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27.08.2019 - RITUALFORSCHUNG

Die grosse Lehrmeisterin der Festumzuege und Prozessionen

Religioese Elemente in der saekularisierten Moderne

von Josef Tutsch

 
 

Demonstration der kommunisti-
schen Jugend, 1. Mai 1925
(Fotografie von Georg Pahl)
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia

„Hic inter monachos quiescit, qui nunquam contra monachos quievit", ersann 1778, nach dem Tod Voltaires, ein witziger Verehrer als Grabschrift: „Unter Mönchen ruht hier einer, der den Mönchen niemals Ruhe gönnte.“ Da zu befürchten war, dass die Geistlichkeit ein ordentliches Begräbnis des Spötters verhindern würde, hatte sein Neffe, der Abbé Mignot, den einbalsamierten Leichnam heimlich aus Paris in die Abtei Scellières in der Champagne schaffen lassen. Der Prior des Klosters, der von der Identität des Toten keine Ahnung hatte, bestattete ihn ehrenvoll.  Als der Vorgang bekannt wurde, drohten kirchliche Stellen mit einer Exhumierung. Sie unterblieb, weil man einen öffentlichen Skandal vermeiden wollte.

13 Jahre später wurde Voltaires Mumie tatsächlich exhumiert und am 11. Juli 1791 in einem feierlichen Triumphzug ins Pariser Pantheon überführt. Es gab heftige Diskussionen, berichtet der Göttinger Historiker Marian Füssel in seinem Beitrag zum neu erschienenen Sammelband über „säkulare Prozessionen“: „Während die Voltaire-Anhänger die Unversehrtheit der Mumie als symbolischen Ausdruck der moralischen Überlegenheit des Philosophen priesen, agitierten die Gegner umgekehrt, indem sie auf die stinkenden und nicht mehr intakten Überreste schimpften.“ Der Nationalversammlung wurde eine Petition vorgelegt, die gegen solche „heidnischen“ Zeremonien protestierte.

Statt von heidnischen Zeremonien müsste man eigentlich treffender von einer „säkularen Aneignung christlicher Riten“ sprechen: Unverhohlen bedienten sich die Revolutionäre bei ihrem Triumphzug aus dem Formenrepertoire kirchlicher Prozessionen, bis hin zum Reliquienkult. Im Sammelband, der auf eine interdisziplinäre Tagung an der Universität Tübingen zurückgeht, ist etwas vage von einer „religiösen Grundierung“ solcher „Prozessionen“ die Rede, die doch an sich weltlich gedacht sind.

In den folgenden Jahren der Französischen Revolution trat diese „Grundierung“ noch offener zutage. Im Juni 1794 inszenierte Maximilien de Robespierre auf den Pariser Champs de Mars ein „Fest des höchsten Wesens“ als eine Art Staatskult. Bis in die Einzelheiten der Choreographie hinein, berichtet der Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer, wurden die Riten der verhassten Kirche imitiert. Bei manchen Protestdemonstrationen unserer Gegenwart scheint es sich nicht viel anders zu verhalten. Der Darmstädter Soziologe Gregor Jonas Betz hat die Veranstaltung „Wir haben Agrarindustrie satt!“, die seit 2011 alljährlich während der Grünen Woche in Berlin stattfindet, unter die Lupe genommen. Die Ähnlichkeiten im Ablauf mit der christlichen Karfreitagsprozession reichen vom gemeinsamen Mahl („Protestsuppe“ genannt) bis zum rituellen Abschreiten verschiedener Stationen, an denen die Kundgebungen stattfinden.

Um bewusste Übernahmen handelt es sich offenbar nicht, jedenfalls reagierten Betz‘ Interviewpartner überrascht, als er ihnen die Parallelen aufzeigte. Bloße Äußerlichkeiten? 1967 entwickelte der deutsch-amerikanische Soziologe Thomas Luckmann als Fazit aus den Diskussionen über die „Säkularisierung“ des Abendlandes seit der Aufklärung das Konzept der „unsichtbaren Religion“. Das Fazit, das die Eichstätter Ethnologin Angela Treiber am Schluss des Sammelbandes aus dem anderthalb Dutzend Fallstudien zieht, enthält allerdings mehr Fragen als Antworten: Solche Konzepte seien „weiterhin kritisch zu diskutieren“.

Das Spektrum der Beiträge reicht von den Triumphzügen in der römischen Spätantike über die Feste des späten Mittelalters und der Französischen Revolution bis zu den Aufzüge der Massenparteien in der Weimarer Republik – und eben bis zu den „Demos“ der Gegenwart. Außereuropäische Kulturen sind ausgeklammert; das erspart die heikle, auch politisch heikle Frage, inwieweit all das, was wir mit dem Begriff „Säkularisierung“ verbinden, vielleicht ein europäischer „Sonderweg“ sein könnte.

Fest des höchsten Wesens, 1794 (Musée
Carnavalet, Paris) - Bild: Wikipedia 


Genauer: ein Sonderweg der europäischen Neuzeit. Seit der Romantik ist die Literatur voll von Reflexionen, ob die Welt vor der Aufklärung nicht doch irgendwie poetischer gewesen wäre. Ein hübsches Beispiel hat die Theologin Ruth Conrad von der Berliner Humboldt-Universität in Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ gefunden. Anlässlich der Feiern, die damals im Dorf Fehrbellin zum Gedenken an die Schlacht von 1675 alljährlich abgehalten wurden, blickte Fontane etwas neidisch auf die „Volksfeste des Rheins und der Donau“: Im Norden fehle „die katholische Kirche, die große Lehrmeisterin der Festzüge und Prozessionen“.  „Man wirft unserem norddeutschen Leben vor, dass es nüchtern sei und des poetischen Schwungs entbehre. Das ist in gewissem Sinne wahr.“

Bei allem Misstrauen, das wir heute solchen kulturpsychologischen Konstruktionen entgegenbringen – ein Blick auf die Veränderungen, die sich durch die Reformation ergaben, spricht für Fontanes Vermutung. In den Städten des späten Mittelalters, schreibt die Regensburger Historikerin Sabine Reichert, „überspannten religiöse Prozessionen als ‚Liturgie in Bewegung‘ den städtischen Raum und sakralisierten ihn“. „Die Teilnahme an einer Prozession“, ergänzt ihr Mainzer Kollege Thomas Weller, „sei es als unmittelbar Beteiligte oder auch als Zuschauer, beförderte das Wir-Gefühl der sich im Prozessionszug konstituierenden Religionsgemeinschaft.“

Nach der Reformation kamen religiöse Prozessionen in protestantischen Städten nach und nach zum Erliegen. Umzüge wurden nun bloß noch zu weltlichen Anlässen durchgeführt, vor allem zu Amtswechseln oder Bestattungen. Dabei blieb ein religiöser und kirchlicher Bezug erhalten. Weller: „So bekräftigte etwa der feierliche Umzug der Ratsherren zur jeweiligen Hauptkirche am Tag des Ratswechsels die Autorität des Stadtrates als gottgewollter Obrigkeit, die sich nicht allein um die weltlichen Belange, sondern auch um die geistliche Wohlfahrt der Stadtgemeinde sorgte.“

In katholischen Städten änderte sich ihre Funktion: „Was in vorreformatorischer Zeit die Einheit der Stadt als Sakralgemeinschaft symbolisch bekräftigt und performativ hergestellt hatte, wurde zum Ausdruck konfessioneller Differenz.“ Manchmal führten solche „Demonstrationen“ zu Gewaltausbrüchen. 1712 ereignete sich bei einer Fronleichnamsprozession in der konfessionell gemischten Stadt Siegen eine Schießerei mit mehreren Toten.

Sicherlich jedoch war die „Einheit der Stadt als Sakralgemeinschaft“ bereits im Mittelalter zugleich eine Abgrenzung gegen jene, die außen standen: Für Angehörige der jüdischen Minderheit in den Städten wird es lebensgefährlich gewesen sein, sich bei einer Prozession etwa zur Karwoche zu zeigen. Die rituelle Inbesitznahme des öffentlichen Raumes bekräftigte einen Herrschaftsanspruch, und im gemeinsamen Nachvollziehen der Passionsgeschichte wurde die Schuld an Jesu Kreuzestod eben „den Juden“ zugeschrieben.

Abgrenzung gegen andere hat die Münsteraner Historikerin Lena Krull noch im 19. Jahrhundert als Zweck solcher Umzüge gefunden. Zum Beispiel in Paderborn wurde die Laurentiusprozession um 1850 ausdrücklich als Demonstration gegen Säkularisierung und Entkirchlichung und gegen den „Umsturz aller Ordnung und allen Rechts“ abgehalten. Ein beliebter Anlass, zu dem auch in protestantischen Gegenden weiterhin Umzüge durchgeführt wurden, war zum Beispiel das Gedenken an glorreiche Schlachten. Im Fall Fehrbellin beobachtete Fontane eine Umbesetzung, die uns heute recht unheimlich anmutet: In die von der Religion freigegebene Leerstelle sei ein „neuer Lebensinhalt“ eingetreten, „das Soldatische hat sich zum poetischen Inhalt unseres Volkslebens ausgebildet“.

Dabei war dieses Soldatische sehr wohl religiös „grundiert“. Der Geistliche, erzählte Fontane, „tritt in die Mitte und hält eine kurze Ansprache an die Kinder, worin er sie ermahnt, gute Preußen und gute Brandenburger zu sein, und wenn es not tut, an jedem Tag im Jahr so brav und tapfer zu Land und Thron zu stehen, wie am 18. Juni 1675 ihre Väter hier gestanden haben“. Conrad zitiert ihren Kölner Kollegen Hans-Joachim Höhn: „Durch das Zitieren liturgischer Elemente im politischen Kontext wurden diese Elemente zwar säkularisiert, aber zugleich blieb ihre religiöse Herkunft präsent, sodass die politische Ordnung dadurch ihrerseits sakralisiert wurde.“

Rosenmontagszug auf dem Kölner Neumarkt
1836, Gemälde von Simon Meister
(Kölner Stadtmuseum) - Bild: Wikipedi


Der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Henning Drecoll berichtet von einem Fall aus der Spätantike, dass die religiöse Färbung aus politischen Erwägungen heraus zurückgedrängt wurde. Im Herbst 312, nachdem er an der Milvischen Brücke seinen Rivalen Maxentius besiegt hatte, verzichtete Kaiser Konstantin bei seinem triumphalen Einzug in Rom auf einen Programmpunkt, der bei solchen Triumphen an sich zwingend war: das Opfer auf dem Kapitol. Ein Zeichen für Konstantins Hinwendung zum Christentum?  Drecoll könnte sich eher vorstellen, dass Konstantin daran dachte, in seinem Reich eine „polyvalente Form von Religiosität“ einzuführen, die für Christen wie für Nicht-Christen gleichermaßen akzeptabel sein konnte. Jedenfalls wäre ein eindeutig „heidnischer“ Akt für Konstantins Religionspolitik hinderlich gewesen.

Man darf sich jedoch vorstellen, dass dieser Verzicht in den Augen von Konstantins Publikum der Siegesfeier einen etwas nüchternen Akzent verlieh. Ähnlich vielleicht, wie es auch nach der Reformation beklagt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bundesrepublik Deutschland mit gutem Grund eine Unfähigkeit nicht nur zum Trauern, sondern ebenso zum Feiern attestiert. Eine „fundamentale Entritualisierung der säkularen Gedenkkultur“: Anders als sonst auch in westlichen Ländern selbstverständlich, konstatiert der Historiker Manfred Hettling von der Universität Halle, waren prozessionsartige Umzüge – gar in öffentlicher Gemeinsamkeit von Militär und Zivilbevölkerung – völlig verschwunden. Bei der Aneignung von Vergangenheit stand „nicht das Erleben im Mittelpunkt, sondern das Erklären“.

Diese Entritualisierung war sicherlich eine Antwort auf den exzessiven Gebrauch oder Missbrauch, den die Nazis an dem tradierten Formenrepertoire vorgenommen hatten. Vor allem beim alljährlichen „Marsch auf die Feldherrnhalle“ wurden Elemente aus der kirchlichen Karfreitagsliturgie und Fronleichnamsprozession für den nationalsozialistischen Totenkult ausgewertet. Der Historiker Thomas Rohkrämer von der Lancaster University: „Hier wurde die Geschichte erzählt von Männern, die sich für die Allgemeinheit, für das deutsche Volk oder die arische, nordische Rasse geopfert hätten.“

Der Verzicht auf Feierlichkeit in der politischen Kultur in der frühen Bundesrepublik ist umso auffälliger, als parallel in der DDR die Bemühungen der alten KPD, ihre Anhängerschaft in Umzügen zu sammeln, bruchlos fortgesetzt wurden, nun unterstützt durch den staatlichen Machtapparat. Der Berliner Theaterwissenschaftler Matthias Warstatt stellt fest, bereits in der Weimarer Republik sei unübersehbar gewesen, dass die Führung auch der KPD große Schwierigkeiten damit hatte, die Arbeiter zu einer „strengen Choreographie“ zu disziplinieren. Da liegt natürlich die Frage nahe, ob das bei den Aufmärschen der Nationalsozialisten so viel anders war. Rohkrämer berichtet von Klagen, bei den Reichsparteitagen sei „mehr ausgelassen gefeiert und getrunken worden, als es sich die Veranstalter wünschten“.

À propos Feiern und Trinken: Einen populären Fall von säkularen, aber religiös grundierten Prozessionen haben die Herausgeber des Sammelbandes völlig unberücksicht gelassen, die Umzüge im rheinischen Karneval und in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht. Ursprünglich, im späten Mittelalter, gehörten sie zu den Riten, mit denen das Kirchenjahr begangen wurde: Vor der Fastenzeit sollten den Gläubigen die sündigen Freuden dieser Welt nochmals erlebbar gemacht werden. Seit der Wiederbelebung dieser Bräuche in der Romantik ist die „religiöse Grundierung“ beinahe unkenntlich geworden.


Neu auf dem Büchermarkt:

Säkulare Prozessionen. Zur religiösen Grundierung von Umzügen, Einzügen und Aufmärschen, herausgegeben von Ruth Conrad, Volker Henning Drecoll und Sigrid Hirbodian, Mohr Siebeck, Tübingen 2019, 428 S., ISBN 978-3-16-155986-0, 129,00 €


Mehr im Internet:

Prozessionen -  Wikiepdia 
Säkulare Prozessionen. Zur religiösen Grundierung von Umzügen, Verlag Mohr Siebeck 
scienzz artikel Rituale

 

 

 

 

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