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02.06.2019 - KULTURGESCHICHTE

Hering, Findlinge und Backsteingotik

Eine Kulturgeschichte der Ostsee, von der Eiszeit bis zur Digitalisierung

von Josef Tutsch

 
 

Buddha von Helgö -Bild:
Soeren Hallgren/Wikipedia

Als im Sommer 1956 schwedische Archäologen auf der kleinen Insel Helgö westlich von Stockholm Reste eines Handelsplatzes aus dem frühen Mittelalter ausgruben, da fanden sie unter anderem eine zehn Zentimeter hohe Bronzeskulptur: einen meditierenden Buddha, der auf einer Lotusblüte sitzt. Stilvergleiche zeigten, dass er etwa im 6. Jahrhundert in Nordindien angefertigt wurde, im Grenzgebiet zum heutigen Afghanistan. Etwa 200 Jahre später gelangte er in den schwedischen Boden.

Ein Stück Indien an der Ostsee, im frühen Mittelalter … Man braucht nicht anzunehmen, meint der Kieler Nordeuropa-Historiker Martin Krieger in seiner neu erschienenen Kulturgeschichte des Ostseeraums, dass indische Kaufleute bis nach Schweden hin Geschäfte getätigt hätten. Wahrscheinlicher ist, dass der Buddha auf seinem Weg einige Male den Besitzer wechselte. Irgendetwas müssen alle Zwischenhändler an ihm gefunden haben. Reste eines Lederriemens legen die Vermutung nahe, dass er als Talisman umgehängt werden konnte.

Damals, in der nordgermanischen Eisenzeit, schreibt Krieger, war die Ostseeregion bereits in ein weitreichendes „Handels- und Kommunikationsnetzwerk“ eingespannt, ein Netz des interkulturellen Austauschs, wenngleich ein Buddha sicherlich doch eine Rarität darstellte.  Die „Vernetzung“ mit anderen Regionen, man möchte sagen: die „Globalisierung“ bildet einen roten Faden in Kriegers Kulturgeschichte. Nicht zufällig befasst sich das Schlusskapitel mit der Digitalisierung, die da neue Möglichkeiten eröffnet, freilich auch neue Probleme und Gefahren. Datenkabel, vermerkt Krieger, „stellen heute gewissermaßen die Nachfahren der bronzezeitlichen Holzschiffe, der Dampfer und schließlich auch der Brücken und Flugzeuge dar“.

Im Vergleich etwa mit dem Mittelmeer erweist sich die Ostsee als ein relativ „junger“ Kulturraum. Bis vor etwa 16.000 Jahren, stellt Krieger fest, war das gesamte nordöstliche Europa von einem dicken Eispanzer bedeckt, also unbewohnbar. Dabei hatte die Eiszeit, wenn man so will, eine ganz eigene Art von interregionaler „Vernetzung“ zustande gebracht; die Menschen des Mittelalters führten sie später auf Riesen oder Trolle oder auf den Teufel persönlich zurück: Durch das Eis waren riesige „Findlinge“ aus dem Norden in die Länder an der südlichen Ostsee gelangt, aus Gesteinsarten, wie man sie dort sonst nicht kannte.

Menschliche Besiedlung kann es erst gegeben haben, als sich im 11. Jahrtausend v. Chr. nach dem Abschmelzen des Eises eine Tundravegetation ausbildete. Es dauerte dann noch viele Jahrhunderte, bis der Waldwuchs „ganzjährige Überlebensmöglichkeiten“ bot. Und erst um 7.000 v. Chr. entstand überhaupt die Ostsee, wie wir sie heute in ihren geographischen Umrissen kennen: Durch ein Ansteigen des Meeresspiegels öffnete sich das Kattegat, die Wasserstraße zur Nordsee. In den vormaligen Süßwassersee konnte Salzwasser eindringen, es entstand die „weltweit größte Ansammlung von Brackwasser“.

Für die antiken und mittelalterlichen Geschichtsschreiber im westlichen und südlichen Europa, berichtet Krieger, lag die Ostsee ganz am Rande der bewohnten Welt. Mit der praktischen, wenngleich indirekten Einbindung der Region in den Welthandel, von der die Buddhaskulptur zeugt, konnte die geographische Wissenschaft lange nicht Schritt halten. Einhard, der Biograph Karls des Großen, schrieb im 9. Jahrhundert reichlich vage von einem „Golf unbekannter Länge, der sich vom Westmeer in östlicher Richtung erstreckt“.

Sonnenwagen von Trundholm
Bild: Malene Thyssen/Wikipedia 


Die Ungewissheit im restlichen Europa über die geographischen Dimensionen der Ostsee hielt sich bis ins 15. Jahrhundert – während doch bereits im frühen Mittelalter Wikinger aus Skandinavien große Teile des Kontinents plündernd durchstreift und weit entfernte Länder, bis hin zur Normandie und nach Sizilien, erobert hatten. 1427 zeichnete der dänische Kartograph Claudius Clavus eine Karte von ganz Nordeuropa, soweit es ihm bekannt war. Rechts hörte sie kurz vor dem heutigen St. Petersburg auf. Auf die Frage, ob von Finnland eine Landbrücke zum Baltikum führte oder ob die Ostsee einen Ausgang in ein östliches Weltmeer hatte, wusste er offenbar keine Antwort.

Erst spätere Auflagen der „Clavus-Karte“ in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, schreibt Krieger, zeichneten die Ostsee als ein auf drei Seiten geschlossenes Meer. Im Zeitalter des Humanismus kam erstmals auch das Bewusstsein auf, dass die Ostseeländer, nicht anders als jene am Mittelmeer, eine eigene Geschichte haben. „Die moderne Ur- und Frühgeschichtsforschung hat im Ostseeraum ihre Wurzeln“, schreibt Krieger. Vor allem die geheimnisvollen Runensteine gaben Anlass zu Spekulationen.

Ein verlässliches Gerüst für die Chronologie der vorzeitlichen Kulturen konnte erst der dänische Archäologe Christian Thomsen erstellen. In den 1820er Jahren entwickelte er die Theorie, Artefakte aus Eisen müssten jünger sein als die aus Bronze, jene aus Bronze jünger als jene aus Stein. Dabei ging die Ausbildung der prähistorischen Wissenschaft, so Krieger, Hand in Hand mit den frühen Nationalbewegungen. Vor allem das 2. Jahrtausend v. Chr. gab Anlass zum Stolz. Um 2.000 v. Chr. hatte der Ostseeraum, wie die Bronzeäxte aus dem westlichen Europa zeigen, die in Dänemark und Südschweden gefunden wurden, noch eine mehr „nehmende“ Rolle spielte. Etwa um 1700 jedoch bildete sich eine „eigenständige materielle Kulturproduktion“ heraus. Das glanzvollste Zeugnis bildet der „Sonnenwagen von Trundholm“, der 1902 beim Pflügen auf der dänischen Insel Seeland gefunden wurde, ein vierrädriger bronzener Wagen mit Pferd und vergoldeter Sonnenscheibe, entstanden um 1400 v. Chr., insgesamt etwa 60 Zentimeter lang.

Warum die Länder an der Ostsee es so viel schwerer hatten als jene am Mittelmeer, liegt auf der Hand: Im Norden erlaubte es die Witterung nur in begrenztem Umfang, landwirtschaftliche Überschüsse zu erzielen, die einer Kulturblüte erst ihre Grundlage geben konnten. Eine Grundlage, die sich manchmal änderte, wie Forschungen zur Klimageschichte gezeigt haben. Inwieweit etwa die Völkerwanderung durch Klimaveränderungen hervorgerufen wurde, lässt Krieger jedoch offen. Sicher ist, dass der Handelsplatz Helgö um 500 n. Chr. eine Blüte erlebte.  In den 530er Jahren allerdings muss es eine Klimakatastrophe gegeben zu haben, die in ganz Europa zu einem wirtschaftlichen Niedergang führte.

War es vielleicht gerade der wirtschaftliche Wiederaufschwung im 8. Jahrhundert, der eine neue Welle von Expansionen aus Skandinavien in die südlicheren Länder hervorrief? Das Wort „Wikinger“, erläutert Krieger“, bedeutet soviel wie „Seeräuber“, „ist aber auch mit den Bezeichnungen für Handelsfahrt und Handelsplatz verwandt“. Schaut man auf die Quantitäten, geht unser Bild von den Wikingern dennoch in die Irre: Die Händler oder Räuber machten nur einen Bruchteil der skandinavischen Bevölkerung damals aus.

Aber unvermeidlich haben sich die Räuber und Plünderer am stärksten eingeprägt. Zum Entsetzen ihrer Zeitgenossen verschonten sie als Heiden nicht einmal die Kirchen und die Klöster. In der Erinnerung freilich verklärte sich die Epoche der Wikinger zum großen Heldenzeitalter der Ostsee-Geschichte. Mit dem Bargeld, das die Wikinger erbeuteten, wussten sie übrigens nichts Rechtes anzufangen. Goldmünzen, haben Ausgrabungen gezeigt, wurden hoch geschätzt – aber bloß als glänzender Schmuck.

Einen großen Modernisierungsschub brachte erst die Hanse, die seit dem 13. Jahrhundert zumindest den südlichen Ostseeraum wirtschaftlich zusammenschloss. Vielleicht eine der merkwürdigsten Organisationen aller Zeiten: Es gab weder eine Satzung noch eine gemeinsame Kasse oder einen Vorstand. Sie „festigte sich im Laufe der Zeit durch die Pflege gemeinsamer Handelsinteressen und die Verteidigung der ihren Mitgliedern gewährten Privilegien“.

Marienkirche in Lübeck
Bild: Mylius/Wikipedia 


Ihre wirtschaftliche Bedeutung für den Rest Europas gewann die Ostsee vor allem durch den Hering: Als Fastenspeise beherrschte er das Nahrungsangebot. Dem Handel folgte der damals moderne Baustil auf dem Fuße. Da Sandstein in den Ländern an der Ostsee nicht zur Verfügung stand, wurde die westeuropäische Gotik dabei zu jener eigenständigen Variante weiterentwickelt, die den Touristen heute als „Backsteingotik“ bekannt ist.

„Dominium Maris Baltici“ lautete seit dem 16. Jahrhundert eines der großen Zauberworte der europäischen Politik. Die Herrschaft über die Ostsee war zwischen den anrainenden Staaten wie Dänemark, Schweden und Polen, zeitweise auch dem römisch-deutschen Kaiser und später vor allem dem russischen Zarenreich heftig umkämpft. Krieger macht darauf aufmerksam, dass die Herrscher im Ostseeraum, weitab von den Ozeanen, wie alle ihre Kollegen heftig bemüht waren, in den Überseehandel einzusteigen. 1633 motivierten die dänischen Kolonialaktivitäten in der Karibik und in Westafrika die schleswig-holsteinischen Verwandten in Gottorf dazu, eine Expedition nach Persien zu entsenden: Sie sollte die Möglichkeiten eines Handels mit dem Orient über den Landweg erkunden.

In der Hauptsache lief der Verkehr mit Übersee aber doch über die Niederlande. Es waren vor allem niederländische Händler, die den Ostseeraum mit Tee, Kaffee und Baumwolle versorgten. Und wiederum folgte dem Handel die Kunst: Eine Architektur nach holländischem Vorbild prägt bis heute den Ostseeraum. Mitte des 18. Jahrhunderte gab es einen Augenblick, wo man meinen konnte, schreibt Krieger, die Ostsee würde politisch zu einem „Binnenmeer“ zusammenwachsen: Die Gottorfer Dynastie konnte vorübergehend die Throne sowohl in Stockholm als auch in Sankt Petersburg besetzen.

Doch der Eigenwille der Nationen rund um die Ostsee erwies sich als stärker. Heute zählt man deren neun, nicht mitgerechnet die Samen im äußersten Norden Skandinaviens, in Lappland, die keinen eigenen Staat ausbilden konnten. Bereits im 17. Jahrhundert, berichtet Krieger, wurde ihre Kultur durch die Mission weitgehend zerstört. Die südliche Ostsee wurde seit dem späten 18. Jahrhundert zu einem „Meer der Sehnsucht“ für die europäische High society. 1793 entstand in Heiligendamm, Mecklenburg, das erste Seebad Kontinentaleuropas. Caspar David Friedrich hielt die Atmosphäre der Ostsee in seinen Bildern fest.

Die beiden Monarchien Dänemark und Schweden entwickelten im Laufe des 19. Jahrhunderts auch politisch viel Strahlkraft: als Vorreiter der Demokratisierung und Parlamentarisierung in Europa. Als Kaiser Wilhelm II. 1895 den Nord-Ostsee-Kanal eröffnete, ging es jedoch um Militärstrategie. Mit einer Verbindung zwischen Nord- und Ostsee, die von anderen Mächten nicht zu kontrollieren war, wollte das Deutsche Reich den Nachteil ausgleichen, dass seine Ostseeküsten von den Weltmeeren abgeschnitten waren. Das Zeitalter der Weltkriege zog herauf.

Die politische Spaltung der Ostsee ist seit dem Ende der Sowjetunion beendet, die Ostsee tatsächlich so etwas wie ein „Binnenmeer“ geworden, schreibt Krieger. Zumindest beinahe: Von St. Petersburg und der russischen Exklave Kaliningrad abgesehen, gehören alle Anrainer zur Europäischen Union. Heute drängen sich die ökologischen Probleme auf, vermerkt Krieger: Da der Zufluss von sauerstoffreichem Wasser aus der Nordsee spärlich ist, gehört die Ostsee aufgrund der ungeklärten Abwässer aus Haushalten und Industrie, Landwirtschaft und Tourismus zu den am stärksten belasteten Meeren der Welt. Auch die neue Gaspipeline, die Deutschland und Russland durch die Ostsee planen, ist aus ökologischen Gründen umstritten. Das Vorhaben droht, zu einer Zerreißprobe zwischen Deutschland und seinen Partnern in der Europäischen Union zu werden: Befürchtet wird eine Abhängigkeit Europas von russischen Lieferungen.

Ob der geplante Tunnel zwischen Fehmarn und der dänischen Insel Lolland in naher Zukunft wirklich gebaut wird? Die Frage, die die Geographen der Antike und des Mittelalters nicht beantworten konnten – nämlich ob Skandinavien eine Insel oder mit dem europäischen Kontinent verbunden ist – wäre damit auf eine unerwartete Weise beantwortet: Man könnte, ohne auf das Schiff umzusteigen, von Hamburg über Kopenhagen und Malmö bis zum Nordkap fahren.


Neu auf dem Büchermarkt:

Martin Krieger: Die Ostsee. Raum – Kultur – Geschichte, Philipp Reclam jun., Ditzingen 2019, 296 S. mit 65 Abb. und 7 Kart., ISBN 978-3-15-011206-9, 39,00 €


Mehr im Internet:

Martin Krieger: Die Ostsee, Philipp Reclam jun.
Ostsee - Wikipedia
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