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18.11.2018 - IDEENGESCHICHTE

Region des Unheils, Wiege der Voelker, touristisches Sehnsuchtsziel

Eine Kulturgeschichte des Mythos vom Norden

von Josef Tutsch

 
 

Polarlicht bei Akranes, Island
Bild: Theo Schacht/Wikipedia

Das Nordlicht, die „Aura borealis“, sollen die alten Germanen geglaubt haben, sei der Glanz auf den Rüstungen der Walküren, die nach einer Schlacht die gefallenen großen Helden nach Walhall führen würden. „Blutige Wolken wandeln über den Himmel“, heißt es noch in der isländischen „Njalssaga“ aus dem 13. Jahrhundert. „Die Luft ist rot, von Blut getränkt, so schön konnten die Walküren singen.“

Das Nordlicht – eines der Elemente, die den Mythos vom Norden begründeten. Irgendwann in den 1630er Jahren entstand das Schlagwort „Ex septentrione lux“, „aus dem Norden kommt das Licht“. Es war eine Variation des uralten „Ex oriente lux“, das den Sonnenaufgang meinte, und zunächst wohl als Paradox gemeint: Ausgerechnet aus dem Norden kam mit König Gustav Adolf von Schweden die Heilsgestalt, die mit ihrem Eingreifen in den Dreißigjährigen Krieg den deutschen Protestantismus rettete.

Wenige Jahrzehnte später bereits jedoch deutete der schwedische Gelehrte Olaf Rudbeck den Satz ins Welthistorische um: Die Hauptstadt des sagenhaften Atlantis, behauptete Rudbeck, sei Uppsala gewesen, das „Licht“ der Kultur komme aus dem Norden. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde der Satz zum Slogan all jener, denen es nicht einleuchtete, dass die Hochkulturen am Mittelmeer und in Vorderasien entstanden sein sollten.

Der Sachbuchautor Bernd Brunner hat jetzt eine Kulturgeschichte dieses Mythos vom Norden vorgelegt. Im Indogermanischen, erläutert Brunner, muss das Wort, auf das unser „Norden“ zurückgeht, soviel wie „links vom Sonnenaufgang“ bedeutet haben. Dass sich der Norden auf unseren Karten oben befindet, ist natürlich bloß eine Konvention. Auf islamischen Karten aus dem Mittelalter befand er sich unten. Europäische Kartographen dieser Zeit ordneten ihn links an, da für sie der Osten als eine ausgezeichnete Himmelsrichtung nach oben gehörte. Seit dem 16. Jahrhundert setzte sich wieder durch, was bereits in der Spätantike üblich gewesen war: den Norden oben anzusiedeln. „Einen wirklich logischen Grund gibt es dafür nicht.“

Um 600 v. Chr. hatte der Prophet Jeremia gewarnt, das Unheil werde in Gestalt der „Völker aus dem Norden“ über Juda hereinbrechen. Als im frühen Mittelalter die Raubzüge der Wikinger Europa verheerten, schien sich die Prophezeiung erneut zu erfüllen. Die Gelehrten ergänzten diese Sicht auf eine Region des Unheils „wissenschaftlich“: Am Nordpol wurde ein gigantischer Magnetberg angesiedelt, dem man nicht zu nahe kommen durfte. Noch auf einer Karte aus dem Jahr 1508 findet sich zu Grönland die Notiz: „Der Schiffskompass bleibt nicht mehr fest, und Schiffe, die Eisen an sich tragen, können nicht zurückkehren.“

Das war eine durchaus aktuelle Warnung. Handelsgüter aus dem Norden waren seit Jahrhunderten begehrt: Elfenbein von Walrossen, der Tran von Walen, Felle und Pelze, der Kabeljau. Und nach der Entdeckung des amerikanischen Kontinents wurde sehr bald spekuliert, ob nicht entweder über eine Nordwest- oder eine Nordostpassage ein Seeweg nach China und nach Indien zu finden wäre.

Hing es mit der Spaltung Europas infolge der Reformation zusammen, dass der Norden im 16. Jahrhundert bei Teilen der intellektuellen Eliten plötzlich in Mode kam? Brunner zitiert den französischen Calvinisten Guillaume de Saluste Du Bartas, der 1578 eine Art Völkerpsychologie vertrat: „Der Mann aus Nord ist schön und hässlich der von Süd‘“, „der ein‘ arbeitet gern, der andre nur studieret“. 1748 griff der Philosoph Charles de Montesquieu diesen Gedanken auf: „Die Bewohner der kalten Länder sind kühn und mutig wie die jungen Leute, die Bewohner der warmen furchtsam wie die Greise.“ „In kalten Ländern hat man weniger Temperament, weniger Hang zum Vergnügen.“

Amalia Materna als Brünnhilde,
Bayreuth 1876, Photographie von
Joseph Albert - Bild: Wikipedia 


In den 1760er Jahren fand die neue Nordlandbegeisterung auch ihren literarischen Klassiker, als Alternative zum „südlichen“ Homer. Der schottische Schriftsteller James Macpherson hatte es sich zur Aufgabe gesetzt, in den Highlands authentische Reste uralter Poesie zu finden. Die Ergebnisse waren jedoch recht karg, Macpherson ließ sich zu eigenen Neudichtungen anregen. 1765 brachte er die „Werke des Ossian“ heraus, eines blinden keltischen Barden, der im 3. Jahrhundert gelebt haben sollte.

Die Fälschung wurde das Kultbuch der Epoche. „Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt“, ließ Goethe seinen „Helden“ Werther schwärmen. Brunner: „Dunkle Wolken schieben sich über die Landschaft, Nebel wallen, Schwerter klirren, Krieger liefern sich Schlachten, Sonne und Mond zaubern dramatische Effekt herbei – hier findet man schon alle Zutaten der Fantasyliteratur, wie sie sich bis in die Gegenwart erfolgreich fortschreibt.“

Parallel zu „Ossian“ hatte der Genfer Historiker Paul Henri Mallet seit den späten 1750er Jahren die Lieder der altisländischen „Edda“ veröffentlicht, Johann Gottfried Herder empfahl sie als „Rüstkammer eines neuen deutschen Geistes“. Aber ob nun Germanen oder Kelten – das historische Bewusstsein in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sah da zunächst keinen Unterschied, beide Völkergruppen waren Repräsentanten eines vorzeitlichen Nordens. 1772 machte der Naturforscher Joseph Banks die Welt mit einem Ort bekannt, der bald zur Pilgerstätte für all jene wurde, die von den klassischen Reisezielen Italiens übersättigt waren: „Fingal‘s Cave“ auf einer Insel der Inneren Hebriden. Die Legende brachte sie mit Macphersons sagenhaftem König Fingal in Verbindung.

Reisen nicht nur nach Schottland, sondern auch nach Island und Norwegen wurden „zu regelrechten Pilgerfahrten“, schreibt Brunner. Die Intellektuellen der Epoche deuteten die „Eingeborenen“ des Nordens mit den Kategorien eines Jean-Jacques Rousseau: wenig zivilisiert, aber damit auch unverdorben, frei und glücklich. „Die Norweger scheinen mir ein verständiges und schlaues Volk zu sein“, schrieb die englische Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft 1794 auf ihrer Skandinavienreise, „das aber wenig wissenschaftliche Kenntnisse und noch weniger Sinn für Literatur besitzt.“ Norwegen sei „der freieste Staat“, den sie jemals besucht habe.

In den 1870er Jahren wollte William Morris, der Hauptvertreter der „Arts&Crafts“-Bewegung, auf Island die vorindustrielle Idylle finden, von der er träumte. Nach seiner Heimkehr veröffentlichte er 1876 ein großes Epos „Sigurd the Volsung and the Fall of the Niblungs“. Im selben Jahr wurde in Bayreuth erstmals der gesamte „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner uraufgeführt. Zwei sehr unterschiedliche Formen der Begeisterung für den Norden und für die Vorzeit: Morris äußerte sich in einem Brief entsetzt darüber, dass Wagner seine Germanen „unter die Gaslichter einer Oper“ brachte. Für Morris war die Oper der Inbegriff moderner Dekadenz. 

1884 erschien ein Buch, das zur Popularisierung der „Germanentümelei“ mindestens ebenso sehr beitrug wie Wagners Opern: „Walhall. Germanische Götter- und Heldensagen, für alt und jung am deutschen Herd erzählt“, von Felix und Therese Dahn. Die Völker, die in der Gegenwart hoch im Norden siedeln, wusste man in Europa dagegen ganz und gar nicht zu schätzen. Nach dem Schema „Steinzeit – Bronzezeit – Eisenzeit“, das der dänische Altertumsforscher Christian Jürgensen Thomsen 1836 entwickelte, gehörten die Eskimo- oder Inuit-Völker der Arktis in die Steinzeit.

Primitive „Naturvölker“, wie man damals sagte. Dass sie „durch ihre in mehreren Jahrtausenden erworbene Erfahrung im Umgang mit lebensfeindlichen Bedingungen den europäischen Eindringlingen haushoch überlegen waren“, wurde erst um 1900 allmählich zur Kenntnis genommen. Noch 1886 wollte Clement Markham, der Präsidenten der Royal Geographic Society, besser wissen, wie eine Fortbewegung in der Arktis zu bewerkstelligen sei: „No ski. No dogs.“

Werbung für Hagenbeck Tierpark
in Hamburg, 1910
Bild: Wikipedia


Zurück zu Richard Wagner. Als der seine „germanischen“ Helden auf die Bühne bracht, lag die Theorie des französischen Diplomaten Joseph Arthur de Gobineau von der „Ungleichheit der Menschenrassen“ der Öffentlichkeit bereits ein Vierteljahrhundert lang vor. Die Bibel hatte den Ursprung der Menschheit im Paradies angenommen, irgendwo im Osten. Die Romantiker hatten an Indien gedacht. Gobineau ortete „die Quelle der Völker, den Mutterschoß der Nationen“ an der Ostseeküste und auf der skandinavischen Halbinsel. Jedenfalls soweit es um die höherwertigen Menschen ging, die „Arier“, die „hommes honorables“.

In den folgenden Jahrzehnten wurde Gobineaus Phantasie  immer und immer wieder neu aufgegriffen. 1885 wollte der Präsident der Boston University, William F. Warren, beweisen, das Paradies der Bibel müsse am Nordpol gelegen haben. 1906 behauptete ein gewisser Georg Biedenkapp, die Erfindung von Rad und Wagen, „überhaupt der Beginn einer Naturwissenschaft“, sei nur im hohen Norden denkbar.

Spekulationen, die in Skandinavien, bemerkt Brunner, übrigens niemals eine große Rolle spielten. In Deutschland dagegen trug die Begeisterung für die alten Germanen wesentlich zum „nation building“ bei. Als Kaiser Wilhelm II. 1889 zu seiner ersten Reise nach Norwegen aufbrach, kommentierte die Zeitschrift „Volk“: „Der erste aller Germanen grüßt jene wunderbaren Küsten, an denen Nordlands Recken das Meer bezwingen, den Mut zu weltgeschichtlichen Taten stählen gelernt haben.“

1922 veröffentlichte der Philologe Hans Friedrich Karl Günther seine „Rassenkunde des deutschen Volkes“. Er hatte entdeckt, die „nordische Rasse“ habe sich nur in der Region um den Vätternsee, im südschwedischen Småland, „rein“ erhalten. Blieb allerdings die Frage, warum die Kultur der Germanen hinter jener der Griechen doch deutlich zurückstand. Adolf Hitler fand in „Mein Kampf“ eine Antwort: Die Herbheit der nordischen Heimat habe die Entwicklung der schöpferischen Kräfte behindert.

Heute ist der Kult des Nordens weniger eine ideologische, mehr eine touristische Angelegenheit. Das Nordkap ist eines der großen Sehnsuchtsziele der Gegenwart, vergleichbar etwa Capri oder Hawaii. Obwohl es dort im Grunde, vermerkt Brunner, „gar nicht viel zu sehen gibt“. Außer manchmal dem Nordlicht und natürlich der Mitternachtssonne, immerhin zehn Wochen lang jedes Jahr. Der erste Tourist, der das Nordkap erreichte, allerdings mitten in der immerwährenden Dunkelheit des Winters, soll der italienische Geistliche Francesco Negri gewesen sein, 1664. Er wollte das Leben der Lappen oder Samen erforschen und war von der Religion, die ihm als Teufelsanbetung vorkam, einigermaßen entsetzt. Andererseits war er auch fasziniert: „Die Lappen sind bessere Philosophen als Diogenes, der eine ganze Tonne für sich haben wollte. Denn sie sind sogar mit noch weniger glücklich.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Bernd Brunner: Die Erfindung des Nordens. Kulturgeschichte einer Himmelsrichtung, Verlag Galiani, Berlin 2019, 318 S. mit zahlr. Kart. und Ill., ISBN 978-3-86971-192-8, 24,00 €


Mehr im Internet:

Norden - Wikipedia 
Bernd Brunner: Die Erfindung des Nordens, Verlag Galiani
scienzz artikel Mythen in der Geschichte 


 

 

 

 

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