Berlin, den 17.10.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

10.10.2019 - RECHT

Wertentscheidung oder Leeerformel?

Die Menschenwuerde im Streit um die Bioethik

von Josef Tutsch

 
 

Embryo in der fünften Woche seiner
Entwicklung
Bild: Ed Uthman MD/Flickr/Wikiipedia


Mit ihrem „Framing-Manual“, in welchem sie der ARD empfahl, sich der Öffentlichkeit in Zukunft unter Sprachformeln wie „unser gemeinsamer freier Rundfunk“ zu präsentieren, rief die Linguistin Elisabeth Wehling zwar viel Kopfschütteln hervor, erwarb sich aber auch ein Verdienst: Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wurde darauf gelenkt, dass es nicht erst ganze Sätze sind, die unser Denken prägen. Bereits einzelne Wörter und Begriffe sind geeignet, uns in bestimmte Richtungen zu lenken: „Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein ‚Frame‘ aktiviert.“

An sich keine neue Erkenntnis, nur dass wir uns eben selten die Zeit nehmen, unser Denken sozusagen von außen zu beobachten. Die Mainzer Kulturwissenschaftlerin Theresia Theuke zeigt in ihrer Dissertation zum Begriff der „Menschenwürde“, die an der Universität Mainz erstellt wurde, dass die Debatte über das Thema Abtreibung, wie sie seit den 1960er Jahren in Deutschland geführt wurde, von solchen „Frames“ geprägt war. So sprachen Abtreibungsgegner vom „ungeborenen Menschen“. Mit dieser Formulierung wurde die strittige Frage, ob der Embryo oder Fötus ein „Mensch“ sei und ob ihm „Menschenwürde“ zukomme, damit auch ein Recht auf Leben, bereits vorweg entschieden.

Umgekehrt vermieden Befürworter einer Legalisierung solche Termini wie „Tötung“ oder „menschliches Leben“ oder „ungeborenes Kind“, die geeignet waren, Emotionen hervorzurufen. Theuke führt Dutzende von Zitaten an, die zeigen: Die politische Auseinandersetzung wurde über weite Strecken als Kampf um die angemessene Wortwahl betrieben. Die „richtige“ Argumentation schien sich daraus wie von selbst zu ergeben.

Die Kommentare, die in den 1950er Jahren von Rechtswissenschaftlern zum Grundgesetz verfasst wurden, berichtet Theuke, enthielten bereits jene Probleme, die dann anderthalb oder zwei Jahrzehnte später zum Ausbruch kamen. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, hatte der Parlamentarische Rat in Art. 1 des Grundgesetzes festgeschrieben. Nach der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft sollte damit an die Philosophie eines Immanuel Kant angeknüpft werden: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“

Die Frage, wer Träger der Menschenwürde sein könne, war im Grundgesetz allerdings offen geblieben. So überlegte der Rechtswissenschaftler Friedrich Klein, ob Menschenwürde nicht nur jenen zuzusprechen sei, die auch „die Fähigkeit zum geistig-seelischen Werterlebnis“ hätten – eine Argumentation, die nicht nur Ungeborene, sondern vielleicht auch Kleinstkinder und viele Schwerstkranke ausgeschlossen hätte. Die Gegenposition nahm sein Kollege Günter Dürig ein: „Wer von Menschen gezeugt wurde […], nimmt an der Würde des Menschen teil.“ Auch dem Ungeborenen, dem „nasciturus“, komme deshalb Menschenwürde zu.

Woraus Dürig folgerte, ein „vom Staat geduldetes oder gar legalisiertes Töten des Kindes im Mutterleib“ sei „Verfassungsunrecht“. In den Debatten um die Strafrechtsreform Anfang der 1970er Jahre sahen es große Teile der deutschen Öffentlichkeit gerade umgekehrt, wiederum aus dem Gedanken der Menschenwürde heraus. Theuke zitiert aus der Begründung des sogenannten „Alternativentwurf“ zur Reform des Abtreibungsrechts, 1972: „Die Achtung von der Würde jedes Menschen gebietet, jeder Frau die Entscheidung zu überlassen, ob sie ein Kind zur Welt bringen will oder nicht.“

Demonstration in Göttingen 1988
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia 


Die Menschenwürde der Frauen, konkretisiert und interpretiert im Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit nach Art. 2, Abs. 1 des Grundgesetzes, wurde zu einem zentralen Argument für die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Spiegelbildlich beriefen sich die Gegner auf Abs. 2 dieses Artikels: „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Das Bundesverfassungsgericht kam 1975 zu der Auffassung, auch der Embryo sei ein „Jeder“.

Mit der Strafrechtsnovelle von 1992 verlor die Debatte dann viel von ihrer Schärfe. Zwar bekräftigte das Bundesverfassungsgericht im Jahr darauf seine Position, Menschenwürde komme „nicht erst dem menschlichen Leben nach der Geburt oder bei ausgebildeter Personalität“ zu, sondern bereits „dem ungeborenen menschlichen Leben“. Der Gesetzgeber sei jedoch durch das Grundgesetz nicht dazu verpflichtet, den Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens mit Hilfe des Strafrechts „gegen die Mutter“ durchzusetzen, zumindest nicht in einem frühen Stadium der Schwangerschaft.

Inzwischen war das Streitthema Abtreibung durch die Fortschritte der modernen Medizin überlagert worden, es hatten sich neue Frontenstellungen ergeben. 1978 kam in Großbritannien das erste Kind, das im Reagenzglas gezeugt worden war, zur Welt. Um solche Geburten überhaupt zu ermöglichen, mussten zunächst viel mehr Embryonen eingefroren werden. Der Gesetzgeber sah sich vor die Frage gestellt, ob die „Überzähligen“ später vernichtet oder womöglich für Forschungszwecke genutzt werden dürften.

Das Recht auf Leben nach Art. 2 des Grundgesetzes stieß sich mit der Wissenschaftsfreiheit nach Art. 5. „Jemand, der in England an Embryonen forscht, kann den Nobelpreis bekommen“, gab Christian Lauritzen, Direktor einer Frauenklinik in der Debatte um ein „Embryonenschutzgesetz“ zu bedenken, „bei uns kann er im Gefängnis landen.“ Benötigt würden Regelungen, forderte die Bundestagsabgeordnete Herta Däubler-Gmelin von der SPD, „die im Zweifel für die Menschenwürde entscheiden, ohne religiöse oder ethische Überzeugungen einzelner Bevölkerungsteile auch denjenigen aufzuzwingen, die sie nicht teilen“.

Aber ist es überhaupt möglich, in einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft einen allgemein verbindlichen Begriff vom Menschen und von seiner Würde zugrunde zu legen? Die Diskussionen seit den 1970er Jahren, wie das Rechtssystem mit den neuen Möglichkeiten der Medizin, von der In-vitro-Fertilisation über das Klonen von Stammzellen bis zur Präimplantationsdiagnostik, umgehen soll, drehten sich genau um diese Frage. Gerade unter Rechtsphilosophen und Verfassungsrechtlern verbreitete sich Skepsis. Theuke zitiert den Juristen Albin Eser: „In krassem Gegensatz zum inflationären Alltagsgebrauch macht der Jurist von dem Etikett des Menschenwürdigen nur zurückhaltend Gebrauch.“

Der Philosoph Norbert Hoerster nannte den Begriff der Menschenwürde sogar eine „Leerformel“: Die Frage, „welche Formen freier menschlicher Selbstbestimmung sittlich legitim sind“, bleibe „eine Frage der Wertung“. Einer subjektiven, also unverbindlichen Wertung. Außerhalb Deutschlands wurde die Diskussion noch viel schärfer geführt. Der australische Ethiker Peter Singer kam zu dem Schluss, „ bei einem fairen Vergleich moralisch relevanter Eigenschaften wie Rationalität, Selbstbewusstsein, Bewusstsein, Autonomie, Lust- und Schmerzempfindung“ hätten Kälber, Schweine und Hühner „einen guten Vorsprung vor dem Fötus“. Selbst die Geburt biete keine klare Grenzlinie, um über ein Recht auf Leben zu entscheiden. Singer stellte die provozierende Frage, warum wir eigentlich schwerstbehinderten Neugeborenen „Menschenrechte“ zubilligen, die wir höheren Affen vorenthalten.

Theuke hat Singers radikale Thesen in ihrer Abhandlung ausgeklammert; es geht primär um die Diskussionen, die in Deutschland, also unter der Geltung von Art. 1 Grundgesetz, geführt wurden. 1996 war in Großbritannien mit Schaf „Dolly“ das erste „geklonte“ Tier geboren worden. In der Folge kam die Hoffnung auf, mit Hilfe embryonaler Stammzellen neue Therapien zur Überwindung schwerer Krankheiten entwickeln zu können. Voraussetzung war wiederum, dass Embryonen zerstört wurden.

Hungerstreik 1974 in Bonn - Bild:
Lothar Schaack/Bundesarchiv/Wikipedia 


Ein gerechtfertigter Preis? Theuke zitiert aus einem Artikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: „Die verbrauchende Forschung an embryonalen Stammzellen spiegelt die Heilserwartung von Erwachsenen gegen die Menschenwürde und das Lebensrecht von Gezeugten, aber noch Ungeborenen aus – nicht mehr und nicht weniger.“ Bundeskanzler Gerhard Schröder wies darauf hin, dass es nicht zuletzt auch um ökonomische Vorteile ging: „Die Biotechnologie ist die Schlüsseltechnologie dieses Jahrhunderts. Ohne sie werden wir kaum den Wohlstand sichern, den unsere Kinder und Enkel vielleicht auch gern haben möchten.“

1999 brachte die „Präimplantationsdiagnostik“ eine neue Variante der Visionen von einer „schönen neuen Welt“. Dabei war der Wunsch von Eltern, bei ihren zukünftigen Kindern schwere Krankheiten von vornherein auszuschließen, durchaus nachvollziehbar. Mit einem Verbot dieser Diagnostik würde man „hartherzig die Augen vor dem unsäglichen Leid der Eltern verschließen“, wenn sich „schwerste, zuweilen tödlich Erbkrankheiten“ einstellen sollten, argumentierte die Bundestagsabgeordnete Sabine Leutheusser-Schnarrenberger von der FDP.

Doch damit rückte auch die Möglichkeit ins Blickfeld, sich wie aus einem Katalog Kinder mit ganz bestimmten Eigenschaften auszuwählen. Durften die „Wunschkinder“, die bereits 1972 eine Kampagne der Bundesregierung propagiert hatte, womöglich als „Kinder nach Maß“ verstanden werden, auch nach den wechselnden Moden? Was bedeutet „Menschenwürde“? Dass die zukünftigen Kinder von allem freigehalten werden, was Eltern oder Mediziner negativ bewerten? Oder gehört das Unverfügbare – das, was nicht in unserer Verfügung steht – vielleicht zur Menschenwürde des Kindes mit dazu?

2011, referiert die Autorin, antworteten bei einer Umfrage des Forsa-Instituts auf die Frage „Haben Embryonen Anspruch auf den vollen Schutz der Menschenwürde?“ 75 Prozent mit „Ja“, nur 17 Prozent mit „Nein“. Ob auch gefragt wurde, welche Konsequenzen aus dieser Grundsatzentscheidung die Befragten in Kauf nehmen würden, berichtet Theuke nicht. In der Debatte um die Präimplantationsdiagnostik postulierte der Philosoph Robert Spaemann: „Aufgabe eines Rechtsstaates ist es, den Menschen vor dem Menschen zu schützen.“

Man kann allerdings fragen, ob es nicht vielmehr ein ganz bestimmtes Menschenbild ist, das nach Spaemann geschützt werden sollte. Womit wir wieder beim „Framing“ wären: Die Versuchung, mit der Formel von der Menschenwürde entgegenstehende Argumente von vornherein abzuwürgen, hat im Lauf der Debatten um die Abtreibung wie um die Biomedizin zweifellos immer wieder nahegelegen. Der Strafrechtler Winfried Hassemer bezeichnete die Menschenwürde, diesen zentralen Begriff des Grundgesetzes, einmal als „Totschlaginstrument“. Und wie Theukes historischer Abriss zeigt, war dieses Instrument in sehr verschiedene Richtungen einsatzfähig. Im Rückblick auf die vergangenen Jahrzehnte meint Theuke, eine zunehmende „Pluralisierung der Deutungsvarianten“ feststellen zu können: „Neue Auslegungsmöglichkeiten traten zu den bereits bestehenden hinzu, überlagerten sie oder standen gleichberechtigt daneben.“

Das muss nicht unbedingt eine Abkehr vom Menschenwürdekonzept des Grundgesetzes bedeuten. Theuke zitiert den Staatsrechtler Josef Isensee: „Die Menschenwürde wandelt sich vom normativen Leitbild der Gesellschaft zu deren empirischem Spiegelbild“ - und das muss in einer pluralistischen Gesellschaft nun einmal plural ausfallen. Der Historiker Andreas Rödder hat für das späte 20. Jahrhunderte geradezu eine neue Phase im Prozess der Moderne konstatiert: Pluralisierung und Differenz würden heute „zunehmend anerkannt, ja aktiv affirmiert, statt als Störung zu gelten“. Die Schwierigkeit, dass der Gesetzgeber oft in der Not steht, sich für die eine oder andere Regelung zu entscheiden, ist damit freilich nicht ausgeräumt. Andere Länder, die politisch und kulturell mit Deutschland vergleichbar sind, haben andere Regelungen gefunden.


Neu auf dem Büchermarkt:
Theresia Theuke: Der Embryo und die Menschenwürde. Der Wandel des Menschenwürdebetriffes im Kontext bioethischer Debatten, Walter de Gruyter, Berlin 2019, 375 S., ISBN 978-3-11-063163-0,
54,95 €


Mehr im Internet:
Menschwenwürde - Wikipedia 
Theresia Theuke: Der Embryo und die Menschenwürde, Walter de Gruyter
scienzz artikel Recht 


 

 

 

 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet