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25.06.2019 - SPORT

Helden im postheroischen Zeitalter

Der Spitzensport und sein Publikum

von Josef Tutsch

 
 

Denkmal für Emil Zátopek,
Parc Olimpique, Lausanne
Bild: Roland Zumbühl/
Wikipedia

„Unglücklich das Land, das keine Helden hat!“, ruft Galileo Galileis Schüler Andrea in Bertolt Brechts Stück aus. Sein Lehrer berichtigt ihn: „Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“
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Eine Stelle, die jedes Mal Szenenapplaus hervorruft. Im Beifall zum Dichterwort bekräftigt das Publikum seine, wie der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler es 2015 ausdrückte, „postheroische“ Einstellung. Gerade auf dem klassischen Feld von „Helden“ und „Heldentaten“, im Militärischen, ist uns, zumindest in der westlichen Gesellschaft, der Gedanke, da sei irgendetwas verehrungswürdig, abhanden gekommen.

Wenn es allerdings darum geht, Menschenleben zu retten – zum Beispiel nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 – sprechen wir eben doch von Helden. Und auf einem Gebiet ist von „Helden“ geradezu inflationär die Rede: im Sport. In der modernen Gesellschaft „ist der Spitzensport mit seiner Dauerproduktion von Siegen und Niederlagen, von spektakulären Rekorden, nervenzehrender Spannung und virtuoser Körperlichkeit wie kein anderer Sozialbereich geeignet, Helden zu erzeugen“, schreibt der Darmstädter Sportwissenschaftler Karl-Heinrich Bette in seiner neuen Studie zum „Spitzensport in postheroischen Zeiten“.

Vor allem Siege bei Fußball-Weltmeisterschaften provozieren ganze Wellen der Heldenverehrung. „Die WM-Helden kommen zum Feiern“, verkündete der Rundfunk Berlin-Brandenburg 2014, als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft von den Spielen in Brasilien heimkehrte. Auch zeitweilige Niederlagen können dem Heldenstatus nicht unbedingt etwas anhaben, auch das verbindet die Sporthelden mit ihren kriegerischen „Kollegen“. „Ihr seid trotzdem Helden!“, titelte die „Bild“-Zeitung 2006, nach der Niederlage der deutschen Fußballmannschaft gegen Italien, „Wir weinen mit Euch!“

Innerhalb und außerhalb der Stadien, vor allem durch die Massenmedien, entstehen, mit einem Ausdruck des Philosophen Peter Sloterdijk, „Erregungsgemeinschaften“: Siege und Niederlagen werden als gemeinschaftlich empfunden. Die „Sporthelden“ kämpfen nicht für sich allein, sie stehen für ein Kollektiv, ein „Wir“, etwa die Nation. 1954 vermittelte der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern der Aufbaugeneration in der jungen Bundesrepublik Deutschland das Gefühl, „wieder wer zu sein“. Die DDR-Führung versuchte, über Medaillen bei den Olympischen Spielen der Bevölkerung ihres Staates das Gefühl nationaler Identität zu vermitteln.

Dem Plakatkünstler Klaus Staeck gab die nationale Identifikation mit den „Sporthelden“ Anlass zu trefflicher Satire: „Ein Volk, das solche Boxer, Fußballer, Rennfahrer und Tennisspieler hat, kann auf seine Universitäten ruhig verzichten.“ „Wir sind Weltmeister!“, jubelte 2014 die Boulevardpresse – obwohl doch, bemerkt Bette, „niemand aufseiten des nationalen Publikums in den diversen Spielen des Turniers die Chance hatte, selbst gegen den Ball zu treten“.

Der Forscher listet eine Reihe von Punkten auf, die gerade sportliche Wettkämpfe „heldenfähig“ werden lassen. In diesem sozialen Bereich, der auf „Sieg oder Niederlage“ angelegt ist, konnten „heroische“ Einstellungen überdauern. Wichtig ist dabei vor allem, dass „formal gleiche“ Gegner einander gegenüberstehen: Kämpfe zwischen Ungleichen werden nicht als „heldisch“ empfunden, sondern ganz einfach als unfair. Sie wären für das Publikum ja auch ohne Spannung. Die Dichter der großen Heldenepen hatten gute Gründe, ihre Protagonisten wenigstens mit kleinen Verwundbarkeiten auszustatten: der berühmten „Achillesferse“ oder der Stelle auf Siegfried Rückens, die nicht mit Drachenblut bestrichen werden konnte.

Denkmal für die "Helden von Bern" vor dem
Stadion in Kaiserslautern 
Bild: Kandschwar/Wikipedia 

Viele der Motive aus dem klassischen „Heldennarrativ“ haben sich in den modernen Sport hinübergerettet. Das gilt auch auf dem Gebiet der Rhetorik. So reden Sportreporter gern von „Opfer“ und „Ehre“. Dass solche Floskeln eine reale Entsprechung haben, zeigt das Verhalten mancher „Sporthelden“. 2016 spielte der Darmstädter Fußballer Aytaç Sulu, der für seine Kopfbälle berühmt war, wegen gebrochener Gesichtsknochen zeitweise mit Maske und Turban. Der Münchner Sebastian Schweinsteiger wollte trotz Platzwunde im Gesicht beim WM-Finale 2014 unbedingt bis zum Ende des Spiels auf dem Platz stehen.

Die Grenze zwischen Helden und „Märtyrern“ ist fließend: Für ihre Bereitschaft, „das Äußerste“ zu geben, ernten die Sporthelden Respekt und Verehrung. Gelegentlich geht die Sportberichterstattung noch einen Schritt weiter und redet von „Fußballgöttern“. „Turek, du bist ein Teufelskerl!“, schrie beim Endspiel in Bern 1954 der Reporter Herbert Zimmermann ins Mikrophon, „du bist ein Fußballgott!“ Zimmermann hatte aber noch so viel Selbstreflexion, gleich hinzuzufügen: „Die Fußballlaien werden uns für verrückt erklären.“

Wenn unerwartete Erfolge eintreten, liegt die Rede vom „Wunder“ nahe, zum Beispiel, als bei der Europa-Meisterschaft 2016 Island die favorisierte englische Mannschaft aus dem Turnier geworfen hatte. Ein Effekt wie in der Geschichte von David und Goliath: Der Kleine besiegt den Großen. Es gehört zu Heldengeschichten, stellt Bette fest, dass solche Ereignisse „vielleicht erhofft, aber nicht punktgenau erwartet werden können“.

Es gibt auch Fälle, wo im Nachhinein klar ist, dass die „Wunder“ regelwidrig herbeigeführt wurden, Beispiel: die „Hand Gottes“ im Endspiel der Fußball-WM 1978, die in Wahrheit die Hand des argentinischen Fußballers Diego Armando Maradona war. 2002 sicherte Michael Ballack mit einem taktischen Foul seiner Mannschaft den Einzug ins WM-Finale. In der deutschen Öffentlichkeit, schreibt Bette, wurde dieses Fehlverhalten als eine Art „Opfergabe“ aufgefasst: Im Dienste einer „höheren Sache“ nahm Ballack in Kauf, dass seine „saubere Weste“ einen unschönen Fleck abbekam.

Man darf vermuten, dass die Verantwortlichen für die Finanzmanipulationen im Vorfeld des „Sommermärchens“, also der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006, ihr Verhalten vor sich selbst ganz ähnlich rechtfertigen. Das „Tricksen“ demontiert den Heldenstatus nicht unbedingt, das ist im Sport nicht anders als im Märchen und in der Mythologie. Wird das Tricksen freilich zu weit getrieben, schlägt die Figur des Sporthelden in die eines gemeinen Betrügers um. Seit einigen Jahren werden bei ertappten „Dopingsündern“ Titel und Medaillen immer wieder mal aberkannt.

Es finden sich auch Fälle, vermerkt Bette, in denen Sporthelden sich plötzlich entschließen, aus ihrer Heldenrolle auszubrechen. Im WM-Endspiel 2006 provozierte der Italiener Marco Materazzi seinen französischen Gegenspieler Zinedine Zidane mit einer Bemerkung, durch die Zidane die Ehre seiner Familie verletzt sah. Zidane rächte die Beleidigung, indem er Materazzi seinen Kopf in den Bauch rammte. Natürlich wurde er wegen dieser Tätlichkeit gesperrt. Frankreich verlor das Endspiel im Elfmeterschießen.

Ein „gefallener“, ein „tragischer Held“, sagt Bette. Zidane opferte seiner Auffassung von Ehre die Aussicht auf eine große Siegesfeier, auf einen „Triumph“. Manchmal endet die hoffnungsvolle Heldenkarriere in Absturz und Tod. 1994 veursachte der kolumbianische Fußballer Andrés Escobar durch ein Eigentor, dass seine Mannschaft in einem Spiel gegen die USA ausschied. Wenige Tage später wurde er ermordet, vielleicht im Auftrag der Wettspiel-Mafia, die viel Geld verloren hatte.

Mit einer sozialen Verfemung wollte die tschechoslowakische Regierung den Langstreckenläufer Emil Zátopek bestrafen, der 1968 gegen die sowjetische Besetzung des Landes protestierte. In den 1950er Jahren hatte Zatopek einen Weltrekord nach dem anderen aufgestellt und sich den Status eines Volkshelden erworben. Die Strafaktion der Regierung konnte ihn zeitweise in materielle Not bringen, in den Augen des Volkes jedoch wurde er erst recht zum Mythos.

Diego Maradona mit der "Hand Gottes",
1986 - Bild: Clarín/Wikipedia 

Ob sich Michael Rummenigge, der jüngere Bruder des späteren Vorstandsvorsitzenden beim FC Bayern München, Karl-Heinz, Mitte der 1980er Jahre eine große Karriere im Fußball versprach? 1984 antwortete er auf die Frage eines Fans, ob ein Fußballprofi wie er nicht zu viel verdiene, reichlich unbedacht, gute Fußballer wie er seien rar, Schlosser wie der Anrufer dagegen wie Sand am Meer zu finden. Durch Presse und Öffentlichkeit ging ein Aufschrei. Beim Spiel am darauffolgenden Wochenende, als der Stadionsprecher Rummenigges Namen vorlas, erscholl aus zehntausend Kehlen der Ruf „Drecksau!“ „Aus dem kleinen Rummenigge war ein großes Arschloch geworden“, resümierte später der Sportjournalist Holger Gertz. Mit den Aussichten auf eine Heldenkarriere war es vorbei, völlig unabhängig davon, wie sich seine sportlichen Leistungen in den folgenden Jahren entwickelten.

Helden entstehen als „soziale Konstrukte“, erläutert Bette, verzichtet jedoch darauf, die Gesetzmäßigkeiten zu erörtern, nach denen sich in einer Gesellschaft eine solche „Konstruktion“ von Helden vollzieht. Können „Helden“ womöglich sogar geplant und „gemacht“ werden, in einem Wechselspiel von Sportverbänden und Medien? Der Sport bietet ein Refugium, in dem das Massenpublikum noch am ehesten das zu finden glaubt, was angesichts der „Technisierung, Routinisierung, Entzauberung und Entmythologisierung der Lebenswelt“ ansonsten abhanden kommt. Bette spricht, mehr andeutend als ausführend, von „Spannung“, „affektiver Aufladung“, „Gemeinschaftsstiftung“, „Personen- und Körperorientierung“.

Und eben: „Heroismus“. Oder eher: der Schein von Heroismus. Der Soziologie Max Weber sprach einmal von „Wiederverzauberungen“ unserer rationalisierten Welt. Bette: „Zumindest punktuell erfüllt Heldenverehrung die ansonsten unbefriedigt gelassene Sehnsucht nach einer subjektiv sinnhaften Ordnung der Welt und der Möglichkeit einer kurzzeitigen Wiederverzauberung des Daseins in entzauberten Zeiten. Die Helden des Sports bedienen dieses Glücksbedürfnis in einer harmlosen und spielerisch-leistungsorientierten Weise.“

Nun ja, vergleichsweise harmlos. Die Gefahr einer physischen und psychischen Überforderung liegt nahe, und ob der Spitzensport für die Sportler selbst wirklich „spielerisch“ ist, lässt sich immerhin fragen – eher wohl doch ein hartes Geschäft, im günstigen Fall mit reichem Ertrag. Bloß beiläufig geht Bette auf die Bedeutung des Fernsehens für den Sport als eine Insel des Heldischen im postheroischen Zeitalter ein. „Für einen Kammerdiener gibt es keine Helden“, sagt das Sprichwort. In anderen Lebensbereichen hat sich die Perspektive des Kammerdieners weitgehend durchgesetzt. Davon kommt jedoch beim Sport kaum etwas auf die „Mattscheibe“. Die bewegten Bilder zeigen das Körperspiel einzelner großer Akteure, mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann.

Die Mühen, die damit wohl immer, die Schmerzen, die damit oft einhergehen, bleiben abstrakt. Man weiß, dass es sie geben muss, aber sieht sie nur selten. Ganz anders bei kriegerischen Aktionen. In der Vergangenheit gaben sie den „klassischen“ Gegenstand der Heldenverehrung ab, die großen Epen beschäftigen unsere Phantasie mit den Heldentaten eines Achilleus oder Siegfried. Der technische Fortschritt hat davon nicht viel übrig gelassen. Das Töten und Zerstören wurde automatisiert und „entpersonalisiert“, auf den Bildschirmen ist niemand zu sehen, der „Heldentaten“ vollbringt. Nur die Leiden der vielen, oft anonymen Opfer gehen über den Bildschirm.

Sportübertragungen dagegen ermöglichen es dem Publikum, „an der Bewältigung von Krisen teilzuhaben, ohne hierfür selbst Leistungen erbringen zu müssen“. Mit der gehörigen Phantasie, versteht sich. Dass nach der Leistung vom Athleten dann auch noch eine „verbale Kommentierung“ verlangt wird, kann das Erlebnis der Zuschauer freilich sehr trüben. Wie sagte Napoleon: „Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt.“ Die „Helden“ des Körpers, der Sachbeherrschung und der Koordinierung im Team sind nicht unbedingt auch Meister des Wortes. Achilleus war ja auch nicht sein eigener Homer.


Neu auf dem Büchermarkt:

Karl-Heinrich Bette: Sporthelden. Spitzensport in postheroischen Zeiten, transcript Verlag, Bielefeld 2019, 212 S., ISBN 978-3-8376-4633-7, 29,99 €


Mehr im Internet:

Helden - Wikipedia
Karl-Heinrich Bette: Sporthelden. Spitzensport in postheroischen Zeiten, transkript Verlag
scenzz artikel Sport

 

 

 

 

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