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06.11.2019 - THEOLOGIE

Von der Kultreligion zur Buchreligion - oder zu zwei Buchreligionen

Eine Entstehungsgeschichte der Bibel

von Josef Tutsch

 
 

"Papyrus 108", 3. Jh.,
mit Fragment aus dem
Johannesevangelium
(Sackler Library, Oxford)
Bild: Wikipedia

Im achtzehnten Jahr seiner Regierung, der biblischen Chronologie zufolge also 623 oder 622 v. Chr., berichtet das 2. Buch der Könige, ließ König Joschija am Tempel in Jerusalem Ausbesserungsarbeiten vornehmen. Der Hohepriester Hilkija teilte ihm dann mit, im „Haus des Herrn“ sei „das Gesetzbuch“ gefunden worden. Als es dem König vorgelesen wurde, zerriss der seine Kleider und klagte laut: „Der Zorn des Herrn muss heftig gegen uns entbrannt sein, weil unsere Väter auf die Worte dieses Buches nicht gehört haben.“

Mit dem „Gesetzbuch“ meinte der Erzähler offenbar einen Kern dessen, was im Judentum heute „Thora“ heißt und im Christentum als die „Fünf Bücher Moses“ bezeichnet wird. Der Alttestamentler Konrad Schmid von der Universität Zürich und der Neutestamentler Jens Schröter von der Berliner Humboldt-Universität vermuten in ihrem Buch über die Entstehung, dass ein solcher Kerntext tatsächlich bis auf das 7. vorchristliche Jahrhundert zurückgeht, die Zeit des Neuassyrischen Reichs: „Das Verpflichtungsverhältnis zwischen dem assyrischen Großkönig und seinen Vasallen wurde auf den Gott Israels und sein Volk übertragen.“ Erstmals in der altorientalischen Religionsgeschichte kam „die Vorstellung von einem göttlichen Gesetzgeber und einem göttlichen Gesetz“ auf.

Schmid und Schröter haben die verschlungene Geschichte nachgezeichnet, in denen die Texte des Alten und des Neuen Testament entstanden. Schon früh wurden „zahlreiche Texte für so bedeutsam angesehen“, dass man sie „aktiv fortschreiben“ wollte. Eine strenge Trennung zwischen der Heiligen Schrift und ihrer Auslegung konnte sich erst ergeben, nachdem verbindlich festgelegt war, welche Bücher zum „Kanon“ gehörten.

Das geschah bei der jüdischen Bibel erst gegen 100 n. Chr. Einige Bücher allerdings galten bereits Generationen zuvor als „heilig“. So tritt im Neuen Testament einige Male die Formel „das Gesetz und die Propheten“ auf, gemeint sind: die fünf Bücher Moses und die prophetischen Bücher. Eine dritte Gruppe bildete sich erst im Laufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. heraus: Die Psalmen, die zuvor als prophetisches Buch gegolten hatten, wurden nun mit dem Hohenlied und einem Dutzend weiterer Bücher zu den sogenannten „Schriften“ zusammengefasst.

„Es gab nie einen Beschluss darüber, welche Bücher zu den ‚Schriften‘ [also zum dritten Teil der Bibel] gehören – und welche nicht“, betonen Schmid und Schröter. Katholiken zählen dazu auch einige Texte, die nicht auf Hebräisch, sondern auf Aramäisch oder Griechisch überliefert sind Die jüdischen Theologen des späten 1. Jahrhunderts haben sie nicht in die Bibel aufgenommen. Martin Luther orientierte sich bei seiner Übersetzung an der hebräischen Bibel.

Dass der jüdische Bibelkanon, wie wir ihn heute kennen, gerade in den Jahrzehnten nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n. Chr. entstand, ist natürlich kein Zufall: Die „abgeschlossene Bücherliste“ besiegelte endgültig den Wandel des Judentums von einer „Kultreligion“ zu einer „Buchreligion“, die unabhängig von einem real vorhandenen Tempel praktiziert werden konnte.

Caravaggio: Inspiration des
hl. Matthäus, 1602 (S. Luigi 
dei Francesi, Rom) 
Bild: Wikipedia 


Das Alte Testament hätte also „auch eine andere Gestalt annehmen können“. In den Jahrhunderten um Christi Geburt kursierten im Judentum wie im Christentum zahllose Bücher, bei denen man sich durchaus vorstellen könnte, dass sie in die Bibel hätten Eingang finden können. Im Judasbrief wird aus dem sogenannten „Henochbuch“ zitiert, einer jüdischen Apokalypse, die der Verfasser des Briefes offenbar als religiöse Autorität betrachtete. Es hat dann jedoch keinen Eingang in die Bibel gefunden. Im Fall des Neuen Testaments kam die uns heute so selbstverständlich erscheinende Zusammenstellung etwa um 300 n. Chr. zustande. Vor allem bei einigen der Briefe, berichtet Schröter, war es im frühen Christentum lange umstritten, ob sie aufgenommen werden sollten.

Die Festlegung des Kanons ist natürlich nur ein Abschnitt aus der „Entstehung der Bibel“, sozusagen der mittlere Abschnitt. Voran ging die Entstehung der Texte selbst, ihr folgte die Geschichte der Übersetzungen. Die Schriftkultur könnte in den Königreichen Israel und Juda um 800 v. Chr. eingesetzt haben. Wie viel von den realen Ereignissen des 2. Jahrtausends v. Chr. in die Erzählungen von den Patriarchen und vom Auszug aus Ägypten eingegangen ist, muss wohl auf Dauer offen bleiben.

Die Darstellung der beiden Reiche Israel und Juda, also der Zeit etwa zwischen 1000 und 600 v. Chr., in der Bibel liegt zweifellos näher am historischen Geschehen. Aber sie ist in hohem Maße „perspektivisch“, man könnte auch sagen: tendenziös. Die Verfasser wollten Jerusalem als das legitime religiöse und politische Zentrum erscheinen lassen – und damit Juda als die legitime Fortsetzung des Königtums von David und Salomon. Von diesem glanzvollen Großreich hat die archäologische Forschung allerdings im Grunde nur eine Namensnennung übrig gelassen: Wenige Generationen später werden die Könige von Juda als „Haus Davids“ bezeichnet.

Redaktionell zusammengefasst wurden all diese Geschichten erst in der Perserzeit, zwischen dem 6. und dem 4. Jahrhundert v. Chr. Die Geltung des Gesetzes wie die exklusive Bindung des Volkes Israel an seinen Gott wurde bekräftigt, indem die Erzähler beides in die Geschichte von Moses und dem Auszug aus Ägypten zurückprojizierten. Viele der Gesetzesvorschriften erhielten ihre Schriftform wahrscheinlich schon viel früher, da mag die Geschichte von König Joschija ihren historischen Kern haben. Bereits seit dem späten 8. Jahrhundert v. Chr. wurden auch Aussprüche von Propheten „verschriftet“. Es sollte gesichert werden, meint Schmid, „dass die Einzelworte nur noch in ihrem Lesezusammenhang verstanden wurden“ - die Schriftform gab da größere Verlässlichkeit als die mündliche Überlieferung.

Sicherlich war auch die komplexe Geschichtstheologie, die sich sowohl bei den Propheten als auch in den historischen Büchern mit dem Untergang der beiden „Reiche“ entwickelte, schriftlich eher darzustellen als mündlich: die Geschichte des Volkes Israel als eine „Geschichte des Unheils“, bedingt durch Ungehorsam gegenüber Gott und seinem Gesetz. Ein Konzept, an das die frühen Christen anknüpften konnten: Dass das Judentum in Jesus von Nazareth nicht den ihm verheißenen Messias erkannte, wurde als ein Fall dieses „Ungehorsams“ interpretiert. Die Schriften des Neuen Testaments entstanden weitgehend als Auslegung des „Gesetzes und der Propheten“. „Damit die Schrift erfüllt würde“, lautet eine stehende Formel in den Evangelien.

Die Entstehung des Christentums war zunächst ein „innerjüdischer Vorgang“, betont Schröter. Als die ersten Christen wenige Jahre nach Jesu Tod begannen, sich auch an nicht-jüdische Adressaten zu wenden, setzten sie als selbstverständlich voraus, die biblischen Schriften müssten „auch über das Judentum hinaus für alle, die an Christus glauben, die verbindliche Grundlage darstellen“.

Genauer: Die Schriften und der Glaube an den Gott Israels stellten eine verbindliche Grundlage dar – nicht dagegen die Vorschriften des jüdischen Gesetzes. Die Auseinanderentwicklung beider Religionen kam Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. zu einem gewissen Abschluss, zeitlich parallel zur Entstehung des jüdischen „Kanons“. Im Laufe des 2. und des 3. Jahrhunderts entstand dann auch der Kanon des Neuen Testaments, und zwar im Rahmen heftiger Streitigkeiten in der Kirche um die „wahre“ Lehre, betont Schröter.

In der Populärkultur unserer Gegenwart wird die Frage heiß diskutiert, warum gerade die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes als „kanonisch“ anerkannt, warum dagegen viele andere Evangelien ausgeschieden und oft unterdrückt wurden. Wenn man nach dem „historischen Jesus“ fragt, hat diese Zusammenstellung allerdings ihren guten Grund: Die Evangelien, die heute als „apokryph“ bezeichnet werden, sind durchweg jünger als die kanonischen, stammen erst aus dem 2. oder 3. nachchristlichen Jahrhundert.

Gutenberg-Bibel, um 1455            
(Staatsbibliothek Berlin)
Berlin: Wikipedia


Bis heute nicht völlig geklärt ist die Position, die im 2. Jahrhundert n. Chr. der Theologe Markion für die Entstehung des Neuen Testaments hatte. Neben den Paulusbriefen wollte er nur das Lukasevangelium gelten lassen. Er war überzeugt, schreibt Schröter, „das von Lukas verkündete Evangelium sei mit dem Gesetz des Alten Testaments unvereinbar“. Oder lagen ihm die übrigen Evangelien vielleicht gar nicht vor? In der syrischen Kirche verfasste um 170 der Theologe Tatian das „Diatessaron“, eine Zusammenfassung der vier kanonischen Evangelien zu einer einzigen Erzählung von Jesu Leben – auch diese Version hätte durchaus „kanonisch“ werden können. Noch im 9. Jahrhundert entstand eine deutsche Fassung, der „Althochdeutsche Tatian“.

Das Verfahren einer „Evangelienharmonie“ hat sich vor allem in „Kinderbibeln“ bis heute gehalten. Die Herausgeber vollständiger Bibeln dagegen hatten viel zu viel Ehrfurcht vor dem geheiligten Text, als dass sie solche Eingriffe gewagt hätten. Immerhin, berichtet Schröter, sah sich Martin Luther dazu ermächtigt, in seiner Übersetzung des Neuen Testaments wenigstens die Reihenfolge der Briefe gegenüber der Tradition frei zu verändern: In unausgesprochener Wertung wurden jene Briefe, in denen die zentrale Botschaft seiner Meinung nach nicht deutlich zum Ausdruck kam, an den Schluss gesetzt.

Luthers Reformation richtete sich nicht zuletzt gegen die lateinische Bibel, die der mittelalterlichen Theologie die Grundlage gegeben hatte, die „Vulgata“; er wollte zum griechischen und hebräischen Urtext zurück. Aber auch Luther schuf mit seiner Bibelübersetzung etwas Eigenes, Neues, über dessen Geltung sich streiten lässt. Hier nur ein einziges Beispiel für die Probleme, die sich da an manchen Stellen für die Theologie auftun. Lukas 17,21 lautet in Luthers Übersetzung: „Das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Die neue Einheitsübersetzung bringt nach den Fortschritten historischer Forschung in den letzten Jahrzehnten einen völlig anderen Akzent: „… ist (schon) mitten unter euch.“

Bleibt die Frage nach den Verfassern dieser Entstehungsgeschichte der Bibel. Konrad Schmid ist reformierter Theologe in Zürich, Jens Schröter evangelischer Theologe in Berlin. Da könnte man von katholischer oder orthodoxer oder jüdischer Warte aus leicht auf den Verdacht kommen, die Sicht des Buches auf die Bibel wäre einseitig protestantisch geprägt. Oder sollte man sagen: einseitig „historisch-kritisch“? Große Teile der Theologie an den protestantischen Fakultäten haben sich seit dem 19. Jahrhundert tatsächlich zu streng historischen Disziplinen entwickelt, zum Befremden von „Konservativen“ innerhalb und außerhalb der protestantischen Kirche, die darin oft eine Selbstverleugnung des Glaubens sehen wollten.

Etwas anderes als einen historischen Zugang beanspruchen die beiden Verfasser aber auch gar nicht: „Die historische Kritik kann weder den jüdischen noch den christlichen Glauben begründen.“ Doch sie kann eben einiges über den Zusammenhang sagen, in dem die Texte entstanden sind, lässt damit vielleicht auch Schlüsse zu, wie ein Satz vom Verfasser gemeint war und von seinen Lesern verstanden werden musste. Ein Fragenkomplex, den Schmid und Schröter in ihrem Schlusskapitel mehr andeuten als ausführen. Ganz vorsichtig üben sie Kritik an einem berühmten Kollegen: In der Trilogie von Joseph Ratzinger zu Jesus von Nazareth sei „eine gewisse Reserviertheit gegenüber der historisch-kritischen Bibelwissenschaft festzustellen“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Konrad Schmid/Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel. Von den ersten Texten zu den heiligen Schriften, Verlag C. H. Beck, München 2019, 504 S. mit 48 Abb. und 4 Karten, ISBN 978-3-406-73946-0, 32,00 € [D], 32,90 € [A]


Mehr im Internet:

Bibel - Wikipedia 
Konrad Schmid/Jens Schröter: Die Entstehung der Bibel, Verlag C. H. Beck 
scienzz artikel Judentum  
scienzz artikel Frühchristentum

 

 

 

 

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