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11.12.2019 - LINGUISTIK

Siehst du des Schutzmanns Hosennaht ...

Sprachen ohne Worte, Schriften ohne Sprache

von Josef Tutsch

 
 

"Freude" in Mühlensprache
Bild: Joachim Müllerchen/Wikipedia

„Hoiho, hoiho!“, „o sei gegrüßt mir, Licht der Nacht!“ Die „Orestie“ des griechischen Tragödiendichters Aischylos beginnt mit einem Feuerzeichen. Zehn Jahre lang hat der Wächter auf dem Dach der Königsburg in Argos Nacht für Nacht darauf gewartet, dass ihm die Eroberung Trojas durch die Griechen gemeldet wird. Nun erhält er endlich die erlösende Nachricht. In der folgenden Szene tritt Königin Klytaimestra vor den Chor und erklärt mit geographischer Präzision, wie die Meldung nach Argos kam. „Hergeschickt hat in der Feuer Wechselpost ein Brand den andern“, vom Berg Ida vor den Toren Trojas über die Insel Lemnos und das Athosgebirge usw. usf. bis zum Schloss der Atriden.

Wie genau man sich diese „Post“ vorzustellen hat, ob bloß als Feuerschein, der „Ja!“ bedeuten sollte, oder vielleicht als differenzierte Zeichenfolge, wird in der Dichtung nicht erläutert. Dem Theaterpublikum im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. war der Gedanke, dass militärische Nachrichten mittels Feuer weitergegeben werden können, offenbar sehr vertraut. Ein Vorläufer des Telegraphen und der Email, wenn man so will, und zwar in einer „Sprache“, die ohne Wörter auskommen musste. Also ohne die sinnerfüllten Lautkombinationen, die in unserer alltäglichen Verwendung des Wortes „Sprache“ überhaupt erst ausmachen, und ohne die Wiedergabe solcher Laute in Schrift.

Die Duden-Redaktion hat eine Tour d‘horizon durch die Welt dieser „Kommunikation auf anderen Wegen“ zusammengestellt: „Sprachen ohne Worte“ oder Wörter und Schriften ohne Sprache. Das Spektrum reicht vom Kopfschütteln, das je nach Kultur „Nein“ oder „Ja“ bedeuten kann, bis zu den Nachrichtentrommeln im Amazonas-Urwald, von den Handzeichen im Sport bis zur „Sprache“ der Leuchttürme. Dabei trifft die Formulierung „ohne Worte“ zum Beispiel auf die „Braille“-Schrift, die 1825 der französische Blindenlehrer Louis Braille entwickelte, streng genommen, nicht einmal zu. Da werden durchaus Wörter und Sätze wiedergegeben, sogar in einer Alphabetschrift. Die uns gewohnten, mit den Augen zu erfassenden Buchstaben sind durch Kombinationen von bis zu sechs Punkten ersetzt, die sich ertasten lassen. Ganz neu war Brailles Idee übrigens nicht, wie der Leser aus dem Bändchen des Duden-Verlags erfährt. Wenige Jahre zuvor hatte der Offizier Charles Barbier einen Code entwickelt, um Buchstaben und Ziffern in erhabene Punkte umzusetzen. Zweck war, dass Soldaten an der Front ihre Befehle ohne Laterne – also auch ohne die Gefahr, vom Feind entdeckt zu werden – lesen konnten.

Nach einer ähnlichen Methode arbeitet das Morsealphabet, das der amerikanische Erfinder Samuel F. B. Morse von 1837 an für die Telegraphie entwickelte: Verschiedene Folgen von Punkten und Strichen oder Kurz- und Langzeichen bezeichnen Buchstaben oder Ziffern. 1792 hatten sich die Brüder Chappe noch damit beholfen, auf den Strecken von Paris nach Lille oder nach Toulon Signalmasten aufzustellen, auf denen ein drehbarer Balken durch die Stellung der Arme Buchstaben und Wörter weitergab. Natürlich funktionierte dieses System nur bei Sichtkontakt. Der Telegraph revolutionierte die Übertragungstechnik, blieb jedoch beim Vorbild der alphabetischen Schrift. Die berühmteste aller Morsezeichen-Folgen, das „SOS“ oder „dreimal kurz, dreimal lang, dreimal kurz“ ist wahrscheinlich aber gar nicht als Wiedergabe von Buchstaben entstanden, sondern wurde wegen ihrer Einprägsamkeit gewählt. Nach derselben Methode wie Morsealphabet und Braille-Schrift funktionieren auch das „Flaggenalphabet“, in dem Farbenmuster für die Buchstaben stehen, und das „Winkeralphabet“, bei dem mit der Flagge in verschiedener Weise geschwenkt wird. Auch hier werden manchen Buchstabensymbolen oder ihren Kombinationen umfassende Bedeutungen zugewiesen: Zum Beispiel „N über C“ heißt im Flaggenalphabet soviel wie bei Morse „SOS“.

Von vornherein nicht-alphabetisch angelegt sind dagegen die „Bliss-Symbole“, zu denen sich der österreichische Ingenieur Charles K. Bliss in den 1940er Jahren im chinesischen Exil inspirieren ließ. Bliss wollte ein universal verwendbares Schriftsystem ohne Bindung an die „natürlichen“ Sprachen entwickeln. Die Zeichen sollten nach chinesischem Vorbild ganze Begriffe ausdrücken, unabhängig von einer akustischen Wiedergabe. Eine waagerechte Schlangenlinie etwa bedeutet „Wasser“, eine senkrechte „Feuer“. Ein Mast mit Fahne ist als „Staat“ zu verstehen. Heute wird die Bliss-Schrift von Menschen genutzt, „die aufgrund motorischer Sprechstörungen kaum oder gar nicht mittels Lautsprache kommunizieren können“. Der Wortschatz wird ständig weiter entwickelt, berichtet die Duden-Redaktion. Wird das Zeichen für Staat mit drei Wasserlinien kombiniert, ist das als „Dänemark“ zu verstehen.

Um eine Schrift ohne Sprache, ganz wörtlich, handelt es sich bei der Musiknotation. Für die meisten von uns, auch wenn wir Musik durchaus lieben, ist eine Partitur ein Buch mit sieben Siegeln. Notenschrift lesen zu können, scheint nicht lebensnotwendig. Aber wie viel an Tradition ist unwiederbringlich verloren, weil wir von der Musik der alten Hochkulturen mangels Niederschrift in Noten keine Vorstellung haben können? Im 20. Jahrhundert ist die im Mittelalter entwickelte, heute international gebräuchliche Notenschrift an ihre Grenzen gestoßen, moderne Klangvorstellungen lassen sich damit nicht mehr festhalten. Andererseits hat sich für die Bewegungen beim Tanz, schreiben die Autoren des Bandes, bis heute eine verbindliche Notation noch gar nicht durchgesetzt. Verbreitet ist zum Beispiel die „Choreologie“, die der tschechische Musiker Rudolf Benesh und seine Frau Joan um 1950 entwickelten. Der Körper des Tänzers wird vom Scheitel bis zur Sohle in vier Zonen eingeteilt. Striche deuten Neigungen nach rechts oder links an, Bögen mit Pfeilen entsprechende Bewegungen.

Tauchzeichen für "Okay" - Bild: Jennifer A.
Villalovos/US Navy/Wikipedia

Viele der „Sprachen ohne Worte“, die in dem Duden-Bändchen beschrieben werden, sind von vornherein nur für ganz bestimmte Situationen entworfen. Zum Beispiel für das Ensemble von Gesten, mit denen der Dirigent das Orchester leitet. Für Dreiviertel- oder Viervierteltakt haben sich bestimmte Schlagfiguren eingebürgert. Wenn lauter oder leiser gespielt werden soll, vergrößert oder verkleinert der Dirigent sein „Schlagbild“. Die ausgestreckte rechte Hand bei gesenkter Schulter bedeutet eine Fermate, bis dann mit beiden Händen abgewunken wird. Solche Kommunikationssysteme setzen klare Absprachen voraus, einen verbindlichen „Duden“, wenn man so will. Überlebenswichtig kann das zum Beispiel im Tauchsport sein. Wenn ein Taucher viermal an der Leine zieht, signalisiert er damit dem Leinenführer „Ich komme zurück!“, legt er den rechten Arm waagerecht über die Brust, sagt das seinem Tauchpartner „Ich habe keinen Sauerstoff mehr!“ Für manche Zeichen im Unterwassersport war Phantasie nötig. Markiert ein Taucher das Reiten auf einem Pferd, will er den anderen auf ein Seepferdchen aufmerksam machen.

Allgemein bekannt sind die Körpergesten von Verkehrspolizisten: „Siehst du des Schutzmanns Hosennaht, so hast du immer freie Fahrt. Siehst du Brust oder Rücken, dann musst du auf die Bremse drücken.“ Im Prinzip ganz ähnlich arbeiten die Lotsen auf den Flughäfen: Werden die Arme wiederholt über dem Kopf gekreuzt, heißt das „Halt!“ Und die Schiedsrichter im Sport: Zum Beispiel im Eishockey meint die flache Hand des „Offiziellen“ über dem Kopf, dass ein Spieler für den Rest des Spiels ausgeschlossen wird.

Es gibt Sprachen der Post- und der Jagdhörner in Europa, Trommelsprachen in Nigeria und am Amazonas – und zum Entzücken von Touristen auf La Gomera die Pfeifsprache „El Silbo“. Die Bauern verständigen sich damit bis heute über die Talschluchten hinweg. Eigentlich handelt es sich nicht um eine Sprache „ohne Worte“, vielmehr um einen „gepfiffenen spanischen Dialekt“, der mit vier Vokalen und vier Konsonanten auskommen muss. Heute ist El Silbo, um die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren, Pflichtfach in den Schulen der Insel.

Wie die zitierte Aischylos-Szene zeigt, wurden bereits in der Antike Feuerzeichen für eine Verständigung über weite Entfernungen genutzt. Der Leuchtturm von Pharos auf einer Insel vor Alexandria, der um 300 v. Chr. entstand, gehörte zu den sieben Weltwundern. Einige Jahrhunderte später standen am römischen Limes in Germanien jeweils in Sichtweite zueinander Wachttürme, die über Lichtsignale kommunizierten. In den Städten des Mittelalters wurde das Glockengeläut verschieden eingesetzt, je nachdem ob Feuer oder ein Überfall gemeldet, eine Hochzeit oder ein Todesfall verkündet werden sollte – oder auch ganz einfach die Uhrzeit.

Einem handfesten ökonomischen Zweck diente die „Sprache der Windmühlen“. Standen die Flügel der Mühle senkrecht und waren unbespannt, hatte der Müller Feierabend; es war also nicht sinnvoll, Korn anzuliefern. Waren die Flügel in derselben Stellung bespannt, sollte das signalisieren: Es wird gerade kein Korn gemahlen; wer jetzt liefert kann sofort bedient werden. Ein Andreaskreuz, bei dem ein Flügel rechts unten nahe am Turm stand, bedeutete einen Trauerfall. Stand der Flügel links unten näher, war eine Hochzeit oder eine Geburt zu feiern. Es gab bei dieser Mühlensprache sogar „Dialekte“: Je nach Region konnten manche Zeichen unterschiedliche Bedeutung haben.

Ähnlich gibt es heute von der Gebärdensprache, die für die Kommunikation von Gehörlosen entwickelt wurde, weltweit über 200 verschiedene Varianten. Die Mimik wird viel bewusster eingesetzt als wir das in unserer Alltagssprache gewöhnt sind; etwa bei Fragesätzen werden die Augenbrauen angehoben. Mit dem gesprochenen Deutsch hat die „Deutsche Gebärdensprache“ nicht viel zu tun, es handelt sich eben um die Gebärdensprache, die in Deutschland gebräuchlich ist. Manchmal wirkt die gesprochene Sprache aber doch hinein, etwa wenn Namen wiedergegeben werden sollen. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 kam für Mats Hummels die Gebärde in Gebrauch, die sonst eine Hummel kennzeichnet, berichtet der Dudenband. Für Manuel Neuer wurde die Geste für „neu“ benutzt. Im Fall von Thomas Müller dagegen wurde auf dessen Mimik zurückgegriffen: Er war „der Lachende“.

Heinz Erhardt als Verkehrspolizist,
Denkmal in Göttingen
Bild: Axel Hindemith/Wikipedia


Die „Kommunikation auf anderen Wegen“ erfordert manchmal viel Kreativität, oft mehr als bei Verständigung in der gesprochenen Sprache nötig ist. Lange bevor die gesprochene Sprache entstand, werden unsere urzeitlichen Vorfahren „mit Händen und Füßen“ kommuniziert haben, durch ihre Körperhaltung, den Gesichtsausdruck, den Blick. Manches davon hat sich vielleicht in Form und Bedeutung niemals geändert und ist bis heute universal verbreitet. Geweitete Pupillen drücken Freude aus, verschränkte Arme signalisieren Abweisung oder Vorsicht.

Vieles andere ist von Kultur zu Kultur verschieden. „Die Zeichensprache der Hände ist ein wunderbares Verständigungsmittel“, schreiben die Autoren des Bandes. Aber auch ein Mittel, einander misszuverstehen. Selbst die Gesten für „Ja“ und „Nein“ variieren. In Westeuropa bedeutet ein Kopfschütteln ganz klar eine Ablehnung, in Bulgarien ebenso klar eine Zustimmung. Im Nahen Osten nickt man nach unten, um ein „Ja“ zu signalisieren, und nach oben für ein „Nein“.  Ein direkter Augenkontakt signalisiert bei uns Interesse, in Teilen Afrikas wird er als Flirtversuch verstanden, in Japan als unhöfliche Verletzung der Privatsphäre.


Neu auf dem Büchermarkt:
Duden: Sprachen ohne Worte. Kommunikation auf anderen Wegen, Dudenverlag, 80 S., Berlin 2019, ISBN: 978-3-411-75400-7, 10,00 €


Mehr im Internet:
Sprache - Wikipedia
Duden: Sprachen ohne Worte, Dudenverlag
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