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17.08.2019 LITERATURGESCHICHTE

Wenn Kuenstler scheitern

Ueber verhinderte Projekte in Literatur- und Filmgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Rainer Werner Fassbinder
Bild: Gorup de Besanez/Wikipedia

„Habent sua fata libelli“, heißt es in einem römischen Lehrgedicht über die Poesie aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., „Bücher haben ihre Schicksale“. Nämlich je nachdem, was das Publikum daraus macht, wollte der Verfasser, der Grammatiker Terentianus Maurus, sagen: Hat der Schriftsteller sein Werk erst einmal aus der Hand gegeben und veröffentlicht, entzieht sich das „Schicksal“ des Buches in der Öffentlichkeit seinem Einfluss.

Der Satz gilt aber bereits vor der Publikation, zeigt der Sammelband über „Verhinderte Meisterwerke“ in Literatur und Film, den die Literaturwissenschaftler der Universität Bamberg jetzt herausgebracht haben. Ziemlich oft entfaltet das „Werk“ einen Eigenwillen, während es noch gar nicht geschrieben ist, sondern lediglich als Projekt im Kopf seines Autors existiert. Das ist besonders auffällig, wenn das geplante Buch sich gegen seine Realisierung hartnäckig sperrt. Zum Beispiel bei Thomas Mann: 1905, während der Arbeit am Roman „Königliche Hoheit“, skizzierte er in einem Brief an den Bruder Heinrich einen Roman über Friedrich den Großen, den er recht unbescheiden als sein kommendes „Meisterwerk“ ansprach. Offenbar, meint der Augsburger Germanist Helmut Koopmann, wollte er in Friedrich seinen eigenen „Wunsch nach Größe“ spiegeln, den der Erfolg seines Erstlingsromans „Buddenbrooks“ in ihm geweckt hatte.

Das Projekt blieb unverwirklicht. Drei Jahrzehnte später nahm Thomas Mann in seinem Roman „Lotte in Weimar“ lieber eine andere Figur der Geschichte als Beispielfall für seine Reflexionen über historische „Größe“: Goethe. In anderthalb Dutzend „Probebohrungen“, wenn man das so nennen darf, bietet der Sammelband Ansätze für eine Phänomenologie des künstlerischen Scheiterns. Es gibt Fälle, dass ein Projekt nicht am Künstler selbst scheitert, sondern an anderen, etwa dann, wenn die Geldgeber ihre Zusagen zurückziehen. Der Tübinger Judaist Raphael Rauch nennt als Beispiel die Verfilmung des Romans „Soll und Haben“, die Rainer Werner Fassbinder Mitte der 1970er Jahre für den Westdeutschen Rundfunk vornehmen sollte. Durch die deutschen Feuilletons, berichtet Rauch, ging „die Angst, literarischer Antisemitismus werde wieder salonfähig“.

In der Tat, Freytags Roman aus dem Jahr 1855 legte diese Befürchtung nahe. Die Hauptfigur Veitel Itzig, ein Jude, wird darin als repräsentativ für Geldgier, Betrug und Verbrechen gezeichnet. „Natürlich ist Itzig, moralisch gesehen, ein Schwein“, verteidigte der Drehbuchautor der Produktionsgesellschaft „Bavaria“, Herbert Knopp, das Filmprojekt. „Warum sollte auch ein Jude kein Schwein sein dürfen?“ Knopp traute Fassbinder die Kunst zu, das Entstehen solcher Charaktere aus den sozialen Umständen heraus nachvollziehbar zu machen.

Genau dieses Zutrauen hatten andere nicht. Im Februar 1977 erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ein Artikel, der wahrscheinlich aus der Feder von Marcel Reich-Ranicki stammte: „Haben die Verantwortlichen im Westdeutschen Rundfunk diesen Roman wirklich gelesen? Und“ - mit diesem Satz war das Scheitern des Projekts wohl besiegelt – „muss es nicht verwundern, dass die Regie gerade in den Händen Rainer Werner Fassbinders liegt?“ Fassbinder hatte sich bereits durch sein Theaterstück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ in den Ruf des Antisemitismus gebracht.

Auch WDR-Intendant Friedrich-Wilhelm von Sell kam zu dem Schluss, es sei nicht möglich, „die Diskriminierung der Juden darzustellen, ohne erneut antisemitische Wirkung zu erzielen“. Also ohne sich der Gefahr von Missdeutungen auszusetzen, eine Generation nach dem nationalsozialistischen Holocaust. Ob dies das endgültige „Aus“ für eine Freytag-Verfilmung ist, scheint nicht sicher. Der WDR, schreibt Rauch, habe ihm 2016 mitgeteilt, man stehe „mitten in der Entwicklung von Büchern für die Verfilmung des Romans“. Es könnte also einen neuen Anlauf geben, Knopps resignierte Aussage zu widerlegen, die „einzige sichere Methode“, antisemitische Lesarten von Filmen zu verhindern, bestehe darin, „Juden nicht vorhanden sein zu lassen“.

Gotthold Ephraim Lessing
Bild: Wikipedia 


Eine andere Art des Scheiterns, die mehr im Künstlertum des Autors begründet liegt, hat Selma Schülein von der Universität Bamberg bei Friedrich Hölderlin analysiert. Jede Ausgabe von Hölderlins Werken zeigt seine Schwierigkeiten, die Gedichte in eine ihn selbst befriedigende Form zu bringen. Den Grund offenbart ein Eintrag im sogenannten „Homburger Folioheft“, neben den letzten Versen des Gedichts „Heimkehr“: „Wie soll ich sagen“, hat der Dichter dort notiert. Immer wieder, so Schülein, zeigt sich in diesem Heft „ein komplexes Nebeneinander“ von „sprachskeptischen Äußerungen“ einerseits, „emphatischen Verheißungen einer Poesie“ andererseits, „die mit dem Anspruch auftritt, Einheit und Gemeinschaft zu stiften sowie das Absolute erkennen zu lassen“.

Als junger Theologiestudent hatte Hölderlin gemeinsam mit Hegel und Schelling im Tübinger Stift über die Möglichkeit reflektiert, das Absolute sprachlich adäquat zu erfassen. Während Schelling und Hegel dieses Vorhaben in der Philosophie zu verwirklichen versuchten, kam Hölderlin, so Schülein, zu dem Schluss, die Poesie sei dem begrifflichen Denken „erkenntnistheoretisch überlegen“. Doch zugleich blieb die Skepsis lebendig. „Kein Sterblicher kann es fassen“, ließ er in einem Eintrag des Folioheftes die Muse sagen, „vom Höchsten will ich schweigen.“

Die Bamberger Literaturwissenschaftlerin Christine Schramm befasst sich mit einem der berühmtesten Projekte der deutschen Geistesgeschichte, das bei Goethe zu einer abgeschlossenen Dichtung führte und bei Lessing ein halbes Jahrhundert zuvor eben nicht: der Rettung des Teufelsbündners Faust vor der ewigen Verdammnis. Der Verfasser der „Historia von D. Johann Fausten“ im 16. Jahrhundert hätte den Gedanken an Faustens Rettung als Blasphemie von sich gewiesen. In seinen Augen war die übergroße Wissbegierde die Sünde aller Sünden. Lessing, stellt Schramm fest, wollte den Erkenntnisdrang „aus der mittelalterlichen Verdammung retten und ihn auf der Bühne zeitgemäß“,   also im Sinne der Aufklärung, „zu einer Tugend erklären“. Doch es gelang ihm bei seinen Entwürfen in den 1770er Jahren nicht, für das geplante „bürgerliche Trauerspiel“ um die spätmittelalterliche Figur des Teufelsbündners ein schlüssiges Konzept zu entwickeln.

1797, berichtet der Germanist Klaus Vogel von der Università degli Studi di Sassari, wollte Goethe zu einer dritten Italienreise aufbrechen. Er hatte ein großangelegtes Buch im Sinn, einen „Halbroman“, aber mit „wissenschaftlichen Ambitionen“, einen „poetisch gesteigerten Kunst-Reiseführer“. Offenbar empfand Goethe das Erlebnis seiner ersten Italienreise 1786-88 im Nachhinein als unzureichend. Es sei ihm damals nicht gelungen, meinte er 1795 gegenüber einer Freundin, „sich so ins Anschauen der Kunst zu vertiefen, dass diese Vorstellung ganz objektiv, und sein ganzes Wesen, seine Ichheit in‘s Anschauen der Schönheit übergegangen wäre“. Wegen der politischen Wirren musste Goethe sein Vorhaben, auf einer neuen Reise weiteres Materialien für eine Morphologie des „Kunstkörpers“ Italien zu sammeln, aufgeben und kehrte in der Schweiz um. So bleibt die Frage offen, wie Goethe später mit der Mischform eines romanhaften Essays oder eines essayistischen Romans zurecht gekommen wäre.

Um noch ein Beispiel aus dem Bereich des Films zu nennen: 1927 trug sich der russische Regisseur Sergey Eisenstein mit dem Gedanken, den ersten Band von Karl Marx‘ „Kapital“ zu verfilmen. Die Filmadaption, schreibt der Jenaer Medienwissenschaftler Felix T. Gregor, sollte ein Publikum erreichen, das den Text nicht gelesen hatte und dazu vielleicht auch gar nicht in der Lage war. Eisenstein wollte das Prinzip der „intellektuellen Montage“ fortführen, das er gerade in seinem Film über die Oktoberrevolution („Zehn Tage, die Welt erschütterten“) erprobt hatte. Am Ende scheiterte das Projekt, so Gregor, „an seiner sich selbst sabotierenden Übergröße“ - die Mischform von Filmerzählung und Filmessay, die Eisenstein vorschwebte, war wohl doch allzu anspruchsvoll. Aber es scheiterte auch an der sowjetischen Kulturpolitik. 1929 erließ Stalin ein Veto gegen „formalistische“ Experimente.

Und noch ein Fall aus der populären Science-fiction-Literatur. 1962 schrieb Philip K. Dick eine Romanphantasie, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts auch hätte ablaufen können, „Das Orakel vom Berge“. In dieser Fiktion haben Deutschland und Japan weite Teile der Welt erobert und die USA unter sich aufgeteilt. Im Mittelpunkt der Handlung, berichtet der Bamberger Kommunikationswissenschaftler André Haller, steht das verbotene Buch „Die Plage der Heuschrecken“, in dem ein anderer Geschichtsverlauf mit einer Niederlage Deutschlands und Japans beschrieben wird.

Der Roman war ein internationaler Erfolg, doch die Fortsetzung, an der Dick lange arbeitete, blieb Fragment. Offenbar wollte Dick die Handlung über Machtkämpfe in der Führung des Dritten Reiches fortführen und vielleicht zu einem hoffnungsvollen Abschluss bringen, kapitulierte irgendwann jedoch vor der Menge der nötigen historischen Studien. Für das „Orakel vom Berge“ hatte er volle sieben Jahre Recherchearbeit aufgewendet. Möglicherweise, meint Haller, traute Dick sich aber auch ganz einfach nicht zu, dem großen Erfolgsroman eine „adäquate Fortsetzung“ zu geben.

Thomas Mann - Bild: Wikipedia 


„Jedes ungeschriebene Werk verpasst auf seine je spezifische Weise die Existenz“, zitiert der Kölner Germanist Björn Moll den Kulturwissenschaftler Ulrich Raulff. Etwas Typisches lassen die Studien im Sammelband aber vielleicht doch erkennen. Oft, heißt es in der Einleitung, seien die Pläne wohl deshalb unrealisiert geblieben, „weil sie zu ambitioniert gedacht waren, weil zu Großes gewagt wurde“. So könnte man auch Honoré de Balzacs Erzählung „Das unbekannte Meisterwerk“ aus dem Jahre 1831 interpretieren. Gegenüber seinen Freunden schwärmt Balzacs „Held“, der Maler Frenhofer, von seinem Gemälde, an dem er seit zehn Jahren arbeitet. Als er ihnen das Bild endlich zeigt, entdecken sie ein Chaos übereinanderliegender Striche. Nur in einer Ecke ist ein elegant gemalter Fuß zu sehen.

Ein kläglicher, halb und halb pathologischer Fall von Selbstüberschätzung? Der französische Philosoph Michel Serres, schreibt  Moll, hat Frenhofers „Bild“ gerade im Gegenteil als ein Zeugnis des „Übergelingens“ aufgefasst: Die Leinwand figuriert „als Projektionsfläche für alle Möglichkeiten“, die alle gleichzeitig zu realisieren von vornherein unmöglich ist und das Auffassungsvermögen des Publikums ohnehin überfordern würde. Moll reflektiert, ob Balzac hier nicht die Krise der Erzählkunst in der Moderne allegorisch vorweggenommen hat. Zum Beispiel bei Franz Kafka, dessen Erzählungen eine Serie von Anfängen bieten, die fortzuführen und zu einem Ende zu bringen, der Autor seinem Leser immer wieder verweigert.

Einen „Blütentraum, der nicht reifte“, nannte Thomas Mann fast vier Jahrzehnte nach jenem Brief an Bruder Heinrich seinen „Friedrich“-Roman. Mit zwei weiteren Romanprojekten, betitelt „Maja“ und „Der Elende“, fügte er an, sei es ebenso gegangen. Leser von „Tod in Venedig“ werden sich erinnern: Es sind jene Werke, die in dieser Erzählung Gustav von Aschenbach zugeschrieben werden, nebst einer Abhandlung „Geist und Kunst“. Alles Projekte, die auf Thomas Manns eigener Agenda standen, dann aber doch unverwirklicht blieben.

Die rühmenden Worte in „Tod in Venedig“ über Aschenbachs Werke – oder auch: Thomas Manns bislang unverwirklichte Projekte – legen den Eindruck nahe, dass es zumindest in diesem Fall tatsächlich der hohe, vielleicht überhohe Anspruch war, der zum Scheitern führte. Über „Geist und Kunst“: Die „ordnende Kraft“ und „antithetische Beredsamkeit“ dieser Abhandlung „Geist und Kunst“ habe die Beurteiler veranlasst, sie gleich neben Schillers Raisonnement über naive und sentimentalische Dichtung zu stellen, heißt es dort.

Koopmann macht jedoch darauf aufmerksam, wie „ökonomisch“ der Spross einer Lübecker Kaufmannsfamilie mit seinen Vorarbeiten für die unverwirklichten Pläne verfuhr: „Die Notizen für ‚Maja‘ flossen in den ‚Doktor Faustus‘ ein, „Ein Elender“ floss ein in „Die Betrachtungen eines Unpolitischen“ und den „Zauberberg“, Auszüge aus der Notizenmasse von ‚Geist und Kunst‘ veröffentlichte Mann später eigenständig.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Verhinderte Meisterwerke. Gescheiterte Projekte in Literatur und Film, herausgegeben von Andrea Bartl, Corina Erk und Martin Kraus, Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2019, 395 S., ISBN 978-3-7705-6464-7, 79,00 €


Mehr im Internet:

Verhinderte Meisterwerke, Wilhelm Fink Verlag
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