Berlin, den 13.12.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

13.06.2019 - MUSIKTHEATER

"Sie koennte Tote erwecken, diese Musik"

Vor 200 Jahren wurde Jacques Offenbach geboren

von Josef Tutsch

 
 

Jacques Offenbach Fotografie
von Félix Nadar - Bild: Wikipedia


Es war am 8. Dezember 1881. Im Wiener Ringtheater sollte „Hoffmanns Erzählungen“ gegeben werden, das letzte Werk von Jacques Offenbach, der im Jahr zuvor in Paris verstorben war. Als zu Beginn der Vorstellung der Gasbrenner auf der Hinterbühne angezündet wurde, gerieten Teile der Dekoration in Brand. Ein heftiger Luftstoß trieb Hitze und Rauch in den vollbesetzten Zuschauerraum. Etwa 400 Menschen fielen den Flammen zum Opfer.

Die Musikwelt war erschüttert. Nein, nicht die ganze Musikwelt. „Wer in einem solchen Theater beisammensitzt, ist das nichtsnutzigste Volk“, kommentierte Richard Wagner. Wenn so und so viele aus dieser Gesellschaft umkommen, während sie einer Offenbachschen Operette beiwohnen, worin sich auch nicht ein Zug von moralischer Größe zeigt, das lässt mich gleichgültig, das berührt mich kaum.“

„Nicht ein Zug von moralischer Größe ...“ Jacques Offenbach, der am 20. Juni 1819, vor 200 Jahren, in Köln geboren wurde, hatte es in seinem Heimatland schwer. In seinen „Opéras bouffes“ herrschte eine Leichtigkeit, Kritiker sagten: eine Frivolität, die nicht zum Ideal einer „heiligen“ Kunst zu passen schien. Im Krieg von 1870/71 kam das Gerücht auf, Offenbach hätte deutschfeindliche Kriegslieder komponiert. Die „Leipziger Allgemeine“ druckte sein Dementi mit der giftigen Bemerkung ab, Offenbachs eigentliches Attentat gegen sein Geburtsland bestehe in der Produktion seiner Operetten.

1833 hatte der Vater Isaac Offenbach, der Kantor der Kölner Synagogengemeinde war, den 14-jährigen als Schüler im Pariser Conservatoire de musique untergebracht. Zwei Jahre später erhielt Jakob oder nunmehr Jacques eine Stelle als Cellist an der Opéra-comique. Bald wurde er zu einem viel umjubelten Cellovirtuosen, der 1844 am Londoner Hof vor Queen Victoria musizierte. Von 1847 an komponierte er neben Walzern und Romanen auch kleine Bühnenwerke. 1855 konnte er zur Pariser Weltausstellung sein eigenes Theater eröffnen, die „Bouffes Parisiens“.

Zunächst durfte Offenbach nur Einakter mit höchstens vier Personen auf die Bühne bringen, kaum eine Stunde lang, oft mit haarsträubendem Inhalt. Zum Beispiel „Ba-ta-clan“, eine „Chinoisierie musicale“, uraufgeführt im Dezember 1855. Ein Pariser ist aus Versehen auf den Thron des Kaiserreichs Klein-China gelangt. Leider beherrscht er die Sprache nicht, so passiert es ihm schon mal, dass er einen Untertanen, statt ihm einen Orden zu verleihen, zu pfählen befiehlt.

Ob Offenbachs Zuschauer angesichts dieses Operettenkaisers an ihren realen Kaiser dachten, der drei Jahre zuvor als Napoleon III. den Thron bestiegen hatte? „Das Modell sämtlicher Operettenhöfe Offenbachs war der in den Tuilerien“,  schrieb der Soziologe Siegfried Kracauer 1937 in seiner Studie über „Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit“. „Die Operette konnte entstehen, weil die Gesellschaft, in der sie entstand, operettenhaft war“ – operettenhaft in dem Sinn, dass „eine relativ ungetrübte materielle Prosperität breite Schichten vor der Not des Daseins schützte und die Schaffung rauschender Blendwerke ermöglichte“.

Es herrschte die „Zerstreuungssucht“. 1858 sprachen Offenbachs Librettisten Ludovic Halévy und Hector Crémieux dieses „Betriebsgeheimnis“ des Zweiten Kaiserreichs in ihrer ersten abendfüllenden „Offenbachiade“, „Orpheus in der Unterwelt“, offen aus. Unter den Klängen der Marseillaise wollen die olympischen Götter eine Revolution anzetteln. Warum? „Dieses Regime ist langweilig!“ Aber Göttervater Zeus hat die Lage rasch wieder im Griff, indem er seinen Untertanen Amüsement bietet, einen Ausflug in die Unterwelt – und am Ende den Cancan, mit dem sich bis heute noch jedes Publikum in Raserei versetzen lässt.

Theaterprogramm zu "Orpheus in
der Unterwelt", Paris 1874
Bild: Wikipedia 


„Scheint uns nicht", schrieb zur Uraufführung ein Musikkritiker, „als ob wir bei den ersten Klängen eine ganze Gesellschaft mit einem Ruck aufspringen und sich blindlings in den Tanz stürzen sähen? Sie könnte Tote erwecken, diese Musik.“  Seit dem „Orpheus“ lagen Paris und Europa Offenbach zu Füßen. Richard Wagner, der drei Jahre später in Paris seinen „Tannhäuser“ auf die Bühne brachte, quittierte es mit Neid und anhaltendem Hass.

Seinen Erfolg verdankte das Stück nicht zuletzt einem Verriss. Dieser „Orpheus" sei ein Anschlag auf die klassische Bildung, eine Schändung des heiligen Altertums, zeterte der Kritiker Jules Janin. Anscheinend hatte dieser Ehrenretter der Antike während der Aufführung ein Nickerchen gemacht; sonst wäre ihm nicht entgangen, dass eine besonders komische Passage im Libretto fast Wort für Wort aus einem seiner Feuilletons abgeschrieben war. Unterweltgott Pluton zitiert eine „schöne Tirade", die er „irgendwo" über die Wunder des Olymps gelesen haben will: „Hier atmet man einen Duft von Göttin und Nymphe, einen lieblichen Duft von Myrrhe und Eisenkraut, Nektar und Ambrosia ..."

Paris lachte sich halb tot über Janin, nachdem die Librettisten die Quelle aufgedeckt hatten. Als Kaiser Napoleon im April 1860 zu einem Theaterabend im Haus der italienischen Oper erschien, wünschte er sich keines der etablierten Repertoirestücke, sondern ausdrücklich den „Orpheus“. Von dem „Gloire à Jupiter!“ auf der Bühne fühlte er sich wohl geschmeichelt. Über das „Schüttelt ab die Tyrannei!“ hörte er generös hinweg, auch über die Parallelen zwischen den erotischen Eskapaden auf Offenbachs Olymp und jenen am kaiserlichen Hof.

„Lasst uns den Schein wahren!“, gibt Jupiter seinen Göttern als Parole aus. Während es im antiken Mythos wie in den Opern von Claudio Monteverdi und Christoph Willibald Gluck die eheliche Liebe ist, die Orpheus dazu bringt, seine Gattin aus dem Totenreich zurückholen zu wollen, hat Offenbachs Orpheus dazu nicht die geringste Lust. Er wird von der „öffentlichen Meinung“ dazu gezwungen. In den Worten von Siegfried Kracauer: „Da sich die napoleonische Diktatur auf die Gunst der Massen stützte, musste sie tatsächlich mehr als jedes andere Regime um die öffentliche Meinung buhlen."

Eine durch Pressezensur gelenkte öffentliche Meinung, versteht sich. Als Offenbach und seine Librettisten sechs Jahre nach dem „Orpheus“ mit der „Schönen Helena“ den Erfolg wiederholten, hatte sich die Rücksicht auf die Öffentlichkeit bereits arg gelockert. Weder der Oberpriester Calchas noch die griechischen Könige scheren sich viel um einen moralischen Schein. Helena fragt in ihrer großen Arie die Liebesgöttin, warum es ihr eigentlich solches Vergnügen bereite, die menschlichen Tugenden unter dem Druck der Leidenschaften in sich zusammenstürzen zu lassen. Prinz Orest plappert, während er mit seinen teuren Damen durch Sparta stolziert, ganz unbefangen, Papas Geld mache all das möglich, schließlich werde Griechenland ja bezahlen.

Es dauert nicht ewig, bringt einer der Könige, Agamemnon, die „Moral“ des Stücks auf den Punkt, also – amüsieren wir uns! Die frivole Handlung mündet in den Trojanischen Krieg. Der Zynismus des Stücks wurde sogar von allerhöchster Stelle gefördert. Ein Halbbruder Napoleons, der Herzog von Morny, wohnte gelegentlich den Proben bei; gut möglich, dass er sogar den einen oder anderen witzigen Einfall beitrug. Jung und Alt trällerte Offenbachs Melodien, auf den Straßen wie in den Salons erklang das „Evohé!“, der Jubelruf von Offenbachs Bühnenprinzen. Diese Musik versetze Götter und Menschen in Taumel, schrieb ein Kritiker. Es sei köstlich, sich mit dem Gesang der Primadonna Hortense Schneider die Ohren zu spülen, schwärmte Offenbachs Komponistenkollege Auber.

Die Schneider – sie war, lange vor der Erfindung von Film und Fernsehen, eine Diva nach dem Geschmack der modernen Massenmedien. 1867 durfte sie zur nächsten Pariser Weltausstellung im Théatre des Varietés als „Großherzogin von Gerolstein“ Hof halten. In ihrer Garderobe drängten sich die gekrönten Häupter Europas. Eine Operettenfürstin mit einem Operettenstaat und einer Operettenarmee. Es kommt zum Krieg, weil ihre Ratgeber der Großherzogin eine kleine Zerstreuung bieten wollen.

Vielleicht, überlegte Kracauer, haben sich Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck und sein Generalstabschef Helmuth von Moltke, die eine der Vorstellungen besuchten, die Frage gestellt, ob die Armee des Kaisers im Ernstfall schlagkräftiger wäre als die der Großherzogin? Bereits im Jahr zuvor hatten Offenbach und seine Mitarbeiter mit „Pariser Leben“ ein Stück produziert, das die Scheinhaftigkeit ihrer Gegenwart ohne jede mythologische oder märchenhafte Schminke auf die Bühne brachte. Der Kulturhistoriker Egon Friedell hat den Unterschied zwischen der Wiener Operette eines Johann Strauß oder Franz Lehár und jener eines Jacques Offenbach prägnant formuliert: Die Offenbachiade sei „gänzlich unkitschig, amoralisch, unsentimental, ohne alle kleinbürgerliche Melodramatik, vielmehr von einer rasanten Skepsis“.

Büste auf dem Cimetière de
Montmartre, Paris
Bild: Wowo2008/Wikipedia 


Das Leben sei darin „beinahe so unwahrscheinlich dargestellt, wie es wirklich ist“, stellte der Satiriker Karl Kraus fest, der im Wien der Zwischenkriegszeit beharrlich für die Wiedererweckung der Offenbachiade kämpfte. Kraus wusste, welche Schwierigkeiten die Offenbach-Operetten ihrer Präsentation auf der Bühne bieten: Was im Paris jener Jahre um 1860 Gegenstand der Satire war, ist nicht mehr lebendig und heute oft nur noch mit Kommentar verständlich; was heute lebendig ist, könnte man satirisieren - aber auf dem Niveau Offenbachs und seiner Librettisten eben nur dann, wenn man über deren Witz verfügt.

Und dann die Frivolitäten … „Bordellmusik“ geißelte bereits 1863 ein deutscher Kritiker den „Orpheus“. Das böse Wort hielt sich, in der Nazizeit wurde es um das Beiwort „jüdisch“ ergänzt. Mit solchen Anwürfen hatte Offenbach selbst noch nicht zu kämpfen. Aber im Krieg 1870/71 verdächtigte ihn eine französische Zeitung tatsächlich als Spion der Preußen. Und nach dem Krieg, als Napoleons Empire versunken war, hatte sich der Publikumsgeschmack verändert. Mit seinen Versuchen, sich dem anzupassen, hatte Offenbach nur halb und halb Erfolg. Eine große Enttäuschung muss für ihn gewesen sein, dass seine alten Mitarbeiter Meilhac und Halévy ihm zur Weltausstellung 1878 kein Textbuch für eine neue Opéra bouffe schreiben wollten.

Seine letzten Jahre widmete der Meister der komischen Operette, den sein Kollege Gioacchino Rossini voller Hochachtung den „Mozart der Champs Élysées“ genannt hatte, einem ernsthaften Stück. Es wurde neben „Carmen“ die meistgespielte französische Oper überhaupt. In „Hoffmanns Erzählungen“, meinte Kracauer, habe Offenbach sozusagen Gericht gehalten, sowohl über sich selbst und sein Werk als auch über seine Zeit. Die literarische Vorlage gaben drei Erzählungen des deutschen Romantikers E. T. A. Hoffmann. Die Hauptfiguren hatten die französischen Dramatiker Jules Barbier und Michel Carré 1851 in einem Theaterstück mit dem Dichter identifiziert – Hoffmanns Werke galten das ganze 19. Jahrhundert hindurch als Urbilder der phantastischen Literatur, der Dichter selbst als Genie halb am Rande des Wahnsinns.

Offenbach konnte „Hoffmanns Erzählungen“ nicht mehr vollenden. Aus den Entwürfen eine bühnentaugliche Oper zusammenzustellen, ist bis heute eine Herausforderung für jeden Regisseur. Man darf vermuten, dass der Komponist in diesen romantischen Dichtungen tatsächlich eine Vorausspiegelung jener Epoche verspürte, in der er selbst seine großen Triumphe gefeiert hatte: eine automatenhafte Fröhlichkeit, eine manische Jagd nach Vergnügen. Und der quälende Zweifel am Sinn der Kunst. „Er gehört mir!“ triumphiert Hoffmanns Muse am Ende des Stücks. Eine Muse, von der man nicht recht weiß, ob sie nicht eher ein Todesdämon ist. Der „Held“ der Apotheose ist betrunken eingeschlafen.


Immer noch lesenswert:

Siegfried Kracauer: Jacques Offenbach und das Paris seiner Zeit, Amsterdam 1937, neu erschienen bei: Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005, ISBN 978-3-518-58348-7, 48,00 € [D], 49,40 € [A], 63,90 CHF


Mehr im Internet:

Jacques Offenbach - Wikipedia 
scienzz artikel Musiktheater 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet