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22.08.2019 - FRUEHGESCHICHTE

Als die Menschen das Knie noch nicht zu beugen wussten

Aus der Fruehgeschichte der Zivilisation

von Josef Tutsch

 
 

Statue aus Eshnunna, ca. 2700
v. Chr. (Oriental Institute,
Chicago) - Bild: Rosemaniakos/
flickr/Wikipedia

Der Name Jean-Jacques Rousseau kommt in dem neuen Buch des amerikanischen Politikwissenschaftlers James S. Scott nicht vor. Aber tatsächlich hat Scott so etwas wie eine Neubearbeitung von Rousseaus Traktat „Über die Wissenschaften und die Künste“ vorgelegt. 1749 provozierte Rousseau die europäische Öffentlichkeit mit der Behauptung, alles in allem habe der „Fortschritt“ die Lage der Menschen keineswegs verbessert: In der modernen Gesellschaft sei der Mensch durch die Konventionen gefesselt, im Naturzustand habe er frei gelebt.

Seitdem streiten sich Europas Intellektuelle, inwieweit Rousseaus Dekadenzanalyse wörtlich zu nehmen und womöglich als ein „Zurück zur Natur“ in Praxis umzusetzen sei. In den letzten zweieinhalb Jahrhunderten hat die Archäologie unser Wissen um die Frühgeschichte enorm erweitert, Die Bewertung des Forschers von der Yale University, der nun ein Buch über die Entstehung der ersten Staaten im Mesopotamien des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr., fällt jedoch wiederum „rousseauistisch“ aus: Das Leben außerhalb des Staates, „das Leben als Barbar“, sei „materiell gesehen, häufig leichter, freier und gesünder gewesen als das Leben innerhalb der Zivilisation“.

„Zumindest für die Nicht-Eliten“, fügt Scott einschränkend hinzu – also für jene vielen, die durch ihrer Hände Arbeit einen Mehrwert erwirtschaften mussten, um so etwas wie „Zivilisation“ und „Kultur“ möglich zu machen, einschließlich eines gehobenen Lebensstils für die Eliten. Noch ein weiterer Vorläufer, was die pessimistische Sicht des Zivilisationsprozesses betrifft, wäre zu nennen: Von 1931 an entwickelte der deutsche Soziologe Karl Wittfogel seine Theorie der „hydraulischen Gesellschaft“. An den großen Strömen von Euphrat, Nil, Indus und Jangtsekiang hätten die Menschen künstliche Bewässerungssysteme ausgebildet, die bürokratische und autoritäre Strukturen erforderten – als Ursprünge von „Hochkulturen“, als deren Erben wir uns selbst sehen, aber eben auch von „despotischer Herrschaft“.

Scott verschärft diese Sicht womöglich noch: „Die frühen Staaten mussten einen Großteil ihrer Bevölkerung in Knechtschaft halten.“ Wenn wir in unseren Museen die faszinierenden Kunstwerke der frühen Hochkulturen bewundern, möchten wir meinen, auch die „Barbaren“ in deren Umkreis hätten so etwas wie Faszination verspüren müssen. Scott widerspricht: Oft wurden „Barbaren“ in Kriegen „erbeutet“ und dann auf den Feldern dienstbar gemacht.

Die Infragestellung des gängigen Bildes von den frühen Hochkulturen beginnt bereits bei der Chronologie dessen, was wir die „neolithische Revolution“ nennen. „Wir dachten die Domestikation von Pflanzen und Tieren habe direkt zu Sesshaftigkeit und feldgebundener Landwirtschaft geführt“, „wir glaubten, dass Sesshaftigkeit und Kultivierung direkt zur Staatenbildung geführt hätten.“ Verstreute Hinweise auf Sesshaftigkeit hat Scott bereits für die Zeit um 12.000 v. Chr. gefunden, Hinweise auf domestizierte Pflanzen und domestiziertes Vieh erst um 9.000. Und von dort bis zum Auftreten der ersten „Städte“ dauerte es nochmals Jahrtausende – nicht gerade das, was wir sonst eine „Revolution“ nennen.

Der Forscher unterstellt, dass die Menschen an Euphrat und Tigris einige Jahrtausende lang halb und halb sesshaft waren, kultiviertes Getreide und gezähmte Tiere kannten – und dennoch keinen Grund sahen, so etwas wie Städte oder gar Staaten auszubilden. Er widerspricht auch der gängigen Auffassung, die frühesten sesshaften Gemeinschaften hätten „die Wüste erblühen lassen“: Das südliche Mesopotamien war im 7. und 6. Jahrtausend v. Chr. „ganz und gar nicht trocken, sondern glich eher einem dauergrünen Sammlerparadies“. Die Arbeit der Zivilisation bestand also nicht darin, Trockenland zu bewässern, sondern umgekehrt Sümpfe trockenzulegen.

Sog. Geierstele von Lagasch, um
2470 v. Chr. (Louvre, Paris)
Bild: Kikuyu3/Wikipedia


Die Entwicklung hin zu den frühen Städten spiegelt sich in den verschiedenen Stadien des Gilgamensch-Epos. In den ältesten Versionen, hat die Archäologin Anne Porter von der Universität Toronto beobachtet, erscheint Gilgameschs Begleiter Enkidu als Viehhirte, Repräsentant einer aus Pflanzern und Hirten gemischten Gesellschaft. Spätere Versionen zeichnen einen wilden, gefährlichen Halbmenschen, der weder Getreide noch Häuser noch Städte kennt und nicht „das Knie zu beugen“ weiß. Der „späte“ Enkidu ist, bilanziert Scott, „das Produkt der Ideologie eines reifen Agrarstaates“.

Die Konflikte, die es in dieser Entwicklung gegeben haben muss, sind auch in die Bibel eingegangen. Kain, der Ackerbauer, ist neidisch auf seinen Bruder Abel, den Viehhirten, weil dessen Opfer Gott wohlgefällig sind, und erschlägt ihn. Der Text ist aus Hirtenperspektive geschrieben. Der Ackerbauer Kain wird „Gründer einer Stadt“ - oder eines Staates, je nachdem, wie man den Text übersetzen will. Eines Gemeinwesens also, in dem Herrschaft und Wirtschaft nach neuen, für Hirten ungewohnten, ihnen nicht eingängigen Kriterien geregelt waren. Die Ackerbauern reagierten auf das, was sie als Verletzung ihrer Recht ansahen, mit aller Brutalität.

Etwa um 5.200 oder 5.000 v. Chr., schätzt Scott, gab es in Mesopotamien bereits „kleine Städte“, „sesshafte Populationen, die domestizierte Getreidesorten anbauten“. Erst zwei Jahrtausende später entstanden auf dieser Grundlage die ersten „Stadtstaaten“, also Städte mit Mauern, Steuererhebung und Beamten. Sie entstanden, indem jemand sich diese „Konzentrationen von Arbeitskräften, kultivierbarem Boden und Nahrung“ aneignete. Oder, wie Scott es auch ausdrückt, „parasitär nutzte“.

Der Autor vermutet, dass hinter dieser „Aneignung“ anders, als es einige Jahrtausende zuvor beim Aufkommen einer sesshaften Lebensweise gewesen war, kein ökologischer Reichtum stand. Vielmehr hätte ein Klimawandel mit zunehmender Trockenheit nunmehr erzwungen, dass Bewässerungssysteme angelegt wurden, um den gewohnte Lebensstandard aufrecht zu erhalten. Zugleich wurden zentrale Vorratslager eingerichtet. Für die Bauern wird diese Entwicklung sehr zweischneidig gewesen sein. Einerseits konnte durch die Bewässerung der Ernteertrag für alle gefördert werden. Sicherlich wurde bei Hungersnöten auch aus den aufgehäuften Vorräten verteilt, um das Überleben der Untertanen zu sichern. Andererseits – durch die Besteuerung konnte „eine Missernte, die ohne Steuern Hunger bedeutet hätte, nun den völligen Ruin bedeuten“.

Aller Wahrscheinlichkeit nach, meint Scott, war die früheste Staatenbildung „weitgehend ein Zwangsunternehmen“. Diese These würde auch eine Herausforderung an die politische Philosophie bedeuten, die seit Hobbes und Locke den Staat als Befriedigung eines unfriedlichen Naturzustands zu begreifen versucht. Selbstverständlich nutzten die neu entstehenden „Eliten“ die Möglichkeiten, die ihnen da zuwuchsen, sowohl zur Unterdrückung und Ausbeutung der Untertanen im Inneren als auch für Kriege nach außen. Scott zitiert seinen Kollegen Guillermo Agaze: „Die frühen nahöstlichen Dörfer domestizierten Pflanzen und Tiere, die städtischen Institutionen in Uruk Menschen.“

Der archaische Staat war nach Kräften bemüht, seine „Staatsuntertanen“ festzuhalten und zu vermehren, durch Kriege zur Erbeutung neuer Sklaven wie durch Überwachung und Steuerung der Reproduktion. „Die Mühlen der Zivilisation“ hat der Übersetzer Horst Brühmann den Titel des Buches formuliert. Darin wird eine Anspielung auf William Blakes berühmtes Gedicht „Jerusalem“ liegen, in welchem der Dichter in der Frühzeit der Industrialisierung von den „finsteren satanischen Mühlen“ klagte. Der Titel des englischen Originals, „Against the grain“, „Wider den Strich“, bezieht sich mehr auf Scotts forschungsstrategische Intention: der gängigen harmonisierenden Sicht auf die Frühgeschichte menschlicher Kultur eine andere Sicht entgegenzusetzen – sicherlich wie im Falle Rousseau nicht ohne einigen Willen zur Provokation.

Knechtschaft und Sklaverei seien eine „Bedingung für das Überleben der alten Staaten“ gewesen, stellt Scott fest. Und beruft sich auf den amerikanischen Sinologen Owen Lattimore, der feststellte, die Chinesische Mauer sei „ebenso sehr zu dem Zweck erbaut worden, chinesische Steuerzahler drinnen, wie dazu, die Barbaren draußen zu halten“. Trotz des ungeheuren Maßes an Gewalt, das die Machthaber der frühen Staaten aufbrachten – stabil, meint Scott, waren diese Staaten keineswegs, vielmehr in höchstem Maße „verletzlich und zerbrechlich“. „Interregna, Zerfall und ‚dunkle Zeitalter‘ waren eher an der Tagesordnung als Zeiten gefestigter, effektiver Herrschaft.“

Sog. Standarte von Ur, um 2500 v. Chr. 
(Louvre, Paris) - Bild: BabelStone/Wikipedia
 

Wie wenig Anlass dazu besteht, die Entstehung der Städte und des Staates einseitig als Triumph menschlicher Gesittung zu betrachten, zeigt das Beispiel der Schrift, die gleichzeitig mit der „Gründung von Städten und Reichen“ entstand, wie der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss es formuliert hat, „mit der Integration einer großen Zahl von Individuen in ein politisches System“ sowie „ihrer Hierarchisierung in Kasten und Klassen“. Lévi-Strauss: Die Schrift „scheint die Ausbeutung der Menschen zu begünstigen, lange bevor sie ihren Geist erleuchtet.“

Scott vermutet sogar, dass der Erfolg des Getreides als Nahrungsquelle mit den Interessen der staatlichen Steuereinnehmer zusammenhängen könnte: Besser als etwa Hülsenfrüchte oder Wurzelknollen ist Getreide „schätzbar“. Da es oberirdisch wächst, ist es auch leicht kontrollierbar. „Im Mittelalter wurde die Abgabe des Zehnten so gehandhabt, dass der Bauer das ungedroschene Getreide auf dem Feld zu Garben bündeln musste und der Zehnteneinnehmer jede zehnte Garbe mitnahm.“

Trotz der Steigerung, die es im Neolithikum beim Nahrungsaufkommen  gegeben hat – die Bevölkerungsstatistiker setzen gerade für die Zeit etwa zwischen 10.000 und 5.000 v. Chr. einen „demographischen Engpass“ an. Zum Beispiel in Mesopotamien, berichtet Scott, wurden „zuvor reich bevölkerte Siedlungsplätze plötzlich wieder aufgegeben“. Als Erklärung bietet der Autor an, dass sich durch das engere Zusammenleben zunächst auch die Epidemien häuften. In Ballungszentren konnten sich Seuchen mit rasender Geschwindigkeit verbreiten und ganze Stadtbevölkerungen binnen weniger Monate vernichten. Dass die Städte diesen „Flaschenhals“ dennoch überstanden haben, dürfte mit einer gesteigerten Reproduktionsrate zusammenhängen.

Ein Punkt aus dem Krisenrepertoire mesopotamischer Städte damals mutet sehr gegenwärtig an: die Übernutzung der natürlichen Umwelt. Die bedenkenlose Abholzung führte zum Mangel an Brennholz. Auch ein Faktor, der zum Kollaps einer Stadt führen konnte. „Lob des Zusammenbruchs“ hat Scott ein Kapitel überschrieben und meint, von den Untertanen oder auch den „Barbaren“ im Umland sei ein solcher Zusammenbruch vielleicht sogar als „Emanzipation“ erfahren worden. Doch das muss Spekulation bleiben. Ebenso wahrscheinlich ist, dass nicht nur die Städte ihr „barbarisches“ Umland ausbeuteten, sondern ebenso die „Barbaren“ die Städte vor allem als Beuteobjekt ansahen. Die Mauern, mit denen die sich zu verteidigen versuchten, sprechen eine beredte Sprache.

Aber dem Mythos vom „edlen Wilden“, wie er in Rousseaus Nachfolge so gern gepflegt wurde, will Scott ja auch keineswegs das Wort reden. Er selbst weist darauf hin, dass nicht-staatliche Völker sich den Staaten immer wieder in der Geschichte als Söldner zur Verfügung stellten – und dass oft die einen „Barbaren“ die anderen gefangen nahmen, um sie als Sklaven in die Städte zu verkaufen. Ansonsten geht der Forscher auf die Frage, welchen Zwängen das Individuum in der „vorurbanen“ Gesellschaft, vor der „Zivilisation“, unterworfen war, allerdings nicht ein.


Neu auf dem Büchermarkt:

James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten, aus dem Amerikanischen von Horst Brühmann, Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-518, 329 S., 32,00 € [D], 32,90 € [A], 42,90 CHF


Mehr im Internet:
Neolithische Revolution - Wikipedia
scienzz artikel Frühgeschichte
James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation, Suhrkamp Verlag

 

 

 

 

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