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18.06.2019 - GESCHICHTE

Bewundert viel und viel gescholten

Vor 500 Jahren starb Lucrezia Borgia, Papsttochter und Herzogin von Ferrara

von Josef Tutsch

 
 

Kupferstich einer Münze mit Portrait
der Lucrezia Borgia, geprägt 1505
Bild: Wikipedia

Eine blonde Frau mit braunen Augen. In der rechten Hand trägt sie einen kleinen Blumenstrauß, die Kopfbedeckung ist von Buchsbaumzweigen umfasst. Der Schmuck um den Hals und auf der Stirn lässt vermuten, dass eine vermögende Dame dargestellt ist. Die linke Brust ist entblößt.

„Weibliches Idealbildnis“, vermerkt der Katalog des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt am Main zum Gemälde des italienischen Renaissancemalers Bartolomeo Veneto, das vielleicht 1517 oder 1518 entstand, „gekleidet als Frühlingsgöttin Flora“. Andere Erläuterungen werden deutlicher: „Idealbildnis einer Kurtisane“. Es gibt keinen Beleg, stellt der Historiker Florian Neumann fest, dass sich Damen der guten Gesellschaft damals so gezeigt hätten. Erst recht ist es unwahrscheinlich, dass sie ein derartiges Bildnis von sich in Auftrag gegeben hätten.

Das hat nicht daran gehindert, dass Venetos „Kurtisane“ gern als Portrait der Papsttochter Lucrezia Borgia gehandelt wurde, die zu dieser Zeit längst Herzogin von Ferrara war und dort als Muster eines sittsamen Lebenswandels gepriesen wurde. Wenn man ein „authentisches“ Portrait von Lucrezia sucht, die am 24. Juni 1519, vor 500 Jahren verstarb, meint Neumann, dann käme eher ein anderes, etwa gleichzeitiges Bild von Veneto in Frage: eine ernst blickende Frau in Miederbluse und dunkler Korsage. Beweise gibt es allerdings auch hierfür nicht.

Im Vorfeld des 500. Todestages hat Neumann eine detailreiche Biographie der Renaissancefürstin vorgelegt. „Die Wahrheit über Lucrezia Borgia“ verspricht der Titel. Kein ganz einfaches Unterfangen: Die Quellen zu ihrer Jugendzeit in Rom bieten großenteils Klatsch, von dem niemand sagen kann, ob darin vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit sein könnte, die Quellen zu ihren Jahren in Ferrara schmeichelnde Lobreden. Wenn es eine historische Figur gibt, auf die Goethes Vers über die schöne Helena zutrifft, „bewundert viel und viel gescholten“, dann ist es Lucrezia Borgia.

Gesichert ist, dass Lucrezia am 18. April 1480 als Tochter des spanischen Kardinals Roderic de Borja oder Rodrigo Borgia geboren wurde, der zwölf Jahre später als „Alexander VI.“ den Papstthron bestieg. Wie viele seiner Kollegen verstand Rodrigo den kirchenrechtlich vorgeschriebenen Zölibat bloß als Ehehindernis, nicht etwa als Verpflichtung zu einem keuschen Leben. Will man all das zum Nennwert nehmen, was man sich in Rom erzählte, muss es in der Familie Borgia und insgesamt am Papsthof ein wahrhaftes Sodom und Gomorrha gegeben haben. Das wichtigste Geschichtswerk der Zeit, die „Geschichte Italiens“ des Florentiners Francesco Guicciardini, erschienen 1534, gibt zwar vieles recht unparteiisch wider, oft auch mit relativierenden Bemerkungen wie „es bestand die Meinung, dass ...“. Aber Guicciardini lieferte eben doch eine „Kolportage“, er machte sich nicht die Mühe, den Klatsch von der Historie zu scheiden.

Und seine Leser in späteren Jahrhunderten nahmen den Klatsch nur allzu gern auf. 1497 wurde ihr Bruder Juan ermordet. Die öffentliche Meinung lastete die Schuld dem anderen Bruder Cesare an, den der Vater für die geistliche Laufbahn bestimmt hatte. Cesare, heißt es bei Guicciardini, konnte nicht ertragen, dass Juan die weltliche Macht in Händen hielt. Er war auch „darüber aufgebracht, dass dieser größeren Anteil an der Liebe ihrer gemeinsamen Schwester Lucrezia hatte“. Guicciardini weiter: „Es ging zugleich das Gerücht (wenn eine derartige Ungeheuerlichkeit glaubwürdig ist), dass nicht nur die beiden Brüder um die Liebe von Madonna Lucrezia stritten, sondern auch der Vater selbst.“

Generationen von Geschichtsschreibern haben Guicciadinis „Kolportage“ wiederholt. Dazu trug auch das Tagebuch bei, das Alexanders Zeremonienmeister Johannes Burckard hinterließ. Danach soll Cesare 1501 ein Gelage mit 50 nackten Dirnen veranstaltet haben. Es gab einen „Wettbewerb“, welcher der anwesenden Herren mit den Dirnen am häufigsten den Geschlechtsverkehr vollziehen würde.  Ob an dieser Nachricht etwas „dran“ ist, lässt sich nicht sagen. Vielleicht, meint Neumann, verdrehte Burckard die Tatsachen, weil er das Ansehen des Papstes bei der Nachwelt schädigen wollte. Im frühen 19. Jahrhundert behauptete der Schweizer Historiker Jean-Charles-Léonard Simonde de Sismondi sogar, Lucrezia habe „den Vorsitz bei den abscheulichen Festen geführt, durch die Alexander den Vatikan besudelte“.

Bartolomeo Veneto: Bildnis einer Dame,
vielleicht Lucrezia Borgia
(National Gallery, London), um
1525 - Bild: Wikipeda 


Hand aufs Herz: Was würde wohl herauskommen, wenn Historiker in ein paar Jahrhunderten das Leben der "VIP's" von heute erforschen wollten, mit der Klatschpresse als wichtigster Quelle? Zwar fanden sich auch Geschichtswissenschaftler, die das Quellenmaterial kritisch „dekonstruierten“. Doch es war zu spät: „Die Mär von Lucrezias Schande hat als unverbrüchliche Tatsache Aufnahme in allgemeine Darstellungen und biographische Nachschlagewerke gefunden“, stellte der englische Historiker William Roscoe bereits 1805 fest. Im allgemeinen historischen Bewusstsein hat sich daran auch durch die umfangreiche Quellensammlung, die Ferdinand Gregorovius 1874 vorlegte, nicht viel geändert. Kein Wunder, dass Venetos Idealbildnis einer Kurtisane gern für ein Portrait der Lucrezia Borgia erklärt wurde.

1497 entfaltete sich eine Komödie um die Auflösung von Lucrezias erster Ehe mit dem Mailänder Prinzen Giovanni Sforza. Die Ehe, gab Lucrezias Familie zu Protokoll, sei wegen Giovannis Impotenz nicht vollzogen worden. Der freilich streute das Gerücht, er habe Lucrezia durchaus „besessen“, sie jedoch zurückgegeben, weil der Vater selbst sie „haben“ wollte – was dem Tratschen über inzestuöse Beziehungen bei den Borgias natürlich Auftrieb gab.

Im August 1500 wurde Lucrezias zweiter Ehemann Alfonso di Bisceglie ermordet. Diesmal bekannte sich ihr Bruder Cesare offen zu dem Verbrechen. Der Vorgang, schreibt Neumann, „hing auch Lucrezia nach, so wenig sie selbst damit zu tun haben mochte“. Die dritte Hochzeit mit Alfonso d‘Este, dem Erbprinzen von Ferrara, muss für das Haus Borgia so etwas wie ein „Griff nach den Sternen“ gewesen sein: Die Emporkömmlinge durften sich mit einer der angesehensten Familien Italiens verbinden. Bei dem einen oder anderen Detail in den aufwendigen Feierlichkeiten weiß der Leser nicht so recht – waren die Huldigungen eigentlich ernst gemeint? Oder doch mit einem gehörigen Schuss Boshaftigkeit vergiftet? Auf ihrer Reise nach Ferrara wurde die Papsttochter in Foligno von einer „verkleideten Frau“ empfangen, „die sich mit einem Dolch in der Hand als antike Lucrezia zu erkennen gab, bekannt als das Vorbild für weibliche Tugend“. Ob der römische Klatsch über die neue Lucrezia die umbrische Provinz noch nicht erreicht hatte?

Der französische König schickte Lucrezia einen Rosenkranz mit goldenen Kugeln, die mit Moschus gefüllt waren, um ihr das Beten angenehmer zu machen – und dem Bräutigam Alfonso einen Prunkschild mit einem Bild von Maria Magdalena, der reuigen Sünderin aus dem Neuen Testament. Bei der Überreichung der Geschenke sagte der königliche Emissär, die Braut sei jener Maria Magdalena an Tugend und Anmut ähnlich. Wie das Brautpaar die Geschenke aufnahm, ist nicht überliefert. Papst Alexander VI. scheint mit Kritik an seiner Amtsführung übrigens sehr locker umgegangen zu sein. Als Ende 1501 in Rom ein anonymer Brief die Runde machte, in dem von „abscheulichen Lustbarkeiten“ am Papsthof die Rede war, soll er sich köstlich amüsiert haben.

Wie auch immer – in Ferrara widmete sich Lucrezia, während ihr Gatte von einem Feldzug zum nächsten hetzte, tatkräftig der Diplomatie und Verwaltung ihres Herzogtums. Und natürlich ihren insgesamt neun Kindern, von denen allerdings nur vier das Erwachsenenalter erreichten. Gegenüber der chronique scandaleuse aus Lucrezias römischer Zeit, klagt Neumann, wurden ihre Jahre in Ferrara, von 1502 an, also nach ihrer Hochzeit mit Erbprinz Alfonso d‘Este, auch in der Forschung bislang sehr vernachlässigt. Die Ehe scheint sogar recht glücklich gewesen zu sein, trotz Alfonsos zahlreicher Affairen. Und trotz Alfonsos Eifersucht, die offenbar bewirkte, dass sich der von Lucrezia hoch verehrte Dichter Pietro Bembo vorsichtshalber nach Venedig verzog.

Aus den Intrigen am Ferrareser Hof, berichtet Neumann, versuchte sich Lucrezia herauszuhalten. 1505 kam es zwischen ihren Schwägern Giulio und Kardinal Ippolito zu heftigem Streit, zunächst um einen Musiker aus der Hofkapelle, dann um die Gunst einer Hofdame Lucrezias, ihrer Cousine Angela. Ein Jahr später zettelten Giulio und ein weiterer Bruder, Ferrante, eine Verschwörung gegen Herzog Alfonso an. Nach dem Scheitern der Verschwörung verschwanden beide auf Jahrzehnte im Kerker. Lucrezia selbst starb 1519, nachdem sie durch die Geburt eines Mädchens geschwächt war.

Eine der zahllosen Lobeshymnen, mit denen Lucrezia während ihrer Regierungszeit bedacht wurde, ging in die Weltliteratur ein. Im 13. Gesang seines Epos „Der rasende Roland“ kam der Hofdichter, Ludovico Ariosto, auf Lucrezia zu sprechen, „die mit jeder Stunde an Schönheit wächst, an Tugend, an Gewinn des Ruhms und Glücks, so wie die junge Pflanze im locker‘n Erdreich wächst im Sonnenglanze“. Usw. usf., die Herzogin wird die Verse mit huldvollem Lächeln zur Kenntnis genommen haben. Schließlich dichtete Ariost der Familie Este sogar eine Abstammung vom trojanischen Helden Hektor an.

Bartolomeo Veneto: Flora, früher als
Portrait der Lucrezia Borgia angesehen
(Städel Museum, Frankfurt am Main),
um 1520 - Bild: Wikipedia


Weniger schmeichelhaft fiel die Tragödie „Lucrèce Borgia“ aus, mit der Victor Hugo 1833 einen Sensationserfolg landete. Die Handlung dreht sich um einen – von Hugo frei erfundenen – Sohn Gennaro aus Lucrezias Verbindung mit ihrem Bruder Giovanni. Gennaro verehrt seine Mutter, die er nur aus Briefen kennt, hasst jene Lucrezia Borgia, von deren mörderischen Untaten er gehört hat – und verliebt sich prompt in eine schöne Unbekannte, von der er keine Ahnung hat, dass sie mit beiden identisch ist. Am Ende stirbt Gennaro an dem Gift, das ihm seine Mutter gegen ihre Absicht gegeben hat: Sie wollte nur seine Freunde umbringen, die ihn über ihre Schande aufgeklärt hatten.

Außer dem Namen hat Hugos Heldin mit der historischen Lucrezia Borgia „fast nichts gemein“, konstatiert Neumann. Die Lucrèce des Stücks war ganz einfach das Gegenstück zu dem hässlichen Hofnarren mit der beeindruckenden Seele, den Hugo drei Jahre zuvor in „Der König amüsiert sich“ dargestellt hatte. „Nun wollte Hugo eine Figur in den Mittelpunkt stellen, die umgekehrt eine schöne Gestalt, aber eine dunkle Seele aufwies.“ Die historische Literatur seiner Zeit legte ihm dazu Lucrezia Borgia nahe.

Auf dem Musiktheater sind beide Stücke Hugos bis heute lebendig: der Hofnarr in Giuseppe Verdis „Rigoletto“, 1851, die mörderische Papsttochter in Gaetano Donizettis „Lucrezia Borgia“, die bereits wenige Monate nach Hugos Erfolgsstück entstand. Mit dem Rundgesang, in dem Gennaros Freunde die Mordtaten der Borgias auflisten, schuf Donizetti eines der schwungvollsten Couplets der gesamten Operngeschichte, mit der Kavatine des eifersüchtigen, nach Rache dürstenden Ehemanns Alfonso, der in Gennaro einen Nebenbuhler vermutet, eine der „schwärzesten“ Arien, die jemals komponiert wurden. Unvermeidlich denken Opern- und Theaterfreunde beim Namen „Lucrezia Borgia“ mehr an die Phantasien eines Hugo und Donizetti als an die historische Figur.

Ein Kapitel für sich sind die Gemälde zum Thema, vielleicht am berühmtesten Hermann Kaulbachs Bild „Lucrezia Borgia tanzt vor ihrem Vater Alexander VI.“, 1882. Oder Jules-Arsène Garniers „Borgia amüsiert sich“, 1884. Garnier nahm Burckards Tagebuchnotiz beim Wort und stellte nackte Dirnen dar, die im Angesicht der päpstlichen Familie tanzen, das Bild erregte einen Skandal. Im 20. Jahrhundert hat die Filmindustrie das alles in „bewegte Bilder“ umgesetzt, unter so verheißungsvollen Titeln wie „Die geheimen Nächte der Lucrezia Borgia“. Die Herzogin von Ferrara war zur Heldin von Soft Pornos geworden. 2004/06 schuf der italienische Zeichner Milo Manara einen „erotischen Comic“ um die Borgia-Familie. Lucrezia erscheint darin als „Vamp“, als langbeinige blonde Schönheit, die „mit vollem Körpereinsatz“ die Männer ihrer Familie verführt und manipuliert. Die historische Lucrezia war nach allem, was sich historisch verlässlich über sie sagen lässt, in ihren jungen Jahren viel eher ein Machtinstrument von Vater und Bruder.


Neu auf dem Büchermarkt:

Florian Neumann: Die Wahrheit über Lucrezia Borgia, Philipp Reclam jun., Ditzingen 2019, 239 S. mit 14 Abb. und einer Zeittafel, ISBN 978-3-15-011205-2, 20,00 €


Mehr im Internet:

Lucrezia Borgia - Wikipedia
Florian Neumann: Die Wahrheit über Lucrezia Borgia, Philipp Reclam jun.
scienzz artikel Italien

 

 

 

 

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