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kultur

06.06.2019 - RELIGIONSGESCHICHTE

"Bis an die Grenzen der Erde"

Der Missionsgedanke in der Religionsgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Missionsspardose (St. Jo-
hannes Baptist in Rotten-
burg-Hemmendorf)
Bild: Wuselig/Wikipedia

Wenn der amerikanische Erweckungsprediger Jonathan Edwards Recht behalten hätte, müssten wir seit einigen Jahren in einem irdischen Paradies leben – vorausgesetzt natürlich, dass wir Edwards‘ Vorstellungen von der Welt, wie sie sein sollte, folgen. 1749 entwickelte er einen Plan für die folgenden zweieinhalb Jahrhunderte: „Bis 1800 könnte in dem protestantischen Teil der Welt die wahre Religion die Oberhand gewonnen haben.“ Mit „wahrer Religion“ meinte Edwards seine eigene Theologie in der Tradition des neuenglischen Puritanismus. „Im nächsten halben Jahrhundert müsste dann das päpstliche Reich des Antichristen überwältigt und in den folgenden 50 Jahren die mohammedanische Welt unterworfen und die jüdische Welt bekehrt werden.“ „Dann stünde noch ein ganzes Jahrhundert zur Verfügung, um die gesamte Heidenwelt zu erleuchten“, „sowie alle Häresien, Schismen, Schwärmereien, Laster und Immoralitäten auf der ganzen Welt auszurotten.“ „Hernach“ - Edwards‘ Rechnung zufolge also etwa seit dem Jahr 2000 – „wird die Welt die heilige Ruhe des Sabbats genießen.“

Ob diese Vision dem amerikanischen Politikwissenschaftler Francis Fukuyama wohl bekannt war, als er 1992 das „Ende der Geschichte“ ausrief und die weltweite Durchsetzung der „liberalen Demokratie“ mit Grundrechten und Rechtsstaatsprinzip und Marktwirtschaft prophezeite? Inzwischen hat Fukuyama eingeräumt, in islamischen Ländern herrsche wohl eine andere „Dynamik“. Er hätte auch auf China verweisen können. Edwards wäre vom wirklichen Verlauf der Weltgeschichte ebenso enttäuscht worden. In seinen Träumen hatte er den „Missionsbefehl“ des auferstandenen Christus mit einem Zeitplan ausstatten wollen: „Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern“, „ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde.“

Das Christentum ist seit seinen Anfängen eine missionierende Religion, nicht zuletzt dieser Punkt macht den Unterschied zu seiner „Mutterreligion“, dem Judentum, aus. „Der Heilige Geist ist über die Jünger ausgegossen“, hat der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel das Pfingstereignis in Worte gefasst, „von da an sind sie als Gemeinde und freudig in die Welt ausgezogen, um sie zur allgemeinen Gemeinde zu erheben und das Reich Gottes auszubreiten.“

Hymnische Worte, die Hegel heute so vielleicht nicht wiederholen würde. Uns ist bewusst geworden, wie eng die christliche Mission oft mit einer Zwangs-“bekehrung“ der „Heiden“ verknüpft war. Und mit dem europäischen Kolonialismus: Die europäischen Wirtschaftsinteressen wurden ebenso in die Welt exportiert wie die europäischen Wertvorstellungen. Aus der christlichen Tradition hat die politische Kultur des „Westens“ das Bestreben geerbt, dem eigenen Glauben – säkularisiert gesprochen: den Werten von Demokratie und Freiheit und Menschenrechten – universal Geltung zu verschaffen. Das hat manchmal zu Exzessen geführt wie dem Versuch der USA unter George Bush, dem Nahen Osten mit Krieg die westliche Demokratie nahe zu bringen.

Aber selbst davon abgesehen – es mehren sich die Zweifel: Kommt im universalen Anspruch unserer politischen Kultur nicht ein ungerechtfertigtes Gefühl der Überlegenheit zum Ausdruck? Andererseits liegt es doch im Begriff der Menschenrechte, dass sie nicht an den eigenen Landesgrenzen Halt machen, sondern universal gelten. Auch in den christlichen Kirchen ist es eine offene Frage, inwieweit sie mit ihrer religiösen Wahrheit Anspruch auf Superiorität erheben dürfen. So widmete sich der Schweizer katholische Theologe Hans Küng der Aufgabe, ein gemeinsames „Weltethos“ der großen Religionen herauszuarbeiten. Küngs Kritiker meinten, darüber würden die spezifisch christlichen Inhalte verloren gehen, der Missionsbefehl Christi würde unterschlagen.

Wie wenig selbstverständlich ein universaler Anspruch und der Missionsgedanke in der Religionsgeschichte sind, zeigt ein Blick auf die Sitte der „evocatio“ bei den alten Römern. Wenn ein römisches Heer eine fremde Stadt belagerte, wurden die Lokalgottheiten sozusagen „herausgerufen“: Man sicherte ihnen Verehrung zu, wenn sie die Eroberung unterstützen würden. Fremde Götter wurden problemlos in das eigene Pantheon integriert.

Paulus predigt in Athen (Wandgemälde im Johanneum,
Zittau, von Anton Dietrich, 1877 - Bild: Wikipedia 


Eine Stelle in der Bibel lässt deutlich werden, dass auch im Alten Orient die Götter nicht „universal“, sondern an ganz bestimmte Orte gebunden waren – andere Orte, andere Götter, und manchmal auch verschiedene Götter an einem einzigen Ort nebeneinander, wenn dort verschiedene Völker lebten. Im 2. Buch der Könige wird berichtet, dass in Samaria zeitweise sowohl der Gott Israels als auch „fremde“ Götter angebetet wurden: Das assyrische Großreich hatte ganze Bevölkerungsgruppen aus weit entfernten Regionen dorthin deportieren lassen; die Neuankömmlinge brachten ihre eigenen Götter mit.

In scharfem Kontrast hierzu muss es im benachbarten Königreich Juda sehr früh Bemühungen gegeben haben, das Territorium religiös zu vereinheitlichen. Der Bund Gottes mit seinem „auserwählten Volk“ Israel duldete dort keine anderen Götter. Von dem Glauben, dass der Gott Israels zugleich der allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde sei, war noch nicht die Rede. Aber das Verbot, fremde Götter zu verehren, ebnete den Weg, sie am Ende für bloße „Götzen“ zu erklären, für „Nichtse“.

Den weiteren Schritt, seinen eigenen Glauben anderen Völkern weitergebenzu wollen, hat das Judentum jedoch niemals vollzogen – trotz aller Stellen im Alten Testament, die dem Volk Israel Heilsbedeutung für die gesamte Menschheit zusprechen. „Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“, sagt Gott zu Abraham. Und beim Propheten Jesajas findet sich die Verheißung: „Ich mache dich [Israel] zum Licht für die Völker, damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.“

Immerhin konnten sich einzelne Menschen dem Judentum als „Proselyten“ zuwenden. Eine Mission, die gar keine „Mission“ sein wollte, aber offenbar recht erfolgreich war. Manche Schätzungen besagen, dass sich im Römischen Reich bis zu zehn Prozent der Bewohner zum Judentum bekannten. Im Urchristentum dagegen entfaltete sich sehr rasch nach Jesu Tod eine geradezu hektische Missionstätigkeit. Die Bußpredigt vom kommenden Gottesreich, wie Johannes der Täufer und Jesus selbst sie innerhalb des Judentums praktiziert hatten, wurde auf die „Heidenwelt“ übertragen. Anscheinend sogar gegen die ausdrückliche Anweisung Jesu: „Geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter“, ist in den Evangelien als Jesuswort überliefert, „ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“

Während die hebräische Bibel die Heilverheißung noch mit „Abrahams Samen“ verknüpft hatte, deutete Paulus die Abstammung von Abraham ins Geistliche um: „Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams“, „wenn ihr Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, gemäß der Verheißung.“ Dem folgte sechs Jahrhunderte später Mohammed. Die Mitglieder seiner Gemeinde verstanden sich als die getreueren Nachfolge Abrahams – getreuer als Juden und Christen, weil Mohammed gegenüber den beiden älteren Religionen den Vorwurf erhob, sie hätten die Offenbarung an den Patriarchen verfälscht.

Der hl. Franz Xaver (in 
St. Veit, Český Krumlov),
1897 - Bild: Wolfgang
Sauber/Wikipedia


Aus dem Erbe des Judentums erwuchsen zwei missionierende Weltreligionen mit jeweils universalem Anspruch, zwei Religionen also, die miteinander und gegeneinander konkurrierten. Und bis heute konkurrieren, wenn die Rechtssysteme es zulassen. Im Westen gilt Religions- und Missionsfreiheit. Die meisten islamischen Staaten dagegen unterbinden jede Missionstätigkeit anderer Religionen rigoros. Dass die Mission im Fall des Islams gerade in den Anfangszeiten von einer Kriegerkaste getragen wurde, während das frühe Christentum zunächst eine Sache der Machtlosen war und erst später von den herrschenden Kreisen übernommen wurde, bestimmt das Selbstverständnis beider Religionen bis heute.

Dabei spielten Zwangsbekehrungen in der Geschichte des Christentums alles in allem wahrscheinlich sogar eine größere Rolle als in der des Islams. Dort war es vor allem die drückende Sondersteuer für Juden und Christen, die in Richtung auf eine Konversion wirkte. Wie das Werben um einen Übertritt zur eigenen Religion in Kulturen ankommen musste, denen solche Ansprüche auf Alleingeltung fremd waren, hat sich Voltaire einmal ausgemalt. Der chinesische Kaiser, meinte Voltaire, hätte zu den Jesuitenmissionaren, die an seinen Hof kamen, wahrscheinlich gesagt: „Ihr seid ans Ende der Welt gekommen, um uns den Frieden wegzunehmen.“ „Ich muss mein Reich vor einer so gefährlichen Geißel bewahren. Ich bin tolerant und vertreibe euch alle, die ihr intolerant seid.“

Ob Voltaire sich wohl bewusst machte, dass die Unterschiede nicht nur dogmatischer Art sind, sondern auch das betreffen, was Hegel später „gelebte Sittlichkeit“ nannte? Aktueller Fall: Im April 2019 forderte der Sultan von Brunei „Toleranz, Respekt und Verständnis“. Das Sultanat hatte soeben die Todesstrafe für gleichgeschlechtlichen Sex eingeführt und empfand die internationale Kritik daran als Angriff auf die islamischen Werte.

Da stehen zwei Positionen unvereinbar gegeneinander. In den eigentlich religiösen Fragen versuchen gerade die christlichen Kirchen heute jede Konfrontation sorgfältigst zu vermeiden. Als Bischof Heinrich Bedford-Strohm und Reinhard Kardinal Marx vor zwei Jahren den Felsendom in Jerusalem besuchten, versteckten sie ihre Kreuze unter den Gewändern, „aus Respekt vor dem Gastgeber“.

Deutet sich in dieser Zurückhaltung ein Abschied von der Vorstellung an, der Missionsauftrag Christi würde irgendwann zur weltweiten Herrschaft des Christentums führen? 1965 stellte das Zweite Vatikanische Konzil fest, auch in den nicht-christlichen Religionen, also in Hinduismus und Buddhismus, Islam und Judentum sei „Wahres und Heiliges“. Wie heikel diese Frage das kirchliche Selbstverständnis berühren kann, zeigte sich 2007, als Papst Benedikt XVI. die 1965 abgeschaffte alte Form der Karfreitagsliturgie in sprachlich revidierter Fassung wieder zuließ. Darin war eine Fürbitte für die „treulosen Juden“ enthalten, „dass auch sie erkennen unseren Herrn Jesus Christus“. 

Das Wort „treulos“ hatte gemeint, dass Jesus vom Volk Israel nicht als der ihm verheißene Messias erkannt worden war. Benedikt strich es aus dem Text; aber es blieb die Feststellung, das Judentum sei gegenüber dem christlichen Glauben defizitär. Vor allem unter dem Schatten des Antisemitismus wurde diese Aussage von Vertretern des Judentums als kränkend empfunden. 2009 erklärte Kurienkardinal Walter Kasper, eine „Judenmission“ seitens der katholischen Kirche könne es nicht geben. Zwar hatte am Anfang des Christentums die Bekehrung von Juden zum Glauben an Jesus Christus gestanden. Aber das war eine Bekehrung innerhalb des Judentums, nicht zwischen konkurrierenden Religionen.

Ähnlich hatte sich bereits der Schweizer protestantische Theologe Karl Barth geäußert: Die hebräische Bibel sei die „Urgestalt der einen Gottesoffenbarung“. Die übrigen Religionen außerhalb des Christentums wertete Barth als bloßes Menschenwerk ab. Verschiedene Einteilungen der Religionswelt bringen auch verschiedene Haltungen zur Legitimität oder Illegitimität von Mission mit sich. Seit einigen Jahren ist der Begriff der „abrahamitischen Ökumene“ populär geworden, als Erweiterung der christlichen Ökumene auf Judentum und Islam.

Vor einigen Jahren erregte der Ägyptologe Jan Assmann viel Aufsehen mit seiner These, der biblische Monotheismus habe keineswegs friedensstiftend gewirkt. Mit der Unterscheidung zwischen dem einen, einzigen Gott und den vielen Göttern sei die Religion zwar einerseits ethisch vertieft worden. Andererseits habe die Unterscheidung zwischen einer „wahren“ Religion und den vielen „falschen“ Religionen auch eine Grundlage für die religiöse Rechtfertigung von Gewalt gegeben.

Zwangsläufig ist eine solche Konsequenz, wie Assmann einräumen musste, keineswegs. Aber in der Tat brachte dieser neuartige Wahrheitsbegriff ein Phänomen hervor, das es in der älteren Religionsgeschichte, wo die Götter noch an einzelne Länder oder Völker gebunden waren, nicht gegeben hatte: die Mission als das Bemühen, religiösen Irrtum zu bekämpfen und der eigenen Wahrheit Geltung zu verschaffen, der idealen Vorstellung nach „bis an die Grenzen der Erde“. Im alten Griechenland trat dieses Phänomen in einer weltlichen Variante auf: Sokrates verstörte und verärgerte seine Mitbürger, indem er sie in Diskussionen über die Frage eines guten Lebens verwickelte. Es ist wohl nur menschlich-allzumenschlich, dass organisierte Religionen, wenn sie politische Macht hatten, dazu auch Zwang einsetzten.


Mehr im Internet:
Mission - Wikipedia 
scienzz artikel Das heilige Wort

 

 

 

 

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