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14.09.2019 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Ein Aristoteles der Moderne

Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren

von Josef Tutsch

 
 

Alexander von Humboldt, Ge-
mälde von Joseph Karl Stieler,
1843 (Schloss Charlottenhof,
Potsdam) - Bild: Wikipedia

Einen „Brunnen mit vielen Röhren“ nannte ihn Goethe, „wo man überall nur Gefäße unterzuhalten braucht und wo es uns immer erquickend und unerschöpflich entgegenströmt“. Alexander von Humboldt, der am 14. September 1769, vor 250 Jahren, in Berlin geboren wurde, war ein Universalgenie wie Aristoteles oder Leibniz. In einer Universität hätte er ohne weiteres in gut einem Dutzend verschiedener Fächer einen Lehrstuhl besetzen können, von Geologie und Mineralogie über Botanik und Zoologie bis zur Staatslehre und Nationalökonomie, von den Bergbauwissenschaften bis zur Astronomie.

Auf seiner Amerikareise untersuchte er die Ruinenstätten, die die Völker vor Columbus hinterlassen hatten; in einem Aufsatz aus den späten Berliner Jahren befasste er sich mit der Geschichte der Naturbeschreibung in der schönen Literatur. Die altgriechischen und altindischen Dichter sind ebenso sachkundig und einfühlsam besprochen wie aus den neueren Jahrhunderten der Portugiese Camoes oder der Franzose Chateaubriand. Die Pariser Akademie der Wissenschaften wollte ihn schon zu Lebzeiten auf einer Münze als „Aristoteles unseres Zeitalters“ würdigen. Humboldt wehrte ab; nach seinem Tod brachte die Akademie dann doch eine solche Gedenkmünze heraus: „L’Aristote moderne“.

Diese enorme Breite seiner Interessen muss sich schon früh abgezeichnet haben. Die Erziehung konzentrierte sich, ähnlich wie bei seinem älteren Bruder Wilhelm, auf die humanistischen Fächer und die Befähigung für den höheren Staatsdienst. Alexander fiel jedoch bald dadurch auf, dass er Steine, Pflanzen und Insekten sammelte; im Freundeskreis wurde er "der kleine Apotheker" genannt. Das Studium, vor allem an der Universität Göttingen, gab ihm die solide Grundlage für jenes Projekt, das er selbst später als „physique du monde“ bezeichnete. „Ich habe den tollen Einfall“, schrieb er 1834 an seinen Freund Karl August Varnhagen von Ense, „die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüt ergötzt.“

Und er beherrschte die Kunst, diese „Lebendigkeit“ dem Leser zu vermitteln: In seinen leicht geschriebenen Reiseberichten verbanden sich Naturschilderungen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, kulturhistorische Reminiszenzen mit politischen Reflexionen. Vorbild war der Naturforscher Georg Forster, der in den 1770er Jahren James Cook auf einer Weltumseglung begleitet hatte. 1790 unternahmen Forster und Humboldt eine Reise den Rhein hinunter, durch Holland bis nach England und zurück über Paris. Zwei Jahre später trat Humboldt in den Staatsdienst ein, als Oberbergmeister für die damals preußischen Herzogtümer Ansbach und Bayreuth. Frucht dieser Jahre war ein Aufsatz über neuartige Atmungsapparate, die vor bösen Gasen und Schlagwettern in den Bergwerken schützen sollten.

Als 1796 die Mutter starb, waren die beiden Brüder finanziell unabhängig geworden. Alexander, der sich im öffentlichen Dienst niemals heimisch gefühlt hatte, ging nach Paris. Gemeinsam mit dem französischen Botaniker Aimé Bonpland machte er sich drei Jahre später auf den Weg nach Spanisch-Amerika – einem Kontinent, der seit fast drei Jahrhunderten unter europäischer Herrschaft stand und den Gelehrten dennoch kaum bekannt war. Bruder Wilhelm, der in Berlin blieb und sich in die Sprachen und Literaturen der Welt vertiefte – vom Baskischen bis zum Sanskrit, vom Koptischen bis zu den Mayas – verhehlte nicht seine Skepsis gegenüber dem Projekt: „Man kommt der Natur darum nicht näher, wenn man aus der zivilisierten Welt herausgeht.“

Über diplomatische Kanäle brachte Humboldt das Kunststück zustande, vom spanischen Hof in Madrid einen Reisepass zu erhalten, der ihm volle Bewegungsfreiheit in den Kolonien und die Unterstützung aller Gouverneure und Beamten sicherte. Viele Stationen der Amerikareise gehören dank Humboldts Schilderungskunst bis heute zu den großen Texten der Weltliteratur: so sein Bericht über die Besteigung des Pico del Teide auf Teneriffa; die Beobachtung des Meteorschwarms der Leoniden in Venezuela; die Entdeckung, dass es zwischen den Stromgebieten des Amazonas und des Orinoco eine natürliche Verbindung gibt, den Rio Casiquiare.

Alexander und Wilhelm von Humboldt mit
Schiller und Goethe in Jena, um 1797
Bild: Wikipedia 


Und dann, bis heute am berühmtesten, der Versuch, den 6.300 Meter hohen Chimborazo zu besteigen. Humboldt und Bonpland kamen nicht bis zum Gipfel; aber die 5.500 Meter Höhe, die sie schafften, blieben über Jahrzehnte hinweg ein Rekord. Natürlich haben auch die abenteuerlichen Umstände immer das Interesse der Leser geweckt, etwa die Höhenkrankheit beim Bergaufstieg oder die Belästigung durch die Mosquitos in den Urwäldern: „Alle unsere Arbeit musste daher beim Feuer, in einer indianischen Hütte, vorgenommen werden, wo kein Sonnenstrahl eindringt. Hier aber erstickt man wieder von Rauch.“ Monatelang, erzählt Humboldt, hätten sie nichts anderes zu essen und zu trinken bekommen „als Reis, Ameisen, Manioc, Pisang, Orinocowasser und bisweilen Affen“. Auf einer Flussreise durch die Anden gab es Tragödien: „Von den zwanzig dunklen Ruderknechten ließen wir acht auf dem Wege zurück, ebenso viele langten gleich uns mit stinkenden Geschwüren an.“

Die präzise Vermessung von Längengraden gehörte ebenso zu Humboldts Arbeiten wie die Düngequalität von Guano, die vulkanische Herkunft des Gesteins in manchen Gegenden Equadors wie die Bevölkerungsstatistik von Mexiko. Kein Wunder, dass die Auswertung des Materials nach der Rückkehr 1804 ganze Jahrzehnte in Anspruch nahm. Recht ungern folgte Alexander 1805 dennoch dem Drängen sowohl seines Bruders als auch des preußischen Hofes, seinen Wohnsitz wieder in Berlin zu nehmen. Im Vergleich zur Weltstadt Paris war die preußische Hauptstadt nach wie vor Provinz, mit kleinlicher Lebensauffassung und beschränktem Gesichtskreis.

Eine diplomatische Gesandtschaft 1807 nahm Humboldt zur Gelegenheit, wieder nach Paris zu gehen. König Friedrich Wilhelm III. erteilte ihm die Erlaubnis zu bleiben, mit einer zu nichts verpflichtenden königlichen Pension von 2.500 Talern. Dieses Geld hatte Humboldt auch dringend nötig. Das ererbte Vermögen war durch die Reise angegriffen; die reich illustrierten Bände, die nun veröffentlicht wurden, gingen noch mehr ins Geld. Während Bruder Wilhelm in Berlin die „Friedrich-Wilhelms-Universität“ gründete, beschäftigte Alexander in Paris eine ganze Kohorte von Wissenschaftlern und Künstlern. Es soll vorgekommen sein, dass er eine Kupferplatte, wenn sie seinen Qualitätsansprüchen nicht genügte, neu fertigen ließ.

1827, als ein Abschluss in Sicht war, wurde das Drängen aus Berlin nachdrücklicher. Friedrich Wilhelm III. bat um die Rückkehr seines  wohldotierten Frühpensionärs. Das Berliner gelehrte Publikum, das sich in der jungen Universitätsstadt inzwischen ausgebildet hatte, begrüßte ihn wie ein Weltwunder. Bei seinen Vorlesungen in der Singakademie saßen 1.200 Zuhörer im Saal, voran der König in höchsteigener Person.

Alexander dachte jedoch längst daran, der Amerikareise eine Expedition in den Osten folgen zu lassen. 1829 beauftragte die russische Regierung den weltberühmten Wissenschaftler, in den Gebieten am Ural nach ausbeutbaren Minenvorkommen zu suchen; die Zarin wusste Humboldt beim Zwischenaufenthalt in Sankt Petersburg mit der Aussicht auf Diamantfunde zu begeistern. Mit wissenschaftlicher Freiheit war es auf dieser Reise nichts; „kein Schritt, ohne dass man ganz wie ein Kranker unter der Achsel geführt wird“, seufzte Humboldt. Aber er verstand es, das Unternehmen im Sinne seiner Interessen umzufunktionieren. Entgegen den Absichten seiner Geldgeber drang er bis an die chinesische Grenze und an das Kaspische Meer vor.

Ihm blieben noch fast drei Jahrzehnte in Berlin, immer wieder unterbrochen durch Reisen in die Wahlheimat Paris. Gelegentlich verwandte ihn die preußische Regierung dort als Sonderbotschafter. Der König wusste um die liberalen und demokratischen Ansichten seines „Wirklichen Geheimen Rates“. Er nahm sie als Marotte hin; zwecks Pflege der Beziehungen zu „Bürgerkönig“ Louis Philippe, der 1830 Frankreich an die Macht gekommen war, mochten sie nützlich sein. Aber er wurde einsam um Alexander, vor allem nach dem Tod des Bruders Wilhelm 1835. Nachdem 1848 in Frankreich Prinz Napoleon die Macht übernommen hatte, wollte er auch das geliebte Paris nicht wiedersehen. Für ein Jahrzehnt noch fungierte er – neben seiner wissenschaftlichen Arbeit – an der königlichen Tafel in Berlin und Potsdam als geistreicher Unterhalter in Sachen Weltkunde, gestützt allein auf das Vertrauensverhältnis zu König Friedrich Wilhelm IV., der 1840 seinem Vater auf dem Thron gefolgt war.

Humboldt mit Aimé Bonpland am Fuß des
Chimborazo, 1806, Gemälde von Friedrich
Georg Weitsch -Bild: Wikipedia 


Ein Fremdling inmitten der Hofkamarilla. „Er trägt den goldenen Schlüssel des Kammerherrn an der Seite, aber die Ideen von 1789 im Herzen“, sagten die Zeitgenossen. Für die Anfeindungen rächte er sich durch sarkastische Bemerkungen im privaten Briefwechsel. Als im Jahr nach Humboldts Tod aus dem Nachlass des Schriftstellers Karl August von Varnhagen von Ense einige dieser Briefe an die Öffentlichkeit kamen, erregten seine leicht dahin geworfene Invektiven Skandal. Sehr begreiflich; selbst in Paris, wo andere Maßstäbe galten, hatte ein Freund, der Physiker Dominique-Francois-Jean Arago, von Humboldt gesagt, er sei „das beste Herz der Welt, aber auch das größte Schandmaul, das ich kenne“.

Dabei hatte es an Ehrungen niemals gemangelt, gipfelnd in der Ernennung zum Kanzler der Friedensklasse des preußischen Ordens Pour le Mérite 1842. Auch nicht an öffentlichem Zuspruch; mit seinem „Kosmos“-Werk, das aus den Vorträgen in der Singakademie hervorgegangen war, landete Humboldt einen Publikumsbestseller. Die Leser ahnten wohl, dass Alexander von Humboldt – der übrigens niemals ein formelles Lehramt an der von seinem Bruder gegründeten Berliner Universität ausübte – der klassisch-romantischen Kulturepoche etwas Fehlendes hinzufügte, die empirische Betrachtung der Natur.

Die Notwendigkeit einer solchen Ergänzung hatte Goethe bereits 1795 verspürt, als er in Jena den jungen Bergrat kennenlernte: „Da Ihre Beobachtungen vom Element, die meinigen aber von der Gestalt ausgehen, so können wir nicht genug eilen, uns in der Mitte zu begegnen.“ Man könne in acht Tagen nicht aus Büchern herauslesen, was Humboldt einem in einer Stunde vorträgt, vermerkte er bewundernd. Schiller dagegen hatte seine Vorbehalte gegen Humboldts mathematisch-empirische Herangehensweise: „Es ist der nackte, schneidende Verstand, der die Natur, die immer unfasslich und in allen ihren Punkten ehrwürdig und unergründlich ist, schamlos ausgemessen haben will.“

„Ausgemessen“: 2005 hat der Romancier Daniel Kehlmann dieses Verdikt in seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ zu einer großangelegten Reflexion über den Sinn von Wissenschaft genutzt. Alexander muss sich dem Zweifel stellen, ob seine Amerikareise über die reine Erkenntnis hinaus dem Kontinent „Wohlfahrt“ gebracht habe. Und ob er bei seiner Russlandexpedition mehr zu sehen bekam als die „potemkinschen Dörfer“, die er nach dem Willen der Mächtigen sehen sollte. Am Ende ist sich der Humboldt des Romans gar nicht mehr so sicher, ob er wirklich so viel mehr von der Welt gesehen hat als ein Stubengelehrter wie der Mathematiker Carl Friedrich Gauß, der zu Hause blieb. Oder wie Bruder Wilhelm.

Später, nachdem Humboldts Schriften herausgekommen waren, hätte Goethe Grund gehabt, sein Kompliment zu erweitern: Der Naturforscher beherrschte auch die Kunst, wenigstens eine Ahnung von seiner Faszination durch die Natur der Mit- und Nachwelt zu überliefern. Alexander von Humboldt ist einer der ganz wenigen Naturwissenschaftler der Vergangenheit, dessen Schriften heute noch von einem breiten Publikum gelesen werden.


Mehr im Internet:
Alexander von Humboldt - Wikipedia 
scienzz artikel Wissenschaftsgeschichte

 

 

 

 

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