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27.09.2019 - WIRTSCHAFT

Ein ganz besonderes Metall

Zur Weltgeschichte des Goldes

von Josef Tutsch

 
 

Goldnugget aus Australien, Replik
(Museums Victoria)
Bild: Jinesh P. S./Wikipedia

Im Jahr 1324 brach der König von Mali, Musa Keita I., von Timbuktu zu einer Pilgerfahrt nach Mekka auf. Angeblich hatte er 60.000 Menschen in seinem Gefolge, jeder von ihnen soll Goldbarren von 1,8 Kilogramm Gewicht getragen haben. 80 Kamele, die jeweils mit 150 Kilogramm Gold beladen waren, wurden mitgeführt. Unterwegs verteilte Musa freigebig Almosen, so reichlich, dass in Ägypten der Goldpreis abstürzte. Und mit ihm der Wert der ägyptischen Goldmünze, des Dinar. Die Folgen bekam der König auf der Rückreise selbst zu spüren: Mit dem Gold, das er noch übrig hatte, konnte er kaum die Reisekosten decken und musste bei Kaufleuten in Kairo Kredit aufnehmen.

Die Zahlen werden übertrieben sein. Dass sich die ägyptische Währung noch zehn Jahre später von dem Überfluss an Edelmetall nicht erholt hatte, ist jedoch belegt. König Musa, meint der Tübinger Historiker Bernd-Stefan Grewe in seiner „Weltgeschichte des Goldes“, war vermutlich „der einzige Mensch, der jemals für sich allein den Goldpreis in weiten Teilen der bekannten Welt bestimmte“.

Woher rührt eigentlich unser Glaube, dass ausgerechnet dieser Stoff so wertbeständig sei? Für praktische Zwecke, also für Werkzeuge oder Waffen, war Gold ungeeignet – es ist viel zu weich. Heute ist es zwar für viele Verwendungen, von der Zahnmedizin bis zu unseren Smartphones, ein gesuchter Rohstoff, doch das allein würde seine Wertschätzung nicht erklären. Es war der unvergängliche Glanz, der Gold seit jeher zu einem ganz besonderen Metall gemacht hat, zum Symbol der Götter und Könige.

In vielen Reichen der Alten Welt, berichtet Grewe, war Goldschmuck Privatleuten explizit verboten. „Was das Gold anbelangt, das Fleisch der Götter – nicht gehört es zu eurem Besitz!“, ordnete um 1300 v. Chr. Pharao Sethos I. an. Die gelbe Farbe legte eine Assoziation mit der Sonnenscheibe nahe – und mit dem Göttlichen selbst. Als die Israeliten, erzählt das Alte Testament, auf ihrer Wanderung durch die Wüste das Bedürfnis nach einem sichtbaren Götzenbild verspürten, nahmen die Frauen ihre goldenen Ohrringe ab. Sie wurden eingeschmolzen und zur Statue eines Kalbs gegossen.

Das „Goldene Kalb“ ist bis heute sprichwörtlich für alles, was an der Wirtschaft verderblich scheint. „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!“, klagt Gretchen in Goethes „Faust“. Als im 6. Jahrhundert v. Chr. das Münzgeld aufkam, war es aus Gold geprägt: Das Metall garantierte die Beständigkeit, die Prägung das einheitliche Gewicht der Münzen. Der Lyderkönig Kroisos wurde zum Inbegriff sagenhaften Reichtums, der bekanntlich aber nicht unbedingt zu Glück verhilft. Dem Phrygerkönig Midas, erzählten sich die Griechen, sei die Gier nach Gold beinahe zum Verhängnis geworden. Er hatte sich vom Gott Dionysos die Gunst erbeten, dass alles, was er berühre, zu Gold werde. Leider geschah ihm das auch mit seinen Speisen und Getränken.

Die kolossale Athenestatue des Phidias im Parthenon war mit Goldplatten verkleidet, den Quellen zufolge 1.150 Kilogramm schwer. Erhalten ist davon nichts: Das Metall wurde später zur Finanzierung von Kriegen „umgewidmet“. Hatten die militärischen Unternehmungen Erfolg, waren sie aber auch der schnellste Weg, wieder zu Gold zu kommen. Durch Caesars Feldzüge in Gallien gelangte soviel Gold nach Rom, dass der Preis im gesamten Mittelmeerraum nachgab.

Von der Goldförderung durch die Römer auf der Iberischen Halbinsel können die Touristen sich noch heute ein Bild machen: In Las Médulas in Kastilien ragen „die kargen Überreste der ausgebeuteten Berge in den Himmel“. Der Naturhistoriker Plinius d. Ä. beklagte das Los der Sklaven in den Minen: „Monatelang sehen die Bergleute keine Sonne.“ Im 5. Jahrhundert kam der Goldbergbau in ganz Westeuropa jedoch zum Erliegen, Gold musste wie andere Luxusgüter aus dem Orient importiert werden, oft im Tausch gegen Sklaven, die wiederum aus dem Osten Europas bezogen wurden.

Weltkulturerbe Las Médulas bei León 
Bild: Rafael Ibáñez Fernández/Wikipedia


Das Nibelungenlied aus dem hohen Mittelalter gibt eine Ahnung davon, zu welchen Untaten der Gedanke an einen Goldschatz Menschen bringen kann. Die Expansion Europas seit dem späten 15. Jahrhundert galt neben den begehrten Gewürzen vor allem der Suche nach Gold. Griewe zitiert einen aztekischen Beobachter, der sich über die spanischen Konquistadoren wunderte: „Sie dürsten mächtig nach Gold“, „sie werden wild vor Hunger danach, wie hungrige Schweine“.

Einige Kunstwerke sandten Hernán Cortés und Francisco Pizarro an die spanische Krone, die Masse des Goldes jedoch wurde eingeschmolzen und diente zur Finanzierung von Kriegen in Europa. Grewe schätzt allerdings, dass die Goldmenge in Europa durch den Zufluss aus der Neuen Welt damals bloß um etwa 1 Prozent vermehrt wurde. Der bei weitem größere Teil des Edelmetalls aus der Neuen Welt bestand vielmehr aus Silber.

Doch Gold hatte nun einmal die größere Strahlkraft. Vieles davon, vermerkt Grewe, landete schließlich in Indien. „Gold und Silber wurden in Indien nicht nur als Schmuck gehortet, sondern dienten vor allem als Kreditsicherheit“, „Indien galt als ein Fass ohne Boden, das unendliche Mengen an Edelmetall regelrecht absorbierte.“ Die Frage, welche Folgen das für die Entwicklung der indischen Wirtschaft hatte, muss Grewe offenlassen, die Spezialisten streiten sich.

Das Problem besteht bis in die Gegenwart fort. 1962 erklärte es der Finanzminister Morarji Desai zur patriotischen Pflicht, auf das Schenken von Gold zu Hochzeiten zu verzichten. Allenfalls Legierungen mit geringem Goldanteil sollten noch zugelassen sein. Die Folgen: erstens ein massiver Anstieg des Schmuggels, zweitens eine hohe Arbeitslosigkeit bei den dörflichen Goldschmieden, die sich außerstande zeigten, die härteren Legierungen zu verarbeiten. 1990 wurde die Goldkontrolle aufgehoben.

Die Geschichte des 19. Jahrhunderts erscheint im Rückblick als eine lange Folge von Goldräuschen. Um 1800 war die Fördermenge in den südamerikanischen Minen drastisch zurückgegangen. Es setzte eine hektische Suche nach bislang unbekannten Lagerstätten ein. Anfang der 1830er Jahre wurde man in Sibirien fündig, 1848 in Kalifornien, 1851 in New South Wales, 1886 in Südafrika, 1896 in Alaska.

Goldgräberei – der Stoff, aus dem die Träume sind. Und die Alpträume. In Charlie Chaplins Filmklassiker „The Gold Rush“ von 1925 muss der Protagonist „Charlie“ vor Hunger seine Schuhsohlen verspeisen, doch am Ende kehrt er als schwerreicher Mann heim. In der Realität waren und sind es mehr die Alpträume: „In den Goldminen der Welt floriert bis heute das Geschäft auf dem Rücken unterbezahlter Arbeiter“, schreibt Griewe.

Von etwa 1900 bis 1980 wurde der Goldmarkt von den Förderungen in Südafrika beherrscht. Heute ist China der wichtigste Produzent. Auch was die Menge des privat erworbenen Goldes angeht, hat China inzwischen Indien überflügelt. Dagegen hält sich die chinesische Staatsbank bei der Anlage von Goldreserven eher zurück - „weil es dem Staat höchstwahrscheinlich gelingen würde, im Notfall auch auf den privaten Goldbesitz seiner Bürger zuzugreifen“, vermutet Grewe.

Das wäre in westlichen Staaten zweifellos schwieriger. Viele Jahrhunderte lang hatte es als selbstverständlich gegolten, dass nur Edelmetall – am besten Gold, ersatzweise auch ein Nebeneinander von Gold und Silber – „seriös“ genug sei, um den Wert des Geldes zu garantieren. So war es eine Revolution, als Großbritannien 1797 die Einlösungspflicht aufhob. Die staatlichen Goldreserven hatten rasant abgenommen, weil Großbritannien seine Verbündeten gegen Frankreich finanziell unterstützte. Die Abkehr vom Goldstandard war also eine Notmaßnahme. 1821 stellte Großbritannien die alte Regelung wieder her. 1844 wurde gesetzlich festgeschrieben, dass Banknoten nur in der Menge ausgegeben werden dürften, die den Goldvorräten entsprach.

Goldgräbersiedlung in Klondike, Alaska
Bild: Wikipedia 


In den meisten anderen Ländern, berichtet Grewe, galten entweder Silberwährungen oder eine Doppelwährung von Gold und Silber, mit einem festgesetzten Wechselkurs zwischen den Münzen des einen und des anderen Metalls. Nachdem die Goldreserven in Deutschland durch die Reparationen aus dem Krieg gegen Frankreich erheblich angewachsen waren, beschloss im Dezember 1871 das Deutsche Reich, seine Währung ebenfalls an den Goldstandard zu binden. Die übrigen europäischen Länder schlossen sich, durch die wirtschaftliche Verflechtung genötigt, nach und nach an.

Das System hielt sich bis zum Kriegsausbruch 1914. Dann wurde die „Goldeinlösepflicht“ in den kriegführenden Ländern zunächst aufgehoben. Doch der Glaube an die Macht des Goldes war so stark, dass im Laufe der 1920er Jahre die meisten Staaten gleich wieder zum Goldstandard zurückkehren wollten. Bis zur nächsten Krise, der großen „Weltwirtschaftskrise“.

1937 versuchte die Regierung des Dritten Reiches, das Goldwaschen im Rhein wieder aufzunehmen. Der Schwimmbagger, der in Anlehnung an den Nibelungenhort den Namen „Rheingold“ trug, konnte in vier Jahren Betriebszeit aber nur etwa 300 Gramm Gold gewinnen. Angeblich ließ sich Hermann Göring davon 30 Gramm abzweigen und einen „Nibelungenring“ schmieden. Der Reichsmarschall träumte sich gern in Richard Wagners Opernphantasien vom wunderkräftigen Gold hinein: „Ein Tand ist‘s in des Wassers Tiefe, lachenden Kindern zur Lust. Doch ward es zum runden Reife geschmiedet, hilft es zu höchster Macht, gewinnt dem Manne die Welt.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg erwiesen sich alle Versuche, die altbewährte Bindung von Geld und Gold wiederherzustellen, als aussichtslos. Nach und nach setzte sich das System durch, das die alliierten Staaten 1944 auf einer Konferenz in Bretton Woods, New Hampshire, beschlossen hatten: Statt an das Gold wurden die Währungen an eine „Leitwährung“ gebunden, den Dollar. Immerhin – die Bindung an das Gold blieb indirekt erhalten, da der Dollar selbst durch Gold gedeckt war. 1965 unternahm Frankreichs Präsident Charles de Gaulle nochmals einen Anlauf, den Goldstandard wiederzubeleben: Nur das Gold garantiere eine Währungsgrundlage, „die keine Nationalität habe“.

Es kam nicht dazu, die französische Wirtschaft konnte der Initiative nicht genügend Nachdruck geben. Endgültig verlor das Geld seine währungspolitische Funktion, als US-Präsident Richard Nixon 1971 das Ende der „Goldkonvertibilität“ des Dollars verkündete: „Die Stärke einer nationalen Währung beruht auf der Stärke ihrer Volkswirtschaft.“ Dahinter stand die Hoffnung, der amerikanischen Notenbank im Kampf gegen Geldspekulationen einen größeren Bewegungsspielraum zu ermöglichen. In den letzten Jahrzehnten haben die USA die Abkopplung vom Gold vor allem zu einer massiven Staatsverschuldung genutzt.

Mit der Folge, dass Gold nun höher bewertet wurde als jemals zuvor in der Geschichte. Der Extrempunkt war im September 2011 erreicht: pro Unze, das sind gut 31 Gramm, mehr als 1.800 $. Die Schwankungen sind aber doch größer, als Anlegern lieb sein kann: Vier Jahre später waren es „nur“ gut 1.300 $. Doch außer allenfalls Immobilien sind nun einmal keine Alternativen in Sicht, die mehr Stabilität versprechen würden. Grewe: „Gold wird solange seinen materiellen Wert behalten, wie die Menschen an den Wert eines im Grunde kaum sinnvoll zu gebrauchenden Metalls glauben.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Bernd-Stefan Grewe: Gold. Eine Weltgeschichte, Verlag C. H. Beck, 128 S. mit 6 Abb. und 2 Graphiken, ISBN 978-3-406-73212-6, 9,95 €


Mehr im Internet:

Gold - Wikipedia 
Bernd-Stefan Grewe: Gold, Verlag C. H. Beck
scienzz artikel Wirtschaft 

 

 

 

 

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