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12.11.2019 - KULTURGESCHICHTE

Was ist noch schlank - was schon mager?

Aus der Kulturgeschichte der Personenwaage

von Josef Tutsch

 
 

Wiegekarte
Bild: Alter Fritz/
Wikipedia

Die Älteren unter uns werden sich vielleicht erinnern: Noch in den 1970er Jahren standen in allen größeren Bahnhöfen Personenwaagen. Stellte man sich darauf und gab ein paar Groschen ein, warfen sie Kärtchen aus, auf denen das aktuelle Gewicht vermerkt war. Aufschriften wie „Prüfe Dein Gewicht!“ mahnten die Reisenden, über ihren Geschäften oder den anstehenden Urlaubsvergnügungen die Gesundheit und die schlanke Linie nicht zu vergessen – der zunehmende Wohlstand hatte eben auch eine Fresswelle mit sich gebracht.

Seit etwa 1980 sind sie nach und nach aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Inzwischen hatten die meisten Wohnungen ein Badezimmer, zu dem selbstverständlich auch eine kleine Personenwaage gehörte, nun mit Tabelle statt mit Kartenauswurf. Es gab die Personenwaage, berichtet die Soziologin Debora Frommeld, sogar zusammenklappbar – auch unterwegs sollte niemand auf den Komfort, sein Gewicht prüfen zu können, verzichten.

Oder sollte man eher sagen „prüfen zu müssen“? Frommeld zitiert in ihrer Dissertationsschrift zur Kultur- und Sozialgeschichte der Personenwaage, die an der Universität Ulm entstand, aus den Illustrierten jener Jahre, die ihrem Publikum, gegenläufig zu den Verführungen des guten Essens, das schlanke Schönheitsideal predigten. „Schon als Kind war ich das Dickerchen“, ließ „Brigitte“ 1974 eine junge Frau berichten. Durch die Diät, die in der Illustrierten angepriesen wurde, sei es ihr gelungen, ihr Gewicht um die Hälfte zu reduzieren: „100 Pfund weniger – und keiner erkennt mich wieder.“

Die Personenwaage – ein Artefakt, das zunächst doch einem ganz sachlichen Zweck dient, nämlich sein Körpergewicht objektiv, also in unbestechlichen Zahlen, feststellen zu können. Doch lange bevor sie zum selbstverständlichen Ausstattungsstück privater Haushalte wurde, hatte sie im Namen von Gesundheit und Schönheit bereits tyrannische Gewalt über das Bewusstsein vieler Menschen erlangt, Frommeld spricht von einem „materialisierten Wissensregime“. Nochmals ein Beispiel aus der „Brigitte“, zehn Jahre früher. Eine Frau mittleren Alters klagte: „Das Gewicht wird immer größer“, „die Waage schämt sich!“ „Die schönsten Tanzfeste machten ihr keinen Spaß: Sie war zu dick, um schick zu sein.“ Dann folgte ein Bericht über ein Programm mit Ernährungsumstellung und Gymnastik, Ergebnis: „Seit einem halben Jahr bleibt die Waage konstant auf 132 bis 134 Pfund stehen, großartig.“ „Mein Mann ist stolz auf mich, er zeigt sich gern mit seiner jugendlichen und schlanken Frau.“

Die nahe liegende Frage, inwieweit diesem „Wissensregime“ damals nicht nur die Frauen unterworfen waren, sondern auch die Männer, wird in der Studie ein wenig vernachlässigt. Im 19. Jahrhundert, als ein staatliches Gesundheitswesen aufkam, hatte das Interesse gerade den Männern, genauer: den Soldaten, gegolten. Nicht nur, dass die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Armeeangehörigen für die Nationalstaaten von elementarer Bedeutung war – dort waren auch am ehesten Massenerhebungen durchzuführen.

In den 1830er Jahren ging der Begründer der modernen Sozialstatistik, Adolphe Quetelet, sogar als Erfinder des „Body-Mass-Index“ in die Geschichte ein. In der Normalverteilung, also im statistischen Übergewicht des „mittleren“ Menschen über die „Mindermäßigen“ und die „Übermäßigen“, sah er den Ausdruck einer von Gott oder doch von der Natur vorgegebenen Ordnung. Der Schritt von der bloß statistischen zu einer normativen „Normalität“ war nicht weit. Frommeld zitiert den Literaturwissenschaftler Jürgen Link, der in den 1990er Jahren den Ausdruck „Normalismus“ prägte: Die statistisch ermittelten, an sich völlig wertneutralen Normalwerte gewannen eine tyrannische Kraft. Es galt als Sünde oder Schuld, nicht „normal“ zu sein.

Ganz praktisch dienten solche Erhebungen mittels der Personenwaage dazu, Maßstäbe für eine „gesunde Ernährung“ auszuarbeiten, einschließlich gesunder, aber auch kostengünstiger Speisepläne beim Militär. Oder die gesunde Entwicklung von Kindern zu überwachen. „Jeder gesunde Säugling sollte einmal wöchentlich gewogen werden“, empfahl bereits ein Ratgeber zu „Hygiene und Pflege des Säuglings“ von 1906. Was zuvor dem subjektiven Eindruck der Eltern überlassen war, sollte mit Hilfe der Waage nun quantifiziert werden.

Personenwaage im Sächsischen
Eisenbahnmuseum Hilbersdorf
Bild: Kolossos/Wikipedia 


Nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Wirtschaftswunder die Probleme mit dem Übergewicht enorm verschärfte, wurden manche Waagen sogar mit einem Ampelsystem ausgestattet. Grün bedeutete, dass sich das Körpergewicht im „Sollbereich“ befand, Gelb oder Blau signalisierten leichte Abweichungen, Rot eine massive. Also eine dringende Empfehlung, im Sinne von Gesundheit, Schönheit und Leistungsfähigkeit die eigene Lebensführung zu verändern.

Die Personenwaage legte dem Individuum die „Freiheit“ nahe, „sich selbst zu transformieren“, schreibt Frommeld. In der Konsequenz aber auch eine Pflicht. Vor einem halben Jahrhundert wies der Philosoph Michel Foucault darauf hin, dass in unserer modernen Gesellschaft  soziale Kontrolle ganz wesentlich über eine Verinnerlichung von Werten und Geboten abläuft. Messinstrumente wie die Personenwaage gaben den Werten und Geboten ihr wissenschaftliches Gewand.

Seit den 1970er Jahren hat sich der sogenannte „BMI“ als Beschreibung des Normalgewichts weitgehend durchgesetzt, 1997 verlieh ihm die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen einen quasi amtlichen Status. Freilich – die nackten Zahlen müssen interpretiert werden. „Was ist noch schlank – was schon mager?“, fragte bereits 1959 die „Brigitte“. Neben Ratschlägen für eine „leichte Kost“ bot die Zeitschrift auch eine „Mastkur“, denn: „Dünne müssen es auf ein Körpergewicht von mindestens 60 Kilo bringen.“

Dabei sind die Gefahren der Magersucht heute viel stärker im allgemeinen Bewusstsein als vor einem halben Jahrhundert. Manches, was damals in den Illustrierten zu lesen war, würde heute sicherlich niemand mehr schreiben. Männer, zitiert Frommeld aus „Brigitte“, wüssten oft viel besser als die Frauen selbst, bei welchem Gewicht eine „gute Figur“ endet. „Ihnen galten eckige Glieder, dünne Arme und Beine, knochige Gesichter und eine flache Brust noch nie als Schönheitsideal.“

Was ist „gesund“, je nach Geschlecht, Körpergröße, Lebensalter und Körperbau? Und inwieweit lassen wir uns bei der Frage nach der Gesundheit vielleicht auch von unseren ästhetischen oder erotischen Wünschen in die Irre führen? „Der Orientale findet seine Frau nur dann als ‚richtig‘ und ‚schön‘“, war 1962 in einem Ernährungshandbuch zu lesen, „wenn sie für unser europäisches Empfinden viel zu fett ist. Unser Schönheitsideal ist schlanker als das Schönheitsideal unserer Großväter.“

Bedenken, die von den Herstellen der Personenwaagen bald aufgegriffen wurden. Frommeld hat Waagen gefunden, bei denen die Tabelle mit der Angabe eines „Optimalgewichts“ austauschbar war, um die Unterschiede, die Kultur und Milieu, Lebenswandel und Beruf mit sich bringen, berücksichtigen zu können. In den letzten Jahren sind Waagen populär geworden, die neben dem Körpergewicht insgesamt auch den Anteil von Wasser, Knochen- und Muskelmasse sowie Körperfett ermitteln können. Bei manchen Geräten können die Ergebnisse von einer Computerstimme wiedergegeben werden – das verstärkt die Illusion, sich sozusagen in Kommunikation mit einem Arzt zu befinden, der zu einem gesünderen Lebenswandel rät.

Oder gleich mit einem Beichtvater – nur dass die Waage „Sünden“ zwar registrieren, aber leider nicht vergeben kann. Übergewicht, das auf einen „falschen“ Lebenswandel zurückgeht, gilt als schuldhaft. Wenn es in der politischen Diskussion um Einsparungen im Gesundheitssystem geht, taucht gelegentlich der Gedanke auf, Übergewichtige vom Versicherungsschutz auszuschließen.

Neben die Personenwaagen sind heute ergänzend Fitnessarmbänder und Schrittzähler getreten. Und die Gesundheits-„Apps“, die sich aufs Smartphone laden lassen, um die von der Waage ermittelten Daten in Ratschläge für einen besseren Lebenswandel zu transformieren. Gab es jemals in der Geschichte eine Gesellschaft, in der die Verantwortlichkeit des Individuums für sich selbst und für seinen Körper, die „Selbstdisziplinierung“ zwecks Gesundheit und Leistungsfähigkeit, Schönheit und sexueller Attraktivität so groß geschrieben wurden wie in der unsrigen?

Haushaltsübliche Personenwaage
Bild: Frank C. Müller/Wikipedia 


Zwei boomende Wirtschaftszweige unserer Gegenwart, darf man getrost unterstellen, profitierten ganz wesentlich davon, dass uns die Personenwaage so etwas wie einen Appell zurückzusenden scheint, den Kampf gegen die „Pfunde“ endlich aufzunehmen. Erstens die Fitnessstudios, in denen viele von uns, halb freudig, halb verzweifelt, einen Ausgleich zum Alltag vor Schreibmaschine oder Computer suchen. Und zweitens die Diätprodukte. Frommeld hat eine Anzeige von 1969 gefunden, für sogenannte „Schlankheitskörnchen“. „Schlank werden und bleiben“, versprach die Firma, „ohne Fasten oder anstrengende Gymnastik“. Damit wir uns, mit dem Ausdruck aus „Brigitte“, auf der Waage nicht „schämen“ müssen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Deborah Frommeld: Die Personenwaage. Ein Beitrag zur Geschichte und Soziologie der Selbstvermessung, transcript Verlag, Bielefeld 2019, 370 S., ISBN 978-3-8376-4710-5, 39,99 €


Mehr im Internet:

Personenwaage - Wikipedia
Deborah Frommeld: Die Personenwaage,transcript Verlag
scienzz artikel Alltag

 

 

 

 

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