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24.10.2019 - THEOLOGIE

Um desto mehr dem Aufbluehen der Wissenschaften nuetzlich zu sein

Vor 550 Jahren wurde Erasmus von Rotterdam geboren

von Josef Tutsch

 
 

Erasmus von Rotterdam, Portrait
von Hans Holbein, 1523 (Kunst-
museum, Basel)
Bild: Wikipedia

Ende 1516 erhielt der Theologe und Philologe Erasmus von Rotterdam einen Brief vom Hofkaplan des Kurfürsten Friedrich von Sachsen. Wenige Monate zuvor war von Erasmus eine kritische Edition des griechischen Neuen Testaments herausgekommen, begleitet von einer eigenen Übersetzung ins Lateinische. All seine Gelehrsamkeit, die Erasmus zuvor an den Texten des „heidnischen“ Altertums erprobt hatte, war darin auf die Heilige Schrift angewandt. Georg Spalatin sprach den berühmten Humanisten mit der gebührenden Ehrerbietung an: „Wir alle verehren Dich aufs Tiefste, der Kurfürst hat alle Deine Werke in seiner Bibliothek, und er beabsichtigt, alles zu kaufen, was Du noch herausgibst.“

Auf diese Huldigung folgte eine ganz vorsichtige Kritik. Ein Augustinermönch, ebenfalls ein großer Bewunderer des Erasmus, Spalatin nannte keinen Namen, habe ihn gebeten, diesem eine Frage vorzulegen. Der Begriff der Rechtfertigung vor Gott sei in Erasmus‘ Erklärung der Paulusbriefe nicht ganz klar geworden – vielleicht deshalb, weil die Lehre von der Erbsünde darin nicht genügend herausgestellt wurde?

Sicherlich hatte Martin Luther (er war der ungenannte Augustinermönch) zu diesem Zeitpunkt, fast ein Jahr vor dem „Thesenanschlag“, noch keine Vorstellung, wozu seine theologischen Reflexionen ihn einmal führen würden. Auch nicht davon, dass er den bewunderten Humanisten wenige Jahre später als „den grimmigsten Feind Christi“ titulieren würde. Luther muss ein Leben lang damit gehadert haben, dass einer der größten Gelehrten seiner Zeit sich dem, was er selbst aus der Heiligen Schrift als „Wahrheit“ erkannt hatte, so hartnäckig verschließen wollte. Oder war Erasmus ganz einfach zu träge und zu feige, sich auf einen Kampf gegen die Autorität des Papstes einzulassen?

Tatsächlich leugnete Erasmus später, den zitierten Brief erhalten zu haben. Die „Feinde der edlen Studien“ würden darauf lauern, Briefe abzufangen, schrieb er im Mai 1519 entschuldigend an Spalatin. Hatte er, als er das Schreiben unbeantwortet liegen ließ, vielleicht schon geahnt, welche Auseinandersetzungen sich da anbahnten? Und wollte er vermeiden, in diesen Streit hineingezogen zu werden?

Erasmus zählte etwa 48 Jahre, als sein jüngerer Kollege Luther sich daran machte, die „Reformation“ einzuläuten. Wahrscheinlich am 28. Oktober 1469, vielleicht auch zwei oder drei Jahre früher, war er in Rotterdam geboren worden. Ein Goudaer Priester hatte ihn mit seiner Haushälterin gezeugt. Ähnlich wie später Luther trat er als junger Mann in ein Augustinerkloster ein – aber nicht aufgrund einer religiösen Berufung, sondern offenbar ganz einfach deshalb, weil seine Vormünder ihn dazu drängten. Dort fand er Gelegenheit, sich sowohl mit der Theologie als auch mit der klassischen lateinischen Literatur zu beschäftigen. Als sich ihm 1493 die Gelegenheit bot, in den Hofdienst des Bischofs von Cambrai zu treten, verließ er das Kloster und kehrte niemals mehr zurück. Doch erst 1517 erlangte er einen päpstlichen Dispens, der ihm erlaubte, auf Dauer in der Welt zu leben.

Frei zu leben – und mit allen Risiken der Freiheit. Auch der Fürstendienst erfüllte seine Erwartungen nicht; Erasmus war eben nicht der Mann, Ergebenheit zu heucheln. Ruhelos zog er zwischen Paris und Venedig, Cambridge und Löwen, Basel und Freiburg hin und her. Eine Universitätskarriere hat er ernsthaft wohl gar nicht angestrebt. Einige Studienjahre an der Sorbonne in Paris hatten ihn ernüchtert: Was dort gelehrt wurde, fand er unfruchtbar, das war nicht die Art von Theologie, die er sich vorstellte.

Erasmus von Rotterdam, Kupferstich
von Albrecht Dürer, 1526
Bild: Wikipedia


Erasmus musste also von dem leben, was er auf den Büchermarkt brachte. Notgedrungen wurde er zum Vielschreiber. Doch zwei oder drei seiner etwa 150 Bücher sind in die Weltliteratur eingegangen. Im Jahr 1500 brachte er eine kommentierte Sammlung lateinischer Sprichwörter heraus, die in späteren Auflagen um griechische Sprichwörter erweitert wurde. Das Buch erfüllte eine ähnliche Aufgabe wie vier Jahrhunderte später der „Büchmann“: Briefschreiber, die auf einen gewandten Stil Wert legten, hatten die „Geflügelten Worte“ immer zur Hand.

„Erasmus brachte das Gold des klassischen Geistes in Umlauf“, hat der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga in seiner Erasmus-Biographie die Wirkung dieses Buches umschrieben. „Der Humanismus hörte auf, ein Monopol weniger zu sein.“ 1509 erschien das „Lob der Torheit“. Es wurde eines der meistgelesenen Bücher überhaupt. Erasmus ließ die Torheit in höchsteigener Person auftreten und in eitler Selbstgefälligkeit ihre „Tugenden“ loben.

Oder soll der Leser vielleicht gar nicht alles, was die Torheit da spricht, in Bausch und Bogen für töricht halten? Erasmus konnte voraussetzen, dass seinem Publikum das Wort aus dem 1. Korintherbrief gegenwärtig war: „Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott.“ Ein Stück weit konnte das ja auch umgekehrt gelten. Die Ironie des Buches hat Schule gemacht. Auch Mephisto in Goethes „Faust“, der doch als Verkörperung des Bösen auftritt, weiß so manches Treffende zu sagen.

Erasmus selbst hätte auf die Frage nach seinem wichtigsten Werk jedoch sicherlich ein anderes Buch genannt: Eben die griechisch-lateinische Ausgabe des Neuen Testaments. Sein „Humanismus“ war eben durch und durch christlich geprägt, weitab von dem „Heidentum“, das man der Renaissance gern nachsagt. Bereits während seiner Studienzeit in Paris scheint Erasmus zu dem Schluss gekommen zu sein, wenn die Theologie seiner Zeit intellektuell so unbefriedigend sei, dann liege das auch an den Unzulänglichkeiten des gängigen Bibeltextes.

Für den Kirchenvater Hieronymus, der um 400 n. Chr. die in der mittelalterlichen Kirche maßgebliche lateinische Fassung, die „Vulgata“, erstellt hatte, hegte Erasmus zwar die größte Verehrung. Dennoch – es galt, auf den Urtext zurückzugehen. Dazu musste Erasmus selbst zunächst einmal Griechisch lernen. Seinen Plan, sich für das Alte Testament gleichzeitig das Hebräische anzueignen, gab er allerdings bald wieder auf. „Das Griechische macht mich beinahe tot“, klagte er im März 1500 in einem Brief. „Ich habe kein Geld, um Bücher anzuschaffen oder einen Lehrer zu nehmen.“

Anfang 1516 war es dennoch soweit: Erstmals erschien der griechische Text des Neuen Testaments im Druck. Ahnte Erasmus, welche wissenschaftshistorische Entwicklung er da in Gang setzte? Martin Luther nahm die Ausgabe zur Grundlage für seine Übersetzung ins Deutsche. Ein halbes Jahrhundert später beschloss das Konzil von Trient, die Ausgabe auf den Index zu setzen, weil sie an manchen Stellen von der „Vulgata“ abwich. Die Entdeckungen, die Philologen und Historiker in den letzten fünf Jahrhunderten rund um den Bibeltext machen konnten, haben die Theologie vor kaum geringere Herausforderungen gestellt als die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse eines Galilei oder Darwin.

Erasmus selbst war bemüht, seine Leistung herunterzuspielen: „Es wäre lächerlich, hier menschliche Gelehrsamkeit ausbreiten zu wollen, gottlos, sich mit menschlicher Beredsamkeit zu brüsten.“ Er setzte die Einfachheit des Evangeliums in Gegensatz zur Theologie seiner Zeit. „Ich möchte, dass alle Weiblein das Evangelium und die paulinischen Briefe läsen. Dass sie in alle Sprachen übersetzt würden! Dass doch der Bauer daraus sänge bei seinem Pflug und der Weber sich daraus vorsummte an seinem Webstuhl, dass mit solchen Geschichten der Wanderer sich den Weg kürzte.“

Um so mehr müssen ihn die theologischen Probleme beunruhigt haben, die an der einen oder anderen Stelle des Bibeltextes eben doch auftaten. Man darf unterstellen, dass er sie mit nicht weniger Klarheit sah als Martin Luther auch. Aber Erasmus ging mit dieser Schwierigkeit anders um. Während Luther um eindeutige Lösungen rang und die „Wahrheit“, wenn er sie einmal meinte, gefunden zu haben, kämpferisch durchsetzen wollte, sah Erasmus vor allem die Opfer, die in diesen Kämpfen anfallen mussten. So war er bereit, Streitfragen auch einmal offen zu lassen.

Epitaph im Basler Münster   
Bild: Taxiarchos228/Wiki-
pedia


Etwa die Frage nach der Rechtfertigung des Menschen vor Gott, die dann den Anlass zur Reformation gab. 1503 schrieb er ein „Handbüchlein des christlichen Soldaten“. Es war eine Gelegenheitsschrift, im Grunde bloß eine Gefälligkeit gegenüber der Frau eines Kriegsmannes, die ihren Gemahl allzu sehr weltlichen Dingen verhaftet sah. Erasmus wandte sich, Luther späterer Polemik gar nicht so unähnlich, gegen die Auffassung, Frömmigkeit sei die penible Beachtung von Zeremonien. „Du verehrst die Heiligen, du berührst gern ihre Reliquien. Willst du dir Petrus und Paulus gewogen machen? Folge dem Glauben des einen und der Liebe des anderen, und du wirst mehr getan haben, als wenn du zehnmal nach Rom gelaufen wärest.“

Einige Jahre glaubte Luther denn auch, in Erasmus einen potentiellen Mitstreiter sehen zu dürfen. „Unsere Zierde und unsere Hoffnung“, sprach er den Gelehrten im März 1519 in einem Brief an – unter den Theologen wie in der breiten Bevölkerung wurde über Luthers Protest gegen den Ablass heftig diskutiert. Doch Erasmus ging auf Distanz. Er konzedierte Luther „Schärfe des Geistes und ein christliches Herz“. Jedoch: „Soweit wie möglich halte ich mich neutral, um desto mehr dem Wiederaufblühen der Wissenschaft nützlich zu sein. Meines Erachtens kommt man mit bescheidenem Anstand weiter als mit Sturm und Drang.“

Dabei sah Erasmus das Kirchenregiment kaum weniger kritisch als Luther. Die „Monarchie des Papstes, so wie sie jetzt ist“, schrieb er im Oktober 1518 in einem Brief, sei in der Tat „die Pest des Christentums. Aber: „Ich weiß nicht, ob es nützlich ist, offen an dies Geschwür zu rühren.“ Ahnte Erasmus sorgenvoll, wie viel an gewaltsamer Konfrontation, an konfessionellen Bürgerkriegen, auf Luthers Reformation folgen würde? Der Gelehrte hatte eine sehr klare Vorstellung von dem menschlichen Leid, das durch Krieg verursacht wird. 1513 hatte er eine Satire „Julius vor der verschlossenen Himmelstür“ geschrieben: Dem kriegerischen Papst Julius II. wird von Petrus der Einlass in den Himmel verweigert. Erasmus war vorsichtig genug, seine Autorschaft an diesem Pamphlet zu leugnen.

Hinter dem Dissens mit Luther standen aber auch grundverschiedene Anschauungen von der Welt und vom Menschen. 1524 reagierte Erasmus auf Luthers Reformation mit seiner Abhandlung „Vom freien Willen“. Es war das Problem, das bereits Spalatin in seinem Brief von 1516 angesprochen hatte: Konnte der sündige Mensch von sich aus irgendetwas Gutes bewirken? Für Luther, der 1525 mit einem Traktat „Vom unfreien Willen“ antwortete, lag in dieser Annahme eine frevelhafte Selbstermächtigung des Menschen. Für Erasmus war sie der Kern seines „Humanismus“.

Und natürlich dachte er nicht nur an das ethisch Gute, sondern auch an das Studium der Wissenschaften, an die Bildungswelt der Antike, auch der „heidnischen“ Antike, an die Beherrschung eines eleganten Sprachstils. Alles Punkte, deren Wertschätzung er bei Luther vermisste. Er witterte, wie der niederländische Historiker Johan Huizinga es ausgedrückt hat, in der lutherischen Theologie einen „Feind der Bildung“. Dass aus der Reformation das protestantische Pfarrhaus mit seiner überragenden Bedeutung für das Geistesleben der Neuzeit erwachsen würde, lag außerhalb seiner Vorstellungskraft.

Eine Haltung, die Luther ganz und gar nicht verstehen konnte. Höhnisch schrieb er an Erasmus: „Da wir sehen, dass Dir der Herr weder den Mut noch die Gesinnung verliehen hat, jene Ungeheuer (gemeint waren die Päpste) offen und zuversichtlich gemeinsam mit uns anzugreifen, wagen wir von Dir nicht zu fordern, was über Dein Maß und Deine Kräfte geht.“ Mündlich äußerte sich Luther um einiges drastischer: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt tot noch mehr als lebendig.“


Mehr im Internet:

Erasmus von Rotterdam - Wikipedia 
scienzz artikel Reformation

 

 

 

 

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