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02.08.2019 - LITERATURGESCHICHTE

Boese Buecher, boese Buben

Toxisches in der Literatur- und Ideengeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Lehrer Lämpel nach der Explosion seiner
Pfeife, aus "Max und Moritz" von Wilhelm
Busch, 1865 - Bild: Wikipedia

Im Dezember 2016 erschien in der „Zeit“ eine Karikatur, auf der Trump, Putin und Berlusconi Zigaretten rauchend beieinander sitzen und diskutieren. Auf dem Tisch, unter dem Aschenbecher, liegt das Buch „Agonie des Realen“ von dem französischen Philosophen Jean Baudrillard. In dem aufgeschlagenen Band auf Trumps Oberschenkel ist „Anything Goes“zu lesen, jener Satz, der in den 1970er Jahren als Fazit des Traktats „Wider den Methodenzwang“ von dem österreichischen Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend um die Welt ging. Die beiden „klassischen“ Abhandlungen, sollte die Zeichnung wohl suggerieren, hätten den drei Herren – und womöglich der populistischen Bewegung insgesamt – als Vorlagen für die Ausrufung eines „postfaktischen“ Zeitalters gedient.

Nun ist zu unterstellen, dass Baudrillard und Feyerabend bei ihren Reflexionen über die Schwierigkeiten unseres Realitätsverständnisses dergleichen keineswegs im Sinn hatten. Aber ihre Bücher, einmal auf dem Markt, entfalteten ein Eigenleben, unabhängig von den Absichten ihrer Verfasser. Der bekannteste Fall dieser Art ereignete sich 1774. Nach dem Erscheinen von „Werthers Leiden“ setzte eine Selbstmordwelle ein, viele junge Leser wollten sich den „Helden“ aus Goethes Roman zum Vorbild nehmen. Der Hamburger Theologe Johann Melchior Goeze sprach von einer „verfluchungswürdigen Schrift“.

Gibt es das - „böse Bücher“? So fragen die beiden Medienwissenschaftler Markus Krajewski von der Universität Basel und Harun Maye von der Bauhaus-Universität Weimar in ihrer neu erschienen Anthologie mit einem Dutzend Fallstudien. Die Formulierung klingt geradezu provozierend altmodisch. Kann etwas außer dem menschlichen Willen überhaupt „böse“ sein? Auf einer eher harmlosen Ebene vielleicht der böse Witz. Der Gothaer Philosoph Martin Mulsow bringt ein hübsches Beispiel aus dem Jahr 1662. „Im Beten hat mir stets der Glaube wohlbehaget“, schrieb der Dichter Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau einer Nonne auf ihren fiktiven Grabstein, „weil er vom Aufersteh‘n des Fleisches etwas saget.“ Das klingt völlig unverdächtig. Allerdings steht in manchen frühen Drucken statt „Beten“ „Betten“. Damit würde die fromme Nonne also an die Erektion des männlichen Gliedes „geglaubt“ haben.

In der Hauptsache geht es jedoch um Bücher, die im Verdacht stehen, dass sie die Moral einer Gesellschaft ganz grundsätzlich untergraben, vielleicht sogar unbemerkt, sozusagen subversiv. Spontan sucht der Leser nach Ersatzbegriffen. In Frage käme etwa „toxisch“. Das so sachlich, naturwissenschaftlich klingende Wort wird neuerdings gern für soziale Phänomene gebraucht, die – je nach Perspektive des Betrachters – im Verdacht stehen, die Gesellschaft zu „vergiften“. Geistliche und weltliche Obrigkeiten haben es tatsächlich immer wieder so gesehen, dass es „böse“, sozusagen giftige Bücher gibt; der „Index Librorum Prohibitorum“ der katholischen Kirche wurde erst 1966 abgeschafft. Eine der jüngsten Eintragungen betraf zwei Bücher des italienischen Schriftsteller Kurt Erich Suckert alias Curzio Malaparte, der 1944 mit seinem reportageartig angelegten Roman „Kaputt“ berühmt geworden war. Sein Selbstverständnis wollte Suckert im Pseudonym „Malaparte“ zum Ausdruck bringen, vermutlich einer Anspielung auf Mephistos Selbstbeschreibung in Goethes „Faust“: „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“

Suckert alias Malaparte arbeitete bis 1943 im faschistischen Italien als Journalist, der dem Regime im Prinzip nahestand, sich aber gelegentlich auch Abweichungen erlaubte. Mit seinem Roman, der nach dem Wechsel auf die Seite der Alliierten herauskam, schreiben Krajewski und Maye, verfolgte er den Anspruch, „sich als schwer fasslicher Grenzgänger zwischen Gut und Böse vornehmlich auf die Seite des Bösen zu begeben, um rückkehrend von dort den Rechtschaffenen Bericht zu erstatten“. Einer der Höhepunkte ist ein Abendessen des Kriegsreporters am „Hof“ von Hitlers Generalgouverneur in Polen, Hans Frank. Der Leser weiß an keiner Stelle, inwieweit der Erzähler mit den Besatzern sympathisiert, inwieweit man ihm andererseits die spielerischen Provokationen, die er gegenüber dem „deutschen König von Polen“ angebracht haben will, abnehmen soll. „Durch die weitestgehend durchgehaltene Weigerung, sich als Erzähler allzu offensichtlicher Wertungen zu bedienen“, resümieren die beiden Medienwissenschaftler, entwickelte der Roman „eine Ästhetik des Abgründigen, eine Faszination in der Schau auf fatale Akteure, die auf eine wohlkalkulierte Verstörung seiner Leser zielte.“

Illustration zu "Belphegor"
von J. K. Wezel, 1776
Bild: Wikipedia


Eine Verstörung, in der sich viele Leser, das belegt der Erfolg des Buches, durchaus wohlig einzurichten wussten. Aber es gibt auch Fälle, berichtet der Greifswalder Germanist Klaus Birnstiel, in denen das „böse Buch“ vielleicht gar nicht geschrieben wurde – und dennoch seine Wirksamkeit entfaltete. Jahrhunderte lang fahndeten Philologen nach der Abhandlung „Von den drei Betrügern“, die angeblich aus der Feder von Friedrich II., dem Hohenstaufenkaiser, stammte. Darin soll gestanden haben, die ganze Welt sei „von drei Unruhestiftern, also Jesus Christus, Moses und Mohammed, betrogen“ worden.

Wahrscheinlich hat es diesen Frontalangriff auf die historische Mitte des Christentums im Mittelalter gar nicht gegeben, das angebliche Buch entsprang der Propaganda des päpstlichen Hofes gegen den Kaiser. Vom späten 17. Jahrhundert allerdings, so Birnstiel, tauchten auf dem europäischen Büchermarkt tatsächlich Abhandlungen dieses Titels auf. Das Wort von den drei Betrügern wurde zum Slogan der französischen „Radikalaufklärung“, wer sich darauf bezog, schreibt Birnstiel, verschaffte sich damit „auf kurzem Weg den Habitus des Gefährlichdenkers“. So erschien 1768 ein „Traité des trois imposture“. 1796 übernahm Donatien-Alphonse-François de Sade ganze Passagen daraus in seine berüchtigte „Histoire de Juliette“.

Der Marquis de Sade, der redensartlich gewordene Verfasser „böser“ Bücher par excellence … Gegenstand seiner Romane ist die Negation aller, aber auch wirklich aller denkbaren Normen und Gesetze, schreibt der Berliner Germanist Joseph Vogl: von den „Regeln des guten Geschmacks“ über die „Gesetze der Religion“ bis zu den „Moralgesetzen“. Vogl zitiert den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan, der die „120 Tage“ mit einem anderen revolutionären Buch der Epoche parallel setzte, mit Immanuel Kants „Kritik der praktischen Vernunft“, drei Jahre später. Während de Sade alle Gesetze zugunsten einer absolut gesetzten, wahlweise göttlichen oder teuflischen Natur überschreiten wollte, entdeckte Kant eine höchste, jedoch rein formale Gesetzlichkeit, aus der alle konkreten moralischen Forderungen erst abzuleiten wären.

De Sade und Kant, „zwei Seiten einer Revolution in der Geschichte der Moral“. Nimmt man diese Parallele ernst, stellt sich die Frage, ob auch Kants Vernunftkritiken womöglich „böse“ Bücher sind. Viele Zeitgenossen haben es tatsächlich so gesehen. Die „Kritik der reinen Vernunft“, 1781, zerstörte vermeintliche Gewissheiten. Wie solche Fragen von Moral und Metaphysik am Vorabend dieser „Revolution“ diskutiert wurden, das lässt der Roman „Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne“ erahnen, den der Schriftsteller Johann Karl Wezel fünf Jahre zuvor herausbrachte. Dass moralische Normen ihr Recht haben, wird zwar nicht in Frage gestellt. Aber in der Realität interessiert das niemanden. „Welches Recht habt Ihr Bösewichte dazu?“, fragt der Titelheld einige Male, wenn ihm Übles angetan wird – und erntet dafür, so die Berliner Germanistik Erika Thomalla, regelmäßig einen Faustschlag oder auch ein mitleidiges Lächeln.

Das späte 18. Jahrhundert war die große Umbruchzeit in der europäischen Ideengeschichte – und auch in der Geschichte der sozialen Wirksamkeit von Ideen. 1784 kam in Trier eine „Rede wider das Lesen böser Bücher“ heraus. Der anonyme Verfasser, der sich als katholischer Priester offenbarte, warnte nicht vor dem Lesen selbst, wohl aber vor der Vielleserei, genauer: vor der Gefahr, dass aus dem wahllosen Konsum vieler Bücher eine Verwirrung des Verstandes und der Urteilsfähigkeit folgen könnte. Titel von angeblich verderblichen Büchern wollte der Verfasser freilich nicht nennen. Wahrscheinlich war ihm bewusst, dass der berühmt-berüchtigte „Index“ von Teilen des Publikums geradezu als Lektüreempfehlung verstanden wurde. Wenn jemand damals, vor zweieinhalb Jahrhunderten, in aufklärerischem Optimismus gehofft haben sollte, das Problem der Lektüreauswahl, damit auch das Problem „böser“ Bücher würde sich durch umfassende Bildung mit der Zeit erübrigen – weit gefehlt. 1865 kam eine Verserzählung von zwei Buben heraus, „die, anstatt durch weise Lehren sich zum Guten zu bekehren, oftmals noch darüber lachten und sich heimlich lustig machten“.

Illustration zu "Justine" von
Marquis de Sade, um 1800
Bild: Wikipedia 


Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ wurde eines der schwärzesten Bücher der  Weltliteratur. Als Kinderliteratur angelegt, unterläuft diese Bildergeschichte von der „Übeltäterei“ alle bürgerliche Moral. Am Ende steht nicht etwa der Erziehungsgedanke, sondern schlicht die Beseitigung der Bösewichter. Eine besondere Hinterhältigkeit besteht darin, dass der Leser, durch Buschs Reime hingerissen, von dieser „Moral“ des Buches vielleicht nicht einmal etwas bemerkt. Der Rhythmus der Verse, stellt der Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit trocken fest, hat sich im deutschen Humor unausrottbar eingenistet. Noch ein Beispiel aus der sogenannten „Kinderliteratur“: „Die Biene Maja“ von Waldemar Bonsels, 1912. Wenn Bienen lesen könnten, würden sie das Buch vermutlich als Angriff auf die Moral ihres Gemeinwesens verstehen: „Soll ich denn später den ganzen Tag Honig sammeln?“, fragt die junge Maja. Unnötig zu sagen, dass sich diese Vermenschlichung der Tiere auch als „Vertierlichung“ des Menschen lesen lässt. Am Ende erweist sich Majas  Ausbruchsversuch als nützlich für ihr Volk. In dem Beitrag von Helmut Höge zum Sammelband erfährt der Leser von einem recht kuriosen Remake des Buches im Jahr 2012. Da die „Hornissenschlacht“ in Bonsels originaler Fassung kindlichen Gemütern heute nicht mehr zuzumuten sei, wurde die Episode umgeschrieben: Die Hornissen werden nicht mehr getötet, sondern gefangengenommen und belehrt, sozusagen politisch korrekt „umerzogen“.

Natürlich ist die Auswahl, die Krajewski und Maye für ihren Sammelband getroffen haben, ganz und gar subjektiv. Mögliche weitere Kandidaten für „böse Bücher“ wären zum Beispiel Charles Baudelaires „Blumen des Bösen“ gewesen, der Gedichtband, der den Schmutz der modernen Großstadt in poetisches Gold verwandelte. Oder eben „Wider den Methodenzwang“, 1975, von Paul Feyerabend, dem „bad boy“ der Wissenschaftstheorie. Im historischen Rückblick, meint der Zürcher Wissenschaftsforscher Michael Hagner, scheint vor allem bedeutsam, dass Feyerabend mit seinem Essay das damals so selbstverständlich erscheinende „Bündnis zwischen Wissenschaft und Demokratie“ aufkündigte – oder jedenfalls seiner Selbstverständlichkeit beraubte. Mit seiner „Rebellion gegen den Methodenzwang“ wollte er auf Pluralismus hinaus – und ahnte nicht, dass seine Argumente vier Jahrzehnte später ganz im Gegenteil für „Machtkonzentration“ in Anspruch genommen werden könnten.


Neu auf dem Büchermarkt:
Böse Bücher. Inkohärente Texte von der Renaissance bis zur Gegenwart, herausgegeben von Markus Krajewski und Harun Maye, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, 256 S., ISBN 978-3-8031-3678-7, 24,00 €


Mehr im Internet:
Böse Bücher, hg. von Markus Krajewski und Harun Maye, Verlag Klaus Wagenbach

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