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05.12.2019 - KULTURGESCHICHTE

Fuer Europa mehr kulturelle Bruecken gebaut als andere

Eine Kulturgeschichte Italiens

von Josef Tutsch

 
 

Ambrogio Lorenzetti: Alle-
gorie der guten Regierung
(Palazzo Pubblico, Siena
(Ausschnitt), um 1339
Bild: Wikipedia

Italien sei nichts weiter als ein „geographischer Begriff“, erklärte 1847 der österreichische Staatskanzler Clemens von Metternich. Dass gut ein Jahrzehnt später ein italienischer Nationalstaat entstehen würde, vermochte er sich nicht vorzustellen. Dabei war Italien drei oder vier Jahrhunderte zuvor das kulturell führende Land Europas gewesen. Die übrigen Nationen Europas gewannen damals erst ganz allmählich ihr Selbstbewusstsein, indem sie sich gegen Italien abgrenzten.

Der Historiker Volker Reinhardt von der Universität Fribourg hat jetzt eine umfassende Kulturgeschichte Italiens vorgelegt, angefangen beim Wiederaufblühen der norditalienischen Städte im 11. Jahrhundert. Das Stichwort „Norditalien“ macht aber auch gleich ein Problem deutlich. In der Antike wurde das sogenannte „Oberitalien“ gar nicht zu Italien gezählt, sondern zu Gallien. Und gerade in den letzten Jahrzehnten wurde immer wieder in Frage gestellt, ob Italien jemals eine Einheit gewesen sei. Im industrialisierten Norden, wo die Unterstützung für den „Mezzogiorno“ zunehmend als Last empfunden wurde, kam die Parole von einer eigenen Nation „Padanien“ auf.

Reinhardt erinnert daran, wie phantasievoll die Vertreter des Risorgimento im 19. Jahrhundert die unverwechselbare Eigenheit Italiens begründeten. Der Priester Vincenzo Gioberti aus dem Piemont behauptete in seinem Buch über den „moralischen und bürgerlichen Vorrang der Italiener“, die „italianità“ gehe bis auf die prähistorischen Stämme vor der Gründung Roms zurück. Alle „künstlerischen Errungenschaften, Erfindungen und Fortschritte auf dem Weg zu höherer Humanität“, fasst der Schweizer Historiker Giobertis Argumentation zusammen, sei von Italien ausgegangen. „Die kulturelle Führungsstellung, die das atlantische und protestantische Europa seit dem 17. Jahrhundert für sich reklamierte, sei also nur angemaßt.“

Mit einer politischen Vorrangstellung in Europa oder im Mittelmeerraum war es jedoch seit der späten Antike vorbei. Um 1513 machte Niccolò Macchiavelli in seinem Buch „Vom Fürsten“ dafür die Zersplitterung des Landes verantwortlich, sie habe seine Handlungskraft nach außen geschwächt. Als der ehemalige Berater der Medici-Fürsten, Francesco Guicciardini, zwischen 1537 und 1540 eine großangelegte Geschichte Italiens im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert verfasste, kam er allerdings zu einem völlig anderen Schluss: Dass Italien, resümiert Reinhardt, das „kulturell uneinholbar führende Land Europas war, verdankte es gerade seiner extremen Vielgliedrigkeit, denn diese erzeugte eine fruchtbare Konkurrenz auf allen Gebieten“.

Auf der UNESCO-Liste der Weltkulturerbestätten steht Italien unter allen Ländern bei weitem an der Spitze. Aber man sollte sich durch den Reichtum der italienischen Kunst nicht über die historische Wirklichkeit täuschen lassen. Touristen mögen die Geschlechtertürme in den Kommunen als „malerisch“ empfinden. Gebaut wurden sie als Festungen für den Bürgerkrieg. Mit welchen Schwierigkeiten die italienischen Stadtrepubliken zu kämpfen hatten, zeigt das monumentale Gemälde des Ambrogio Lorenzetti im Palazzo Pubblico von Siena, die Allegorie der „guten“ und der „schlechten Regierung“. Offenbar sahen Lorenzettis Auftraggeber ein dringendes Bedürfnis, die politischen Akteure zu mahnen: „Wenn viele regieren, ist die Gefahr, dass sich ein einzelner zum alleinigen Gewaltherrscher aufschwingt, geringer.“

„Viele“ sollen regieren – aber eingepasst in ein Gemeinwohl-Ethos, von dessen Rigidität wir uns heute keine Vorstellung machen. An einer Stelle des Gemäldes sind Verbrecher gegen die politische Ordnung abgebildet, auf sie wartet der Henker. Unter den allegorischen Figuren fehlt, für moderne Betrachter befremdlich, ausgerechnet die Freiheit, „libertas“. Wortführer der demokratischen Nationalbewegung im 19. Jahrhundert wie Giuseppe Mazzini interpretierten die Stadtrepubliken des Mittelalters dennoch gern als Modelle von politischer Freiheit und Gleichheit.

Seit dem Barock wich die Frage nach Italiens kultureller Vorherrschaft, wie Reinhardt es formuliert, mehr und mehr einem „Rückständigkeitstrauma“. Reinhardt verweist auf die Folgen der lang anhaltenden Feudalherrschaft: Anders als in Frankreich entwickelte sich in Italien keine „starke Finanzbourgeoisie“, auch nicht wie in Deutschland ein selbstbewusstes, wenngleich politisch ohnmächtiges „Bildungsbürgertum“. Im späten 19. Jahrhundert gab Italien nur noch auf einem einzigen Gebiet in Europa den Ton an: in der Oper.

Umberto Boccioni: Die Straße dringt ins
Haus, 1911 (Sprengel Museum Hannover)
Bild: Wikipedia 


Der Nationalstaat, der 1861 begründet wurde, schreibt Reinhardt, „verstand sich als Fortsetzung einer großen, durch perfide Fremdeinwirkung abgebrochenen Geschichte“. Allerdings: Das „Risorgimento“ war keine Volksbewegung. „Für die große Mehrheit der Italiener war ‚Italien‘ ein leeres Wort, mit dem sie keinerlei Emotionen und Werte verbanden.“ Die Nationalbewegung mobilisierte, wie übrigens in Deutschland auch, zunächst eine dünne Schicht von Intellektuellen.

„Alle Versuche, das ‚Wesen‘ Italiens zu bestimmen, sind von Mythen geprägt“, konstatiert Reinhardt. „Das ist nur logisch, denn ohne Mythen gäbe es bis heute keine Nationen.“ Kulturell war Italien im späten Mittelalter die früheste der europäischen Nationen – und politisch im 19. Jahrhundert eine der spätesten. Die Italiener, resümiert Reinhardt, „mussten mit einer Geschichte leben, die einen doppelten Niedergang mit sich gebracht hatte: zuerst den Zerfall des antiken Imperiums und ab dem 17. Jahrhundert den unaufhaltsamen Abstieg von den stolzen Höhen des europäischen Kulturprimats.“

Das Risorgimento versprach, dieses „Dekadenz-Trauma“ zu heilen. Wie fragwürdig jedoch es um die Einlösung stand, zeigte sich, als um 1900 das „Vittoriano“, das gigantische Nationaldenkmal am Kapitolshügel in Rom, gebaut wurde. Leider, bemerkt Reinhardt spitz, stand der jungen Nation kein „neuer Michelangelo“ zur Verfügung. Benito Mussolini, meint der Autor, scheint die Gefahr, dass sich die faschistische Ideologie des Aufbruchs, der Jugend, der Zukunft mit einem „pathetischen Stilgemisch“ nach Art des Nationalmonuments als „reine Fassade“ entpuppen würde, durchaus gesehen zu haben. Während sein „Hofarchitekt“ Marcello Piacentini die Städte Italiens mit gigantischen Monumenten „verschönerte“, durften sich andere Architekten mit innovativen Bauten in der Nachfolge Le Corbusiers und des Weimarer Bauhauses versuchen.

In Como schuf Carlo Terragni ausgerechnet mit der „Casa del Fascio“, dem Gebäude des „Partito Nazionale Fascista“, geradezu eine Inkunabel der neueren Architekturgeschichte. In einem Punkt waren sich die beiden rivalisierenden Richtungen sogar einig: im radikalen Verzicht auf Fassadenschmuck. Dafür ließ sich Mussolini in Inschriften auf vielen seiner Bauten gern als Erneuerer des Imperium Romanum preisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel die Absage an diese Vergangenheit in Italien viel weniger entschieden aus als in der Bundesrepublik Deutschland. Reinhardt zeigt das am Beispiel der Inschrift gegenüber dem Mausoleum des Augustus in Rom: Der Name des Diktators wurde „notdürftig übergipst“, so notdürftig, dass er inzwischen längst wieder zu lesen ist.

Die Versuche, die Traumata der politischen und kulturellen Niedergänge zu bewältigen, bilden einen der roten Fäden in Reinhardts Buches. Der Untertitel „Kulturgeschichte Italiens“ könnte freilich in die Irre führen. Auf den 600 Seiten entfaltet sich keine dem Anschein nach geradlinige Entwicklung, sondern vielmehr ein Bogen von mehr als 60 Einzelbildern, die sich erst im Nachhinein für den Leser zu einer Art Mosaik zusammenfügen.

Reinhardt hatte sein Manuskript wohl gerade abgeschlossen, als im August 2018 in Genua eine Autobahnbrücke einbrach und 43 Menschen in den Tod riss. Das Unglück wurde schnell zum Signum für eine allumfassende Krise stilisiert. Das Land, heißt es im Epilog, „das Europa mehr kulturelle Brücken gebaut hatte als jedes andere – mit den Humanisten zurück zur Antike, mit der Renaissance zu neuen Bildern des Menschen, mit der Oper in neue, alle Sinne gefangen nehmende Gesamtkunstwelten – präsentierte sich jetzt als gestörte, von tiefen Verwerfungen durchzogene Formation.“

Giotto di Bondone: Der hl. Franzikus
verzichtet auf sein väterliches Erbe
(San Francesco, Assisi), um 1296
Bild: Wikipedia 


Die Brücken – ein weiteres Leitmotiv des Buches. Es waren die Bettelorden in den Städten Norditalien, die im hohen Mittelalter jene Wirtschaftsethik vorbereiteten, die wir heute mit dem Schlagwort „Kapitalismus“ verbinden – und damit, à la longue durée betrachtet, die „Brücke“ in die Neuzeit vorbereiteten. Wie kann ein reicher Mann, lautete die Frage, also jemand, der mit Geld immer mehr Geld macht, das „Nadelöhr“ aus dem Gleichnis Jesu durchschreiten und ins Paradies gelangen?

Eine Lösung war es, großzügig für karitative und kirchliche Zwecke zu spenden. Erst auf diesem Umweg emanzipierte sich das Geschäftsleben von den Fesseln der ständischen Gesellschaft. Insoweit spielte Italien eine Vorreiterrolle in Europa, und zwar bereits seit dem Mittelalter: Anders als in Deutschland oder Frankreich fanden es die aristokratischen Familien der großen Städte „niemals ehrenrührig, auf eigene Faust oder als Teilhaber an Gesellschaften Großhandel zu treiEine Vorreiterrolle, die andererseits den urban geprägten Norden umso mehr vom „Mezzogiorno“ entfremdet hat. Im Süden, stellt Reinhardt fest, ist bis heute viel vom Geist des Feudalismus erhalten geblieben. Bei vielen „kleinen Leuten“ waren die Barone sogar beliebt, in ihrer paternalistischen Haltung war oft auch ein Element von Fürsorge enthalten. Der Autor unterstellt sogar, dass die organisierte Kriminalität von Cosa Nostra und ’Ndrangheta und Camorra als eine „pervertierte Anpassung an die Moderne“ entstanden sei – sozusagen eine Alternative zur Verschmelzung von altem Adel und Finanzbourgeoisie, die das Italien des Risorgimento prägte.  1958 machte Giuseppe Tomasi di Lampedusa diese Verschmelzung zum Gegenstand seines Romans „Il Gattopardo“. In der Ballszene seiner Verfilmung, 1963, schuf Luchino Visconti eine Ikone dessen, was Reinhardt den „Sieg der Schakale“ nennt. Zum Unbehagen der Traditionsbewussten, auch in den Unterschichten, drängte sich eine neue bürgerliche Schicht in die Aristokratie.

Italien war immer wieder ein Experimentierfeld von Eliten, die sich nicht auf Tradition berufen konnten, wenn sie ihre Herrschaft legitimieren wollten. So war es, analysiert Reinhardt im ersten Kapitel seines Buches, bereits in der Monarchie der Normannen auf Sizilien im 11. Jahrhundert, noch vor dem Aufblühen der Städte im Norden. Eine Herrschaft der „Parvenüs“, von Abenteurern, stellt der Autor fest. Übrigens von sehr flexiblen, anpassungsbereiten Abenteurern. So bemühten sich die normannischen Könige, die Sprachen aller ihrer Untertanen zu beherrschen, außer dem sizilianischen Dialekt das Griechische und das Arabische. Ins Amt gebracht hatte die Abenteurer die höchste Autorität des christlichen Abendlandes, das Papsttum: Die Normannen sollten sowohl den Islam als auch die griechische Kirche auf Sizilien zurückdrängen. Ausgerechnet diese „apostolische Legation“, die ihnen im ganzen Abendland eine Sonderstellung verlieh, nutzten die Könige jedoch, um sich erst recht eine Verfügungsgewalt auch über die Kirche in ihrem Reich zu sichern.

Das gab den Vertretern des Antiklerikalismus im 19. Jahrhundert die Möglichkeit, die Normannenmonarchie zum ersten „modernen“, weil angeblich säkularen Staat der Geschichte zu verklären. Eine durch und durch unhistorische Rekonstruktion, stellt Reinhardt fest, so fragwürdig wie zum Beispiel auch der Versuch der demokratischen und liberalen Bewegung im 19. Jahrhundert, eine ungebrochene Kontinuität seit den Stadtrepubliken des Mittelalters zu postulieren. Dass der islamische Glauben der arabischen Untertanen nicht angetastet wurde, hatte nichts mit Toleranz im Sinne der Aufklärung zu tun, sondern vielmehr mit den „labilen Machtverhältnissen“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Volker Reinhardt: Die Macht der Schönheit. Kulturgeschichte Italiens, Verlag C. H. Beck, 651 S. mit 50 farb. und 100 s/w. Abb. und 5 Karten, ISBN 978-3-406-74105-0, München 2019, 38,00 €


Mehr im Internet:

Italien - Wikipedia
Volker Reinhardt: Die Macht der Schönheit, Verlag C. H. Beck
scienzz artikel Südeuropa

 

 

 

 

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