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08.07.2019 - POLITISCHE KULTUR

Geringe Schwerkraft auf dem Mond und die Belastbarkeit von Baustahl

Naturwissenschaftliche Argumente gegen Verschwoerungstheorien

von Josef Tutsch

 
 

Die US-Flagge auf dem Mond
Bild: Neil Armstrong/NASA/
Wikipedia

21. Juli 1969, vor 50 Jahren. Punkt 3 Uhr 56 MEZ betrat der amerikanische Astronaut Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Nachdem auch sein Kollege Buzz Aldrin die Landefähre verlassen hatte, rammten die beiden einen Fahnenmast in den Boden. Hunderte Millionen Menschen auf der Erde konnten live beobachten, wie die amerikanische Flagge auf dem Erdtrabanten hin und her schwang.

Moment mal: Auf dem Mond gibt es keine Atmosphäre, da kann die Flagge doch gar nicht im Wind geflattert sein? Seit 50 Jahren hält sich die Theorie, die ganze Mondlandung wäre bloß ein Fake, gedreht in den Hollywood-Studios. Mit kleinen Fehlern, wie sie Fälschern nun einmal unterlaufen, zum Beispiel mit einer wehenden Flagge, obwohl die dargestellte Geschichte doch an einem Ort spielen soll, an dem kein Wind die Flagge in Bewegung setzen könnte.

Wind war aber auch gar nicht nötig, antwortet der Physiker Holm Gero Hümmler, der seit zwei Jahrzehnten an der Untersuchung von sogenannten „Parawissenschaften“ arbeitet. Die Flagge auf dem Mond wurde unvermeidlich in Bewegung gesetzt, als die Astronauten das Halterohr in den Fuß einsetzten. Mangels Atmosphäre wurde diese Bewegung nicht einmal durch einen Luftwiderstand abgebremst. Auch die geringere Schwerkraft auf dem Mond bewirkte, dass die Flagge danach länger in Bewegung blieb, als sie das auf der Erde bei Windstille getan hätte.

Hümmler hat ein Buch mit naturwissenschaftlichen Informationen zu den gängigsten „Verschwörungstheorien“ unserer Zeit zusammengestellt, von der angeblich „gefakten“ Mondlandung über den 11. September 2001 bis zur Behauptung, die Erde sei in Wirklichkeit eine Scheibe, deren Kugelform uns von Wissenschaft und Presse und Politik nur vorgetäuscht wird. Der Untertitel „Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden“ wirkt ein bisschen unglücklich. Dass Verschwörungstheoretiker mit dem Absatz ihrer Bücher bloß Geld verdienen wollen, wird zwar reichlich vorkommen. Der Regelfall ist vermutlich aber doch, dass sie selbst von ihren „Theorien“ fest überzeugt sind.

In manchen Fällen können sie sich ja auch auf den Augenschein berufen. Hümmler: „Nach Ansicht der meisten Flacherdler muss die Erde einfach deshalb flach sein, weil sie flach aussieht.“ Angeblich zückt der Sänger Xavier Naidoo im Gespräch mit Freunden gern ein Lineal, hält es quer aus dem Fenster und stellt dann fest, am Horizont sei auch nicht der Ansatz einer Krümmung zu sehen. Hümmler hat sich die Mühe gemacht auszurechnen, wie groß die gesuchte Krümmung bei einem Erdumfang von 40.000 Kilometer eigentlich sein müsste. Nehmen wir an, am Horizont ist in fünf Kilometer Entfernung eine Strecke von 2,5 Kilometern zu überblicken. Dann müsste der Horizont in der Mitte gerade mal 0,015 Millimeter höher sein als an den Enden. Kein Wunder, dass Naidoo nichts entdecken konnte.

Natürlich ist es nicht immer möglich, den Verschwörungstheorikern eigene Beobachtungen entgegenzuhalten. Viele von uns sind naturwissenschaftlich auch nicht derart vorgebildet, dass wir spontan Gegenargumente entwickelt könnten. Aber manchmal genügen auch relativ einfache Überlegungen. Bereits im 17. Jahrhundert wurde darüber spekuliert, ob die Erde in ihrem Inneren vielleicht einen großen Hohlraum hat. Das Internet heute ist voll von Phantasien über eine geheimnisvolle Menschenrasse, die auf der Innenseite der Erdschale wohnen soll. Wie sich diese Lebewesen allerdings an der Schale festhalten, damit sie nicht von der Schwerkraft weiter in Richtung des Erdmittelpunktes gezogen werden, bleibt das Geheimnis der „Hohle-Erde-Theoretiker“.

À propos geheimnisvolle Rasse: Durch die rechtsextremistische Szene geistert die Vorstellung, in der Antarktis gäbe es eine Nazi-Kolonie unter dem Namen „Neu-Schwabenland“. Adolf Hitler und Eva Braun sollen am Ende des Zweiten Weltkriegs über Patagonien dorthin gelangt sein. Naturwissenschaftlich wäre so etwas ja denkbar, die Frage müsste anhand von historischen Dokumenten geklärt werden. Richtig, bemerkt Hümmler, ist lediglich, dass Anfang 1939 eine deutsche Expedition vor der Küste der Antarktis kreuzte. Auf Landgänge musste die Expedition allerdings verzichten, da das Schiff „Schwabenland“ kein Eisbrecher war.

World Trade Center New York,
September 2001 - BildL Jim
Watson/US Navy/Wikipedia 


Aber Flugboote warfen Hakenkreuzfähnchen ab, die einen deutschen Gebietsanspruch markieren sollten – eben dort, wo dann angeblich eine Außenstelle der Reichskanzlei gebaut wurde. 1958 sollen die USA Neu-Schwabenland mit Atomwaffen angegriffen haben. Entdeckt wurde von dem antarktischen Obersalzberg jedoch niemals etwas. 2000 ging die Verschwörungsphantasie in die Popkultur ein. „Wo die wilden Kerle wohnen, eingebunkert hinter Bergen“, textete das Musikprojekt „Allerseelen“. Ein makabres Spiel mit Versatzstücken aus der Nazi-Ideologie: „Neu-Schwabenland ist eine Utopie, ein geistiges Abenteuer, eine schneeweiße und zugleich feldgraue Vision“, verkündete der „Allerseelen“-Gründer Gerhard Petak.

Wie auch sonst Verschwörungstheoretiker in Deutschland gern an das Dritte Reich anknüpfen. Zum Beispiel mit den sogenannten „Reichsflugscheiben“, einer Variante von Hitlers „Wunderwaffen“. Mit merkwürdiger Hartnäckigkeit versteift sich die pseudo-historische Phantasie darauf, ihnen eine untertassenähnliche Form zuzuschreiben, wie man sie ja auch von außerirdischen Raumschiffen annimmt. Die scheinbar so ideale Kreisgestalt hat aerodynamisch jedoch große Nachteile, stellt Hümmler fest: Ein Diskus oder eine Frisbee-Scheibe können bloß deshalb so gut fliegen, weil sie im Flug rotieren. Das dürfte bemannte Flugscheiben jedenfalls ausschließen.

Aber ob sich die „Gläubigen“ solcher Theorien von dergleichen Einwänden beeindrucken lassen? Eine der meistverbreiteten Verschwörungstheorien unserer Gegenwart besagt, dass die Anschläge vom 11. September 2001 nicht von islamistischen Terroristen, sondern von der CIA durchgeführt wurden, um einen Rechtfertigungsgrund für einen Krieg im Nahen Osten zu schaffen. Nun ist Misstrauen gegenüber den Mächtigen durchaus angebracht, und die Frage, wie man die Regierungen der USA einschätzt, lässt sich naturwissenschaftlich ohnehin nicht erörtern. Der ehemalige deutsche Staatssekretär Andreas von Bülow hat den Vorgang, der die Türme des World Trade Center zum Einsturz brachte, auch gar nicht in Frage gestellt. Bülow vermutete eben bloß, die CIA und der israelische Mossad hätten die Anschläge in Auftrag gegeben.

Der Großteil der Verschwörungstheorien um den 11. September erklärt dagegen den Hergang selbst für unwahrscheinlich oder unmöglich. Besonders beliebt ist das Argument, die Flugzeugeinschläge hätten die Stahlgerüste nicht zum Einsturz bringen können. Beim Brand eines Gebäudes werden Temperaturen von etwa 700 Grad Celsius erreicht oder überschritten. Der Schmelzpunkt von Baustahl liegt jedoch bei etwa 1.500 Grad. Sind die Bedenken womöglich doch einleuchtend? Hümmler winkt ab: Damit sich Stahl verformt und diese Verformung ein Gebäude ins Wanken bringt, braucht der Schmelzpunkt gar nicht erreicht zu sein. „Die Belastbarkeit von Baustahl beginnt bereits bei 400 Grad Celsius abzunehmen und liegt bei 600 Grad nur noch bei der Hälfte des ursprünglichen Werts.“

Dinge, die nicht jeder unbedingt weiß, das macht es so schwierig, auf Verschwörungstheorien im Gespräch sofort zu antworten. Es gibt ja auch  tatsächlich Verschwörungen in der Weltgeschichte, berühmter Fall: der Irakkrieg 2003. Die Regierung der USA rechtfertigte den Krieg mit der Behauptung, der Irak arbeite an Massenvernichtungsmitteln. Davon war dann nichts zu finden, insoweit erwies sich die unterstellte irakische „Verschwörung“ als Phantom. Aber die Verschwörung in der politischen und militärischen Führung der USA, um die Weltöffentlichkeit zu täuschen, war real. Das gab den Phantasien rund um den 11. September einen zusätzlichen Schein von Plausibilität, etwa: „Der Bush wollte eben einen Krieg anfangen.“

Aus Plausibilität auf Fakten zu schließen, kann aber fehlgehen. Damit allein lassen sich Verschwörungstheorien weder beweisen noch widerlegen. „Wie man sich nicht aufs Glatteis führen lässt“, hat Hümmerl das Schlusskapitel seines Buches überschrieben. Eine Anleitung, um zukünftige Verschwörungstheorien zu entlarven, kann der Autor natürlich nicht bieten: Die Aufgabe zu überprüfen, ob der unterstellte Sachverhalt naturwissenschaftlich überhaupt möglich oder wahrscheinlich ist, stellt sich jedes Mal von neuem. Und oft wird man sich dabei auf Experten verlassen müssen.

HAARO bei Gakona, Alaska
Bild: US Federal Government/Wikipedia


Immer in der Gefahr freilich, auf „falsche“ Experten hereinzufallen. Das befürchtete wohl auch Caesar, als er im März 44 v. Chr. auf jenen Wahrsager, der ihn vor eine akuten Lebensgefahr warnte, nicht hören wollte. In diesem Fall hätte es lebensrettend sein können, die Verschwörungstheorie ernst zu nehmen.

Die vielleicht phantastischste Verschwörungstheorie unserer Gegenwart: 2010 äußerte die Soziologin Claudia von Werlhof, die erste Professorin für Frauenforschung in Österreich, in einem Interview mit dem „Standard“ den Verdacht, das verheerende Erdbeben in Haiti im Januar dieses Jahres sei von den USA künstlich herbeigeführt worden, um eine militärische Besetzung des Landes vorzubereiten. In Alaska unterhielten die USA nämlich ein Forschungszentrum, das „High Frequency Active Auroral Research Program“ (HAARP), das mit Radiowellen die Ionosphäre untersuchte.

Die Frauenforscherin brauchte diese Theorie nicht neu auszubilden, die Welt war bereits voll von Spekulationen, die Anlage könnte alle möglichen Naturkatastrophen auslösen und mit ihren Strahlen sogar die Gedanken von Menschen manipulieren. 1999 hatte der Gedanke Eingang in die Akten des Europäischen Parlaments gefunden: In einer Ausschussanhörung wurde behauptet, HAARP sei dazu gut, Löcher in die Ionosphäre zu schießen, von denen man nicht wissen könne, ob sie sich jemals wieder schließen würden.

Der Verdacht, HAARP sei eine Geheimwaffe, meint Hümmler, kam vermutlich auf, weil die Anlage, wie in den USA bei Projekten der Grundlagenforschung nicht unüblich, aus dem Militärbudget mitfinanziert wurde. Um Erdbeben rund um den Globus hervorzurufen, meint Hümmler, müssten allerdings astronomische Energiemengen aufgebracht werden, die sich mit den technischen Möglichkeiten von heute schlechterdings nicht erreichen lassen. Das hinderte nicht daran, dass Werlhofs Mutmaßung über das Erdbeben in Haiti von der Kommunistischen Partei Österreichs wie vom venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez aufgegriffen und vor allem in „rechtsesoterischen“ Kreisen begierig rezipiert wurde.

Und was die Manipulation von Gedanken mittels Strahlen angeht – es ist völlig unklar, wie man sich einen solchen Mechanismus überhaupt vorstellen soll. Aber wer weiß, was die Menschheit demnächst noch alles erfinden wird. Immerhin ist es bereits möglich, durch extrem starke elektromagnetische Felder optische Halluzinationen auszulösen. Aber vorläufig gilt wohl doch Hümmlers Feststellung: „Wollte tatsächlich eine Regierung die Gedanken der Bevölkerung durch Radiowellen beeinflussen, so gelänge das wesentlich einfacher und wirkungsvoller durch entsprechende Einflussnahme auf das Radio- und Fernsehprogramm.“ Was Regierungen in Diktaturen ja reichlich nutzen, und die Versuchung liegt auch in demokratischen Staaten nahe.


Neu auf dem Büchermarkt:

Holm Gero Hümmler: Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2019, 223 S., ISBN 978-3-7776-2780-9, 19,80 €


Mehr im Internet:

Verschwörungstheorien - Wikipedia 
Holm Gero Hümmler: Verschwörungsmythen, S. Hirzel Verlag
scienzz artikel Mythen und Legenden

 

 

 

 

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