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23.07.2019 - RELIGIONSGESCHICHTE

"Wenn es um die Ehre Gottes geht, gibt es keine Grausamkeit"

Die fruehen Christen und die antike Kultur

von Josef Tutsch

 
 

Statue des vergöttlichten
Augustus aus Ephesos. In
die Stirn wurde ein Kreuz
geritzt - Bild: Quartier
Latin1968/Wikipedia

Traten die Besucher aus dem grellen Sonnenlicht in das Halbdunkel des Athene-Tempels, sahen sie vor sich die überlebensgroße Göttin aus weißlichem Marmor. Die Bauherren hatten weder Kosten noch Mühen gescheut, um ein Stück griechisch-römischer Kultur in die Wüste zu verpflanzen. Wahrscheinlich, meint die englische Historikerin und Journalistin Catherine Nixey, ließ sich der Künstler durch die berühmte Statue im Athener Parthenon inspirieren, als er den Auftrag erhielt, eine Athene-Statue für die syrische Oasenstadt Palmyra zu schaffen.

Um 385 n. Chr. wurde die Statue enthauptet und vom Sockel gestürzt. Verantwortlich waren militante Christen, die ihrem Glauben, zwei Generationen, nachdem die Kaiser Galerius und Konstantin, zur Alleingeltung verhelfen wollten. Im Grunde vollzogen sie bloß nach, was Kaiser Theodosius 380 in Gesetzesform verkündet hatte: Das Christentum sollte in Zukunft der die einzige legitime Religion im Römischen Reich sein. Bereits in den Jahrzehnten zuvor, stellt Nixey in ihren Buch dar, hatten Teile der christlichen Kirche eine Art „Revolution“ betrieben, die von der Regierung selten bekämpft, in der Regel vielmehr geduldet wurde, oft wohlwollend.

Im 20. Jahrhundert haben die Archäologen den antiken Zustand der Ruinen von Palmyra, soweit irgend möglich, rekonstruiert. Nun müssen sie sich ein zweites Mal an diese Arbeit machen: 2015 wiederholten islamistische Fanatiker die Zerstörung auch der Statue. Eine Parallele, die zutiefst beunruhigen muss. Schließlich gehört die Verschmelzung von Christentum und griechisch-römischer Kultur in der Spätantike zu den Grundlagen des modernen Europa.

„Heiliger Zorn“ lautet der Titel des Buches in der deutschen Übersetzung. Eine Formel, die ebenso auf die Intention der christlichen Eiferer von damals wie auf die der islamischen oder islamistischen  Eiferer von heute passt. Einen Einblick in die Gedankenwelt vieler Christen in den ersten Jahrhunderten geben die Schriften des Theologen Tertullian, der sich um 200 die etablierten Religionen der antiken Welt nur als Werk von Dämonen erklären konnte.

Man würde den Monotheismus, den die frühen Christen dem heidnischen Polytheismus entgegensetzten, allerdings grob missdeuten, wenn man ihn im Sinne einer Bekämpfung von Aberglauben verstehen wollte. Die Götter der „Heiden“ waren für die Christen durchaus real – nur eben nicht als Götter, sondern als widergöttliche Dämonen. Christliche Prediger, berichtet Nixey, ermahnte ihre Hörer gelegentlich, um die heidnischen Tempel und Altäre einen weiten Bogen zu machen: Es sei hoch gefährlich, den Rauch der Opfer einzuatmen.

Diese Dämonen hatten sogar körperliche Bedürfnisse. An einer Stelle bei Tertullian heißt es, die Dämonen hätten die heidnischen Kulte geschaffen, um sich ausreichend Nahrung zu verschaffen, „in Form von Rauch und Blut, die man den Statuen offerierte“. In der Tat, bei antiken Götterstatuen sind gerade die Nasen häufig verstümmelt. Einer Aphroditebüste in Athen wie einer Kultstatue des Kaisers Augustus in Ephesus wurden tiefe Kreuze in die Stirn geritzt. Die Täter glaubten wohl, die Dämonen mit diesem Zeichen unschädlich zu machen.

Es gab Kirchenobere, die dem religiösen Eifer zu wehren versuchten. „Wenn jemand Götzenbilder zerbricht und an Ort und Stelle getötet wird, so wird er keinesfalls die Krone der Märtyrer erhalten“, warnten spanische Bischöfe im frühen 4. Jahrhundert. Die späteren Heiligenlegenden dagegen haben solche Aktionen gefeiert und oft vom Menschen- zum Gotteswerk umgedeutet. Ein Bischof von Gaza soll sich einer Götzenstatue mit dem Kreuz in der Hand genähert haben. Daraufhin flog der Dämon aus dem Marmor heraus, das Bildwerk zerbrach. Die herunterfallenden Stücke zerschlugen einem „Götzendiener“, der daneben stand, den Schädel, brachen einem anderen den Arm.

Bischof Theophilus trium-
phierend auf den Ruinen
des Serapeions in Alex-
andria, Golenischeff-
Papyrus
Bild: Wikipedia 


In der christlich geprägten Geschichtsschreibung sind solche Aktionen gegenüber der Christenverfolgung in den Hintergrund getreten. In den ersten drei Jahrhunderten des Christentums gab es einige hundert oder tausend Märtyrer, die für ihren christlichen Glauben hingerichtet wurden. Die Rechtsgrundlage gab der Kaiserkult, eine Art symbolische Steuer, mit der politische Ergebenheit demonstriert wurde. Die Märtyrerlegenden zeigen an der einen oder anderen Stelle, wie unverständlich es den Beamten war, dass die Christen ihre Teilnahme an dieser Zeremonie verweigerten. „Was ist denn bloß so schlimm daran, ein wenig Weihrauch anzuzünden?“, wollte ein Präfekt von einem Angeklagten wissen. Ein anderer fragte: „Wenn du Christus anerkennst, kannst du doch auch unsere Götter anerkennen!“

Es sei „unmöglich, ein so erhabenes Mysterium nur über einen einzigen Pfad zu erreichen“, appellierte der heidnische Redner Symmachus 382 an den christlichen Kaiser Gratian. Aus dem berühmten Briefwechsel zwischen Kaiser Trajan und seinem Statthalter Plinius d. J. im frühen 2. Jahrhundert n. Chr., meint Nixey, gehe hervor, dass den Christen nicht nur Respektlosigkeit gegenüber dem Kaiser vorgeworfen wurde, sondern vor allem ein Vergehen, das „contumacia“ genannt wurde: Missachtung von Magistraten. Die Märtyrerlegenden zeigen, dass viele Christen daraus geradezu eine Kunst machten. Ein Heiliger soll auf die Frage nach seinem Namen penetrant immer nur erwidert haben: „Ich bin Christ.“

Dass dieses „Vergehen“ häufig mit der Todesstrafe geahndet wurde, ist zweifellos ein Punkt an der Antike, der uns heute noch erschrecken muss. Nun werden Hinrichtungen damals auch sonst viel häufiger gewesen sein, als wir das heute aus den USA oder gar aus China und aus islamischen Ländern kennen. Viele Richter waren jedoch bereit, von der Strenge des Gesetzes abzusehen. Offenbar versuchten manche, eine „niederschwellige“ Form des Kaiserkults zu finden, die auch für Christen zumutbar sein konnte. Der hl. Eulalia wurde vorgeschlagen, den Weihrauch wenigstens ganz leicht zu berühren. „Die Familie, die du deiner beraubst, sieht dir unter Tränen zu“, sagte der Statthalter.

Es muss Fälle gegeben haben, dass die Sehnsucht christlicher Untertanen nach dem Martyrium den einen oder anderen Statthalter zur Verzweiflung trieb. „Ach, ihr grässlichen Menschen!“, soll Ende des 2. Jahrhunderts ein gewisser Arrius Antoninus in Kleinasien ausgerufen haben, „wenn ihr sterben wollt – es gibt doch genügend Klippen, von denen ihr springen könnt, genügend Stricke, mit denen ihr euch aufknüpfen könnt!“ Dem hl. Julianus legte sein Richter eine fast schon „jesuitische“ Lösung seines Gewissensproblems nahe: „Wenn du glaubst, das Opfern sei eine Sünde, dann will ich diese Schuld auf mich nehmen. Ich bin es schließlich, der dich dazu zwingt.“

Vergeblich: „Weder dein Geld noch schlaue Worte können mich des ewigen Lichts berauben“, antwortete ihm Julianus. In seinen Augen forderte der christliche Gottesglaube zwingend die Verweigerung des Weihrauchopfers. Als Kaiser Julian, genannt Apostata, „der Abtrünnige“, Anfang der 360er Jahre kurzzeitig wieder das Heidentum begünstigte, warfen manche christlichen Theologen ihm geradezu vor, dass er blutige Verfolgungen vermied. „Er missgönnt unseren Mitstreitern die Ehre des Martyriums“, schrieb der Bischof Gregor von Nazianz.

Mit derselben Entschiedenheit, mit der die Märtyrer aus ihrem Glauben heraus den Weihrauch für den Kaiser verweigerten, folgerten manche christliche Aktivisten, es sei erlaubt und geboten, gegen die „heidnische“ Kultur auch mit Gewalt vorzugehen. Die Geschichtsschreibung, berichtet Nixey, hat bis in die Gegenwart hinein diese Zerstörungsaktionen oft recht nachsichtig beurteilt. In Peter Browns Buch über die „Christianisierung des Römischen Reiches“ von 1997, immerhin einem Standardwerk zur Spätantike, heißt es, man solle diese Vorgänge nicht überbewerten. Solche Schändungen seien ja lediglich „das zügig ausgeführte Werk von ein paar Entschlossenen“ gewesen.

„Von ein paar Entschlossenen“ wird sogar richtig sein. Aber es gibt, damals wie heute, eben Situationen, in denen solche Wenigen, mag man sie nun „Entschlossene“ oder „Fanatiker“ nennen, den Ton angeben. Seit Konstantin waren Teile der Kirche zum Aktivismus übergegangen. Der Verfall staatlicher Autorität ermöglichte es, dass „marodierende Banden“ umherzogen und heidnische Tempel eigenmächtig zerstörten. Viele Theologen unterstützten solche Aktionen: „Aller Aberglaube der Heiden soll vernichtet werden“, zitiert Nixey aus einer Predigt des hl. Augustinus, „das ist es, was Gott will, was Gott befiehlt, was Gott verkündet!“ Augustinus überliefert Fragmente eines Liedes, wie es bei der Zerstörung von Tempeln und Götzenbildern gesungen wurde: „Diese schändlichen Dinge, die Dämonen und Götzen – unser Heiland hat sie alle zertrampelt.“

Die Logik, die dahinter stand, umschrieb ein anderer Theologe mit den Worten, die Bischöfe wollten „immer Frieden – außer wenn sich jemand gegen Gott versündigt oder die Kirche beleidigt“. Ein „Außer“, das in der Gegenwart der Lyriker Eugen Roth trefflich persifliert: „Ein Mensch, der, sagen wir als Christ, streng gegen Mord und Totschlag ist, hält einen Krieg, wenn überhaupt, nur gegen Heiden für erlaubt.“ „Ein andrer Mensch, ein frommer Heide, tut keinem Menschen was zuleide, nur gegenüber Christenhunden wär‘ jedes Mitleid falsch empfunden.“

Giovanni d'Alemagna: Die heilg.
Apollonia zerstört ein Götzen-
bild, um 1444 (National Gallery
of Art, Washington)
Bild: Wikipedia 


Anfang des 4. Jahrhunderts stellte der Patriarch von Alexandria, Kyrillos, eine veritable Bürgerkriegsarmee auf. Kyrillos warf dem kaiserlichen Statthalter Orestes vor, die Reste von Heidentum in der Stadt und die große jüdische Gemeinde nicht tatkräftig genug zu unterdrücken. In den folgenden Auseinandersetzungen wurde die heidnische Philosophin Hypatia ermordet. Angeblich hatte sie den Statthalter „mit ihrem Zauber verhext“.

Die „Zerstörung der antiken Welt“, von der Nixey im Untertitel ihres Buches spricht, ist natürlich nur die eine Seite der Geschichte. Die andere ist, dass wir ohne jene fleißigen Mönche, die das ganze Mittelalter hindurch die alten Texte immer wieder kopierten, von der Antike heute wenig Kenntnis hätten. Es fällt schwer, dieses Verdienst gegen die Zerstörungen abzuwägen. Nixey hat eine Entwicklung ins Licht gerückt, die wir in unserem Geschichtsbild sonst gern verdrängen. Die Zerstörung betraf nicht nur die öffentliche Sphäre. Im Ägypten des 5. Jahrhunderts wurde der Mönch Schenute von Atripe dafür berühmt, dass er mit seinen Genossen in fremde Häuser eindrang und sie von Götzen „reinigte“. „Wer Christus hat, kann kein Verbrecher sein“, sagte Schenute zu seiner Rechtfertigung.

Die Zerstörungen betrafen nicht nur Bildwerke, sondern auch Schriften. „Wir bedürfen seit Jesus Christus des Forschens nicht mehr“, proklamierte bereits im 2. Jahrhundert Tertullian. „Die griechisch-römische Literatur war ein satanischer Sündenpfuhl“, bilanziert Nixey, „aber ganz ignorieren konnte man sie auch nicht. Gebildete Christen empfanden es als großes Ärgernis, dass die intellektuellen Errungenschaften der ‚verrückten‘ Heiden den ihren so offenkundig überlegen waren.“

Welche Ängste da herrschten, wird bei dem hl. Hieronymus deutlich, der im späten 4. Jahrhundert die Bibel ins Lateinische übersetzte. Er haderte ein Leben lang damit, dass er sich niemals ganz von der Liebe zur klassischen Literatur befreien konnte. Eines Nachts wachte er schweißgebadet aus einem Alptraum auf. Der Weltenrichter hatte ihn gefragt, welchem Glauben er anhänge. Seine Antwort, er sei Christ, fand keine Gnade: „Du lügst! Ein Ciceronianer bist du, kein Christ; denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ Hieronymus löste seine Gewissensprobleme durch einen rigorosen Standpunkt in ethischen Fragen: „Wenn es um die Ehre Gottes geht, gibt es keine Grausamkeit“, schrieb er in einem Brief.


Neu auf dem Büchermarkt:
Catherin Nixey: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten, aus dem Englischen von Cornelius Hartz, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, 397 S. mit zahlr. farb. Abb., ISBN 978-3-421-04775-5, 25,00 € [D], 25,70 [A], 35,90 CHF


Mehr im Internet:

Kulturvandallismus - Wikipedia 
Catherine Nixey: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten, aus dem Englischen von Cornelius Hartz, Deutsche Verlags-Anstalt
scienzz artikel Frühes Christentum

 

 

 

 

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