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24.11.2019 - GESCHICHTE

Aus dem Lehnstuhl in die weite Welt

Eine Geschichte der Entdeckungsreisen

von Josef Tutsch

 
 

Weltkarte von A-Idrisi (nach Süden
ausgerichtet). um 1154
Bild: Wikipedia

Wenn um 1410 oder 1420 ein Beobachter vom Mars gefragt worden wäre, von welcher Kultur  in den folgenden Jahrhunderten die „Entdeckung“ der Meere und Kontinente auf der Erde ausgehen würde – sicherlich hätte er auf China getippt. 1405 war von Nanjing eine kaiserliche Flotte unter Admiral Zheng He ausgelaufen. Bereits auf ihrer ersten Expedition erreichte sie Indien, später auch den Persischen Golf und die Küste Ostafrikas.

Doch die Begeisterung in China für solche Entdeckungsreisen hielt sich in Grenzen. „Die konfuzianischen Hofbeamten hielten das Flottenprojekt für Verschwendung“, berichtet der britische Sachbuchautor und Dokumentarfilmer Edward Brooke-Hitching, der vor einigen Jahren mit einem Buch über „Irrtümer und Lügen auf Landkarten“ einen internationalen Erfolg landete, jetzt in seinem neuen Buch zum Thema „Entdeckungsreisen“. „Die riesigen Schiffe waren einfach zu teuer und brachten wenig Ertrag.“

Nicht dass der Seehandel dann völlig eingestellt worden wäre. Aber nachdem Zheng He 1433 von seiner letzten Reise zurückgekehrt war, wurde die große kaiserliche Flotte stillgelegt. Zwei Jahre später umfuhr der Portugiese Gil Eanes das Kap Bojador oder Boujdour an de westafrikanischen Küste und leitete damit jene Epoche ein, die wir aus europäischer Perspektive gern das „Zeitalter der Entdeckungen“ nennen.

Brooke-Hitching stellt in seinem neuen Buch drei Dutzend großer Entdeckungsreisen vor, angefangen bei jener ägyptischen Flotte, die im 6. Jahrhundert v. Chr. Südafrika umrundet haben soll. Der deutsche Untertitel „Die abenteuerlichen Reisen der großen Seefahrer, Entdecker und Forscher“ ist allerdings ein wenig schief. Das englische Original klingt sachlicher. Von „Abenteuern“ ist dort nicht die Rede, „great“ sind auch nicht die Akteure, sondern die „Explorations, Quests and Discoveries“ selbst.

Viel mehr als um Abenteuer geht es Brook-Hitching um den Fortschritt der geographischen Kenntnis, wie er sich in den Werken der Kartographen widerspiegelte. In dem prachtvoll ausgestatteten Band sind denn auch einige Dutzend alter Karten abgedruckt. Ein beliebter Eintrag lautete „Terra incognita“ – überall dort, wo man etwas vermuten durfte, aber leider noch nichts wusste. Oft wurde die Leere mit phantastischen Bildern ausgefüllt, auf die wir bei modernen Karten und Globen verzichten müssen.

In den Texten wird der Leser immer wieder auf die Frage gestoßen, was es eigentlich war, das die Entdecker hinaustrieb in die bislang unbekannten Weiten, bei Gefahr für Leib und Leben. Und was ihre Auftraggeber veranlasste, die nötigen Mittel zur Verfügung zu stellen. Oft genug die Gier nach materiellen Gütern, zweifellos. Als Columbus und Vasco da Gama Ende des 15. Jahrhunderts den Seeweg nach Indien suchten, ging es nicht zuletzt um Gewürze und um Gold. Auch um die Frage, ob nicht irgendwo im Osten Verbündete gegen die islamische Bedrohung zu finden wären.

Weltkarte von Battista Agnese mit Weltum-
seglung von Magalhães, 1544
Bild: Wikipedia 


War es bloß Propaganda, wenn die „Entdecker“ der frühen Neuzeit so beharrlich erklärten, sie wollten vor allem der Ausbreitung des Christentums dienen? Oder war es vielleicht eine Selbsttäuschung? Noch im 19. Jahrhundert, schreibt Brook-Hitching, gab es Weltkarten, die anzeigten, wie viel „arme Heiden“ in dieser oder jener Gegend auf ihre Bekehrung warteten. Eine solche missionarische Einstellung hat es in China nicht gegeben, auch das wird ein Grund gewesen sein, dass die Entdeckung der Erde gerade von Europa ausging.

Im Rückblick neigen wir leicht dazu, die menschlichen Unkosten, die in der Geschichte der Entdeckungsreisen angefallen sind, zugunsten der gewonnenen Erkenntnisse hintanzustellen. Eine Versuchung, die Georg Christoph Lichtenberg in einem seiner „Sudelbücher“ trefflich persifliert hat: „Der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.“

Opfer wurden am Ende aber auch viele der Entdecker selbst. Im September 1519, vor gerade 500 Jahren, verließ eine Flotte von fünf Schiffen mit insgesamt 270 Menschen an Bord Spanien. Sie sollte einen Weg zu den ostindischen „Gewürzinseln“ suchen, abseits der Route um Afrika, die von den Portugiesen kontrolliert wurde. Im September 1522 kehrte ein einziges Schiff mit gerade mal 18 Besatzungsmitgliedern zurück. Der Befehlshaber Fernão de Magalhães war auf den Philippinen ums Leben gekommen.

Rein ökonomisch betrachtet, scheint sich das Unternehmen dennoch gelohnt zu haben: „Die mitgebrachte Nelken-Ladung war so wertvoll, dass sie nicht nur die Kosten der Expedition deckte, sondern sogar einen schönen Gewinn brachte“, schreibt Brook-Hitching. „Noch wichtiger“ – zumindest in der Perspektive der Nachwelt – „waren die Erkenntnisse der Expedition“: Erstmals war die Erde umrundet worden, die Kugelgestalt konnte keinem Zweifel mehr unterliegen. In dem Band ist eine französische Weltkarte aus den 1540er Jahren abgebildet, die heutigen Weltkarten schon recht ähnlich sieht. Nur Australien fehlt noch, die nördlichen Umrisse von Amerika und Eurasien verschwimmen im Ungewissen.

Eine große Wende in der Geschichte der Entdeckungsreisen brachte die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts: Nun erst kam die wissenschaftliche Neugierde als eigenständiges Motiv in Frage, neben den handfesten ökonomischen und politischen Interessen, die natürlich weiter ihre Rolle spielten. „Geographie ist eine Wissenschaft der Fakten“, verkündete der Franzose Louis-Antoine de Bougainville, der 1768 Tahiti erreichte, das Credo des neuen Zeitalters. „Man kann nicht vom Lehnstuhl aus spekulieren, ohne Fehler zu machen, die dann Seeleute mit ihrem Leben bezahlen, wenn sie korrigiert werden.“

Die Landkarten verwandelten sich in diesem Prozess, vermerkt Brook-Hitching: „Sie zeigten weniger Fabelwesen und dafür präzisere Köpfe“, „sie wurden weniger dekorativ, aber dafür mathematischer und genauer.“ Und auch der Typus der „Seefahrer und Entdecker“ veränderte sich: Sie waren „keine ungezügelten Abenteurer mehr, sondern pragmatische Köpfe“. Ebenso wie Bougainville hatte zum Beispiel auch James Cook eine ganze Riege von Wissenschaftlern mit an Bord. Die neue Wertschätzung der Wissenschaften zeigt eine Anekdote aus dem Frankreich des Jahres 1793. Als König Ludwig XIV. zur Guillotine geführt wurde, soll er sich noch einmal umgedreht und gefragt haben: „Gibt es Neuigkeiten von La Pérouse?“

1785 hatte der König den Geographen La Pérouse zu einer Forschungsreise in den Pazifik entsandt. Die Expedition war verschollen, erst in den 1820er Jahren stellte sich heraus, dass La Pérouse bereits 1788 auf den Salomonen ums Leben gekommen sein musste. Als einer der ersten „Entdecker“ hatte er darauf verzichtet, die besuchten Länder „in Besitz zu nehmen“.

Weltkarte von Willem Blaeu, 1606
Bild: Wikipedia 


Wie komplex die verschiedenen Motive oft miteinander verschränkt waren, zeigt Brook-Hitching an der Suche nach der sogenannten „Nordwestpassage“, einem Seeweg um Nordamerika nach Asien, mit dem der Überseehandel erleichtert werden sollte. Als der englische Marineoffizier James Clark Ross im Juni 1831 auf der Boothia-Halbinsel im Norden Kanadas routinemäßig mit dem Kompass den Ort vermaß, stellte er überrascht fest, dass die Nadel nach unten zeigte: Er stand genau über dem magnetischen Nordpol – genauer: dort, wo sich der magnetische Nordpol damals befand. Die Royal Society schwenkte um und schickte Ross nun zu Forschungszwecken in die Antarktis, um auch den südlichen Magnetpol auszumachen. Doch die Expedition stockte an einer unüberwindlichen Barriere, die heute als Ross-Schelfeis bekannt ist.

Es gab nicht nur natürliche Hindernisse, die sich den Entdeckungsreisenden in den Weg stellten. 1795/96 wollte der Schotte Mungo Park in Westafrika den Verlauf des Niger klären. Im Königreich Ludamar, im Grenzgebiet zwischen den heutigen Staaten Mauretanien und Niger, wurde er von den örtlichen Machthabern gefangen genommen. „Bei einer Versammlung berieten die Kidnapper, ob man Park töten oder ihm nur die Hand abhacken solle. Den meisten Beifall fand der Vorschlag, ihm die Augen auszustechen.“

Erzählte jedenfalls Park selbst später dem europäischen Publikum. Abenteuer gehören zu den Entdeckungsreisen mit dazu. Und natürlich auch die Begegnung mit fremdartigen Bräuchen. Wider alles Erwarten wurde Park „unbeschädigt gelassen“, „durfte sogar einer Hochzeit beiwohnen, und ihm wurde die Ehre zuteil, aus einer Schale mit dem Urin der Braut bespritzt zu werden. ‚Da dies als ausgezeichneter Brauch der Gunst galt, trocknete ich mein Gesicht ab und sandte der Dame meine schönste Danksagung.‘“

Es gab sogar Entdecker, die sich kleinerer oder größerer Betrügereien schuldig machten. Heute gilt es als sehr wahrscheinlich, dass der Amerikaner Frederick Cook im April 1908 nicht einmal in der Nähe des Nordpols gewesen ist, sondern der internationalen Öffentlichkeit etwas vorgelogen hat. Ob Robert Peary im April 1909 dann wirklich den Nordpol erreichte, sei aber auch nicht restlos geklärt, schiebt Brook-Hitching gleich hinterher.

Wenn die „großen Seefahrer, Entdecker und Forscher“ sich nicht selbst zur Legende machten, dann tat es oft die Nachwelt. „Mit den kühnen Entdeckungen der Wikinger wurde der Rahmen des ptolemäischen Weltbildes durchbrochen“, begeisterte sich im späten 19. Jahrhundert der schwedische Polarforscher Adolf Erik Nordenskiöld, der als erster Seefahrer die Nordostpassage bezwungen hatte, an der Entdeckung von „Vinland“ um das Jahr 1000. Die Wirklichkeit des frühen Mittelalters war viel profaner: Soweit die Entdeckung in Europa überhaupt zur Kenntnis genommen wurde, ahnte niemand, dass sich hinter Vinland ein neuer Kontinent verbarg.

Vieles in der Geschichte der Entdeckung der Erde ist bis heute von Legenden überwuchert. „Durch reine Deduktion ermittelte der arabische Universalgelehrte al-Biruni die Existenz Amerikas im Jahre 1037“, schreibt Brook-Hitching. Tatsächlich, mit dieser Vermutung traf al-Biruni das Richtige. Aber die „Deduktion“ war eben doch ein Verfahren der „Lehnstuhlwissenschaft“ und insofern für Fehler anfällig: Al-Biruni setzte voraus, um das Gleichgewicht der Erdkugel zu gewährleisten, müssten die Landmassen einigermaßen gleichmäßig verteilt sein.

Es war dieselbe Voraussetzung, die zahllose Geographen verleitete, die Existenz eines riesigen „Südkontinents“ als gesicherte Erkenntnis anzunehmen. Und zahllose Kartographen zeichneten diese „Terra australis“ auf ihren Weltkarten ein, mit frei phantasierten Umrissen, oft freilich mit dem vorsichtigen Zusatz „incognita“. Erst die  Entdeckungsreisen der frühen Neuzeit entlarvten den Südkontinent als Legende.

Der Fehler in al-Birunis Argumentation schmälert natürlich nicht den Umstand, dass die geographische Wissenschaft der Muslime vor einem Jahrtausend viel höher entwickelt war als jene der Christen. Und offenkundig war auch ihre Neugier nach der weiten, bislang unbekannten Welt viel größer. Brooke-Hitching zitiert den Propheten Mohammed: „Sucht nach Erkenntnis, auch wenn ihr dafür bis nach China gehen müsst.“ Irgendwann im späten Mittelalter kehrten sich die Verhältnisse um, derart drastisch, dass die Welt in den folgenden Jahrhunderten von Europa aus „entdeckt“ wurde. Mit allen Folgen von Kolonialismus und Imperialismus, die bis heute unsere Welt prägen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Edward Brooke-Hitching: Der Goldene Atlas. Die abenteuerlichen Reisen der großen Seefahrer, Entdecker und Forscher, aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff, dtv, München 2019, 256 S. mit vielen farb. Abb., ISBN 978-3-423-28207-9, 30,00 € [D], 30,90 € [A], 35,90 CHF


Mehr im Internet:

Entdeckungsreisen - Wikipedia 
Edward Brooke-Hitching: Der goldene Atlas, dtv 
scienzz artikel Zeitalter der Entdeckungen

 

 

 

 

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