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26.12.2019 - DEUTSCHE LITERATUR

Das Alte lieben, fuer das Neue leben

Vor 200 Jahren wurde Theodor Fontane geboren

von Josef Tutsch

 
 

Theodor Fontane, Portrait von
Carl Breitbach (1883)
Bild: Wikipedia

Als er seinen ersten Roman herausbrachte, zählte er fast 50 Jahre, als er „Effi Briest“ und den „Stechlin“ schrieb, die ihm einen Platz in der Weltliteratur eintrugen, war er in seinen 70ern. Theodor Fontane, dessen Geburtstag sich am 30. Dezember zum 200. Male jährt, war der Spätling unter den großen Romanciers der deutschen Literatur. Thomas Mann nannte ihn einen „klassischen Greis“, das Gegenbild zu den „geborenen Jünglingen, die sich früh erfüllen und niemals reifen“.

1849 hatte Fontane sich entschlossen, seinen Apothekerberuf aufzugeben und als freier Schriftsteller zu leben. Es war im Jahr nach der  gescheiterten Märzrevolution. Fontane veröffentlichte politische Texte in einer radikal-demokratischen Zeitung und brachte ein Büchlein mit politischer Lyrik heraus, betitelt „Männer und Helden. Acht Preußenlieder“.

Es wird diese Bezugnahme auf die preußische Tradition gewesen sein, die es dem Demokraten zwei Jahre später erlaubte, in die Redaktion der konservativen „Kreuz-Zeitung“ einzutreten. Die Hoffnung, mitsamt seiner jungen Familie von der freien Schriftstellerei leben zu können, hatte sich nicht erfüllt. Mit Journalismus hatte Fontanes amtliche Tätigkeit wenig zu tun, eher mit „public relations“. Einige Jahre lang lebte er in England, wo er im Auftrag der preußischen Regierung Presseartikel lancierte.

Doch es gelang ihm, sich einen Freiraum zu sichern. Reportagen aus London machten das deutsche Publikum mit Alltag und Kultur einer Weltstadt bekannt, wie es sie in Mitteleuropa nicht gab. Reiseberichte aus Schottland vermittelten Eindrücke von der Wirklichkeit eines Landes, das in Deutschland bislang vor allem aus Shakespeares „Macbeth“ und aus Walter Scotts historischen Romanen bekannt war.

Es sei im Angesicht von Loch Leven Castle gewesen, erzählte Fontane später, dass ihm die Idee zu einer Artikelserie kam, die später sein großer Bucherfolg wurde. Er fühlte sich an Schloss Rheinsberg, unweit seiner Geburtsstadt Neuruppin, erinnert und kam zu dem Schluss: „Je nun, so viel hat die Mark Brandenburg auch. Geh’ hin und zeig’ es.“ Nachdem er 1859 nach Deutschland zurückgekehrt war, wiederholte er in den „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ Fontane das Rezept der Schottland-Reise: die Gegenwartsschilderung mit allerlei historischem und poetischem Material zu verbinden, das er im Studium von Sagen und Legenden, Briefen und Memoiren, Familienarchiven und Kirchenbüchern zu Tage gefördert hatte. „Ich bin die Mark durchzogen und habe sie reicher gefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Jeder Fußbreit Erde belebte sich und gab Gestalten heraus.“

Fontane selbst wunderte sich einmal, wie wörtlich und buchstäblich manche Schilderungen von den Lesern genommen wurden. Der Berufshistoriker müsse an den „Wanderungen“ doch „als an etwas für ihn Gleichgültigem vorübergehen“, meinte er 1882 im Vorwort zum vierten Band. Im Wort „Wanderungen“ habe er bereits angedeutet, dass er gar nicht den Anspruch erhebe, „unter die Würdenträger historischer Wissenschaft eingereiht zu werden.“

Es half nichts. Etwa das Kapitel über die Kolonisierung der Mark durch die Zisterziensermönche im 12. und 13. Jahrhundert oder die Passagen über Prozess und Hinrichtung des Leutnants Hans Hermann von Katte in Küstrin, der die Flucht des Kronprinzen Friedrich vom Hof seines Vaters Friedrich Wilhelm unterstützt hatte, haben das Bild ganzer Generationen vom alten Brandenburg und Preußen nachhaltig geprägt. Und als er seine ersten Romane und Erzählungen herausgebracht hatte, wurden auch sie oft als historische Dokumente gelesen. In einem Brief an seine Frau Emilie belustigte sich Fontane 1882 über eine Exkursion, die ein märkischer Geschichtsverein am Ruppiner See unternommen hatte. Auf dem Programm stand: „Schloss Wuthenow, das neuerdings durch Th. F. eine so eingehende Schilderung erfahren hat.“

Inszenierung von "Frau Jenny Treibel" am
Maxim-Gorki-Theater in Berlin (Ost), 1964
Bild: ADN/Bundesarchiv/Wikipedia 


Mit „neuerdings“ war gemeint: in der Erzählung „Der Schach von Wuthenow“. Dabei hatte ein solches Rittergut niemals existiert, es entsprang Fontanes poetischer Phantasie. „Einige der Teilnehmer haben bis zuletzt nach dem Schloss gesucht. Wenigstens die Fundamente würden doch wohl zu sehen sein.“

Sind die „Wanderungen“ ein Buch der Preußenverherrlichung, wie viele Leser im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert gern glauben wollten? Richtig ist zweifellos, dass Fontane das alte Preußen, auch seine Adelskultur, mit viel Bewunderung und Heimatliebe ansah. Aber auch mit ebenso viel Kritik, die sich im Laufe der Jahre verschärfte. „Preußen war eine Lüge“, schrieb er 1895 in einem Brief.

Nachdem die Mark Brandenburg von 1989 auch für Wanderer aus dem westlichen Deutschland wieder zugänglich war, erlebte das Buch nochmals eine Renaissance. 1995 veröffentlichte Günter Grass in seinem Roman „Ein weites Feld“ eine Hommage an seinen großen Vorgänger. Postum durfte Fontane der Enthüllung seines Denkmals in Neuruppin 1907 beiwohnen und einen ironischen Kommentar abgeben: „Natürlich haben meine braven Neuruppiner […] nicht etwa den wenig gelesenen Romancier, sondern partout – man könnte auch sagen: ausschließlich – den Dichter der Wanderungen durch die Mark ehren wollen.“

Erst 1878 erschien der erste Roman, „Vor dem Sturm“, eine Erzählung aus den „Befreiungskriegen“. Inzwischen hatte er ein regelmäßiges Auskommen gefunden, als Theaterkritiker der liberalen „Vossischen Zeitung“, die seiner eigenen politischen Position eher entsprach als die „Kreuzzeitung“. Das Vorbild Walter Scott ist unverkennbar. Doch bereits bei diesem Erstling verstand es Fontane, den historischen Stoff in Form eines Gesellschaftsromans zu verarbeiten: Die „großen“ Geschehnisse sind ihrer Pathetik entkleidet, sie werden als Erfahrungen im Alltagsleben fassbar.

Fontane hatte „seine“ poetische Form gefunden. Bis zu seinem Tod 1898 kam nun fast jedes Jahr ein neuer Roman heraus. Die meisten Bücher spielen in der Gegenwart, oft in der jungen deutschen Hauptstadt Berlin, in jenem halb bürgerlichen, halb kleinadligen Milieu, in dem auch Fontane selbst sich bewegte. Im Mittelpunkt stehen oft Frauen, denen ihr Lebensglück versagt bleibt, weil die Regeln der Gesellschaft dem entgegen stehen. Regeln, von denen viele der Figuren, auch die Männer, durchaus ahnen, dass sie unter dem Gesichtspunkt des individuellen Glücksstrebens irgendwie „falsch“ sind – und denen sie sich dennoch nicht entziehen können.

Nicht erst Baron von Innstetten in „Effi Briest“, sondern bereits der Oberst von St. Arnaud im Roman „Cécile“ weiß sich angesichts  der Gefährdung seiner Ehe und seiner „Ehre“ nur durch eine Duellforderung zu helfen. In „Irrungen, Wirrungen“ ist ein tragisches Ende vermieden, aber auch hier muss die Aussicht auf Glück geopfert werden. „Ordnung ist doch das Beste, die Grundbedingung, auf der Staat und Familie beruhen“, moralisiert eine der Figuren, „wer dagegen verstößt, geht zugrunde.“ Und wer nicht dagegen verstößt, für den kann das Leben zwar weitergehen, aber es ist ein Leben ohne „Glanz“.

In „Frau Jenny Treibel“ hat Fontane das Thema humoristisch abgehandelt. Frau Treibel, die Tochter eines Kolonialwarenhändlers, die einen Fabrikanten von Blaulaugensalz und Berliner Blau geheiratet hat, träumt der Möglichkeit nach, dass sie in anderen Lebensverhältnissen, „wo sich Herz zum Herzen findet“, vielleicht glücklicher geworden wäre. Doch wenn es „praktisch“ wird, vergisst sie rasch alle Romantik und erklärt materielle Sicherheit für den einzig ernstzunehmenden Maßstab. Wenn ihr Sohn eine Gattin wählt, soll der schöne Satz von den Herzen besser nicht gelten. Ihr Mann, der seine Herkunft von „unten“ nicht vergessen hat, findet das „unsterblich lächerlich“, wird insgeheim aber von dem Gedanken geplagt: „Wenn sie am Ende doch Recht hätte?“ „Der Bourgeois steckte ihm wie seiner sentimentalen Frau tief im Geblüt“, kommentiert der Erzähler des Romans.

Kein Zweifel, Fontanes Sympathie gilt den unangepassten Charakteren, jenen, die unter die Räder des „Regelwerks geraten. Und sein Spott wird am schärfsten, wenn es gilt, Heuchelei zu geißeln. 1888, während er sich mit ersten Plänen für „Frau Jenny Treibel“ trug, sprach er in einem Brief an seinen Sohn Theo von dem „Hohlen, Phrasenhaften, Lügnerischen des Bourgeoisstandpunktes“, „der von Schiller spricht und Gerson meint“. Gerson – das war Gerson von Bleichröder, der Bankier jüdischer Abstammung, der für Bismarcks Politik die finanzielle Grundlage schuf. Mit „Bourgeois“ meinte Fontane also einen Standpunkt, der sich „eigentlich“ als bildungsbürgerlich verstand, in der Realität aber gern und rasch bereit war, das „Wahre, Schöne, Gute“ auf Geld zu verengen.

Anders als die Dramatiker des Naturalismus vermied Fontane jedoch sorgsam jeden Anschein von „Thesenliteratur“. Seine Romane zum Thema „Ehebruch“ sind von einem fundamentalen Desinteresse für die Frage durchzogen, wer denn nun „Recht“ hat und wer „Schuld“ trägt. Am Schluss von „Effi Briest“ steht die Frage der Mutter, „ob sie nicht doch vielleicht zu jung war?“ Und dann die resignative Antwort des Vaters, die in den Redensartenschatz der deutschen Sprache eingegangen ist: „Ach, Luise, lass … das ist ein zu weites Feld.“

Fontane-Denkmal in Neuruppin, von Max
Wiese - Bild: Lienhard Schulz/Wikipedia 


Dieses Absehen von der moralischen Frage trennt den großen Roman aus Fontanes letzten Jahren von Henrik Ibens „Nora“ einerseits, Lew Tolstois „Anna Karenina“ andererseits – und verbindet ihn zugleich mit Gustave Flauberts „Madame Bovary“. Es war weniger die „unmoralisch“ scheinende Handlung, die bei Teilen des zeitgenössischen Publikums Empörung hervorrief, es war vor allem die „amoralische“ Reaktion der Titelheldin: „Mich ekelt, was ich getan; aber was mich noch mehr ekelt, das ist eure Tugend.“

Das Individuum vermag die Gesellschaft zu entlarven, doch es hat nicht die Kraft, sich ihr wirksam entgegenzustellen. Die Männer im Roman haben diese Kraft auch nicht. Der Ehemann Innstetten, der seinen Rivalen im Duell getötet hat, stellt sich im Nachhinein zweifelnd die Frage, ob die „Ehre“, die ihn dazu zwang, nicht doch vielmehr Unsinn war, pure Prinzipienreiterei. In Fontanes Romanen sind die Fragen wichtiger als die Antworten. Dass er bei allem Mitgefühl für die Opfer auch das gesellschaftliche Regelwerk vorurteilsfrei sehen wollte, zeigt ein Vermerk in seiner Theaterkritik zu Ibens „Nora“: Die „souveräne Machtvollkommenheit ewig wechselnder Neigungen über das Stabile der Pflicht […] würde die Welt in eine unendliche Wirrsal stürzen“.

„Effi Briest“ öffnete die deutsche Literatur im späten 19. Jahrhundert hin zur Weltliteratur. Als Fontane am 20. September 1898 verstarb, war die Buchausgabe seines anderen späten Romans noch nicht erschienen. Im „Stechlin“ entfaltet sich ein großangelegtes Panorama einer Gesellschaft, die sich gerade radikal verändert. Fontane selbst sprach von einem „politischen Roman“. Aber eine „politische“ Handlung gibt es nicht, Thomas Mann sprach, als er 1910 in einem kleinen Aufsatz das große Vorbild Fontane rühmte, von einer „Verflüchtigung des Stofflichen“.

Alles ist in Plauderei aufgelöst. Der Autor wird geahnt haben, dass manche Leser versucht sein könnten, daraus ein Brevier mit „Spruchweisheiten“ zusammenzustellen. „Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso richtig“, legte er seiner Hauptfigur, dem alten Dublav von Stechlin, in den Mund. Das ist nicht als Ausdruck nihilistischer Skepsis misszuverstehen. Es meint vielmehr, dass die Vielfalt des menschlichen Lebens nicht in die simple Entgegensetzung fixierter „Meinungen“ aufzulösen ist.

„Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen“, sagt eine der Figuren, „lieber mit dem Alten, soweit es geht, und mit dem Neuen nur, soweit es muss.“  Ein Satz, der Fontanes eigener politischer Haltung im Alter nahe kommen wird: Manchmal „muss“ es. Als sein letztes Wort wollte Fontane aber auch das wohl nicht stehen lassen. An anderer Stelle im Roman findet sich eine Variation: „Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben.“


Mehr im Internet:
Theodor Fontane - Wikipedia 
scienzz artikel Deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts

 

 

 

 

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