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28.07.2019 - AMERIKANISCHE LITERATUR

Ein Walfaenger war mein Yale und mein Harvard

Vor 200 Jahren wurde Herman Melville geboren, der Verfasser von Moby Dick

von Josef Tutsch

 
 

Herman Melville (1819-1891)
Photographie von 1860
Bild: Wikipedia

Man kann sich eben auf gar nichts verlassen, nicht einmal auf die renommierten Lexika. In seiner vierten Auflage aus dem Jahr 1889 behauptete „Meyers Konversationslexikon“, Herman Melville, der Autor der beliebten Südsee-Romane „Taipi“ und „Omu“, sei 1874 verstorben.

Als Melville 1891 dann wirklich starb, war er beim Publikum in einem Maße vergessen, wie es sonst zu Lebzeiten kaum einem anderen großen Autor geschah. 1883 hatte Robert Stevenson 1883 seine „Schatzinsel“ geschrieben. Nach dem Bibelspruch, dass gestohlenes Wasser süß schmeckt, bediente er sich freizügig bei den Werken anderer Autoren, angefangen bei Defoes „Robinson Crusoe“, und räumte diese Entlehnungen bald danach auch freimütig ein. Melvilles „Moby Dick“ zu erwähnen, hielt er offenbar für unnötig, in der Voraussetzung, meinte später Rolf Hochhuth, dass den ohnehin niemand sonst gelesen hätte.

Heute werden Melvilles Südsee-Romane immer noch gelesen. „Moby Dick“ dagegen gehört wie einige der späten Erzählungen unbestritten zur Weltliteratur. Melville ahnte wohl, was er seinen Zeitgenossen zumutete. Der Literaturwissenschaftler Thomas David zitiert in seinem Lebensbild, das jetzt im Vorfeld zu Melvilles Geburtstag am 1. August 1819, vor 200 Jahren, herausgekommen ist, aus einem Brief: „Warnen Sie alle zartbesaiteten Seelen davor, auch nur einen flüchtigen Blick in das Buch hineinzuwerfen“, schrieb der Autor wenige Tage, nachdem das Buch von Kapitän Ahab und dem „weißen Wal“ erschienen war. „Ein Polarwind pfeift hindurch & Raubvögel schweben darüber.“ „Sie riskieren Hüftweh & Hexenschuss.“

Bereits in seinem ersten Buch, „Taipi“, 1846, hatte der 26-Jährige die Leser mit Einblicken in das Leben der Marquesas-Insulaner schockiert, von der sexuellen Freizügigkeit bis zum Kannibalismus. Melville schrieb aus eigener Anschauung. Im Januar 1841 hatte er auf dem Walfänger „Acushnet“ angeheuert. Es war eine Flucht. Ein Jahrzehnt zuvor hatte der Vater Bankrott gemacht und war bald danach in geistiger Umnachtung gestorben. Die von Jammern und Klagen durchzogenen Erzählungen der Mutter von einer großen Vergangenheit, mit allerlei ruhmreichen Taten der Großväter im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, muss der junge Melville als eine Art Gefängnis empfunden haben, David spricht von einer „ewigen Verdammnis“.

An Land hatte Melville „Name, Herkunft, Vergangenheit“ - eine belastende Vergangenheit. Auf See dagegen war er „ein weißes, unbeschriebenes Blatt“, er konnte, wie er es später von Ismael, der Erzählerfigur in „Moby Dick“, schilderte,  „mit einer anonymen, fingiert anmutenden Identität kokettieren“. „Ein Walfänger war mein Yale College und mein Harvard“, schrieb er später im Rückblick. Nach anderthalb Jahren, im Juli 1842, desertierte Melville mit einem Kameraden auf der Marquesas-Insel Nukuhiva und verbrachte einige Wochen bei Eingeborenen. Im August verpflichtete er sich erneut auf einem Walfänger, wurde jedoch bereits im September wegen Arbeitsverweigerung zu drei Monaten Gefängnis auf Tahiti verurteilt. Er entkam, aber der Walfang ließ ihn nicht los. Melville heuerte auf einem dritten Walfänger-Schiff an.

Unverhohlen ließ der Autor in seinen Schilderungen von den Südseeinseln, die er nach seiner Rückkehr in die USA herausbrachte, die Sehnsucht nach einem „ursprünglicheren“ Leben durchklingen – und sein Bedauern, dass diese Ursprünglichkeit durch den Kontakt mit der westlichen Zivilisation gerade zerstört wurde. Die fortschrittsgläubige Leserschaft war befremdet, irgendwie aber auch fasziniert. Den Erfolg seiner Südseeromane konnte Melville später niemals wiederholen.

In „Weißjacke“, 1850, prangerte er die Auspeitschung an, die damals in der Kriegsmarine gang und gäbe war. Einige Jahre später wurde diese Strafe in der amerikanischen Marine tatsächlich verboten. Die eine oder andere Passage deutet jedoch eine ganz andere Intention an. Melville überhöhte das Schiff, auf dem er die Handlung spielen ließ, zum kosmischen Symbol: „Gleich einem Kriegsschiff, das durch die Meere segelt, durchsegelt diese Erde den Weltenraum. Wir Sterbliche sind alle an Bord einer schnell dahinsegelnden, niemals sinkenden Weltenfregatte, deren Schiffbaumeister Gott ist; und sie ist nur ein einziges kleines Fahrzeug in der Milchstraßenflotte, deren Großadmiral Gott ist.“

Illustration zu "Moby Dick", von
Augustus Burnham Schute 1892
1892 - Bild: Wikipedia 


In „Moby Dick“ weitete sich diese Metapher zum monumentalen Roman. Zahllose Zitate und Anspielungen, vom Buch Jona im Alten Testament und Vergils „Aeneis“ über Shakespeares Dramen und Thomas Hobbes‘ „Leviathan“ und Robert Burtons „Anatomie der Melancholie“ bis zu zeitgenössischen Walfängererinnerungen und zoologischen oder nautischen Abhandlungen, machen das Buch zu einer wahrhaften Enzyklopädie. Immer wieder ist die Handlung mit quasi-dokumentarischen, beinahe lexikalischen Passagen durchsetzt.

„Call me Ishmael“, beginnt die Erzählung, „nennt mich Ismael“. So heißt im Alten Testament der Sohn Abrahams mit seiner Magd Hagar. Nachdem Abrahams Ehefrau Sarah ebenfalls einen Sohn geboren hat, werden Hagar und Ismael in die Wüste geschickt. Erkannte Melville sich selbst in diesem Ismael wieder? „Es war vor ein paar Jahren“, berichtet der Ismael des Romans, „ich hatte so gut wie kein Geld im Beutel und eigentlich nichts, was mich an Land beschäftigt hätte, da kam mich die Lust an, wieder einmal ein bisschen unter Segel zu gehen.“

Melville deutete die göttliche Fügung, von der in der Abraham-Geschichte die Rede war, zu freier Wahl um. Und ausgerechnet der Outcast Ismael ist es, der am Ende des Romans, als das Walfängerschiff im Meer versinkt, als einziger überlebt, indem er sich auf einem Sarg über Wasser halten kann. Der „Held“ des Buches ist jedoch Kapitän Ahab. Ein Besessener, seit er im Kampf mit dem Pottwal Moby Dick ein Bein verloren hat, „seit sein zerrissener Körper und seine tiefverwurzelte Seele ineinander bluteten und, sich vermischend, ihn wahnsinnig machten“. Ein „großer, gottloser, gottähnlicher Mann“, ein Abkömmling von Prometheus und Faust, von John Miltons Satan und Lord Byrons Manfred.

Den Namen hat auch er aus dem Alten Testament: Ahab war ein König von Israel, ein Aufrührer gegen Jahwe, indem er den Baalskult seiner Gattin Isebel duldete. Aber der Roman enttäuschte, das wird den Misserfolg beim Publikum im 19. Jahrhundert mitbegründet haben, das Bedürfnis seiner Leser nach eindeutigen Wertungen. Der Literaturhistoriker Howard C. Horsford hat Melville mit der zeitgenössischen amerikanischen Philosophie konfrontiert. Die Natur sei in Gestalt, Farbe und Bewegung deshalb so erhaben, damit sie die Menschen flüsternd oder donnernd die Gesetze Gottes verkünde, meinte zum Beispiel Ralph Waldo Emerson.

Auch Kapitän Ahab hängt dem Glauben an, dass die Dinge der äußeren Welt eine solch tiefere Bedeutung haben. Dass der Wal ein beinahe menschenähnliches Wesen ist, an dem er Rache nehmen will und nehmen muss, um jeden Preis, steht für ihn außer Frage. „Ich würde auch nach der Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigte“, erklärt er seiner Mannschaft. Doch den Optimismus, der Emersons Philosophie durchzieht, hat der Roman in metaphysisches Grauen verkehrt. Mit der Aufgabe, zwischen Gott und dem Teufel zu unterscheiden, lässt Melville den Leser allein. Das zeigt sich schon an der Farbe des Wals, an seiner „Weiße“. Das berühmte 42. Kapitel des Romans zitiert die Offenbarung des Johannes: Der Ewige ist „von schlohweißer Herrlichkeit“. Weiß, heißt es weiter, sei „die Summe aller Farben“, aber zugleich „die sichtbare Abwesenheit von Farbe“, „eine farblose Allfarbe der Gottlosigkeit, vor der wir zurückschrecken“.

Das Buch schockierte seine Leser auch dadurch, dass die Weltsicht des polynesischen „Heiden“ Queequeg in aller Selbstverständlichkeit auf derselben Ebene abgehandelt wird wie das amerikanische Christentum – für viele Leser damals eine Ungeheuerlichkeit. „Moby Dick“ war, zwei Generationen vor dem „Ulysses“ oder dem „Mann ohne Eigenschaften“, der erste Roman, der das Wagnis unternahm, die fragmentierte Welt der Moderne in ihrer gesamten Komplexität erzählen zu wollen, und wie James Joyce und Robert Musil nutzte Melville dazu die Mythologie aller Völker und Zeiten. Das Publikum in der Mitte des 19. Jahrhunderts wusste damit nichts anzufangen. Nach dem geschäftlichen Misserfolg des Romans, berichtet David, forderte der englische Verleger Richard Bentley, wenn Melville noch einmal einen Roman bei ihm drucken lassen wolle, dann solle er das Manuskript bitte zuvor von einem „literarisch versierten Freund“ umschreiben lassen.

Herman Melville, um 1880
Bild: Wikipedia 


Aber die großen Novellen der folgenden Jahre hat Melville womöglich noch stärker verrätselt als den „Moby Dick“. Etwa „Bartleby der Schreiber“, 1853, die Geschichte vom Kopisten in einem Notarbüro, der zu Arbeitsaufträgen immer wieder nur sagt „I would prefer not to“, „Ich möchte lieber nicht“. Schließlich blickt er nur noch stumm und unbeweglich durch das Fenster auf die kahle Hauswand gegenüber, verweigert am Ende die Nahrungsaufnahme. Vielleicht, meint David, dachte Melville an seine eigene Arbeitsverweigerung zurück, 1842 auf Tahiti? Oder an die Diskussionen mit Kritikern, die ihn wohlwollend aufforderten, doch lieber zu einer populären Schreibweise zurückzukehren? Er wollte „lieber nicht“.

Oder „Benito Cereno“, die Geschichte von der Rebellion auf einem Sklaventransportschiff. Der Erzähler schreibt naiv aus der Perspektive der weißen Sklavenhaltergesellschaft heraus. Er teilt die Haltung, dass die Farbe Weiß, wie es in „Moby Dick“ heißt, „den Weißen von vornherein zum Herrn über alle dunkelhäutigen Rassen macht“. Die Möglichkeit, dass die Schwarzen in einem blutigen Kampf ihre Freiheit zurück erobert haben könnten, passt nicht in sein Weltbild, erst recht nicht, dass dieser Kampf legitim sein könnte. Zu der Frage, wie in dieser Situation Gut und Böse verteilt sind, gibt der Autor dem Leser keinerlei Hilfestellung.

Melville musste einsehen, dass er von seiner Schriftstellerei nicht leben konnte, 1866 nahm er die Stelle eines Zollinspektors im Hafen von New York an. Die Erzählung „Billy Budd“, an der er zuletzt arbeitete, blieb nach seinem Tod 1891 mehr als drei Jahrzehnte lang unbeachtet liegen, bevor sie einen Verleger fand. Melvilles Kunst, moralische Wertungen dem Leser zu überlassen, erreichte hier einen Höhepunkt. Melville hat Billy Budd mit allen Zügen eines Engels ausgestattet, „und doch muss der Engel hängen“ - er hat einen „Teufel“, der ihn verleumdete, im Zorn erschlagen. Das Kriegsgesetz fordert seine Hinrichtung.

Anders als in der biblischen Geschichte von Abraham, der seinen Sohn opfern soll, gibt es hier keinen Gott, der den Befehl im letzten Augenblick widerruft. Die Matrosen allerdings sammeln Späne vom Galgen „wie Splitter vom Heiligen Kreuz“. Das Urteil der Welt über den „bedauerlichen Vorfall“ gibt die Novelle in einer Zeitungsmeldung wider: Der „Rädelsführer“ einer Verschwörung sei hingerichtet worden. „An Bord der ‚H. M. S. Indomitable‘ ist alles in Ordnung“, schließt die Zeitungsnotiz.


Neu auf dem Büchermarkt:
Thomas David: Herman Melville, Deutscher Kunstverlag, Berlin – München 2019, 96 S. mit 55 s/w. und 15 Dupl.-Abb., ISBN 978-3-422-07448-4, 22,00 €


Mehr im Internet:
Herman Melville - Wikipedia
Thomas David: Herman Melville, Deutscher Kunstverlag
scienzz artikel Amerikanische Literatur

 

 

 

 

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