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18.07.2019 - POLITISCHE KULTUR

"Kommunikationsabbruch gegenueber den orthodoxen Unwahrheitsglaeubigen"

Vom Umgang mit Verschwoerungstheoretikern

von Josef Tutsch

 
 

World Trade Center 11. 9. 2001
Bild: Robert/Flickr/Wikipedia

Umfragen zufolge glauben etwa 17 Prozent der Deutschen, dass die Anschläge auf das World Trade Center 2001 von der CIA durchgeführt wurden, um eine Rechtfertigung für den nächsten Krieg zu schaffen. Über 10 Prozent sehen im Impfen nicht eine Gesundheitsvorsorge, sondern einen Geschäftstrick der Pharmafirmen. Mehr als 10.000 Bürger halten die Bundesrepublik Deutschland nicht für einen Staat, sondern für eine „GmbH“, manche ziehen daraus den Schluss, „sich wehren“ zu müssen.

Und ein halbes Jahrhundert nach der Mondlandung im Juli 1969 glauben nach wie vor viele Menschen, dass die ganze Aktion gar nicht stattgefunden hat, sondern ein „Fake“ war, inszeniert in den Filmstudios von Hollywood. „Verschwörungstheorien“ sind en vogue. Offenbar bietet ihnen das Internet einen besseren Nährboden, als es die gedruckten Medien früher taten. Der größere Aufwand, den der Druck erforderte, schuf einen Filter, den man, je nach Sichtweise, als Qualitätskontrolle ansehen kann – oder auch als Zensur. Und dem guten alten Stammtisch ist das Internet in seiner Reichweite ohnehin unendlich überlegen.

Der Berliner Philosoph Jan Skudlarek hat jetzt ein Bändchen vorgelegt, in dem er den Wahrheitsbegriff gegen die wuchernden Verschwörungstheorien verteidigen will. Das Internet, schreibt Sudlarek, ist etwas Ähnliches wie ein Sushi-Restaurant: Es „serviert mir immer neue Gerichte auf Grundlage der Gerichte, die ich zu einem früheren Zeitpunkt vom Band genommen habe“. Was es nicht gibt, ist eine Qualitätskontrolle. Es gibt auch keine professionelle „Kochkunst“, ebenso wenig ein unmittelbares Gegenüber von Sender und Empfänger. Vielleicht stellt im Hinterzimmer jemand nicht nur schlecht gekochtes, sondern auch abgelaufenes oder giftiges Essen auf das Förderband?

Es gehört zum Gestus der Anhänger von Verschwörungstheorien, dass Professionalität nicht gewollt wird. „Immer mehr Laien verfallen in eine anti-intellektuelle Selbstherrlichkeit“, vermerkt Skudlarek. Das gilt für die Frage, ob es mehr Risiken bringt, sich gegen bestimmte Krankheiten impfen oder nicht impfen zu lassen, wie für den Klimawandel, bei dem immerhin eine große Mehrheit der Wissenschaftler die Industrialisierung als gewichtigen Faktor für die Erderwärmung benennt.

In Erinnerung an die 1960er und 1970er Jahre könnte man auf den Gedanken verfallen, die aufmüpfigen Studenten von damals müssten von dem heutigem Misstrauen gegen das „Establishment“ doch geradezu begeistert sein. Skudlarek vertraut dagegen auf das formale System von Qualifikationen im Wissenschaftsbetrieb. Und es ist wohl richtig, nach aller Erfahrung begünstigt dieses System, wenngleich ohne Garantie, dass sich wahre Behauptungen, zutreffende „Weltbeschreibungsangebote“ durchsetzen. Und dann hoffentlich auch menschenfreundliche Problemlösungsvorschläge.

„Bildung hilft gegen Verschwörungstheorien“, schreibt Skudlarek und zitiert eine Äußerung, die einem amerikanischen Journalismus-Dozenten zugeschrieben wird: „Wenn eine Person dir sagt, dass es regnet, und eine zweite, dass die Sonne scheint – dann ist es nicht deine Aufgabe, beide zu zitieren. Deine Aufgabe ist es, aus dem verdammten Fenster zu schauen und herauszufinden, wer von beiden die Wahrheit sagt.“

Wenn es nur immer so einfach wäre. Davon abgesehen, dass es mit der Wahrheit selbst in diesem banalen Beispiel nicht unbedingt so eindeutig ist (steht gerade ein Regenbogen, können durchaus beide Personen Recht haben) – wenn journalistische oder wissenschaftliche Projekte sich nicht ins Unendliche ausdehnen sollen, ist es unmöglich, alle Fragen, die sich da stellen, einer rationalen Lösung zuzuführen, alles selbst „herauszufinden“.

Die US-Flagge auf dem Mond
Bild: Neil Armstrong/NASA/
Wikipedia


Diese Schwierigkeit ist Skudlarek auch durchaus bewusst: „Die Gesellschaft beruht auf einem Vertrauen-Müssen. Ohne einen Vertrauensvorschuss funktioniert eine komplexe menschliche Gesellschaft wie die unsrige schlichtweg nicht.“ Er empfiehlt eine Regelvermutung, zumindest für die meisten Fälle: „Der Mainstream hat Recht.“ Seine Begründung: „In freiheitlichen Gesellschaften verkörpert der Mainstream in der Regel eine beachtliche Schwarmintelligenz.“ Verschwörungstheoretiker dagegen sind „Möchtegernrebellen“, schreibt Skudlarek.

Allerdings: Auch „Schwärme“ können sich irren. Das Milieu, in dem wir leben, der Kommunikationszusammenhang, in dem wir denken und sprechen, kann Unmündigkeit bedeuten – jene Unmündigkeit, die Kant als Unvermögen definierte, „sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen.“ Aufklärung im Sinne Kants bedeutet, dass wir uns in der „Kunst des Zweifelns“ üben – des „wahrheitsdienlichen“ Zweifelns, immer mit dem sokratischen Wissen um unser Nichtwissen im Kopf.

Soweit alles plausibel – und wenig überraschend. Auf der Internetseite, die das Büchlein in seinen letzten Zeilen anbietet, verspricht sich der Leser, könnte es konkreter werden. Ein „Verschwörungsdenken-Selbsttest“: „Finden Sie mit diesem Test heraus, wie anfällig sie für Verschwörungstheorien sind“. Zu 20 Fragen werden jeweils drei Antworten angeboten, es gibt 0 bis 2 Punkte, ab 24 Punkten aufwärts ist man „Verschwörungstheoretiker“: „Ihre Wirklichkeit hat einen verschwörerischen Anstrich.“ „Ein bisschen Wahrheit und weniger Spekulation würde Ihnen guttun.“

Das klingt unangenehm lehrerhaft, aber schauen wir mal. „Mein Smartphone bietet mir unterm Strich wohl mehr Vorteile als Nachteile“: Das ist die korrekte Antwort, dafür gibt es 0 Punkte. Die Antwort „… hört mit. Oder nicht?“ (die hierzu übrigens nicht einmal in Widerspruch steht) bringt schon einen Punkt – also verdächtig, „konspirativ angehaucht“. Warum eigentlich? Ist der Verdacht, Smartphones könnten durch kommerzielle oder staatliche Stellen zur Überwachung genutzt werden, derart abwegig?

„Der UN-Migrationspakt hätte vielleicht öffentlicher diskutiert werden sollen“ bringt ebenfalls einen Verdachtspunkt, die Furcht, mit dem bargeldlosen Zahlungsverkehr könnten Regierungen die Finanzbewegungen besser kontrollieren, gleich zwei Punkte. Aber vermutlich ist der „Selbsttest“ ja bloß dazu gedacht, die Aufmerksamkeit des Lesers zu erproben. Welcher Idiot wird wohl die Antwort „Kritik an meiner Meinung ist grundsätzlich Fake News“ ankreuzen?

Vielleicht nicht der einzige Test dieser Art in Skudlareks Buch. „Glaube nicht alles, was du im Internet liest“ lautet eines der Motti, als Urheber ist Ludwig Wittgenstein. Nun ist Wittgenstein 1951 gestorben, das Internet kam vier Jahrzehnte später auf. Aber wer weiß, es könnte sich ja um einen anderen Ludwig Wittgenstein handeln, nicht um den Verfasser des „Tractatus logico-philosophicus“ und der „Logischen Untersuchungen“.

Zurück zu Skudlareks Vertrauen auf den Mainstream. In pluralistischen Gesellschaften gibt es ihn bekanntlich mehrfach, verschieden je nach Milieu. Wer in den 1970er oder 1980er Jahren studiert hat, wird sich erinnern: Damals war in manchen Studentenkreisen der „Mainstream“ gerade das Gegenteil dessen, was in der Mehrheitsgesellschaft als Mainstream angesehen wurde. Demzufolge konnte auch das Wort „Kritik“ völlig gegensätzliche Bedeutungen annehmen.

Wenn nicht alles trügt, sind heute noch viel größere Bevölkerungsgruppen in „Blasen“ gegeneinander abgeschlossen. Es wäre wohl wenig sinnvoll, die Aufforderung jenes Journalismus-Dozenten, „aus dem verdammten Fenster zu schauen“, so zu verstehen, dass entschieden werden müsste, welche „Blase“ Recht hat. Wertungen und politische Konzepte sind das eine, darüber lässt sich streiten. Aber um sich überhaupt streiten zu können, muss, da hat Skudlarek zweifellos Recht, zunächst einmal Einigkeit über Fakten gegeben sein: „Der Glaube an eine zumindest im Prinzip erreichbare Wahrheit ist das Fundament des Sozialen.“

Demonstration von "Reichsbürgern" zum Ju-
biläum der Leipziger Völkerschlacht, Berlin
2013 - Bild: Dirk Ingo Franke/Wikipedia


Genau dieses Fundament wird durch Donald Trumps Konzept der „alternativen Fakten“ in Frage gestellt. „Du kannst deine eigene Meinung haben, aber nicht deine eigenen Fakten“, hält der Philosoph dagegen. „Einander widersprechende Deutungen der Welt können nicht beide gleichzeitig richtig sein.“ Ein Großteil der sogenannten Verschwörungstheoretiker wird diesen Grundsatz wahrscheinlich aber auch gar nicht in Frage stellen, ihre Haltung ist nicht so sehr „irrationalistisch“ als vielmehr anti-intellektualistisch: die „Intellektuellen“ als gesellschaftliche Macht verstanden, gegen die eine Gegenmacht aufzubauen wäre. Der Anspruch, dass Wahrheit erkannt werden könnte, wird nicht aufgegeben, vielmehr wird unterstellt, die Wahrheit würde von der „Lügenpresse“ oder der „Lügenwissenschaft“ unterdrückt. Eine Verschwörungstheorie also im wörtlichen Sinn: Die Medien hätten sich mit Politik und Wirtschaft verschworen, um die Öffentlichkeit zu täuschen.

Beispiel Klimawandel: Laut einer Umfrage 2015 nehmen mindestens 6 Prozent der Bevölkerung „der Wissenschaft“ – oder eigentlich: einer Mehrheit unter jenen Wissenschaftlern, die sich mit dem Thema befassen – nicht ab, dass die aktuelle Erderwärmung zu einem erheblichen Teil von Menschen gemacht ist. Die meisten Nicht-Naturwissenschaftler werden ehrlich zugeben müssen, dass sie außerstande sind, die Kausalanalyse voll nachzuvollziehen. Es handelt sich also um eine Frage des Vertrauens oder Misstrauens gegenüber den Experten. Vieles spricht dafür, dass die Expertenmehrheit Recht hat.

Aber natürlich ist eine solche Kausalanalyse viel komplexer als etwa die Beantwortung der Frage, ob es gerade regnet oder nicht regnet. Wissenschaft hat es – ein Aspekt, der in Skudlareks Darstellung ein bisschen unter den Tisch fällt – auch nicht eigentlich mit Fakten zu tun, sondern mit der Interpretation von Fakten. Und die Politik dann auch noch mit den Werten und Wünschen, die sich an die Fakten und ihre Interpretationen anhängen.

Es ist nicht zuletzt diese Komplexität der Zusammenhänge, die den im Internet angehängten „Selbsttest“ so unbefriedigend erscheinen lässt. Oder umgekehrt: die Unterkomplexität der Fragestellungen und der Antwortmöglichkeiten. „Das wissenschaftliche Weltbild verbessert unsere Lebensqualität täglich und ist die plausibelste Sichtweise, die wir haben“: Das ist die „richtige“ Antwort, also 0 Punkte. „… hat mal Recht und mal Unrecht“, ergibt einen Verdachtspunkt, „… spiegelt lediglich das wider, was irgendwelche Wissenschaftler sagen“ zwei Punkte. Der Philosoph Paul Feyerabend, der in den 1970er Jahren als Enfant terrible der Wissenschaftstheorie Aufsehen erregte, hätte an dem Satz mit „lediglich“ zweifellos seine Freude gehabt – und wahrscheinlich alle drei Antwortmöglichkeiten gleichermaßen angekreuzt.

Noch unbefriedigender wird die Unterkomplexität bei Fragen zur aktuellen Politik festzustellen. Ist Skudlarek ernsthaft der Meinung, die Kontroversen des Jahres 2015 wären in der platten Entgegensetzung von „humanitärer Flüchtlingspolitik“ einerseits, „Fremdenfeindlichkeit“ aufzulösen? Ist jeder, der seine Zweifel hat, ob die Migrationspolitik der Bundesregierung sinnvoll war, ein „Verschwörungstheoretiker“? Oder bloß jemand, der geneigt ist, bei allen unerwünschten Vorkommnissen irgendjemandem eine böse Absicht zu unterstellen?

An einer Stelle des Buches wird FDP-Chef Christian Lindner kritisiert: Sein Vorschlag im Frühjahr 2018, einen Untersuchungsausschuss zur Migrationspolitik der Regierung einzurichten, sei „keine gute Idee“ gewesen. Warum nicht? Die Annahme, „Verschwörungstheoretiker würden sich durch eine Konfrontation mit Fakten beeindrucken lassen“, sei ein „Denkfehler“. Aber was dann? Bei jenen, die „noch erreichbar“ seien, will Skudlarek es mit „Dialog“ versuchen. Gegenüber den „Hardlinern“, den „Verschwörungsextremisten“, den „orthodoxen Unwahrheitsgläubigen“: „Kommunikationsabbruch“.

Womöglich also, wenn man den „Selbsttest“ ernst nehmen will, gegenüber jenen, die mehr als 24 Punkt erreichen. Vielleicht ist aber auch die Frage sinnvoll, woher es eigentlich kommt, dass ein nicht ganz unerheblicher Teil der Bevölkerung seit einigen wenigen Jahren für einen Dialog nicht mehr erreichbar scheint, welche Fehler da seitens der Mehrheitsgesellschaft gemacht wurden und ob mit einem solchen Kommunikationsabbruch die Fehler nicht fortgesetzt werden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Jan Skudlarek: Wahrheit und Verschwörung. Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist, Philipp Reclam jun., Ditzingen 2019, 208 S., ISBN 978-3-15-011199-4, 18,00


Mehr im Internet:
Verschwörungstheorien - Wikiipedia
Jan Skudlarek: Wahrheit und Verschwörung, Philipp Reclam jun.
scienzz artikel Mythen und Legenden

 

 

 

 

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