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08.09.2019 - KULTURGESCHICHTE

Orientalischer Viktorianismus?

Die Abkehr des modernen Islams von seinen erotischen Traditionen

von Josef Tutsch

 
 

Persische Miniatur, um
1630, von Reza Abbasi
Bild: Wikipedia

Wenn irgendwann um 1200 oder 1300 ein Reisender von einem fernen Stern die Erde besucht und seinen Auftraggebern dann hätte berichten sollen, in welchen Kulturen auf diesem Globus das größte wissenschaftliche und technische, damit vielleicht auch größte ökonomische und politische Potential zu vermuten sei – in Frage gekommen wären einerseits China, andererseits die islamische Welt. In Europa gab es nur „Entwicklungsländer“, wie man das heute nennen würde. Immerhin –  „Innovationen“ aus der benachbarten islamischen Kultur wurden begierig aufgenommen.

Und auch wenn wir unserem Reisenden einiges über das private Leben im Europa der Gegenwart erzählen würden, über das, was man „erotische Kultur“ oder „Sexualmoral“ nennt – er würde wohl kaum auf die Idee verfallen, ausgerechnet das mittelalterliche Abendland hätte sich in diese Richtung entwickeln können. Dass es auch ganz andere Lebensformen gibt und gegeben hat, konnten allenfalls die Gebildeten aus der Liebesdichtung der Griechen und Römer erahnen – und dann seit dem 18. Jahrhundert auch durch Übersetzungen aus orientalischen Sprachen, zum Beispiel durch die Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“. Der gebürtiger Marokkaner Ali Ghandour, islamischer Theologe  an der Universität Münster, hat jetzt ein Buch über die erotische Kultur im „klassischen“ Zeitalter des Islams vorgelegt.

Eine beeindruckende tour d‘horizon durch eine versunkene Welt, von den moralischen und juristischen Reflexionen der Gelehrten bis zu den Idealen weiblicher und männlicher Schönheit, von der Kunst der Aphrodisiaka bis zur Belletristik, die europäischen Lesern halb und halb pornographisch vorkommen musste. Die Schwierigkeiten beginnen bereits bei der Terminologie: Das Arabische, vermerkt Ghandour, kennt die strikte Dualität nicht, die sich im Deutschen zwischen medizinischer Fachsprache einerseits, vulgärer oder scherzhafter Ausdrucksweise andererseits eingebürgert hat.

„Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime“ lautet der Untertitel des Buches. Die Frage, wie es zu dieser „Unterdrückung“ kam, stellt Ghandour allerdings erst im Schlusskapitel. Zuvor bietet der Autor  Dutzende von Belegen, dass die islamischen Theologen des sogenannten „Mittelalters“ Sexualität völlig anders bewerteten als ihre christlichen Kollegen. Im Christentum – und gerade im byzantinischen Christentum, den Arabern unmittelbar benachbart – galt Jungfräulichkeit als das Ideal. Der Geschlechtsverkehr selbst in der Ehe war bloß ein Behelf: erstens um die Fortpflanzung zu gewährleisten, zweitens um der außerehelichen „Unzucht“ vorzubeugen. „Sex und Körperlichkeit hatten im Byzantinischen Reich und im Christentum allgemein eine negative Konnotation“, schreibt Ghandour.

„Allgemein“: Summarische Formulierungen stehen beim Christentum wie beim Islam natürlich immer in der Gefahr, die historische Komplexität zu verfehlen. Die andere Seite war, dass die christlichen Theologen viel Argumentationskunst aufwandten, um den menschlichen Körper als Teil der guten, weil göttlichen Schöpfung aufzufassen. Die christliche Forderung, sich von Sünden freizuhalten, verband sich mit dem griechischen und römischen Ideal einer Beherrschung der eigenen Leidenschaften. Das gab der christlichen Ethik zwei Jahrtausende lang ihre eigentümliche Spannung.

Die zweite, mindestens ebenso wichtige Voraussetzung für Mohammed war das altarabische Stammesleben. Ghandour listet ein halbes Dutzend verschiedene Rechtsformen auf, in denen sich Männer und Frauen verbinden konnten, vom Vertrag zwischen zwei Familien über das Konkubinat bis zur Prostitution. Die eine oder andere Stelle im Koran macht deutlich, dass diese Vielfalt durch Mohammeds Verkündigung stark reguliert wurde. Die Zahl der Ehefrauen, die ein Mann legitim heiraten durfte, wurde auf vier begrenzt.

Mohammed verbot es auch, dass Frauen gegen ihren Willen „vererbt“ wurden: Ähnlich wie im Judentum des Alten Testaments war es üblich, dass Söhne oder Brüder die Frauen ihrer verstorbenen Angehörigen übernahmen. Das Eigentumsrecht von Männern gegenüber Frauen – ein Punkt, der Arabien mit so vielen anderen Kulturen der Alten Welt gemeinsam war – wurde also partiell eingeschränkt. Nur partiell: Die Perspektive männlicher Dominanz blieb als soziale Selbstverständlichkeit erhalten, ebenso wie die Sklaverei. „Übergriffige“ junge wie auch ältere Männer sind sicherlich kein Phänomen, das erst neuestens aufgekommen wäre.

Persische Miniatur, um 1476,
nach Assar Tabrizi
Bild: Wikipedia 


„Der Mann“, schreibt Ghandour, „ist derjenige, dem der Akt des Genießens zugeschrieben wird, während die Frau diejenige ist, die genossen wird.“ Der wichtigste Unterschied gegenüber dem Christentum: Die Ehe war kein Sakrament, hatte keinen heiligen Charakter. Seitens des Mannes stellte eine Scheidung nicht das geringste Problem dar. Frauen konnten immerhin bei Impotenz des Mannes eine Scheidung herbeiführen. Eine Anerkennung des weiblichen Rechts auf sexuellen Genuss, interpretiert Ghandour und hebt hervor, dass moderne Islamisten das ganz anders sehen.

Aber vielleicht ging es ja auch mehr um ein Recht auf Nachkommenschaft, für eine Versorgung im Alter hoch bedeutsam. In der Ehe selbst hatte die Frau „ein Recht auf ihre Brautgabe und auf Unterhalt“. „Einigen Schulen zufolge ist die Heirat für die Männer nur dann zu empfehlen, wenn sie auch den Unterhalt für die Frau aufbringen können“. Diese Forderung wird die Polygamie viel wirksamer eingeschränkt haben als die Zahl vier.

Der Prophet selbst machte von dem Recht, sich mit vielen Frauen zu verbinden, reichlich Gebrauch. „Manchmal bete ich und manchmal schlafe ich und ich heirate die Frauen“, soll Mohammed gesagt haben. „Dies ist meine Lebensweise, wer sie ablehnt, gehört nicht zu mir.“ Manche Gelehrte, vermerkt Ghandour, halten auch Heiratsformen, die „unterhalb“ einer vollgültigen Ehe bleiben, für Taten, „die besser als freiwillige gottesdienstliche Handlungen ist.“

Dabei unterschlägt der Autor nicht, dass unser Bild von der islamischen Tradition perspektivisch verzeichnet sein muss: Alle Quellen stammen aus der Feder von männlichen und natürlich schriftkundigen Angehörigen der Oberschicht. In der Praxis werden es vor allem Männer gewesen sein, denen die größere Vielfalt von Möglichkeiten der Beziehung zwischen den Geschlechtern zu Gute kam. Frauen, schreibt Ghandour, standen viel stärker unter Rechtfertigungsdruck.

Zwei Punkte, die im Westen ganz besonders Anstoß erregten: Während strenge Rechtsgelehrte im Anschluss an Überlieferungen vom Propheten für gleichgeschlechtlichen Sex die Todesstrafe forderten, feierten ihn viele Dichter. Und offener, als es christliche Mystiker wagten, wurde erotisches und sexuelles Vokabular auch für die Darstellung der Gottesliebe genutzt.

Blickt man auf den Islam von heute (immer mit dem Bewusstsein, wie problematisch ein solcher Singular sein muss), stechen die Unterschiede ins Auge. Offenbar sind zwei große Abwehrhaltungen herrschend geworden, die nicht nur und nicht einmal in erster Linie mit Erotik zu tun haben: erstens gegen Frauenrechte, das findet in der Wahrnehmung von außen sein Symbol im Verschleierungsgebot. Und zweitens ganz allgemein gegen eine Veränderung der traditionell vorgegebenen Geschlechterrollen, die sich nicht nur in der Arbeitswelt zeigt, sondern eben auch im Sexualverhalten.

Westliche Phantasie: Jean-Léon Gérome:   
Haremsbad, um 1876 (Ermitage,
St. Petersburg) - Bild: Wikipedia 


Vor allem seit den 1980er Jahren, hat Ghandour beobachtet, kam in der islamischen Literatur ein bemerkenswertes, beinahe obsessives Interesse an sexuellen „Abweichungen“ auf. So wird die Toleranz gegenüber der gleichgeschlechtlichen Liebe, wie sie heute in westlichen Staaten üblich geworden ist, „als Zeichen für den Anfang von Ende einer Zivilisation gesehen“. In einigen Staaten hat die Lehre mancher alter Rechtsschulen, dergleichen Abweichungen seien mit der Todesstrafe zu  belegen, Eingang in das moderne Strafrecht gefunden.

Woher dieser Wandel? Der neue Rigorismus, meint Ghandour, sei als Übernahme „viktorianischer“ Moralvorstellungen aus dem Westen im Zeitalter des Kolonialismus entstanden. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert, also gerade zu der Zeit, als europäische Reisende im Orient aus den Fesseln ihrer Sexualmoral auszubrechen versuchten, hätten umgekehrt islamische Intellektuelle diese „viktorianische Ethik“ übernommen. Der Autor spricht geradezu von „orientalischen Viktorianern“: „Wir dürfen nicht vergessen, dass die Elite, die an der Gründung der arabischen Nationalstaaten, der Türkei oder Pakistans beteiligt war, durch und durch von der europäischen Kultur geprägt war.“

Und als Antwort auf die technische Überlegenheit der westlichen Zivilisation, die sich nun einmal nicht leugnen ließ, hätten diese Intellektuellen die islamische Tradition uminterpretiert und die Phantasie von einem sozusagen „puritanischen“ oder „viktorianischen“ Ur-Islam entwickelt: „Es begann eine Ära der Selbstverleugnung, die bis heute andauert.“

Eine historische Rekonstruktion, die im Grunde eine Doppelthese enthält: Die Sexualmoral im modernen Islam wäre erstens eine Antwort auf den europäischen Kolonialismus, als Verschärfung der eigenen Moralität, zweitens die Übernahme eines eigentlich westlichen Kulturelements, das der Westen selbst inzwischen wieder abgestreift hat. Den ersten Teil kann man sehr plausibel finden. Der islamischen Kultur musste die unerwartete Ausbreitung der europäischen Mächte über die Welt als Fall historischer Illegitimität vorkommen; das mag eine tiefe Krise im Selbstverständnis hervorgerufen haben.

Problematisch scheint, dass Ghandour diese Verunsicherung erst auf das 18. Jahrhundert datiert. In Persien oder Indien ist eine Verengung des Islams hin zu einer von Staats wegen verordneten „Rechtgläubigkeit“, mit Verfolgung aller „Ketzereien“, bereits im 16. und 17. Jahrhundert festzustellen. Im Fall des Osmanenreiches hat der Grazer Religionswissenschaftler Karl Prenner eine scharfe Wendung gegen den Westen in den 1580er Jahren ausgemacht: Unter dem Einfluss der Religionsgelehrten wurde zum Beispiel der Buchdruck für islamische Schriften verboten. Die „fremde“ Technik galt als Entweihung. „Altbewährt“ - in manchen Fällen, wie Ghandour am Beispiel der erotischen und sexuellen Moral zeigt, wohl auch bloß in der eigenen Phantasie.

Leider bringt der Münsteraner Theologe zu seiner zweiten These, der Übernahme viktorianischer Moralvorstellungen, keine Belege, ganz anders als in den vorangehenden Kapiteln zur „vormodernen“ islamischen Kultur, die mit Zitaten geradezu gespickt sind. Lediglich ein libanesischer Arzt wird angeführt, der 1879 Eltern und Erziehern gute Ratschläge gab, was sich gegen die Masturbation bei Kindern und Jugendlichen tun lasse. „Schakir Bek Churi verknüpfte die Masturbation oder die Verschwendung der sexuellen Kraft allgemein mit der körperlichen Beschäftigung, mit dem Nutzen für Heimat und Gesellschaft.“ Das ist als Beleg für eine Übernahme westlicher Vorstellungen in der islamischen Welt ganz allgemein doch ein bisschen wenig.

Ghandours These wirft auch die Frage auf, warum der europäische Kolonialismus ausgerechnet die viktorianische Sexualmoral mit Erfolg in den islamischen Orient hätte exportieren können, andere Teile seiner Mentalität wie zum Beispiel die kapitalistische Arbeitsauffassung dagegen nicht. Plausibel wirkt das nicht. Aber zweifellos wurde der neue islamische Rigorismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert, als Antwort auf die „Sexuelle Revolution“ im Westen, nochmals verschärft. Ghandour fasst die Propaganda der Islamisten gegen die moderne „Dekadenz“ salopp zusammen: „Wenn ihr nicht wie die westlichen Gesellschaften enden wollt, dann folgt uns“.

Ghandour spricht von einem „Identitätsdiskurs“: „Der Muslim wird in dieser Ideologie als Gegenstück zum ‚westlichen‘ Menschen dargestellt“  - und die islamische Religion als Gegenbild zu einer westlichen Welt, in der sich Frauen der männlichen Vorherrschaft entziehen und scheiden lassen, in der Kinder nicht in die von den Eltern gewünschten traditionellen Geschlechterrollen hineinwachsen wollen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah. Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime, Verlag C. H. Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-74175-3, 16,95 € [D], 17,40 € [A]


Mehr im Internet:
Islam - Wikipedia
Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah, Verlag C. H. Beck
scienzz artikel Islam

 

 

 

 

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