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28.06.2019 - ZEITGESCHICHTE

"Das groesste Verbrechen gegen die Menschheit und die Freiheit der Voelker"

Deutschlands Schuld oder Unschuld am Ersten Weltkrieg

von Josef Tutsch

 
 

Beschießung der Kathedrale von
Reims, September 1914
Bild: Wikipedia

Die Sieger schreiben die Geschichte, so behauptet der Volksmund. Es gibt Fälle aus der Geschichte der Historiographie, die diese These zu bestätigen scheinen. Das älteste Werk der europäischen Geschichtsschreibung, Herodots „Perserkrieg“, wurde von einem Griechen geschrieben, einem Angehörigen des Volkes, das den Angriff des persischen Großreiches siegreich abgewehrt hatte. Doch gleich das zweitälteste Werk bietet ein Gegenbeispiel. Thukydides, der Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. seine Geschichte des Peloponnesischen Krieges schrieb, war Athener, und Athen hatte diesen Krieg gegen Sparta katastrophal verloren.

„Der Besiegte schreibt die Geschichte“, stellte der Historiker Reinhard Koselleck den Spruch 1988 auf den Kopf. Die Sieger würden sich im Gefühl ihres Triumphes allenfalls eine Art von „Teleologie“ zimmern, den Schein eines langfristigen Trends, der mit historischer Notwendigkeit auf ihren Sieg hin geführt hätte. „Anders die Besiegten. Deren Primärerfahrung ist zunächst, dass alles anders gekommen ist als geplant oder erhofft. Sie geraten, wenn sie überhaupt methodisch reflektieren, in eine größere Beweisnot.“

In einer solchen Beweisnot befand sich die deutsche Historikerzunft nach 1918. Beim Ausbruch des Weltkrieges hatte sich so gut wie alle deutschen Geschichtswissenschaftler vorbehaltlos in den Dienst der „deutschen Sache“ gestellt. Sie wollten das Deutsche Reich, wie Bismarck es nach Jahrhunderten der politischen Zersplitterung endlich, endlich geschaffen hatte, gegen den „Ansturm“ der westlichen Demokratie verteidigen.

Im November 1918 war dann „alles ganz anders gekommen“. Der Friedensvertrag, den die deutsche Delegation am 28. Juni 1919, vor 100 Jahren, in Versailles unterschreiben musste, forderte nicht nur Gebietsabtretungen und Reparationszahlungen, mit seinem Artikel 231 formulierte er auch eine moralische Berechtigung der Reparationen: Der Krieg sei den anderen Staaten „durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen“ worden.

Wahrscheinlich zum ersten Mal in der Geschichte wurden Reparationsforderungen nicht mit einem vermeintlichen „Recht des Stärkeren“ begründet, sondern mit einem Verschulden des Unterlegenen. Dass die Sieger diese Formel für nötig hielten, zeigt, wie sehr sich die Auffassung von politischer Moral gegenüber früheren Kriegen geändert hatte. Erstmals fand der Gedanke, Angriffskriege seien moralisch zu ächten, Eingang in ein völkerrechtliches Dokument. In einer Note der Alliierten vom 16. Juni war der Vorwurf noch um einiges schärfer formuliert: Deutschland allein habe den Krieg „angezettelt“. Dieser Krieg stelle „das größte Verbrechen gegen die Menschheit und die Freiheit der Völker“ dar, das jemals „eine sich für zivilisiert ausgebende Nation wissentlich begangen“ habe.

In Deutschland löste die Schuldzuweisung einen Sturm der Entrüstung aus. Der Art. 231 des Versailler Vertrags provozierte die Ausbildung einer historischen Teildisziplin, der „Zeitgeschichte“, die sich in den 1920er Jahren vor allem als „Kriegsschuld-“ oder vielmehr „Kriegsunschuldforschung“ verstand. In Berlin muss man frühzeitig geahnt haben, worauf die Argumentation der alliierten Mächte hinauslaufen würde. Bereit Ende 1918, noch bevor die Friedenskonferenz zusammentrat, wurde ein Referat eingerichtet, das sich mit der Kriegsschuldfrage befassen sollte. 1921 erhielt es den Namen „Zentralstelle für Erforschung der Kriegsursachen“.

William Orpen: Unterzeichnung des 
Friedensvertrage 1919 in Versaille
(Imperial War Museum, London)
Bild: Wikipedia 


Trotz des neutral klingenden Namens und trotz mancher durchaus seriöser Arbeiten in diesem Rahmen war die Propagandaaufgabe offenkundig: Die deutsche „Unschuld“ sollte erwiesen werden. Die Forschung im Umkreis der Zentralstelle, stellte der Historiker Theodor Schieder später fest, „war im Ursprung geradezu eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.“ Die Weimarer Republik, so hat es der Berliner Historiker Heinrich August Winkler ausgedrückt, verordnete sich ganz offiziell eine „Kriegsunschuldlegende“.

Es war eine der beiden Legenden, die den Boden für das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg bereiteten. Die andere war die sogenannte „Dolchstoßlegende“, die Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg 1919 in die Worte kleidete, die Heimat sei der Front in den Rücken gefallen, die deutsche Armee sei „von hinten erdolcht worden“. Nach 1933 erachtete die deutsche Politik die Diskussion für erledigt. „Weder der Kaiser noch die Regierung noch das Volk haben diesen Krieg je gewollt“, zitierte Alfred von Wegerer, der im Auftrag der Zentralstelle die Zeitschrift „Die Kriegsschuldfrage“ herausbracht, Adolf Hitler. 1937 wurde die Zentralstelle aufgelöst.

Die Forschungen in ihrem Umkreis hatten sich, wie es der geschichtswissenschaftlichen Arbeitsweise damals entsprach, auf Fragen der Diplomatie zwischen den europäischen Regierungen konzentriert. Die Kriegsbegeisterung, die 1914 und bereits in den Jahren zuvor große Teile der deutschen Bevölkerung erfasst hatte, also die „politische Kultur“ des wilhelminischen Kaiserreichs, spielte darin keine Rolle. „Sei es auch nur, dass man einen Krieg begänne“, hatte zum Beispiel 1910 der Lyriker Georg Heym in sein Tagebuch notiert, „er kann ungerecht sein. Dieser Friede ist so faul, ölig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten Möbeln.“

Noch ein Beispiel für die anti-westlichen Ressentiments, die Deutschland damals beherrschten. Während der Kriegsjahre schrieb Thomas Mann ein umfangreiches Buch mit Reflexionen über den Unterschied zwischen „Kultur“ und „Zivilisation“, den er zu einem unversöhnlichen Gegensatz stilisierte, und er ließ keinen Zweifel: Die deutsche Kultur musste gegen die westliche Zivilisation, die Mann nicht nur mit „Aufklärung“, sondern auch mit „Auflösung“ assoziierte, verteidigt werden.

Bereits 1914 hatte Mann den deutschen Überfall auf das neutrale Belgien verteidigt. Im Ersten Weltkrieg sah er eine Art Wiederkehr des Siebenjährigen Krieges, den Preußen mit einem Angriff auf das neutrale Sachsen eröffnet hatte. Dass dieser Überfall dem Völkerrecht widersprach, räumte Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg im Reichstag offen ein: „Wir sind jetzt in der Notwehr; und Not kennt kein Gebot“, „das Unrecht, das wir damit tun, werden wir wieder gutmachen, sobald unser militärisches Ziel erreicht ist.“

Aus ihrer durchaus peniblen Aktenanalyse kamen die Geschichtswissenschaftler dennoch zu dem Schluss, den Gerhard Ritter 1949 in den Worten zusammenfasste, der „Kampf um die sog. Kriegsschuldfrage“ habe „schließlich zum Welterfolg der deutschen Hauptthesen“ geführt. „In der unermesslichen internationalen Spezialforschung“ zu diesem Thema habe „sich die deutsche These, dass von einem lang vorbedachten Überfall der Mittelmächte auf ihre Nachbarn keine Rede sein könne, bald allgemein durchgesetzt“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Debatte um die Schuld am Ersten in den Hintergrund getreten. Zu den Ursachen dieses Zweiten stellten sich ohnehin keine Fragen: Zu offenkundig war es, dass der deutsche Angriff auf Polen am Anfang stand. Doch 1961 wurde die Diskussion um den Ersten mit einem Paukenschlag neu eröffnet. Der Hamburger Historiker Fritz Fischer war in seinen Archivstudien zu dem Schluss gekommen, Ritters „Freispruch“ für das wilhelminische Kaiserreich sei ein glattes Fehlurteil gewesen. Deutschland sei 1914 in den Weltkrieg keineswegs hineingeschlittert, sondern habe ihn durch seine aggressive Politik heraufgeführt, ihn bewusst in Kauf genommen. Die Kriegsziele, die Bethmann-Hollweg im September 1914 formulierte – weitreichende Annexionen in Europa und koloniale Expansionen in Afrika – seien lange vorbereitet gewesen.

Wohl nicht ohne Willen zur Provokation betitelte Fischer sein Buch „Griff nach der Weltmacht“. Dabei sprach der Text zunächst recht vorsichtig von einem „erheblichen Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch des allgemeinen Krieges“. Erst die allgemeine Entrüstung unter den älteren Kollegen brachte Fischer dazu, seine These zuzuspitzen: Im Juli 1915 habe ein Kriegswille „einzig und allein auf deutscher Seite bestanden“. Solche Schärfen brachten dann auch wieder die Politik ins Spiel, Bundeskanzler Ludwig Erhard fühlte sich bemüßigt, die Ehre des Kaiserreichs zu verteidigen.

Demonstration gegen den Friedensvertrag
von Versailles, Berlin 15. Mai 1919 - Bild:
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Wikiped.


Dass es sich auch zwei Generationen nach diesem Krieg nicht um eine bloß akademische Frage handelte, machte der aus Deutschland emigrierte amerikanische Historiker Fritz Stern deutlich: Wenn man „eine Folge von Betriebsunfällen in der deutschen Geschichte“ konstatiere, müsse man wohl auch erwägen, ob im Betrieb selbst etwas nicht gestimmt habe. Die „Süddeutsche Zeitung“ stellte in einer Rezension lapidar fest, mit Fischers Buch sei die Frage nach einer unheilvollen Kontinuität in der deutschen Geschichte gestellt.

Der Historiker Klaus Große Kracht hat daran erinnert, dass die „Zeitgeschichte“ als historische Spezialdisziplin gerade in den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs ihre Anfänge nahm, und zwar ausdrücklich als Geschichte mit einem politischen Auftrag. Kracht zitierte den jungen Privatdozenten Justus Hashagen, der zeitweise beim Militär für den „Vaterländischen Unterricht“ arbeitete: „Auch dem deutschen Historiker erwachsen aus dem Krieg neue Pflichten“, nämlich „sich der internationalen Geschichte der jüngsten Vergangenheit mit größerem Eifer als bisher zu widmen“.

Dabei wollte Hashagen die fachlichen „Standards“ der historischen Wissenschaft - „Sachlichkeit, Gründlichkeit, unbestechliche Wahrheitsliebe“ - keineswegs aufgeben. Aber er betonte die Notwendigkeit, im Konflikt zwischen „Wissenschaft und Leben“ „eine vaterländische Lösung zu erstreben“. Den Begriff der Zeitgeschichte definierte er als „Geschichte, sofern sie mit der Gegenwart zusammenhängt, sofern sie den gegenwärtigen Zustand erklärt“, als „Vorgeschichte der Gegenwart“. In diesem Sinn hätten äußerstenfalls wohl auch die alten Germanen als Zeitgeschichte gelten können – wenn man sie nur als „gegenwärtig“ verstand.

Zurück zur „Fischer-Kontroverse“. In den späten 1960er Jahren weiteten Historiker wie Wolfgang J. Mommsen und Hans-Ulrich Wehler die politikhistorische Fragestellung ins Sozialhistorische: Hatte Deutschland nicht schon Generationen vor dem Ersten Weltkrieg einen „Sonderweg“ beschritten? Erst nach dem Zweiten Weltkrieg öffnete sich Deutschland jener „politischen Kultur“ des Westens, die Heinrich August Winkler ein „normatives Projekt mit universalem Anspruch“ genannt hat. Wahrscheinlich war es, wie der „Welt“-Redakteur Sven Felix Kellerhoff vermutet hat, gerade in diesem Zusammenhang, dass die Aussage, die Sieger würden die Geschichte schreiben, so ungeheuer populär wurde: Dahinter stand „ein Affekt gegen die Re-Education“, der Widerwille gegen die Siegermächte von 1945, denen man unterstellte, sie würden Deutschland mit einem vermeintlichen „Schuldkult“ klein halten.

Der Satz findet sich aber auch in ganz anderen Zusammenhängen „Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte der Besiegten“, ließ Bert Brecht seinen Totenrichter im „Verhör des Lucullus“, 1936, sagen. Und in einer Notiz von George Orwell heißt es 1944: „History is written by the winners.“ Brecht hatte die Situation im Sinn, dass der Sieger den Besiegten keine Gelegenheit lässt, überhaupt irgendetwas zu schreiben. Orwell dachte an einen totalitären Staat, in dem der Sieger sich nicht nur das Handeln, sondern auch das Denken der Besiegten unterworfen hat.

Das nun war in Deutschland nach 1918 keineswegs der Fall, nach 1945 ebenso wenig. Der Althistoriker Christian Meier meinte einmal, es wäre doch zu wünschen gewesen, dass die deutschen Historiker der Weimarer Zeit sich dem Ersten Weltkrieg und der deutschen Niederlage mit ähnlicher Selbstreflexion gestellt hätten, wie das Thukydides nach der Niederlage Athens 404 v. Chr. tat. Das entscheidende Stichwort sei „Hybris“, das „ungeheuerliche, empörende Überschreiten der Grenzen des Erlaubten“, sowohl im Krieg als auch in der Verursachung des Krieges. „Man könnte es auch Hochmut vor dem Fall nennen.“


Mehr im Internet:

Kriegsschuldfrage - Wikipedia 
scienzz artikel Deutsche Geschichte 

 

 

 

 

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