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07.08.2019 - WIRTSCHAFT

Als der Fahrstuhl nach oben den Dienst versagte

Der Trierer Historiker Lutz Raphael ueber den Abschied vom Malocher

von Josef Tutsch

 
 

Zeche Zollverein in Essen, letzter
Arbeitstag 23.12.1986
Bild: Neptuul/Wikipedia

Die Zahlen sind frappant. 1960 lag der Anteil der Industrie an der wirtschaftlichen Wertschöpfung in Deutschland noch bei 53 Prozent. Stahlwerke, Kohlezechen, Schiffswerften und Textilfabriken bildeten das „Rückgrat der Volkswirtschaft“. Bis 2012 sank dieser Satz auf 30 Prozent, ganze Betriebe und Produktionszweige verschwanden. In Frankreich vollzog sich parallel eine ähnliche Entwicklung. In Großbritannien, dem Ursprungsland der industriellen Revolution, hatte sich der Trend bereits einige Jahre früher bemerkbar gemacht. Bereits seit den 1960ern gingen industrielle Arbeitsplätze verloren.

Vor einem halben Jahrhundert war der „typische“ Bewohner Westeuropas Industriearbeiter, heute sind die meisten Menschen in Dienstleistungsberufen tätigt. Ein „Abschied vom Malocher“ bringt der der Historiker Lutz Raphael von der Universität Trier die Entwicklung auf den Punkt: Die Länder Westeuropas wurden partiell „deindustrialisiert“. Altes Fachwissen wurde entwertet, angesichts der Gefahr von Arbeitslosigkeit mussten Berufskarrieren und Lebenspläne neu entworfen werden, „Flexibilität“ wurde das Zauberwort der Epoche.

Raphael hat die Geschichte dieser Deindustrialisierung in drei ausgewählten Ländern – Großbritannien, Frankreich und Deutschland – nachgezeichnet; das Buch geht auf seine Adorno-Vorlesungen im vergangenen Jahr an der Universität Frankfurt am Main zurück. Eine Vorgeschichte unserer Gegenwart. Raphael widersteht der Versuchung, diesen Wandel einseitig als Geschichte des Aufstiegs der IT-Branche und des Finanzsektors zu schreiben. Sein Interesse gilt mehr den „Kosten des Fortschritts“, den Prozessen der ökonomischen Verluste, des sozialen Abstiegs und der Marginalisierung.

Und, ganz aktuell, auch der Frage, inwieweit dieser Prozess die aktuelle Krise unserer liberalen Demokratie mit herbeigeführt hat. Dass der „klassische“ Industriearbeiter seine zentrale Stellung in den westlichen Gesellschaften einbüßte, war nicht nur ein ökonomischer Vorgang. Auch die politische und sozialwissenschaftliche und publizistische Aufmerksamkeit wandte sich vom „Malocher“ ab und mehr den verschiedenen Minderheiten, heute sagt man: „Identitäten“, zu. Das brachte Kränkungen mit sich. Raphael unterstellt, dass der Aufstieg von Donald Trump dadurch mit bedingt ist.

In den 1950er und 1960er Jahren, umschreibt der Forscher den Ausgangspunkt der Entwicklung, „hatten die Industriegesellschaften Westeuropas das Ende der ‚Proletarietät‘ erlebt. Die industrielle Arbeiterschaft – oder jedenfalls ihr Großteil - „hatte Anschluss gefunden an die Standards sozialer und arbeitsrechtlicher Absicherung der Mittelschichten, sie hatte sich dank ihrer gewerkschaftlichen Organisationsmacht höhere Löhne erkämpft und sich wachsende Anteile am volkswirtschaftlichen Einkommen gesichert“.

Es war der technische Fortschritt, der die Bedeutung vor allem der Kohle- und Stahlindustrie seit den frühen 1970er Jahren reduzierte und damit auch die Arbeitswelt drastisch veränderte: „Die Sorge um den Arbeitsplatz, um die Sicherung des Lebensstandards und die soziale Absicherung rückte wieder stärker in den Mittelpunkt des Alltags einer wachsenden Zahl von Industriebeschäftigten.“ Neben der Schwerindustrie waren auch die Branchen Textil, Möbel und Nahrung betroffen: Hier verschwanden vor allem Arbeitsplätze für Frauen.

Das vielleicht auffälligste Phänomen war jedoch die grassierende Jugendarbeitslosigkeit: „Selbst höhere schulische Abschlüsse führten für viele junge Leute zunächst in die Arbeitslosigkeit oder in eine der vielen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.“ Vor allem in Großbritannien fielen industrielle Ausbildungsangebote und Einstiegsjobs in vielen Regionen „ersatzlos“ weg. In Deutschland verlief die Entwicklung noch relativ glimpflich, vor allem, meint Raphael, weil das System der dualen Berufsausbildung eher in der Lage war, Berufsanfänger in den Arbeitsmarkt zu integrieren als die politischen Maßnahmen, die von den Regierungen in Frankreich und Großbritannien ad hoc ergriffen wurden.

Demonstration von Bergarbeitern in London,
1984 - Bild: Nick/Wikipedia 


Soweit sie überhaupt ergriffen wurden, je nach den Programmen der politischen Parteien. 1979 siegten in Großbritannien die Tories. Premierministerin Margaret Thatcher verordnete ihrem Land einen scharfen Kurswechsel hin zu einer „postindustriellen Ökonomie“, der die Deindustrialisierung noch förderte, nach einigen Jahren allerdings auch die Arbeitslosigkeit deutlich sinken ließ. Das Ende der alten Industrien wurde hingenommen, alle Aktivitäten wurden auf den Ausbau Londons zum Zentrum der internationalen Finanzwirtschaft konzentriert.

In Frankreich dagegen gewannen 1981 die Sozialisten mit François Mitterrand die Wahlen und versuchten sich zunächst in einer Politik der Nachfragesteigerung und der Verstaatlichungen, ermöglicht durch mehrere Abwertungen des Franc. Raphael: „Nach knapp zwei Jahren sah sich die sozialistische Regierung zu einem radikalen Kurswechsel ihrer Währungspolitik gezwungen“ - nicht zuletzt deshalb, meint der Autor, weil die deutsche und die schweizerische Bundesbank die enorme Ausweitung der Geldmenge nicht mitfahren wollten.

In Deutschland brach 1982 die sozialliberale Koalition an Differenzen zur Sozial- und Wirtschaftspolitik auseinander. Zu einem schockartigen Kurswechsel wie in Großbritannien kam es jedoch nicht: Bereits in der sozialliberalen Ära hatte die Bundesbank durch eine Politik der Währungsstabilität die Wirtschaft unter „Anpassungsdruck“ gesetzt. Mitte der 198er Jahre gingen in Deutschland wie in Frankreich die Regierungen von der rein defensiven Abwehr des Deindustrialisierungsprozesses zur Förderung sogenannter „Zukunftstechnologien“ über.

Gleichzeitig entspann sich in der Öffentlichkeit eine neuartige Armutsdebatte. Gegenstand war nicht so sehr eine absolute Armut mit materieller Not als die ungleiche und immer ungleicher werdende Verteilung von Einkommen, Vermögen und Berufschancen. Während am oberen Ende der Einkommensskala neue und ertragreiche Jobs entstanden, wurde „unten“ ein Niedriglohnsektor etabliert, am spätesten, vermerkt Raphael, in Deutschland, unter der rot-grünen Bundesregierung von Gerhard Schröder.

Im Ergebnis setzten sich in ganz Westeuropa Varianten des „Finanzmarktkapitalismus“ durch, wie wir ihn heute kennen: mit dem „Shareholder-Value-Prinzip als Hauptsäule unternehmerischen Handelns“ und dem „Aktienkurs als Goldstandard der Unternehmensphilosophie“. Wichtig war dabei vor allem, dass sowohl innerhalb Europas die nationalen Grenzen als auch die europäischen Grenzen nach außen ihre Bedeutung verloren. „Der europäische Wirtschaftsraum wurde nach und nach den neuen neoliberalen Regeln angepasst, wie sie bereits in den USA galten“. Das gemeinsame Positionspapier von Tony Blair und Gerhard Schröder 1998 signalisierte dafür die Unterstützung auch der sozialdemokratischen Parteien.

„Die alte liberale Binsenweisheit ‚Jeder seines Glückes Schmied“ feierte fröhliche Urstände“, schreibt Raphael, „stärker denn je wurden meritokratische Deutungsmuster benutzt“. Raphael fügt jedoch gleich hinzu, dass sich der Zeitgeist dieser Jahrzehnte nicht nur aus „orthodox [wirtschafts-]liberalen Überzeugungen“ speiste, sondern ebenso aus „libertären Strömungen“, „linkssozialistischen Kritiken an der Wohlstandsgesellschaft“ sowie aus „grün-alternativen Vorstellungen vom Leben und Wirtschaften“.

Gerade in Deutschland, meint Raphael, liefen die Debatten vergleichsweise undramatisch ab: Seit den 1980er Jahren galt die Aufmerksamkeit in der Wissenschaft wie in der Öffentlichkeit, „nach einem kurzen neomarxistischen Intermezzo“, weniger den „Gegensätzen zwischen sozialen Großgruppen“ als der „Individualisierung der Lebenswelt“. Angesichts des Wandels in der Arbeitswelt erwies sich das Streikrecht mehr und mehr als stumpfe Waffe. Raphael spricht vom „Abschied der Industriearbeiter von der politischen Bühne“ und von einer „Erosion des kollektiven Tarifrechts“. Stichwort „Individualisierung“: „Ältere liberale Vorbehalte gegen die ‚Monopolisierung‘ der Ware namens Arbeitskraft durch mitgliederstarke, streikfähige Gewerkschaften erlebten eine unerwartete Renaissance.“ In Großbritannien gelang es der Regierung Thatcher, auf dem Weg der Gesetzgebung die Macht der Gewerkschaften zu brechen: Der „closed shop“, also die Pflichtmitgliedschaft von Betriebsangehörigen in einer Gewerkschaft, wurde verboten, Regularien einer innergewerkschaftlichen Demokratie wurden festgelegt.

Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Bild: LokiLech/Wikipedia 


Wie sehr sich die traditionellen Arbeitermilieus in diesem Prozess der Deindustrialisierung auflösten, zeigt auch der Blick auf die schwindenden Wahlerfolge der französischen Sozialisten und Kommunisten: Um 1980 stimmten noch mehr als 70 Prozent der wahlberechtigten „ouvriers“ für eine der beiden Linksparteien. Tempi passati, davon ist nicht viel übrig geblieben. In der Gegenwart muss die SPD diesen Prozess mit einiger Verspätung nachholen. „Die Leute in den neuen Dienstleistungsjobs fanden keinen Weg mehr in die Partei“, hat Raphael kurz nach dem Erscheinen seines Buches die Krise der ehemaligen „Arbeiterparteien“ in einem Interview resümiert.

Der Prozess der Deindustrialisierung war „schmerzhaft“, betont Raphael. „Erstmals seit langer Zeit produzierte die Deindustrialisierung wieder Gewinner und Verlierer in den Gesellschaften Westeuropas.“ Der „Fahrstuhleffekt“ nach oben setzte aus, die Ungleichheit bei den Einkommen nahm wieder zu, soziale Risiken wie Arbeitslosigkeit wurden wieder prägend für einen erheblichen Teil der Bevölkerung. Allerdings: „Der Rückzug des Kapitals aus der industriellen Produktion in Westeuropa hat nur an wenigen Orten jene überwältigenden Spuren der Verwüstung hinterlassen, wie sie etwa im US-amerikanischen ‚rust belt‘“, also in der Industrieregion von New York bis Chicago, „zu finden sind.“

Die Gemeinsamkeit der drei westeuropäischen Nationen, betont Raphael, darf aber nicht die Unterschiede überdecken. Während Großbritannien die „Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse“ früh und entschieden vorantrieb, folgten Deutschland und Frankreich dem eher zögernd, „in beiden Ländern blieben die rechtlichen Grundlagen des alten Modells intakt“. Raphael unterstellt, dass damit lange vor dem „Brexit“ die Kluft zwischen Großbritannien und den beiden anderen Ländern „markant vertieft“ wurde.

Gemeinsam ist allen westlichen Nationen, dass die Bedeutung erlernten Wissens im Arbeitsalltag enorm anstieg und dass Weiterbildung in einem bislang ungekannten Ausmaß lebenswichtig wurde. „Noch in den 1970er Jahren war die ständige Wiederholung das wesentliche Merkmal industrieller Arbeit auch bei vielen Facharbeitern.“ In der folgenden Zeit wurde „selbständige Arbeitsgestaltung“ für immer mehr Menschen zum Bestandteil ihres Berufsalltags.

Mehr Freiheit, wenn man so will, aber damit auch mehr Verantwortung, mehr – auf den ersten Blick wirkt es paradox – Druck auf die Arbeit und mehr Kontrolle der Ergebnisse. Die rasante Computerisierung der Arbeitswelt hat diesen Prozess nochmals beschleunigt. In vielen Betrieben, stellt Raphael fest, wird heute „Null Fehler“, also ein ungestörter Produktionsablauf ohne Verzögerungen und technische Pannen, als „realistisches Ziel“ propagiert.


Neu auf dem Büchermarkt:

Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl. Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom, Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2018, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 525 S., ISBN 978-3-518-58735-5, 32,00 € [D], 32,90 € [A], 42,90 CHF


Mehr im Internet:

Deindustrialisieurng - Wikpedia
Lutz Raphael: Jenseits von Kohle und Stahl, Suhrkamp Verlag
scienzz artikel Arbeit

 

 

 

 

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