegen Landfriedensbruchs verurteilt. Einer der Jugendlichen behauptete allerdings, das „Vergehen“ habe bloß darin bestanden, in Gruppen auf einem Platz herumzustehen, einfach so. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, die Frage nach einer kommunistischen Unterwanderung der Halbstarken oder gar einer Lenkung aus Ostberlin lag nahe. Dafür waren jedoch, wie in den Polizeiakten gelegentlich auch vermerkt wurden, keine Anzeichen zu finden.

Rolling-Stones-Tour 1965
Bild: Wikipedia 


Die DDR-Führung freilich versuchte, solche Vorfälle propagandistisch zu verwerten. In der FDJ-Zeitung „Junge Welt“ hieß es in einem Kommentar über die „Bonner Knüppeldemokraten“, der westdeutsche Staatsapparat sei „von oben bis unten mit Faschisten durchsetzt“: „Wer nicht pariert, bezieht Hiebe.“ Was die DDR nicht davon abhielt, selbst gegen eine Jugendszene vorzugehen, die angeblich durch „Provokateure“ der Westalliierten ferngesteuert wurde. 1953 brachte das „Neue Deutschland“ auf seiner Titelseite das Foto eines Minderjährigen im T-Shirt mit Cowboymotiv, der als „Texas-Boy“ tituliert wurde. Ein Verbrecherfoto, Bildunterschrift: „So sieht die faschistische Brut der Adenauer, Ollenhauer, Kaiser und Reuter aus!“ In Leipzig griff die Polizei 1957 einen Jugendlichen auf, der öffentlich Rock‘n‘Roll tanzte. Die Aufforderung, „seine Gliederverrenkungen einzustellen“, blieb ohne Gehör.

Mit dem Versuch, die kulturelle in eine politische Opposition umzumünzen, waren die DDR-Offiziellen offenbar sehr schnell bei der Hand. In den Akten ist davon die Rede, in Dresden hätte es eine Zusammenrottung gegeben, bei der Rufe nach westlicher Rockmusik ebenso skandiert wurden wie „Wir wollen die NATO und Adenauer“. „Dass dies tatsächlich dem Wortlaut entsprach, darf bezweifelt werden“, vermerkt Mrozek. Die Regierung selbst tat manches, um eine solche Vermischung zu fördern: Das Hören westlicher Rundfunksender wurde strafrechtlich verfolgt.

Tatsächlich hatten kulturelle und politische Widerständigkeit, in welchem „System“ auch immer, etwas Gemeinsames. So verschiedene Phänomene wie die Begeisterung für eine Musik, die in den Ohren vieler Älterer einfach nur Lärm war, die rhythmischen Körperbewegungen, das Kreischen und Schrein während der Konzerte, die Kleidungen und Haartrachten jenseits traditioneller Bilder von Männlichkeit oder Weiblichkeit, das Auftrumpfen mit den überlauten Motorrädern und eben einzelne mehr oder weniger politische Aktionen – sie alle waren „Formen der Abweichung“, die sichtbar und hörbar signalisierten, dass man einer bestimmten Subkultur angehörte, mit einer anderen Lebensauffassung, einer anderen Moral und einer anderen Ästhetik.

Manchmal auch mit Ansätzen zu einer Art Religionsersatz. Das Management von Elvis Presley, berichtet Mrozek, ließ Unterschriftenstempel anfertigen, damit der Bedarf nach „echten“ Elvis-Autogrammen gedeckt werden konnte – die Jugendkultur hatte ihren eigenen Devotionalienhandel hervorgebracht. Wie die neue Musik langsam auch „bürgerliche“ Kreise eroberte, zeigt Mrozek am Beispiel des Berliner RIAS. 1954 hatte noch der gute alte deutsche Schlager das Programm bestimmt. 1957 waren es nicht nur Swing und Jazz, sondern auch der Rock.

Nicht zuletzt die Begeisterung für die Beatles, die „Beatlemania“, seit Mitte der 1960er Jahre trug dazu bei, dass die jugendliche „Subkultur“ allmählich zum Mainstream wurde. Mrozek: „Was zunächst als Jugenddelinquenz bekämpft wurde, galt zehn Jahre später als Inbegriff urbaner Kultur.“ Die Studie über die Entwicklung der „pop society“ bricht 1966 ab, im Vorfeld der großen Politisierung, die wir mit „1968“ verbinden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Bodo Mrozek: Jugend, Pop, Kultur. Eine transnationale Geschichte, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2237, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-4-518-29837-4, 34,00 € [D], 35,00 € [A]


Mehr im Internet:
Pop - Wikipedia
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