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02.09.2019 - ZEITGESCHICHTE

Louisiana, Alaska - und Groenland?

Immobiliengeschaefte in der Weltgeschichte

von Josef Tutsch

 
 

Satellitenaufnahme von Grönland
Bild: NASA/Wikipedia

Als sich die Regierung des Zarenreiches 1867 entschloss, ihr Territorium im Nordwesten Amerikas zu veräußern, wandte sie sich zunächst an Johann II., Fürst von und zu Liechtenstein. Die Liechtensteiner Dynastie war für ihre Finanzkraft bekannt. Sie könnte doch daran interessiert sein, wird man sich in Sankt Petersburg gedacht haben, ein großes Territorium zu erwerben, gegen eine kräftige Zahlung an den klammen russischen Staatshaushalt, versteht sich.

Doch Johann lehnte ab, weil eine Erschließung Alaskas das Ländchen womöglich doch überfordert hätte. Im Hause Liechtenstein sei die Offerte noch lange danach diskutiert worden, teilte sein Nachfolger Hans-Adam II. 2018 der Presse mit. Wer weiß, vielleicht hätten sich die Fürsten mit Alaska sogar einen Königstitel zulegen können. Ein Dokument, mit dem sich das Kaufangebot beweisen ließe, wurde bislang allerdings nicht gefunden; große Teile des Liechtensteiner Familienarchivs gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. Wie auch immer – im Anschluss wandte sich Zar Alexander II. an den Außenminister der Vereinigten Staaten, William H. Seward. Die USA kauften die 1,6 Millionen Quadratkilometer, die heute den Bundesstaat Alaska bilden, für 7,2 Millionen Dollar. In heutige Kaufkraft umgerechnet, läge die Summe bei mehreren Milliarden. 

Dennoch ein Schnäppchen, wie man im Rückblick wohl sagen muss. US-Präsident Donald Trump wird daran gedacht haben, als er die Idee aufbrachte, die USA könnten der dänischen Regierung die Insel Grönland abkaufen. In Trumps Augen offenbar ein „Deal“ wie jeder andere. Der Präsident sei schließlich ein Insider im Immobiliengeschäft, sagte sein Wirtschaftsberater Larry Kudlow gegenüber dem Nachrichtensender „Fox“. Dass die Regierungen weder des Königreichs Dänemark noch der autonomen Region Grönland auch nur in Gespräche eintreten wollten, stieß in Trumps Umgebung auf Unverständnis und Befremden.

Anderthalb Jahrhunderte zuvor hätten Zar Alexander und Außenminister Seward eine solch grundsätzliche Weigerung ebenfalls nicht verstanden. Das ergebene Einverständnis der rund 2.500 russischen Kolonisten in Alaska setzte der Zar als selbstverständlich voraus, die 8.000  „Ureinwohner“ in den Gebieten der russischen Pelzhandelsgesellschaft kamen von vornherein nicht in Betracht. Die etwa 50.000 weiteren Indianer und Eskimos in den angrenzenden Gebieten, die als „herrenlos“ galten, erst recht nicht.

Auf der anderen Seite beruhte die Verfassung der USA zwar auf dem Gedanken der Volkssouveränität. Aber auf die Idee, man müsse vorab die Bewohner Alaskas fragen, verfiel offenbar niemand. Das neue Territorium wurde als Objekt wahrgenommen, als eine Aufgabe, die es zu bewältigen galt, mit Einwohnern, die nicht als Menschen mit eigenem Recht galten, sondern als potentielle Problemfälle. „Es wurde angeführt“, resümierte später der Historiker Ellis Paxson Oberholtzer die Diskussion in der amerikanischen Öffentlichkeit, „dass wir bereits die Bürde trugen, ein riesiges Gebiet zu besitzen, ohne dass wir es mit Menschen besiedeln konnten. Die Indianer innerhalb der gegenwärtigen Grenzen der Vereinigten Staaten beanspruchten bereits mehr als genug unsere Fähigkeit, eingeborene Völker zu regieren.“

Es würde viel Zeit vergehen, bis das Gebiet die „Segnungen von Druckerpresse, methodistischen Kirchen und Recht und Ordnung“ erhalten könnte, zitierte Oberholtzer skeptische Stimmen von 1867. „Falls nicht Gold gefunden werde“: Das war 1896 tatsächlich der Fall. Die Funde am Klondike River lösten einen wahren Goldrausch aus. Man darf vermuten, dass auch hinter Trumps Offerte die Erwartung steht, amerikanische Firmen könnten in Grönland reiche Bodenschätze ausbeuten. Das Abschmelzen des arktisches Eises würde den Abbau von Erdöl und Erdgas bald rentabel machen.

Unterzeichnung des "Alaska Purchase",
Gemälde von Emanuel Leutze
Bild: akhistoycourse/Wikipedia 


Natürlich auch die Erwartung, ein Territorium oder auch Bundesstaat Grönland im Verbund der USA würde sich strategisch leichter nutzen lassen als das autonome Gebiet eines möglicherweise widerspenstigen NATO-Partners. Es gehört zur politischen Kultur der Vereinigten Staaten von Amerika, dass sie – anders als viele Mächte Europas und Asiens – weniger durch Kriege mit anderen „zivilisierten“ Staaten gewachsen sind als vor allem durch „Deals“, durch den Kauf von Territorien. 1803 wurde von Frankreich riesige Gebiete westlich des Mississippi erworben, mehr als 2 Millionen Quadratkilometer, zum Spottpreis von bloß 15 Millionen Dollar. Heute macht dieses Territorium fast ein Viertel der USA aus.

Napoleon war zu dem Schluss gekommen, bei einem Krieg gegen Großbritannien werde sich die französische Kolonie „Louisiana“, die vom Golf von Mexiko bis zur kanadischen Grenze reichte, militärisch nicht halten lassen. Hinter dem Verkauf von Alaska durch das Zarenreich standen ähnliche Überlegungen: Russland musste einen neuen Krieg mit Großbritannien befürchten. Wenigstens einen finanziellen Nutzen sollte die abgelegene Kolonie aber doch noch erbringen. 1890, als sich Großbritannien und das Deutsche Kaiserreich darauf einigten, die Nordseeinsel Helgoland gegen mögliche deutsche Ansprüche auf Sansibar zu „tauschen“, war es nicht viel anders. Der Regierung in London schienen die Kosten, die nötig sein würden, um Helgoland zu einem Flottenstützpunkt auszubauen, viel zu hoch. Umgekehrt hielt Kaiser Wilhelm II. das Felseneiland für geeignet, die deutsche Herrschaft in der Nordsee zu sichern.

Es waren Immobiliengeschäfte, ähnlich wie in der privaten Wirtschaft auch. 1987 kam von Donald Trump das Buch „The Art of Deal“ heraus, übersetzt „Die Kunst des Geschäfts“ oder auch „Die Kunst des Erfolgs“. Trump und sein Mitautor, der Journalist Tony Schwartz, skizzierten darin eine politische Theorie, die eine radikale Abkehrt von einer fast zweieinhalb Jahrtausende alten Grundvoraussetzung abendländischen Denkens bedeutete: dass Politik etwas anderes sei als Ökonomie, dass politische Herrschaft nach ganz anderen Gesetzen ablaufen müsse als Wirtschaftstätigkeit.

In klassischer Form hatte diesen Gedanken im 4. Jahrhundert v. Chr. Aristoteles entwickelt. Er setzte die „freien“ griechischen Stadtstaaten von den orientalischen Despotien ab, in denen die Herrscher über den Staat wie über ihren privaten Haushalt verfügten. Wer behaupte, die Aufgabe eines Staatsmanns und eines Hausverwalters sei eine und dieselbe, habe „Unrecht“, schrieb Aristoteles. Das ging auch gegen seinen Lehrer Platon, der den Weisen im idealen Staat eine solche Machtstellung zusprechen wollte – eben um die Idealität des Staates zu sichern.

Mit der Konsequenz, dass uns Platons Idealstaat heute so unheimlich „totalitär“ anmutet. Sein Schüler Aristoteles verwahrte sich gegen diese Übermacht der Ideen, die man aus anderer Perspektive auch Ideologien nennen kann, über die Willensbildung der Bürger; deshalb seine scharfe Trennung des Politischen und des Ökonomischen. Nachdem im hohen Mittelalter die Schriften des Aristoteles für das westliche Europa wiederentdeckt wurden, hat dieser Gedanke die politische Theorie nachhaltig geprägt.

Nur dass die Europäer, als sie seit dem 15. Jahrhundert andere Weltgegenden eroberten, ausgerechnet diesen Grundgedanken ihrer eigenen politischen Kultur dort nicht gelten lassen wollten. Ein Großteil der europäischen Kolonisation in der frühen Neuzeit, durchgeführt in aller Regel nicht von den Staaten selbst, sondern von ihren „ost-“ und „westindischen Kompanien, vollzog sich in einem Zwielicht von politischer Herrschaft und privater Ökonomie.

Der vielleicht drastischste Fall von privater Herrschaftsausübung in den Kolonien stammt jedoch erst aus dem 19. Jahrhundert. Auf einer internationalen Konferenz 1884 in Berlin gelang es König Leopold II. von Belgien, sich von den europäischen Großmächten den Kongo als „Privatbesitz der belgischen Krone“ zusprechen zu lassen. Das Territorium erhielt den merkwürdigen Namen „État indépendant de Congo“ – gemeint war wohl: unabhängig von jeder parlamentarischen Kontrolle. Leopolds Beauftragte entfalteten eine wahre Schreckensherrschaft. Die internationalen Proteste gegen die „Kongo-Greuel“ zwangen ihn 1908, seinen „État“ für 50 Millionen belgische Francs an den Staat zu verkaufen.

Medaille zum "Louisiana Purchase"
Bild: US Mint/Wikipedia 


Ganze Länder mitsamt der Bevölkerung darauf zu kaufen oder zu verkaufen, ist in der Geschichte gar nicht so unüblich. Es ist ja auch keineswegs die einzige Art, wie Bevölkerungen, ohne dass sie gefragt werden, ihren „Herrn“ wechseln. Offene Gewalt kommt viel häufiger vor. Auch Gewalt, die von Staaten gegen nicht-staatlich organisierte Nachbarn ausging, zum Beispiel an der westlichen Grenze der USA das 18. und 19. Jahrhundert hindurch: Die Siedler hatten, als sie ihre Äcker anlegte, wahrscheinlich nicht einmal ein Bewusstsein dafür, dass dieses Land keineswegs herrenlos war. Und wenn ein solches Recht wenigstens formell doch anerkannt wurde: Ein Großteil der territorialen Erwerbungen europäischer Mächte auf anderen Kontinenten geht auf Verträge mit einheimischen Potentaten zurück, die heute vor keinem Gericht der Welt standhalten würden – Land gegen Glasperlen oder auch gegen Schnaps.

Wahrscheinlich würde Trump, müsste er sich einmal ausführlicher als in einem „tweet“ äußern, allerdings argumentieren, seine „Deals“ seien gegenüber den vielen Kriegen doch ein Fortschritt in Humanität. Das Konzept humaner Politik beruht freilich auf der Hoffnung, dass wir nicht in der Alternative zwischen physischer Gewalt und ökonomischem Zwang gefangen sind. Wenn alles Deal ist, alles Geschäft, alles Marketing, dann spielt die politische Vernunft ebenso wenig noch eine Rolle wie die Bindung der Politik an Wertmaßstäbe. Auch nicht der demokratische Grundsatz der Volkssouveränität. Ob Trump überhaupt in den Sinn gekommen ist, dass es im Falle Grönlands vielleicht eine Volksabstimmung geben müsste?

Trump und Schwartz stellten in ihrem Buch die aristotelische Trennung des Politischen und des Ökonomischen nicht wie Platon im Sinne einer Herrschaft der Ideen in Frage, sondern gerade von der entgegengesetzten Seite her: im Sinne einer Alleinherrschaft der Interessen. Aber vielleicht geht es Trump ja auch gar nicht um einen Deal in der Sache, sondern bloß um Beifall bei seinen Wählern. Das Schielen auf die Wähler gehört zur Demokratie unvermeidlich hinzu, das war schon in der griechischen Antike nicht anders: Das Wort „Demagoge“ meinte ursprünglich ganz wertfrei, dass Politiker eben darauf angewiesen sind, das Volk durch Reden hinter sich zu bringen, mit welchen Argumenten oder Pseudo-Argumenten auch immer.

Trump und Schwartz prägten die sonderbar widersprüchliche Sprachformel von den „wahrheitsgemäßen Übertreibungen“: Sie seien eine „sehr wirksame Form der Werbung“, weil die Leute nun einmal gern etwas für „das Größte, Gewaltigste und Spektakulärste“ halten würden. Insofern hätten „wahrheitsgemäße Übertreibungen“ ein gewisses Recht. Man meint schon, Trumps Verlautbarungen nach einem erfolgreichen Vertragsabschluss über Grönland zu hören: der „größte, gewaltigste, spektakulärste Deal“ der Weltgeschichte.

Das wäre nicht einmal falsch: Grönland ist mit etwa 2,166 Quadratkilometern Fläche nicht nur größer als Alaska, sondern auch größer als die 2,142 Millionen, die 1803 bei Französisch-Louisiana veranschlagt wurden. Dass es viel dünner besiedelt ist – nun ja, für Immobilienhändler können darin sogar Vorteile liegen. Und nachprüfbare Zahlen sind für Trump bekanntlich auch gar nicht so wichtig. Tony Schwartz hat sich übrigens von seinem Mitautor inzwischen distanziert. Er nannte ihn einen „Soziopathen“, dem der Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge gleichgültig sei, während er selbst doch nur von „Übertreibungen“ gesprochen habe. Ein Lehrer, der von seinem Schüler erschreckt ist? Gut möglich, dass bereits die „Sophisten“ im alten Griechenland manchmal erschreckt waren, wenn sie sahen, wie ihre Schüler die Ratschläge in der Kunst, in der Volksversammlung die Massen hinter sich zu bringen, praktisch umgesetzt hatten.


Mehr im Internet:
Alaska Purchase - Wikipedia 
Louisiana Purchase - Wikipedia 
scienzz artikel Amerika

 

 

 

 

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