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30.11.2019 - WIRTSCHAFT

Preis des Ueberflusses

Eine Geschichte der Wegwerfgesellschaft

von Josef Tutsch

 
 

Schrotthaufen in Berlin, 2007
Bild: Sebastian Müller/Wikipedia


Erinnern Sie sich noch? „Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt!“, sang 1982 die Gruppe „Geier Sturzflug“, „wir steigern das Bruttosozialprodukt!“ „Der Abfalleimer geht schon nicht mehr zu,“ „die Gabentische werden immer bunter, und am Mittwoch kommt die Müllabfuhr und holt den ganzen Plunder.“

Der Song reflektierte das aufkommende Bewusstsein, dass die Konsum- und Überflussgesellschaft, wie sie sich in West-Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hatte, zugleich eine „Wegwerfgesellschaft“ war. Diesen Begriff prägte 1970 der Publizist Alvin Toffler in seinem Buch „Der Zukunftsschock“. Toffler, erklärt der Technikhistoriker Wolfgang König von der TU Berlin, analysierte die „sich steigernde Vergänglichkeit“ als „das Grundprinzip der Moderne“. Bereits 1960 hatte sein amerikanischer Kolleg Vance Packard von einer „throwaway mentality“ gesprochen.

König hat eine „Geschichte der Wegwerfgesellschaft“ seit dem 19. Jahrhundert vorgelegt, vom Kugelschreiber bis zum Einwegrasierer, von der Plastiktragetasche bis zum Kleidungsstück, das einmal modisch war, es aber leider nicht mehr ist und nun „weg“ kann. Irgendwann wird alles einmal weggeworfen; Leben bedeutet, dass Abfall produziert wird. Aber der Eindruck ist unabweisbar, dass dieser Prozess sich in den letzten Generationen beschleunigt und sich damit die Menge des Mülls enorm vermehrt hat. Die Wegwerfgesellschaft sei „eine perverse Steigerung der Konsumgesellschaft“, formuliert es der Umschlagtext des Buches ohne wissenschaftliche Zurückhaltung.

Noch im vor- und frühindustriellen Europa, schreibt König, waren „die anfallenden Mengen gering, und die Verwertung bereitete keine großen Schwierigkeiten.“ Jedenfalls bereitete sie der Öffentlichkeit keine Schwierigkeiten, da die Haushalte mangels sonstiger Ressourcen darauf angewiesen waren, soweit irgend möglich, alles zu reparieren oder wieder zu verwerten. Auf dem Land konnten auch menschliche und tierische Exkremente leicht als Dünger genutzt werden.

Doch „mit der Verbreitung und Verbilligung des Kunstdüngers reduzierte sich das Interesse der Bauern am städtischen Abfall.“ Der Ausweg, den Unrat in Flüsse und Seen zu leiten, verbot sich, nachdem infolge der industriellen Massenproduktion die Menge der weggeworfenen Gebrauchsgütern auf ein Vielfaches angewachsen war. Ende des 19. Jahrhunderts stieß die private Abfallbeseitigung in den großen Städten an ihre Grenzen. Viele Kommunen bauten „Sammelsysteme“ auf. Einzelne Städte bemühten sich sogar um „Mülltrennung“. Begehrt waren Altmetalle sowie Lumpen, aus denen sich Papier und Wollwaren herstellen ließen. Aber die Kosten waren zu hoch, die Haushalte spielten nur unzureichend mit. Erfolg hatte die Wertstoffsammlung nur in den Notzeiten der beiden Weltkrieg und im Nationalsozialismus, im Rahmen der Autarkiepolitik.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Mülldeponien ihren großen Aufschwung. „Man verfüllte Täler, Senken und Sümpfe oder schüttete Berge auf.“ Als Alternative entstanden Verbrennungsanlagen, die allerdings seit den 1970er Jahren wegen der Emission von Schadstoffen in die Kritik gerieten. Viel Müll wurde auch ins Ausland „exportiert“, „wo es unter teils problematischen Arbeitsbedingungen verwertet und ‚entsorgt‘ wurde“, wie König sich mit äußerster Sachlichkeit ausdrückt. Von der Wirtschaft wurde die Wegwerfmentalität zeitweise ganz offen propagiert. König zitiert einen Werbeslogan der Firma Ikea aus den 1970er Jahren: „Benutz‘ es und wirf es weg.“

Mülltrenung in Niederhofheim, 2004
Bild: Peng/Wikipedia 


Ein Produkt, bei dem uns das Wegwerfen heute zwangsläufig vorkommt, ist zweifellos das Toilettenpapier. Es kam in Europa jedoch erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf, berichtet König, und galt zunächst als Luxus. Zuvor hatte man zum Beispiel Pflanzenblätter genommen – oder auch ganz einfach Hand und Wasser. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren Kondome in Gebrauch, die gewaschen und getrocknet und dann erneut genutzt werden konnten.

Am Fall der Hygieneartikel zeigt sich: Es gab eine Zeit vor der Wegwerfgesellschaft, und im Prinzip gibt es auch weiterhin Alternativen – vorausgesetzt, der Verbraucher ist bereit, den einen oder anderen Nachteil in Kauf zu nehmen. Beispiel: der Damenstrumpf. Um 1940 revolutionierte das neu erfundene Nylon die Damenmode. Zwei Jahrzehnte später wurden Verfahren entwickelt, um die „Laufmaschen“ zu verhindern und die Strümpfe oder Strumpfhosen haltbarer zu machen. Aber „je laufmaschenfester die Strümpfe konstruiert wurden, desto weniger elastisch waren sie, saßen also schlechter und wirkten weniger elegant,“, „fühlten sich härter und rauer an“. Die Kundinnen entschieden sich für die Eleganz, gegen die Haltbarkeit.

Etwa ein Drittel des Mülls aus privaten Haushalten machen Lebensmittel aus – obwohl gerade das Wegwerfen von Lebensmitteln noch vor wenigen Generationen zu den großen Tabus unserer Gesellschaft gehörte. Das „Mindesthaltbarkeitsdatum“ wird gern mit einem Verfallsdatum verwechselt. Und in den Städten fehlen sowohl die Schweine, an die man Reste verfüttern könnte, als auch Kompostierungsmöglichkeiten.

Ganz andere Mechanismen führen zu den Unmengen an Kleidung, die im Müll landen. Noch vor wenigen Generationen war ein Kleid oder ein Anzug eine Anschaffung fürs ganze Leben, oft wurden sie an die nächste Generation weitergegeben. Natürlich gab es auch damals schon den Wandel der Moden. Die weniger Begüterten versuchten, ihn durch das Umarbeiten alter Stücke und durch das Hinzufügen von Accessoires wie Tücher oder Bänder zu bewältigen. König: „Die Kleidungsstücke wurden immer wieder geflickt und geändert, so dass sie häufig schäbig und abgetragen aussahen.“

Den Umschwung zur Wegwerfgesellschaft von heute demonstriert König an Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“, 1932. Darin wird den Kindern eine Pflicht um Konsum eingeflüstert: „Ich besitze so gern neue Kleider … Alte Sachen sind ekelhaft … Alte Sachen werfen wir weg. Lieber ausmustern als ausbessern.“ „Ich will nicht, dass du in diesem Haus Strümpfe flickst!“, mahnt Willy Loman in Arthur Millers Stück „Tod eines Handlungsreisenden“ seine Frau Linda: „Wirf sie weg!“ Zu dem „amerikanischen Traum“, den sich Loman verwirklichen will, gehört, dass die Familie sich immer wieder Neues leisten kann.

Darin lag ein Moment von „Demokratisierung“ oder jedenfalls von sozialer Egalität: Im Wegwerfen wollten breite Schichten der Bevölkerung zu der Mentalität aufschließen, die es zuvor nur bei den oberen „Zehntausend“ gegeben hatte. Die Zahl der selbständigen Schneider in Deutschland, schätzt König, schrumpfte von 1950 bis 1980 infolge der industriellen Massenproduktion von 120.00 auf 12.000. Bei einer Umfrage 2015 gab mehr als die Hälfte der Befragten an, sie habe noch niemals Kleidung zum Ausbessern zum Schneider gebracht.

Die Entwicklung wäre noch auffälliger, wenn es nicht einen Markt für Gebrauchtkleidung gäbe. Schätzungen zufolge werden zwei Drittel der Kleider, die kommerzielle Unternehmen oder karitative Organisationen sammeln, zu textilen Rohstoffen oder einfachen Produkten wie Putzlappen verarbeitet. Von dem, was als noch tragbar gilt, landen die besseren Stücke in deutschen Second-Hand-Läden, jene von mittleren Qualität in Osteuropa oder im Nahen Osten, jene von schlechterer Qualität in Afrika. Welche Auswirkungen dieser Export in den Empfängerländern hat, ist umstritten, vermerkt König: Es besteht der Verdacht, die heimische Textilwirtschaft würde ruiniert.
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Der Premierminister von Ost-Timor, Taur
Matan Ruak, bei einer Aktion zum Müll-
beseitigung, 2019 
Bild: Primw Minster of East Timor/Wikipedia 


ei Möbeln vollzog sich eine parallele Entwicklung, sicherlich ein Stück langsamer, aber dafür noch gründlicher. In den 1950ern war es noch selbstverständlich, dass Möbel nur ausgemustert wurden, wenn sie ihre Funktion nicht mehr erfüllten und nicht mehr zu reparieren waren. Aber bald mussten die Kommunen eigene „Sperrmüllabfuhren“ organisieren. Zunächst war es üblich, den Sperrmüll an bestimmten Tagen an den Straßen zu deponieren; das erlaubte es weniger Begüterten, sich mit alten, aber noch gebrauchsfähigen Möbeln einzudecken. „Heutzutage hat man die größten Schwierigkeiten, für alte Möbel dankbare Abnehmer zu finden.“

Ausführlich, am Ende jedoch ohne klares Ergebnis befasst sich König mit der Frage, ob nicht vor allem bei modernen Elektrogeräten ein Verschleiß in relativ kurzer Zeit von vornherein „eingebaut“ ist - „geplante Obsoleszenz“ lautet das Schlagwort. Das Internet ist voll von Berichten, dass zum Beispiel Tintenstrahldrucker verdächtig kurz nach dem Ablauf der gesetzlich vorgeschriebenen Gewährleistungsfrist ihren Dienst aufgeben. Neu ist das Phänomen nicht: Bereits 1976 legte der Aachener Volkswirtschaftler Burckhardt Röper eine Studie über den „geplanten Verschleiß“ vor. Röper kam zu dem Schluss, technische Produkte würden – im Prinzip ähnlich wie in der Lebensmittelbranche – auf eine gewisse Mindesthaltbarkeit hin entwickelt, um Schadenersatzansprüchen vorzubauen. Für einen „bewussten Einbau von Schwachstellen in die Produkte“ konnte er jedoch keine Anzeichen finden.

Ein Befund, dem oft und heftig widersprochen wurde. 2014 veröffentlichte die Fraktion der „Grünen“ im Deutschen Bundestag ein Gutachten, in dem das Schlagwort „Wegwerfproduktion“ aufgebracht, die Verantwortung für das Wegwerfen also einseitig der Produzentenseite angelastet wurde. Im gleichen Jahr forderte die Verbraucherkommission Baden-Württemberg, generell wenigstens eine „Mindestlebensdauer“ anzugeben. König muss die Frage nach einer „geplanten Obsoleszenz“ offen lassen und zitiert seinen Kollegen Jörg Woidasky, der 2015 achselzuckend feststellte, die Debatte zur Obsoleszenz zeichne sich „durch anekdotischen Reichtum und Faktenarmut“ aus.

Ein ganz erheblicher Teil des Wohlstandsmülls gehört übrigens gar nicht zu den Produkten selbst, sondern ist Verpackung. „Sie schützt die Waren beim Transport, bei der Lagerung und im Laden“, „die Hersteller nutzen sie als Werbefläche“, „viele Kunden finden die verpackten Waren hygienischer als die offen angebotenen“. Lange galt Plastik als das ideale Verpackungsmaterial – bis es mit dem wachsenden Umweltbewusstsein „auf die Anklagebank“ geriet. Vor allem die Plastiktüten wurden zum Signum der Wegwerfgesellschaft.

Einiges von der „Aufbereitungs-“ und „Wiederverwendungmentalität“, die dem Wegwerfen voranging, ist in der Dritten Welt erhalten geblieben. Dort, berichtet König, werden oft sogar die Müllhalden, die wir „exportiert“ haben, „mehrfach ausgelesen und zahlreiche Stoffe wiederverwertet“. „Bei den extrem niedrigen Arbeitskosten lohnt sich fast jede Verwertungsanstrengung.“ „In Überflussgesellschaften fällt mehr Abfall an, in Mangelgesellschaften weniger“, bringt König den Zusammenhang auf den Punkt.

Auf die praktische, auch politisch wichtige Frage, ob und wie sich dieser Zusammenhang auflösen lässt, geht der Historiker nicht weiter ein. Nur so viel: „Die Konsumenten werden zu entscheiden haben, auf was sie zu verzichten bereit sind.“ Oder, König spricht es nicht aus, welche Verbote durch die Politik sie akzeptieren wollen – und welche nicht.

Neu auf dem Büchermarkt:

Wolfgang König: Geschichte der Wegwerfgesellschaft. Die Kehrseite des Konsums, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2019, 168 S., ISBN 978-3-515-12500-0, 21,90 €


Mehr im Internet:

Abfall - Wikipedia
Wolfgang König: Geschichte der Wegwerfgesellschaft, Franz Steiner Verlag
scienzz artikel Wirtschaft

 

 

 

 

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