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31.12.2019 - KULTURGESCHICHTE

Mondphasen und Jahreszeiten, zwei schwer verrechenbare Groessen

Aus der Geschichte des Kalenders

von Josef Tutsch

 
 

Monatsbild für "Januar", Glasfen-
ster aus Norwich, um 1490
Bild: Wikipedia

Wer weiß, wenn die alten Römer nicht so viele Kriege geführt hätten, würden wir Neujahr vielleicht am 1. März feiern. An diesem Tag wurde in Rom die Vollversammlung zur Wahl der neuen Konsuln einberufen, die am 15. März ihr Amt antreten sollten. Im Jahr 153 v. Chr. jedoch beschloss der Senat, den Termin um zwei Monate vorzuziehen. Es war abzusehen, dass sich Anfang März ein erheblicher Teil der männlichen Bevölkerung mitsamt den Spitzenpolitikern gerade auf einem Feldzug in Spanien befinden würde, da ließ sich eine Volksversammlung in Rom schwer durchführen.

Beim 1. Januar ist es bis heute geblieben, zur Verwirrung von Lateinschülern, wenn sie erfahren, dass der „September“ vom Sinn des Wortes her eigentlich der siebente Monat des Jahres sein müsste und der „Dezember“ der zehnte. Vom Rhythmus der Jahreszeiten her betrachtet, ist dieses Neujahrsdatum ganz willkürlich. Für den Wechsel der Jahreszahl ist in unserem Kalender nur eines von Bedeutung: dass seit dem letzten Neujahr 365 oder 366 Tage vergangen sind. Im Leben der prähistorischen Agrargesellschaften dagegen gab es durchaus einen herausragenden Termin im Jahreskreislauf. Die Aussaat im Frühjahr durfte keinesfalls verpasst werden, wenn die Gemeinschaft einige Monate später nicht Hunger leiden sollte. Die Frage, ab wann man den Winter als beendet ansehen durfte, war lebens- und überlebenswichtig.

Gut möglich, dass die „Himmelsscheibe von Nebra“, die 1999 in Sachsen-Anhalt wieder ans Tageslicht kam, vor fast 4.000 Jahren als eine Art Kalender für die Landwirtschaft genutzt wurde: Man könnte beobachtet haben, dass der Stand der Plejaden am Nachthimmel zeitlich mit der Veränderung des Sonnenlaufs und also mit den Jahreszeiten korrespondierte. Der Bochumer Astronom Wolfhard Schlosser führt eine litauische Bauernregel an, die verblüffend genau zur Himmelsscheibe passt: „Das Siebengestirn in der Röte, der Ochse in der Furche.“ Übersetzt: Wenn die Plejaden in der Abendröte stehen, wird es Zeit für die Frühjahrssaat.

Bedeutsam war die präzise Beobachtung des Sternenhimmels zur Nacht und der Sonnenhöhe am Tag erst durch die „Neolithische Revolution“, die Entstehung der Landwirtschaft, geworden. In den Jäger- und Sammlergesellschaften der vielen Jahrtausende zuvor hätte eine Berechnung der Jahreszeiten wenig praktischen Nutzen gehabt. Die Menschen waren darauf angewiesen, den Wanderungen ihrer Beutetiere zu folgen. Wenn damals bereits religiöse Feste gefeiert wurden, die sich am „bestirnten Himmel über uns“ orientierten, dann sicherlich zu Neumond oder Vollmond. Anders als bei der Sonnenhöhe und beim Aufgang der Sternbilder möglich war, konnte der Wechsel der Mondphasen ohne astronomische Kenntnisse verfolgt werden.

Der Ackerbau begründete nicht nur eine neue Art des Wirtschaftens, sondern auch einen neuen, hochspezialisierten Berufsstand: den der Himmelsbeobachter und „Kalendermacher“. Dabei hatten die Kulturen in grauer Vorzeit mit demselben Problem zu kämpfen, das später auch Caesar und Papst Gregor XIII. beschäftigte: Jahr und Monat, also der Lauf der Erde um die Sonne und der Lauf des Mondes um die Erde, lassen sich miteinander nicht in ganzen Zahlen verrechnen. Zwölf Monate im Jahr sind zu kurz, dreizehn wären zu lang.

Die Geschichte des Kalenders zeigt sich als eine Folge von Versuchen, das Sonnenjahr einerseits, die zwölf Monate andererseits in Deckung zu bringen. Oder manchmal auch auf eine solchen Deckung zu verzichten, nämlich dann, wenn die Jahreszeiten in dieser oder jener Region weniger wichtig waren. So gilt im Islam bis heute ein reiner „Lunarkalender“, der Jahresbeginn „wandert“ also durch die Jahreszeiten. Das Judentum dagegen hat einen „Lunisolarkalender“, einen Mondkalender, der immer wieder durch einen Schaltmonat an das Sonnenjahr angepasst wird.

Eine Formel dafür, die den natürlichen Verhältnissen recht nahe kam, fanden babylonische Astronomen im 8. Jahrhundert v. Chr.: zwölf Jahre zu zwölf Monaten plus sieben Jahre zu 13 Monaten. Der Erfurter Religionswissenschaftler Jörg Rüpke ist zu der Vermutung gekommen, dass in den schriftlosen Kulturen im mittleren und nördlichen Europa eine ähnliche Regelung praktiziert wurde, und zwar ohne viel Mathematik und Astronomie: Wenn man nach zwölf Mondmonaten feststellte, dass es im April noch sehr winterlich war, „fragte man sich, ob nicht ‚eigentlich‘ erst März sei“.

Islamischer Kalender, 1863 (Linden-
Museum, Stuttgart)
Bild: KarlHeinrich/Wikipedia 


Auch der altrömische Kalender war ein solcher Harmonisierungsversuch. Im Museo Nazionale in Rom ist ein großformatiges Gemälde zu sehen, das um 60 v. Chr. entstanden sein muss. Neben den zwölf Spalten für die Monate von Januar bis Dezember findet sich eine dreizehnte für den Schaltmonat. Die zusätzlichen Tage wurden nicht etwa am Jahresende, sondern zwischen dem 23. und dem 24. Februar eingefügt. Eine Merkwürdigkeit, die im kirchlichen Festkalender bis heute ihre Spuren hinterlässt: Die Heiligenfeste Ende Februar werden in Schaltjahren um jeweils einen Tag verschoben.

Trotz der Schaltmonate war der altrömische Kalender jedoch nicht genau genug, um Verschiebungen gegenüber den Jahreszeiten zu vermeiden. Als Caesar 45 v. Chr. den „Julianischen Kalender“ einführte, musste er seinen Mitbürgern ein „überlanges Jahr“ von 445 Tagen zumuten, damit der Jahresanfang wieder im Winter lag. Als 1. Januar des folgenden Jahres wurde der Tag definiert, auf den damals der erste Neumond nach der Wintersonnenwende fiel.

Als erster Kalender der Weltgeschichte kam der „Julianische“ anstelle des Schaltmonats mit einem einzigen Schalttag alle vier Jahre aus. Dafür wurde der Zusammenhang mit dem alten Mondjahr völlig aufgegeben, die Länge der Monate hatte mit den Mondphasen nichts mehr zu tun. Nur die Monatsnamen vom „Quintilis“ an, dem fünften (oder in der Realität vielmehr siebten) Monat, erinnerten weiterhin an den früheren Jahresanfang im März. Nach Caesars Ermordung wurde der Quintilis ihm zu Ehren in „Juli“ umbenannt, eine Generation darauf der Sextilis in „August“. Versuche späterer Kaiser, sich ebenfalls mit einem Monatsnamen im Kalender zu verewigen, hatten dagegen keinen Erfolg.

Wenigstens ein bisschen Mondjahr kam jedoch durch das Christentum wieder in den modernen Kalender hinein: Das Osterfest liegt nicht auf einem festen Datum, es fällt jeweils auf den ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond. In der Spätantike übernahmen die Römer aus der jüdisch-christlichen Tradition die Sieben-Tage-Woche, die uns längst in Fleisch und Blut eingegangen ist.

Wie es zu der Siebenzahl kam, ist nicht ganz klar. Im alten Griechenland waren „Dekaden“ üblich, Zehn-Tage-Wochen, wenn man so will, die anders als unsere Wochen aber in jedem Monat von neuem begannen. Die dritte Dekade eines Monats wurde verkürzt. Rüpke vermutet, dass im frühesten Judentum wie vielleicht ganz allgemein im Alten Orient nur zwei „Sabbate“ im Monat gefeiert wurden, zu Vollmond und zu Neumond. Erst zur Zeit des Babylonischen Exils hätte sich die Sieben-Tage-Woche eingebürgert: eine „Rhythmisierung des Alltagsleben“, die über die Monats- und Jahresgrenzen hinweg ging und geeignet war, eine eigene Identität der jüdischen Gemeinschaft in der Diaspora zu befestigen.

In der europäischen Geschichte wurde die Sieben-Tage-Woche nur zweimal angetastet. Erstens in der Französischen Revolution, die das altgriechische System der Dekaden übernahm. Zweitens 1929 in der Sowjetunion, die sich einige Jahre lang mit einer Fünf-Tage-Woche versuchte. Die Zählung der Jahre „nach Christi Geburt“, die der Mönch Dionysius Exiguus im 6. Jahrhundert einführte, wurde sogar nur ein einziges Mal ernsthaft in Frage gestellt, in der Französischen Revolution: 1792 wurde das Jahr 1789 als „Jahr I der Freiheit“ proklamiert. Ansonsten begnügte man sich damit, den Bezug auf das Christentum durch Umschreibungen zu verhüllen, etwa „nach unserer Zeitrechnung“.

Dagegen herrschte beim Jahresanfang bis ins 18. Jahrhundert hinein große Vielfalt. Dionysius hatte an den 25. März gedacht, das Fest der Verkündigung Mariä, neun Monate vor Weihnachten: Die neue Ära sollte mit der Inkarnation des Gottessohnes in der Jungfrau Maria beginnen. So wurde es in manchen Ländern, zum Beispiel in England, auch lange praktiziert. Andere Regionen begingen das Neue Jahr zu Weihnachten oder zu Ostern. Durchgesetzt hat sich dann aber doch nach römischem Vorbild der 1. Januar. Der Jahresbeginn am 14. Juli, dem Tag des Sturms auf die Pariser Bastille, blieb Episode.

Die einzige nachhaltige Kalenderreform nach Caesar führt 1582 Gregor XIII. durch. Es hatte sich herausgestellt, dass das Julianische Jahr gegenüber dem „natürlichen“ etwas zu lang war. Gregor legte fest, dass in Zukunft etwa jeder zwanzigste Schalttag entfallen sollte. Dieses gregorianische Jahr entspricht nun beinahe perfekt dem natürlichen: Erst in gut 3.000 Jahren wird die Abweichung einen vollen Tag betragen.

Grabdenkmal für Papst Gregor XIII. in der
Peterskirche, Rom, von Camillo Rusconi
Bild: Rsuessbr/Wikipedia 


Gregor ging es allerdings nicht nur darum, dass sein Kalender dem Wechsel der Jahreszeiten entsprach. Er wollte mit dem Festkalender auf den Stand im 6. Jahrhundert zurück, als Dionysius Exiguus die Regelung des Ostertermins festgesetzt hatte. Hierzu wurden die zehn Tage vom 5. bis zum 14. Oktober 1582 kurzerhand weggelassen. Das führte zu einem Sturm der Entrüstung. Im protestantischen Deutschland warnte ein anonymes Gedicht: „Es ist ein neuer Kalender geboren, vom Papst Gregorio auserkoren […] Es ist der Papst euer höllischer Gott, der will euch führen in Angst und Not.“

Für mehr als ein Jahrhundert „hinkte“ der Kalender in den protestantischen Ländern dem in den katholischen um zehn, bald sogar elf Tage hinterher. Besonders schwer tat sich das Königreich Schweden, das im frühen 18. Jahrhundert unschlüssig zwischen den beiden Kalendersystemen schwankte. Das führte dazu, dass 1712 sogar ein „30. Februar“ eingelegt wurde – ein Datum, das in der Weltgeschichte kein zweites Mal vorkommt.

Die russische „Oktoberrevolution“ 1917 fand „eigentlich“ im November statt – die Länder Osteuropas gingen erst im 20. Jahrhundert zum Gregorianischen Kalender über. Große Teile der orthodoxen Kirchen verharren bis heute beim julianischen System, während Wirtschaft und Verwaltung gregorianisch rechnen. Ein Leben in zwei Kalendern, wenn man so will. Auch in nicht-christlichen Religionen und außereuropäischen Kulturen wird der traditionelle Kalender weiterhin gepflegt, in Konkurrenz zur „westlichen“ Rechnung. Darauf fällt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit vor allem, wenn gerade ein Neujahrsfest ansteht. So beginnt im Judentum am 19. September 2020 das Jahr 5781 seit Erschaffung der Welt. Im Islam wird Neujahr dieses Mal am 20. August gefeiert, das Jahr 1442 seit der „Hidschra“, Mohammeds Flucht von Mekka nach Medina, wird eröffnet.

Und in China wird am 25. Januar 2020 das „Jahr der Metall-Ratte“ eröffnet. Japan wechselte für alle weltlichen Belange 1873 zum gregorianischen System. Die kaiserliche Regierung nutzte diese Modernisierungsmaßnahme auch gleich dazu, den Staatshaushalt zu sanieren. Nach dem traditionellen Lunisolarkalender wäre im folgenden Jahr eigentlich ein Schaltmonat fällig gewesen. Die Staatsangestellten mussten also auf ein volles Monatsgehalt verzichten.


Auf dem Büchermarkt:

Jörg Rüpke: Zeit und Fest. Eine Kulturgeschichte des Kalenders,  Verlag C. H. Beck, München 2006, 256 S. mit 19 Abb.,  978-3-406-54218-3, 9,95


Mehr im Internet:

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