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12.08.2019 - NEUERE GESCHICHTE

Der groesste Mann aller Jahrhunderte oder des Satans aeltester Sohn?

Napoleon und die Deutschen

von Josef Tutsch

 
 

Napoleon, Gemälde von
Jacques-Louis David, 1812
Bild: Wikipedia

Als Ende Oktober 1813, wenige Tage nach der „Völkerschlacht“ von Leipzig, der österreichische Feldzeugmeister Graf Colloredo den großherzoglichen Hof in Weimar besuchte, ließ er sich im Haus des Ministers Johann Wolfgang von Goethe einquartieren. Um seinen Gast zu ehren, trat Goethe ihm mit dem höchsten Orden auf der Brust entgegen, den er zur Verfügung hatte, dem Ritterkreuz der französischen  Ehrenlegion. Colloredo war außer sich. „Pfui, Teufel“, rief er aus, „wie kann man so etwas tragen?“

Am Weimarer Hof hatte man dem Dichter seine Bewunderung für Napoleon als eine Marotte durchgehen lassen. Aber gerade unter den Literaten stand er damit allein auf weiter Flur. „Schlagt ihn tot, das Weltgericht/ fragt euch nach den Gründen nicht“, dichtete Heinrich von Kleist 1809 in seiner Ode „Germania an ihre Kinder“ – nämlich den „Wolf“, wie Kleist den Kaiser titulierte. Ernst Moritz Arndt nannte ihn „des Satans ältesten Sohn“. Eine zeitgenössische Karikatur zeigt den Teufel, wie er ein Kind in den Armen wiegt, es trägt die Züge Napoleons. „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“, zitiert die Bildunterschrift das Evangelium.

Nochmals Arndt: „Es ist ein Ungeheuer geboren und ein blutbefleckter Greuel auferstanden, und heißt sein Name Napoleon Bonaparte, ein Name des Wehs.“ „Auf, ihr Völker! Diesen erschlaget, diesen vertilget!“ Der Hass auf den Kaiser richtete sich zugleich auf die französische Nation. „Ich will den Hass gegen die Franzosen, nicht bloß für diesen Krieg, ich will ihn für lange Zeit, ich will ihn für immer.“

Vox poetae, vox populi, Dichterstimme, Volkesstimme? Im kollektiven Geschichtsbild hat sich das Bild von der „deutschen Erhebung“ festgesetzt: Die „Befreiungskriege“ seien nicht nur und nicht einmal in erster Linie eine Aktion der europäischen Fürsten gewesen, sondern ein Aufstand der Völker, zunächst ab 1808 in Spanien, dann ab 1813 vor allem in Deutschland. 1809 verfasste Heinrich von Kleist einen „Katechismus“, der dazu gedacht war, die Deutschen nach spanischem Vorbild in einen Volkskrieg zu treiben. Der Titel „Katechismus“ verlieh der politischen Propaganda ihren quasi religiösen Anstrich.

Als König Friedrich Wilhelm III. am 17. März 1813 seine Untertanen zu den Waffen rief, wurde zugleich die politische Zensur in Preußen gelockert: Die „Patrioten“, die bislang nur hinter vorgehaltener Hand die Unterdrückung durch Frankreich beklagt hatten, bejubelten nun den „richtigen“ Krieg gegen Napoleon. Kleine Kostprobe: „Bajonette / um die Wette, / stoßt die Kette / nieder an des Flusses Bette, / dass kein Deutschlands Feind sich rette“, reimte Clemens von Brentano. „Kaum ein deutscher Dichter, der nicht, vom neuen nationalen Zeitgeist erfasst, vorübergehend die Suche nach der blauen Blume der Romantik aufgegeben und schauerliche Hass- und Totschlagspoesie verfasst hätte“, resümiert der Historiker Hagen Schulze.

Offenbar fand der Aufruf Bereitschaft in breiten Teilen der Bevölkerung. „Der König rief, und alle, alle kamen“, hat der Schriftsteller Heinrich Clauren das Geschehen in Verse gefasst, „die Waffen mutig in die Hand!“ Ob diese „alle“ von demselben Hass auf die Unterdrücker erfüllt waren, wie ihn Kleist und Arndt und Brentano als selbstverständliche nationale Pflicht aller Deutschen auffassten, ist eine andere Frage. Der Text des Aufrufs lässt vermuten, dass sein Verfasser, der Staatsrat Theodor Gottlieb von Hippel, darauf vertraute, die Untertanen würden sich am ehesten durch einen Appell an ihre ökonomischen Interessen motivieren lassen. „Der Ackerbau ward gelähmt“, wurden die Schäden beklagt, die der französische Handelskrieg gegen Großbritannien der preußischen Wirtschaft zugefügt hatte, „so wie der sonst so hoch gebrachte Kunstfleiß unserer Städte. Die Freiheit des Handelns war gelähmt, und dadurch die Quelle des Erwerbs und des Wohlstands verstopft.“

Tatsächlich hatte die „Kontinentalsperre“ gegen Großbritannien, die Napoleon seinen Verbündeten aufzwang, deren Wirtschaft schwer geschädigt. Sie offenbarte ein grundsätzliches Dilemma der napoleonischen Herrschaft über Europa. Die verbündeten Staaten waren eben doch nur Vasallen des französischen Kaiserreichs. Sie mussten, ohne selbst daraus Vorteile zu ziehen, sowohl Soldaten für des Kaisers Feldzüge stellen als auch seinen Wirtschaftskrieg mitvollziehen. Für Frankreich selbst ließ Napoleon gelegentlich sogar Ausnahmen von diesem Krieg zu, die Verbündeten hatten das Nachsehen. Zwei Generationen später hat Friedrich Nietzsche einmal festgestellt, Napoleon sei der einzige gewesen, „der bisher stark genug war, aus Europa eine politische und wirtschaftliche Einheit zu bilden“. Diese Stärke hatte jedoch ihre Grenzen. Eigentlich war die Kontinentalsperre dazu gedacht, das kontinentale Europa zusammenzuschweißen. Im Ergebnis vertiefte sie vielmehr die Risse.

Bonaparte in der Schlacht von
Arcole, Gemälde von Antoine-
Jean Gros, Bild: Wikipedia


Ein ähnliches Problem zeigte sich bei den beiden Musterstaaten nach französischem Vorbild, die Napoleon auf deutschem Boden eingerichtet hatte. „Ihre Völker", schrieb Napoleon seinem Bruder Jérôme, den er als König von Westphalen eingesetzt hatte, „sollen sich einer Freiheit, einer Gleichheit, eines Wohlstandes erfreuen, wie sie den Bewohnern Deutschlands bislang unbekannt sind." Im Großherzogtum Berg amtierte er selbst als Souverän. Jérôme brachte sein Dilemma einmal auf den Punkt: „Ich kann nicht gleichzeitig König von Westphalen und französischer Untertan sein.“

Die Unabhängigkeit von Westphalen war jedoch ein „Fake“, vermerkt der Historiker Günter Müchler in seiner neuen Napoleon-Biographie, ständig regierte Napoleon hinein. Und oft kam der Kaiser bei allem Reformwillen nicht umhin, Westphalen als Ersatzkasse für seinen Finanzbedarf zu nutzen. Die Perspektive der Einwohner in den vier linksrheinischen Departements, die Frankreich 1798 annektiert hatte, war ganz anders. „Sie stöhnten über den Kriegsdienst wie die Franzosen im Mutterland“, schreibt Müchler, „wussten aber auch den Wert einer leistungsfähigen Verwaltung, guter Schulen und besserer Straßen zu schätzen. Bei wichtigen Reformen wie der Bauernbefreiung, der Aufhebung des Zunftzwangs und der Abschaffung von Adelsprivilegien war man den Deutschen rechts des Rheins um Jahre voraus.“

Die kaiserliche Diktatur könnte leicht verdecken, dass Napoleon mit einem Versprechen der Französischen Revolution tatsächlich Ernst gemacht hatte: mit der „égalité“, der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz – und damit in der wirtschaftlichen Betätigung. Nach 1815, als die Rheinlande an Preußen gefallen waren, entspann sich ein zäher Kampf um die Beibehaltung des „Code Napoléon“. Am Ende durfte das Gesetzbuch links des Rheins unter dem Namen „Rheinisches Recht“ bis 1900 in Kraft bleiben.

Die preußische Herrschaft, berichtet Müchler, konnte nicht einmal verhindern, dass im Rheinland bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts eine  „volkstümliche Napoleonverehrung“ blühte, die von den Veteranenvereinen getragen wurde. Auf dem Kölner Melatenfriedhof entstand 1853 ein Denkmal für die Toten der Großen Armee, „errichtet von den heimgekehrten Kameraden“. Liederbücher besangen die napoleonischen Kriege: „Das Lied, es sei dem Feldherrn gebracht, / Dem wir einst zu der Fahne geschworen, / Den im Kampf mit halb Europens Macht / Der Sieg sich zum Liebling erkoren.“

Eine Anhänglichkeit an den „Tyrannen“ und Kriegsherrn, die durch Heinrich Heine in die Weltliteratur eingegangen ist. Welcher Napoleon-Enthusiasmus von manchen deutschen Intellektuellen in den Jahrzehnten nach Leipzig und Waterloo gepflegt wurde, zeigt ein Brief des jungen Robert Schumann, der später Heines Gedicht von den beiden Grenadieren („Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab“) vertonte: „Wer wird denn einmal unsern europäischen Augiasstall wenigstens von dem obskuranten Pfaffen- und Papsttum reinigen? Der größte Mann aller Jahrhunderte, der herrliche Napoleon, hat es angefangen – aber er konnte es nicht vollenden.“

Doch es gab tatsächlich Regionen, bei denen man einen Volksaufstand gegen die napoleonische Herrschaft über Europa konstatieren darf. 1809 erhoben sich in Tirol die Bauern mit dem Wirt Andreas Hofer an ihrer Spitze gegen die bayerische Besetzung und Verwaltung ihrer Heimat. Anlass waren „aufklärerische“ Eingriff in das religiöse Volksleben und der Plan, die Pockenschutzimpfung einzuführen. Und im preußischen Militär gab es den Fall, dass der General Yorck von Wartenburg beim Rückzug der Großen Armee aus Russland mit dem russischen Gegner eine Neutralitätskonvention abschloss, ohne ausdrückliche königliche Genehmigung. Eine Eigenmächtigkeit, die von der deutschen Geschichtsschreibung später als Etappe des Übergangs vom preußischen Obrigkeitsstaat zur Volksherrschaft verklärt wurde.

Müchler ist aufgefallen, dass es 1812 beim Rückzug der „Großen Armee“ aus Russland in ganz Deutschland kaum zu Racheaktionen an den Franzosen kam, trotz des Blutzolls, den die Katastrophe auch bei den deutschen Hilfstruppen gefordert hatte. Ernst Moritz Arndt zeigt sich enttäuscht: Man hätte doch gute Gelegenheit gehabt, „dem Napoleon seine besten Feldherren und Generale und einige tausend tüchtige und erfahrene Offiziere zu fangen oder totzuschlagen“. Das sei leider aus „deutscher Flauheit“ unterblieben.

Jérôme, König von West-
phalen, Gemälde von 
François Gérard
Bild: Wikipedia


Alles in allem, meint Müchler, sei der deutsche „Volkskrieg“ gegen Napoleon bloß ein „Mythos“, der bei den alljährlichen Feiern zum Gedenken an die „Völkerschlacht“ gepflegt wurde. Verblüffend ist aber in der Tat, wie effizient es der preußischen Regierung gelang, eine Armee, die bislang zur einen Hälfte aus angeworbenen Söldnern, zur anderen aus gezwungenen Bauern bestanden hatte, auf die Wehrpflicht aller Bürger umzustellen. Und diese Wehrpflicht, obwohl von Volkssouveränität in Preußen doch weiterhin keine Rede sein konnte, als Ehrendienst für das Gemeinwohl erscheinen zu lassen. Die angestammten Herrscher konnten, im Unterschied zu Napoleon, so etwas wie Heimat vermitteln. Das lässt auch eine Passage im Aufruf „An mein Volk“ ahnen: „Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden [...] Ihr werdet jene lieber bringen für das Vaterland, für Euren angeborenen König, als für einen fremden Herrscher, der wie so viele Beispiel lehren, Eure Söhne und Eure letzten Kräfte Zwecken widmen würde, die Euch ganz fremd sind.“

Ein Unterschied, dessen sich Napoleon selbst sehr wohl bewusst war. „Eure Herrscher“, sagte er im Juni 1813 zu Österreichs Staatskanzler Metternich, der ein Arrangement suchte, um einen bloßen Austausch der französischen Vorherrschaft über Europa gegen die russische zu vermeiden, „Eure Herrscher, geboren auf dem Thron, können sich zwanzigmal schlagen lassen und doch immer wieder in ihre Residenz zurückkehren. Das kann ich nicht, der Sohn des Glücks. Meine Herrschaft überdauert den Tag nicht, an dem ich aufgehört habe, stark und folglich gefürchtet zu sein.“

Zurück zu den deutschen Intellektuellen der Epoche. In der allgemeinen Kriegsbegeisterung stand Goethe abseits. Dabei war seine Verehrung des Kaisers keineswegs kritiklos. „Gehören Sie zu den Verehrern des Tacitus?“, hatte Napoleon ihn 1808 bei einem Gespräch am Rande des Erfurter Fürstentages gefragt. „Ja, Sire, ich liebe ihn sehr.“ „Nun, ich nicht.“ Über die Gründe seiner Missachtung gab Napoleon in einem Gespräch mit Christoph Martin Wieland Auskunft: der römische Geschichtsschreiber sei „ein Verkleinerer der Menschheit“ gewesen, er habe „aus allen Kaisern die größten Bösewichter“ gemacht. Man ahnt den Stachel, der in Napoleon bohrte: Wie hätte Tacitus wohl über ihn, den Kaiser der Franzosen, geurteilt?

1814 bestellte das Berliner Nationaltheater bei Goethe – ausgerechnet bei Goethe – ein patriotisches Opernlibretto zur Feier des Sieges über den Tyrannen. Der Dichter entledigte sich der Aufgabe in gequält pathetischen Versen: „Nun rissen wir uns ringsherum von fremden Banden los, nun sind wir Deutsche wiederum, nun sind wir wieder groß." Was er wirklich dachte, legte er in privaten Notizen nieder, etwa in einem kleinen Gedicht, in dem Gott beim Jüngsten Gericht dem Teufel vorhält, mit seiner Anklage gegen Napoleon ganz ähnlich zu sprechen „wie die deutschen Professoren“. Und im Gespräch mit seinem Vertrauten Johann Peter Eckermann: Napoleon gebe ein Beispiel, wie gefährlich es sei, „sich ins Absolute zu erheben“. Aber eben auch: „Dämonische Wesen solcher Art rechneten die Griechen zu den Halbgöttern.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Günter Müchler: Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron, Wissenschaftliche Buchgesellschaft/Theiss Verlag, 623 S. mit 30 s/w. Abb., ISBN 978-3-8062-3917-1, 24,00 €


Mehr im Internet:

Napoleon - Wikipedia 
scienzz artikel Revolution und Napoleon

 

 

 

 

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