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13.07.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

"Das Naheliegende darstellen, ohne jedoch gewoehnlich und langweilig zu sein"

Vor 200 Jahren wurde Gottfried Keller geboren

von Josef Tutsch

 
 

Gottfried Keller, Fotografie
von Adolf Grimminger, 1840
Bild: Wikipedia

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg hat einmal bemerkt, dass die Autoren der meisten deutschen Entwicklungsromane seit Goethe den Erfolg ihrer Helden nur so zu sichern wussten, dass sie für ihn ein Leben abseits der sozialen und ökonomischen Realität arrangierten, mit poetischen „Residenzen und Rosenhäusern“. Die große Ausnahme bildet Gottfried Kellers Roman „Der grüne Heinrich“. Zwar gelangt auch Kellers Protagonist Heinrich Lee zu dem unvermeidlichen Grafenschloss, wo er vielleicht sein Glück finden könnte. Doch es ist ihm unmöglich zu bleiben, die Realität lässt ihn nicht los.

Es war nicht zuletzt die biographische Realität des Autors, die das poetische Werk nicht „los lassen“ wollte. Als Gottfried Keller die Lebensgeschichte seines Heinrich Lee konzipierte, zählte er 23 Jahre.  Am 19. Juli 1819, vor nunmehr 200 Jahren, in Zürich geboren, hatte er zunächst eine Karriere als Landschaftsmaler ins Auge gefasst. Ausgestattet mit einer kleinen Erbschaft, zog er nach München, das damals die große Kunstmetropole Mitteleuropas war. Doch der Erfolg blieb aus, das ideale Selbstbild eines großen Künstlers, das Keller von sich selbst gepflegt hatte, ließ sich auf dem Kunstmarkt nicht verwerten. Seine Mutter musste Schulden machen, um den Aufenthalt des Sohnes zu finanzieren. In größter Armut kam er 1842 nach Zürich heim.

Er war gescheitert und fühlte sich schuldig, das zwang ihn zur Reflexion: „Allerlei erlebte Not und die Sorge, welche ich meiner Mutter bereitete, ohne dass ein gutes Ziel in Aussicht stand, beschäftigten meine Gedanken und mein Gewissen, bis sich die Grübelei in den Vorsatz verwandelte, einen traurigen kleinen Roman zu schreiben über den tragischen Abbruch einer jungen Künstlerlaufbahn, an welcher Mutter und Sohn zu Grunde gingen.“

Der „kleine Roman“ benötigte noch über ein Jahrzehnt. Keller tat sich schwer damit, diesen „zypressendunklen Schluss“ wirklich schreiben zu müssen, und noch bevor er dem Verleger 1855 sein Manuskript für den vierten Band abgeliefert hatte, trug er sich mit Plänen für eine Neufassung. Inzwischen hatte er sich in die Politik begeben und unterstützte seine Freunde von der „liberalen“ Partei im Kanton Zürich mit „zornigen Versen“. „Das Pathos der Parteileidenschaft war eine Hauptader meiner Dichterei“, schrieb er später.

Nachdem der „Sonderbundskrieg“ 1848 zum ersehnten Umbau des Schweizer Bundesstaates geführt hatte, ging Keller für einige Jahre ins Ausland. Er wollte die philosophische, literarische und historische Bildung nachholen, die er in der Jugend zugunsten der Malerei hintangestellt hatte. Die Begegnung mit Ludwig Feuerbach gab ihm die ersehnte Orientierung: „Die Welt ist eine Republik, sagt er [Feuerbach], und erträgt weder einen absoluten noch einen konstitutionellen Gott.“ Die politische Konsequenz, die Keller aus dieser Dekonstruktion überlieferter Dogmen zog, legte er einer Figur in seinem „Heinrich“-Roman in den Mund: „Es handelt sich um das Recht, ruhig zu bleiben im Gemüt, was auch die Ergebnisse des Nachdenkens und des Forschens sein mögen.“ „Darum wollen wir die unbedingte Freiheit des Gewissens nach allen Seiten.“

Es folgten fünf Jahre in Berlin, in regem Austausch mit der Literatur- und Theaterszene in der preußischen Hauptstadt – und immer mit dem Braunschweiger Verleger Eduard Vieweg im Nacken, der ihn drängte, endlich das versprochene Manuskript abzuliefern: den Roman von dem „talent- und lebensfrohen jungen Menschen“, der sich außerstande zeigt, seine Träume „in festes geregeltes Handeln“ umzusetzen. Vieweg erklärte die Erzählung im Brief an Keller bereits im Vorhinein zu einem „Meisterwerk“, knauserte jedoch beim Honorar. Als Keller 1855 nach Zürich zurückkehrte, stand er wirtschaftlich nicht viel besser da als bei seiner Rückkehr 13 Jahre zuvor aus München.

Immerhin – die Veröffentlichung des Romans sicherte ihm einen Namen in der Literaturwelt und damit auch Geduld bei seinen Gläubigern. Und im Reisegepäck führte er das Manuskript für den ersten Band der „Leute von Seldwyla“ mit. Fernab von der Heimat hatte sich ihm das Bild eines lustigen, aber auch ein wenig leichtfertigen Schweizer Städtchens geprägt, das den Hintergrund für seine nunmehr erreichte humoristische Lebensbetrachtung abgeben konnte. Eine einzige der fünf Erzählungen zeigte, dass auch in diesem Rahmen Tragödien möglich sind: Wie bei Shakespeare verhindert der Krieg zweier Familien, dass zwei junge Liebende ihre Glück finden können. Im Titel „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ formulierte Keller zugleich sein poetisches Konzept: Die „großen“ Geschichten lassen sich im Milieu armer Landleute ebenso erzählen wie auf der Ebene der Reichen und Mächtigen.

Gottfried Keller: Heroische Landschaft,
1841/42 (Zentralbibliothek Zürich)
Bild: Wikipedia


Nachdem Keller sich wieder in Zürich niedergelassen hatte, zog ihn die Politik wieder in ihren Bann. Keller dichtete allerlei vaterländische Gesänge zu öffentlichen Anlässen, zeitweise muss ihn das unbehagliche Gefühl überkommen haben, so etwas wie der Hofpoet der Schweizer Republik zu werden. Die Erzählung, die ihn dann tatsächlich zu einer Art Nationaldichter machte, „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“, entstand im Auftrag seines württembergischen Kollegen Berthold Auerbach. Keller nutzte Auerbachs Wunsch, „etwas kurzes Abgerundetes“ zu einem schweizerischen Thema zu veröffentlichen, um sich zugleich von einer „hyperpatriotischen und überschweizerischen philiströsen Ruhmrednerei und Duselei“ abzusetzen; er wollte „die Freude am Lande mit einer heilsamen Kritik verbinden“.

Der Eindruck auf den Leser anderthalb Jahrhunderte später fällt ein wenig zwiespältig aus: Nur mit viel liebevoller Ironie gelingt es dem Erzähler, den weitläufigen pädagogischen Ansprachen ihre Penetranz zu nehmen. Keller war bereits 42 Jahre alt, als er endlich eine ökonomische Sicherung gewann.  Es wird sein literarisches Renommee gewesen sein, das die Regierung des Kantons Zürich bewog, ihm im September 1861 die Stelle eines „Ersten Staatsschreibers“ anzuvertrauen. Zu seinen Aufgaben gehörte es, jedes Jahr zum „Bettag“ im September ein sogenanntes „Mandat“, zu schreiben, in dem das Volk zum Besuch der Gottesdienste angehalten werden sollte. Der ungläubige Keller versuchte sich diplomatisch aus der Affaire zu ziehen:  „Möge aber auch der nicht kirchlich gesinnte Bürger im Gebrauch seiner Gewissensfreiheit nicht in unruhiger Zerstreuung diesen Tag durchleben, sondern in stiller Sammlung dem Vaterlande seine Achtung beweisen.“ Die Kantonsregierung sah ein, dass von einem Feuerbachianer da wohl nichts Geeignetes zu erwarten war und bestellte anderweitig einen neuen Text.

À propos Feuerbach: 1872 brachte der unfromme Gottfried Keller einen parodistischen Zyklus „Sieben Legenden“ heraus. Wahrscheinlich die poetischste Anverwandlung, die das Wort des Philosophen, das Bewusstsein Gottes sei „das Selbstbewusstsein des Menschen“ jemals gefunden hat. Getreu Feuerbachs religionskritischem Programm wird die Gottesmutter Maria zur Personifikation der irdischen Liebe umgedeutet. Im abschließenden Stück „Das Tanzlegendchen“ verzichtet ein frommes Mädchen auf seine große Leidenschaft, das Tanzen, weil ihr der König David versprochen hat, für diesen Verzicht dürfe sie sich dereinst im Himmel dem vollkommenen Tanz der Seligen hingeben. Dort im Himmel allerdings erfasst sie eine unstillbare Sehnsucht nach der Erde.

Keller meinte einmal, „nach Feuerbach“ sei die Welt „noch glühender, sinnlicher“ geworden. Durch die Musikdramen eines anderen Feuerbachschülers, der in diesen Jahren zeitweise ebenfalls in Zürich lebte, Richard Wagner, wird er sich in dieser Meinung bestätigt gesehen haben. Das Amt ließ Keller Zeit, die Novellen für den zweiten „Seldwyla“-Band zu schreiben. Darin findet sich die Erzählung „Kleider machen Leute“ - bis heute eine beliebte Schullektüre. Ein humoristisches Spiel um Schein und Sein, Realität und Täuschung. Ein arbeitsloser Schneidergeselle, der unfreiwillig in den Ruf gekommen ist, ein reicher polnischer Graf zu sein, wird entlarvt, doch am Ende erringt der Geselle eine angesehen Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft. Nur ein ganz leiser Hauch von Satire streift die Kleinstädter, die so gern dem Schein glauben und so zögerlich die Wahrheit sehen wollen.

Ein Weg von der Ärmlichkeit durch Traum und Märchen hindurch zu einem „bescheidenen, sparsamen, fleißigen“ Leben, zum „Glück einfacher und unverdrossener Arbeit“. Kein Zweifel, dieser Dichter wollte volkserzieherisch wirken, es finden sich durchaus Stellen in seinem Werk, an denen die pädagogische Intention seiner Fabulierlust im Wege stand. Doch in seinen besten Augenblicken gelang es ihm, seine scharfe Gesellschaftskritik als reine Poesie darzubieten. Zum Beispiel am Schluss von „Romeo und Julia auf dem Dorfe“: Man nehme an, wird dort die scheinheilige Entrüstung der guten Gesellschaft in Form einer Zeitungsnotiz wiedergegeben, „die jungen Leute haben das Schiff entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu halten, abermals ein Zeichen von der um sich greifenden Entsittlichung und Verwilderung der Leidenschaften“.

„Poetischer Realismus“ hat sich in der Germanistik als Terminus für den literarischen Stil der zweiten Jahrhunderthälfte eingebürgert. „Realismus“ als Darstellung gesellschaftlicher Realität, zumeist in derGegenwart, „im Zeitalter des Fracks und der Eisenbahn“, wie Keller es ausdrückte, aber auch als Aufzeigen von idealen, wenngleich realisierbaren Zielen. „Poetisch“ deshalb, weil Keller das Recht der Poesie, frei zu fabulieren, um keinen Preis opfern wollte. Seine Figuren sollten in der „Laune“ sein dürfen, auch das „Ungewohnte“ wirklich zu tun.

Gottfried Keller als Freischärler, Zeichnung
von Johannes Ruff, 1845
Bild: Wikipedia


Romantische Weltflucht jedoch war seine Sache nicht, das Heroische auch nicht. Halb und halb belustigt erzählte er in einem Brief an Theodor Storm, Conrad Ferdinand Meyer habe ihn heftig kritisiert: „Es ist schade um Ihre Gabe des Stils! Sie verschwenden ihn an niedrige Stoffe, an allerlei Lumpenvolk! Ich arbeite nur mit der Historie, kann nur Könige Feldherren und Helden brauchen! Dahin sollten Sie streben!“ Aber Keller wollte eben „das Gewöhnliche und jedem Naheliegende darstellen“, jedoch „ohne gewöhnlich und platt oder langweilig zu sein“.

1879/80 kam endlich die lange vorbereitete zweite Fassung des „Grünen Heinrich“ heraus, mit deren Planung er sich ein Vierteljahrhundert lang getragen hatte. Der „zypressendunkle Schluss“ wurde nunmehr vermieden, Keller gönnte seinem gescheiterten „Helden“ eine zweite Lebenschance, mit einem unscheinbaren Amt im Staatsdienst. Die Hand, die noch einmal an den „Ur-Heinrich“ rühre, möge verdorren, sagte Keller in einem Moment des Unmuts. Aus der Perspektive des reifen Künstlers betrachtet, erschien ihm der Schluss der ersten Fassung eilig „dahingeschludert“.

Seitdem wird unter den Keller-Interpreten diskutiert, welche Fassung vorzuziehen sei. Theodor Storm hatte seinen Kollegen gemahnt, bei der Umarbeitung „schonsam“ zu Werke zu gehen: „Es quillt ein so frischer Lebensborn in diesem Buche, es liegt auf allem ein solcher Glanz von sinnlich-frischer Schönheit, dass ich bei dem Gedanken, dass das umgegossen werden soll, zittre.“ Viele Leser sind zu dem Schluss gekommen, dass der alte Keller gar so schonsam leider doch nicht war. Man wird wohl dem Germanisten Josef Hofmiller zustimmen müssen: Der zweite „Heinrich“ ist „in jeder Beziehung künstlerischer“, die erste oft „holprig und unbeholfen“. In der späten Fassung sei „alles sachlicher, gedämpfter“ urteilte Hofmiller, habe „mehr Distanz“. Aber damit wirkt vieles auch weniger frisch, „beinahe ledern“.

Erst durch diese Zweitfassung konnte „Der grüne Heinrich“ in den Ruf kommen, mit diesem Werk habe Keller die Tradition des deutschen Bildungsromans, in der Nachfolge von Goethes „Wilhelm Meister“, fortgesetzt. Aber viel mehr noch als eine Fortsetzung war Kellers „Heinrich“ eine Umdeutung dieser Tradition. „Ich weiß“, sagt Wilhelm Meister zum Schluss seiner „Lehrjahre“, „dass ich ein Glück erlangt habe, das ich nicht verdiene, und das ich mit nichts in der Welt vertauschen möchte.“ In welchem Abstand zu Goethe Keller sich selbst sah, zeigt eine merkwürdige Diminutivbildung, die ihm gelegentlich aus der Feder floss: „Glücklein“.


Mehr im Internet:

Gottfried Keller - Wikipedia 
scienzz artikel Deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts

 

 

 

 

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