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20.05.2019 - PHILOSOPHIE

Bildhauerarbeit an sich selbst

Diskussionen um die Lebenskunst in Antike und Gegenwart

von Josef Tutsch

 
 

Epikur (Louvre, Paris)
Bild: Eric Gaba/Wikipedia

„Lebenskunst ist die Kunst des Weglassens“, sagte einmal Coco Chanel. „Das fängt beim Reden an und endet beim Décolleté“. Ob die Modedesignerin wohl ahnte, wie intensiv sie sich mit ihrem leicht dahingeworfenen Bonmot an die philosophischen Reflexionen zum Thema „Glückseligkeit“ seit der Antike anschloss? Im Zeitalter des Hellenismus hatten die Vertreter der stoischen wie der epikureischen Schule gelehrt, der geeignete Weg zur Ausgeglichenheit und zum inneren Frieden bestehe in einem „Weglassen“, nämlich in der Kunst, seine Bedürfnisse zu reduzieren. Es sei nicht ein Zuwenig an Sinnerfüllung, das uns unglücklich mache, sondern ein Zuviel an Sinnerwartung.

Die europäische Neuzeit hat „einen anderen Weg zum Glück gewählt“, schreibt der Chemnitzer Philosoph Ferdinand Fellmann im neu erschienen Handbuch zur „kritischen Lebenskunst“, „nämlich den der Befriedigung immer neuer Bedürfnisse, sinnlicher wie geistiger“. Um den Preis eines „verschwenderischen Umgangs mit den Ressourcen“ - und womöglich doch nicht mit dem gewünschten Erfolg. Sigmund Freud stellte einmal fest, zwar komme der Mensch als Glückssucher auf die Welt. Aber die Absicht, dass der Mensch glücklich werde, sei „im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten“.

Der Kölner Erziehungswissenschaftler Jörg Zirfas und der Berliner Psychotherapeut Günter Gödde haben einen umfangreichen Sammelband mit fast 50 Artikeln zum Thema „Lebenskunst“ erstellt. Das Spektrum der Beiträge reicht von der „Sorge um sich selbst“, die bei Sokrates die zentrale philosophische Frage war, bis zu modernen Lifestyle-Diskussionen à la Chanel, von der Rolle, die Sport oder Kunst oder Religion in einem Lebenskonzept spielen können, bis zu den aktuellen politischen Debatten etwa über die soziale Gerechtigkeit oder den Begriff der „Heimat“.

„Kritische Lebenskunst“ lautet der Titel des Bandes. Auf das Beiwort „kritisch“ legen Gödde und Zirfas viel Gewicht, sicherlich auch, um sich von der überbordenden Ratgeberliteratur abzusetzen. In Philosophie und Sozialwissenschaften ist die Frage, wie wir leben wollen oder leben sollen, zu einem zentralen Thema geworden. Wieder geworden, um genau zu sein: Seit Kant geriet sie in der praktischen Philosophie in den Schatten seines Pflichtbegriffs. Der Kategorische Imperativ lehrt vielleicht, wie wir uns eines glücklichen Lebens würdig erweisen, aber nicht, wie wir wirklich glücklich werden können. Wie andererseits die Lebenskunst von philosophischen Voraussetzungen abgelöst wurde, zeigt die Rezeption von Adolph Knigges Buch „Über den Umgang mit Menschen“, das gleichzeitig mit Kants „Kritik der praktischen Vernunft“, 1788, erschien: Was als Reflexion zum Thema „Lebensklugheit“ gemeint war, wurde mehr und mehr als „Benimmratgeber“ gelesen.

Lebenskunst sei immer kritisch, räumen die Herausgeber ein, insofern sei die Formulierung des Titels ein Pleonasmus. „Kritisch“ bedeutet zunächst, dass wir mit der Realität unzufrieden sind und uns ein besseres, gelungeneres Leben erträumen. Die Herausgeber nennen Beispiele aus der philosophischen Tradition für solche Träume: die platonische Gesellschaft der Gerechtigkeit, die christlichen Modelle eines gottesfürchtigen, asketischen Lebens, das Konzept eines natürlichen Lebens bei Rousseau, die vernünftige Organisation der Weltbürgerschaft bei Immanuel Kant usw. usf.

Tritt man einen Schritt zurück, stellt sich aber auch gleich die Frage nach der Legitimität der Maßstäbe, von denen her das reale Leben als ungenügend gewertet und verworfen wird. „In der Debatte um die Lebenskunst schwingt bis heute immer auch ein aristokratisch-elitärer und ideologisierender Unterton mit“, vermerken die Herausgeber. Das gelungene Leben bedarf einer gesteigerten Reflexion; Lebenskunst wird mit Begabung und Bildung, mit Geschmack und Kultiviertheit assoziiert – also mit Eigenschaften, die vielleicht nicht jedem „einfach so“ zur Verfügung stehen.

Da liegt die Folgerung nahe, dass nur wenige einzelne in der Lage sein könnten, Lebenskunst zu praktizieren, während die vielen anderen ohnehin durch die Mühen des Alltags davon abgehalten würden. Lebenskunst bedarf der Muße, und Muße muss man sich leisten können. Seit der Antike stehe das Nachdenken über das „gute Leben“ unter dem „Vorbehalt“, dass die sozialen und ökonomischen Fragen sozusagen ausgelagert sind, schreibt der Jenaer Sozialwissenschaftler Karl August Chassé in seinem Beitrag zum Thema „Armut“.

Ars-moriendi-Darstellung von Hieronymus
Bosch, 1520/25 (Prado, Madrid)
Bild: Wikipedia 


Der amerikanische Philosoph Michael Walzer hat daraus die Konsequenz gezogen, der Staat sei verpflichtet,  „seine Bürger proportional zu ihren Bedürfnissen mit medizinischen Leistungen, Erziehung, Rechtshilfe, Rentenzahlungen im Alter etc. zu versorgen“. So könne er seinen Bürgern, referiert Manuel Knoll von der Universität Istanbul, „eine Vielzahl von Entscheidungsmöglichkeiten über ihr Leben und damit Optionen zu einem guten und gelingenden Leben eröffnen und sichern“. Allerdings auf die Gefahr hin, meinen die Kritiker des Wohlfahrtsstaates, ihnen die Fähigkeit zur Gestaltung ihres eigenen Lebens, zu eigener Lebenskunst, abzugewöhnen.

Man sieht, die Frage der Lebenskunst wirft aktuelle politische Debatten auf. Zirfas und Gödde wollen der „individualistisch-elitären Richtung“ eine „demokratisch orientierte Richtung der Lebenskunst gegenüberstellen, die potentiell viele, vielleicht sogar alle Menschen in der Gestaltung ihres Lebens verwirklichen können“. Ob die Wortkopplung „individualistisch-elitär“ so ganz glücklich ist, lässt sich bezweifeln. Den Individualismus auf dem Altar demokratischer Egalität zu opfern, kann wohl kaum der Sinn von „Lebenskunst“ sein.

Zirfas und Gödde führen denn auch aus, dass es gerade die „Modelle individueller Selbsterschaffung“ sind, die „Erfinde-dich-selbst-Konzeptionen“, die alle modernen Diskussionen um Lebenskunst fundamental von denen der Antike und des Mittelalters unterscheiden. „Die antiken Konzeptionen gingen von einem für alle Individuen gleichermaßen gültigen Weg aus, der beschritten werden müsste, um ein gelungenes und glückliches Leben zu führen.“ Für alle gleichermaßen, jedenfalls im Prinzip. Sokrates wird auf seine Zeitgenossen nicht zuletzt deshalb so irritierend gewirkt haben, weil in seiner Gestalt etwas aufleuchtete, was diese allgemeine Gültigkeit in Frage stellte.

Vergleicht man die modernen Diskussionen über Lebensqualität und Lifestyle mit den antiken Glückseligkeitslehren, stellt Fellmann fest, fällt vor allem auf, dass der moralische Aspekt, also die Einbindung der Klugheitsregeln für das eigene Leben in moralische Ordnungen, sehr in den Hintergrund getreten ist. Zum Beispiel in der Liebeskunst: Jedenfalls in der westlichen Kultur ist sie heute weitgehend „dereguliert“, die Regeln „haben ihren präskriptiven Charakter verloren und werden nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum experimentell eingesetzt“.

Der französische Philosoph Michel Foucault hat auf die eigentümliche Spannung aufmerksam gemacht, in der die moderne Diskussion um die „Selbstsorge“, die „Sorge um sich selbst“, steht. Einerseits seien wir Erben der christlichen Moraltradition, die vom Ideal der Selbstlosigkeit geprägt ist, notfalls auch der Selbstaufopferung. Andererseits werde die Gegenwart von einer geradezu manischen „Selbstversessenheit“ beherrscht. Seit der frühen Neuzeit wurde die Lebenskunst immer „individualistischer“ und „experimenteller“, der Einzelne war immer stärker „gezwungen, sein Leben ‚besonders‘ zu machen, damit es in seinen, aber auch in den Augen anderer etwas ‚wert‘ ist“.

Einen rhetorischen Höhepunkt brachte im 19. Jahrhundert Friedrich Nietzsches Appell, die „alten Tafel“ zu zerbrechen, um „Dichter“ des eigenen Lebens oder „Bildhauer seiner selbst“ zu werden. Bereits ein Jahrhundert zuvor hatte der französische Moralist Nicolas Chamfort in einem Aphorismus die „Klugheit des Adlers“ gepriesen: Sie bestehe darin, „kühn seinem Charakter zu folgen und allen Nachteil und Schaden hinzunehmen, der aus ihm entspringt“.

Unserem eigenen „Charakter“ und nicht den Zuschreibungen durch andere, die uns auf bestimmte gesellschaftliche Rollen festlegen möchten. Das Thema Lebenskunst führt auf die Frage „Wer bin ich?“, schreibt die Kölner Sozialwissenschaftlerin Juliane Noack Napoles. Oder umgekehrt formuliert: Wieweit kann ich Kompromisse mit der sozialen Umwelt eingehen, ohne mich selbst zu verraten? Napoles zitiert aus dem Buch ihres Kollegen Wilhelm Schmid zur „Philosophie der Lebenskunst“, 1998: „Es ist der Kern, der inmitten aller Veränderlichkeit und auch Widersprüchlichkeit eine relative Beständigkeit garantiert, und es sind die Peripherien, die die Osmose mit Anderen erleichtern.“

Die Frage, inwieweit das Vorbild des Adlers eine lebenskluge Wahl ist, stellt sich ganz alltäglich, wenn zum Beispiel junge Leute in der Diskussion mit den Eltern daran gehen, ihren Lebensplan zu entwerfen. Der Berliner Soziologe Gunter Gebauer hat eine Reihe von Sportlern verschiedener Disziplinen nach ihrem „Selbstmanagement“ befragt, nach der „ökonomischen Form der Lebensführung“, mit der sie ihre Karriere meisterten. Das wenig überraschende Ergebnis: „Im reinen Profisport ist die Lebensführung sehr stark an finanziellen Zielen ausgerichtet.“ „Es lässt sich vermuten, dass die Orientierung an den Werten des Sports und an seinem Selbstzweck von sportfremden Interessen überlagert wird, je stärker sich die Sportart professionalisiert.“

Wilhelm Busch, Selbstportrait, 1894
Bild: Wikipedia 


Aber das ist bloß die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass es nur einer kleinen Minderheit gelingt, ihr „Hobby“ zum Beruf zu machen, der den Lebensunterhalt trägt. Es kann also nicht nur ein wirtschaftliches Motiv sein, das junge Leute dazu treibt, sich in diese Richtung zu orientieren. Gebauer ist aufgefallen, dass Spitzensportler „mehrheitlich aus Familien der bürgerlichen Mittelschicht mit überdurchschnittlicher Bildung“ kommen. Offenbar wird der Spitzensport in diesen Schichten „als eine Handlungsfeld angesehen, in dem Jugendliche und junge Erwachsene während einer gewissen Lebensperiode eine hoch angesehene Lebensführung ausbilden können“.

Immer mit der Gefahr im Auge, dass ein zeitweise als sinnhaft empfundenes Leben sich ökonomisch am Ende ganz unzureichend auszahlt. Ist es Lebensklugheit und Lebenskunst, wenn das handelnde Ich sein materielles und psychisches Wohlergehen, womöglich seine Existenz, einem idealen Selbstkonzept zum Opfer bringt? Zirfas und Gödde verweisen auf das modische Schlagwort „Selbstoptimierung“: „Ob wir uns mit Sport, Gesundheit oder Wirtschaft, mit Psychologie, Bildung oder Erziehung oder auch mit Partnerschaften und Sexualität beschäftigen – überall werden wir mit der Anforderung konfrontiert, uns selbst, unsere Arbeit, unsere Gemeinschaft oder die Institutionen, für die wir tätig sind, zu ‚verbessern‘.“

Verbessern möglicherweise auch im Sinne vorgegebener Effizienzstrategien, der Rationalisierung der Arbeitsprozesse. Anthropologisch zwingend ist die Herrschaft des Effizienzprinzips keineswegs. Zum Beispiel die fromme Literatur des späten Mittelalters, erklärt der Dresdner Psychoanalytiker Ralf T. Vogel, lehrte die „ars vivendi“, die Lebenskunst, vor allem als eine „ars moriendi“, als die Kunst, „richtig“ zu sterben. Der Philosoph Wilhelm Weischedel sprach in den 1970er Jahren von einer „Grundhaltung der Abschiedlichkeit“: Leben bedeute, Tag für Tag ein Stück weit Abschied nehmen zu müssen.

Wahrscheinlich resultiert die aktuelle Konjunktur des Themas „Lebenskunst“ ja aus unserer zunehmenden Verunsicherung in der modernen Welt. Der Berliner Psychoanalytiker Rüdiger Eschmann führt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an, der 2017 meinte: „Je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat.“ Sigmund Freud stellte einmal fest, die eigentliche „Heimat“ des Menschen, „das ehemals Heimische, Altvertraute“, sei der Mutterleib. Aber das Realitätsprinzip mahnt uns, dass eine Rückkehr dorthin nicht möglich ist. Ein gelingendes Leben gibt es nur auf dem Umweg über das, was Hegel  „Entfremdung“ nannte, als Arbeit an einem Anderen, zunächst Fremden. Welche Aggressionen aufkommen, wenn das Gefühl von Fremdheit übermächtig wird, zeigt die aktuelle Konjunktur „populistischer“ Bewegungen nur zu deutlich.

Gelassenheit nennt Fellmann als die vielleicht wichtigste Tugend, die Lebenskunst ermöglicht: Der Mensch, lehrte Arthur Schopenhauer, führe neben seinem tätigen Leben ein zweites, kontemplatives, indem er als Zuschauer seiner eigenen Taten auftritt und sich in Distanz zu sich selbst übt. Und Humor gehört dazu, stellt der Koblenzer Philosoph Johannes Drerup fest. Wilhelm Busch hat Schopenhauers zutiefst pessimistische Lebenskunst-Lehre in Verse gebracht. „Der Vogel denkt: Weil das so ist und weil mich doch der Kater frisst, so will ich keine Zeit verlieren, will noch ein wenig quinquillieren und lustig pfeifen wie zuvor.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Kritische Lebenskunst. Analysen – Orientierungen – Strategien, herausgegeben von Günter Gödde und Jörg Zirfas, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2019, XIV + 489 S. mit 10 Abb., ISBN 978-3-476-04643-7, 49,99 €


Mehr im Internet:
Lebenskunst - Wikipedia 
Kritische Lebenskunst. Analysen – Orientierungen – Strategien, herausgegeben von Günter Gödde und Jörg Zirfas, J. B. Metzler Verlag 
scienzz artikel Anthropologie 

 

 

 

 

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