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16.12.2019 - URBANISTIK

Laternen und Toiletten, Kioske und Haltestellen

Mini-Architekturen im Stadtraum

von Josef Tutsch

 
 

Die "Bocca della verità" in S. Maria
in Cosmedin, Rom
Bild: Dnalor01/Wikipedia

Wenn die Touristen in Paris das Centre Pompidou besuchen, nehmen sie vielleicht beiläufig zur Kenntnis, dass die nördlich angrenzende Straße nach einem gewissen Claude Philibert Barthelot de Rambuteau benannt, der in den 1830er und 1840er Jahren Präfekt des Départements Seine war. Lange vor seinem berühmteren Nachfolger Georges-Eugène Haussmann begann er damit, breite Straßen durch die eng bebaute Pariser Altstadt zu schlagen. Dutzende von Brunnen, Hunderte von Sitzbänken, Tausende von Gaslaternen wurden aufgestellt.

Wenig glücklich war er allerdings damit, dass im Pariser Sprachgebrauch sein Name bald eine andere Art von Kleinarchitekturen bezeichnete, mit denen er die Stadt verschönert hatte. „Colonnes Rambuteau“ – das sind öffentliche Pissoirs, „colonnes“ deshalb genannt, weil über den Häuschen Säulen errichtet wurden, auf denen Plakate angebracht werden konnten, Vorläufer also der späteren „Litfaß-Säulen“ in Berlin. Rambuteau versuchte, die alternative Bezeichnung „Vespasiennes“ zu lancieren, in Anspielung auf jenen römischen Kaiser, der die Proteste gegen die Besteuerung solcher Häuschen einst mit dem Satz beschieden hatte, Geld stinke nicht.

Solche „Belanglosigkeiten“ wie Laternen und Toiletten, Kioske und Haltestellen bestimmen das Bild unserer Städte im Grunde viel mehr als die touristischen „High lights“, also Kirchen und Paläste, stellt der italienische Architekt Vittorio Magnago Lampugnani, emeritierter Professor für Städtebau an der ETH Zürich, in seinem neuen Buch über „Kleine Dinge im Stadtraum“ fest. Lampugnani hat einen Überblick über die Geschichte der „Miniaturarchitekturen“ vorgelegt, mit alten Ansichten reich bebildert.

Vieles ist längst wieder verschwunden. In den Jahren um 1890, 1900 schossen die Telefonzellen aus dem Boden. Es gab, berichtet Lampugnani, Jahrzehnte lange Diskussionen über ihre Gestaltung. In England setzte sich schließlich ein Entwurf von Giles Gilbert Scott durch, der auch die neugotische Kathedrale von Liverpool baute: ein klassizistisches Gebäude mit regelmäßigen Sprossenfenstern und flachem Kuppeldach. Variationen von Scotts Häuschen kennen wir aus zahllosen Filmen. 1963 flüchtete sich Tippi Hedren alias Melanie Daniels in Alfred Hitchcocks „Vögeln“ vor dem aggressiven Gefieder in eine solche Zelle.

Der Siegeszug der Mobiltelefone hat die öffentlichen Fernsprecher beinahe aussterben lassen. Das wird den Wartehäuschen für Omnibus oder Straßenbahn und den Eingangsbauwerken für die U-Bahn vorläufig nicht passieren. In Wien gehören die Stadtbahn-Pavillons am Karlsplatz, die Otto Wagner in den 1890er Jahren erbaute, zu den Attraktionen, die man auf keinen Fall versäumen darf. Veritable Kunstwerke schuf auch der Jugendstilarchitekt Hector Guimard im frühen 20. Jahrhundert mit seinen Zugängen für die Pariser Métro. In Moskau wurden in den 1930er Jahren sowohl die oberirdischen Eingangspavillons als auch die unterirdischen Hallen zu wahren Palästen für die Arbeiterklasse ausgeschmückt.

Ein Ehrgeiz, wie er manchmal auch in der Gegenwart zu beobachten ist. „Vereinzelt, aber immer wieder wurde versucht“, schreibt Lampugnani, „die städtischen Haltestellen mit einem angestrengten ästhetischen Anspruch zu belegen, der ihrer pragmatischen Funktion und ihrer eher beiläufigen Position im Stadtraum nicht ansteht.“ Als Beispiel nennt der Autor neun „extravagante Bushaltestellen“, mit denen die Stadt Hannover 1994 einige international renommierte Architekten beauftragte.

Pissoir am Boulevard Sebastopol in
Paris, Fotografie von Charles Mar-
ville, um 1865 - Bild; Wikipedia 


An solchen Stellen wechselt der Autor aus der Rolle des Historikers in die des Kritikers. Und gelegentlich wird der architekturgeschichtliche Abriss zum Manifest, vor allem dann, wenn es um die allgegenwärtige Reklame und um Orte des Konsums geht. Lampugnani lässt keinen Zweifel daran, dass er sich in manchen Fällen rigidere Eingriffe der städtischen Behörden wünscht, um den Wildwuchs städtebaulich zu ordnen, den kommerzielle Interessen mit sich bringen. Etwa bei der Planung eines Verkaufskiosks würden private Firmen „auf Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und eine gewisse modische Eleganz“ achten; „Verantwortung für die Stadt und ihre Identität übernehmen sie nicht“.

Ob solches Vertrauen auf Behördenentscheidungen allemal gerechtfertigt ist, mag dahingestellt bleiben. Die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts zum Thema „Großstadt“ ist voll von Diskussionen über die Veränderung der Straßen durch die Schaufenster im Erdgeschoss der Häuser und die Leuchtreklame auf den Dächern. 1844 notierte der Schriftsteller Adalbert Stifter bei einem Besuch in Wien verwundert, an einigen Plätzen sei „buchstäblich streckenlang kein einziges Mauerstückchen des Erdgeschosses zu sehen“, „sondern lauter aneinandergereihte, prächtige hohe Gläserkästen, in denen das Ausgesuchteste funkelt und blitzt“. 1918 jubelte der italienische Maler Giacomo Bella, jedes Schaufenster in einer modernen Stadt würde mehr Genuss vermitteln als Ausstellungen über irgendwelche Kunst der Vergangenheit.

Vor allem die Leuchtreklame ließ aber auch ganz andere Stimmen aufkommen. Das grelle Licht würde die Pferde scheu machen, wurde bereits um 1900 geklagt. Das Geflimmer der Neonröhren einige Jahre später verstörte auch viele, die sich selbst als Teil der „Avantgarde“ ansahen. Lampugnani zitiert den Frankfurter Stadtplaner Ernst May, der in den 1920er Jahren eine städtebauliche Ordnung der „Lichtmassen“ forderte. Umgekehrt freilich wurde das Flackern des Neonlichts, das zunächst bloß ein technisches Manko war, für einige Jahrzehnte zum ästhetischen Signum der Moderne.

Die Leuchtreklame ist aus unseren Städten nicht mehr wegzudenken, sie ist beides, schreibt Lampugnani: „Verunstaltung und Zierde, Bedrohung und Bereicherung“. Zurück zur „Mini-Architektur“ in solidem Stein oder Beton. Der „Kiosk“, der freistehende Pavillon, war im 18. Jahrhundert zunächst in den Parks Mode geworden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts zog er auch in die Städte ein, angelegt oft in Form kleiner Rundtempel. Zeitungen, Blumen, Erfrischungen, Tabakwaren und Souvernirs wurden angeboten. Berühmtheit erlangte das längsovale „Bundesbüdchen“, der Kiosk im Bonner Regierungsviertel. 2006 musste es dem neuen „World Conference Center“ weichen, ein Wiederaufbau ist geplant.

Vor allem südlich der Alpen wurden die Kioske auch soziale Treffpunkte. In mitteleuropäischen Städten, vor allem in den Kurorten, kamen seit dem frühen 19. Jahrhundert eigene Trinkhallen auf. Die Städte förderten das Angebot von Wasser, Milch, Tee und Kaffee, um den Alkoholismus zu bekämpfen. In Dessau schuf Ludwig Mies van der Rohe 1932 in der Mauer des Grundstücks für die Meisterhäuser des Bauhauses eine kleine Trinkhalle, die heute als „Juwel der architektonischen Moderne“ gilt.

Ein Großteil dieser Trinkhallen ist heute verschwunden. Für die Anwohner waren sie oft ein Ärgernis: Anders als ursprünglich beabsichtigt, dienten sie oft einem ausgiebigen Alkoholkonsum. Auch  viele der öffentlichen Urinale wurden entfernt. Mangels alternativer Gelegenheiten hatten sie den Homosexuellen als Treffpunkte gedient, Marcel Proust und Jean Genet setzten ihnen in ihren Romanen ein Denkmal. In Wien ist eine prachtvolle Jugendstil-Toilette erhalten, in der Straße am „Graben“, die zum Pflichtprogramm einer Visite gehört.

Auch bei den Sitzbänken hat es immer wieder Diskussionen gegeben, ob sie nicht aus dem Stadtraum entfernt werden sollten. Vor dem Palazzo Vecchio in Florenz wurde im 14. Jahrhundert eine Rednertribüne errichtet und dazu eine umlaufende Steinbank, auf der die Zuhörer saßen. Solche Bänke schaffen Stadtgemeinschaft. Zum katalanischen „Modernismo“ in Barcelona gehören nicht nur die Häuser von Antoni Gaudí, sondern ebenso Bänke aus weich modellierten, mit Keramikscheiben dekorierten Beton und schwarz gestrichenem Schmiedeisen, die der Architekt Pere Falqués auf dem Passeig de Gràcia aufstellte.

August Macke: Frau mit Sonnenschirm
vor Hutladen, 1914 - Bild: Wikipedia 


Aber der Aufenthalt auf solchen Bänken kann auch leicht dem Verdacht aussetzen, man habe mit geregelter Arbeit nicht viel im Sinn. Im Italienischen gibt es für Obdachlose den Ausdruck „quelli delle pancaccie“, „die von den Sitzbänken“. Ein ähnliches Argument wurde zeitweise auch gegen Laternen vorgebracht: Sie könnten die Menschen dazu animieren, sich nachts unnötig auf den Straßen aufzuhalten und womöglich „sittenwidrige“ Aktivitäten zu betreiben.

In der Regel waren die Obrigkeiten jedoch eher bestrebt, durch Licht für Sicherheit und Ordnung zu sorgen, zumindest in den besseren Vierteln. Im Paris des späten 18. Jahrhunderts waren Straßenlaternen bereits so weit verbreitet, dass sie gern zweckentfremdet wurden. „Die Adeligen an die Laterne!“, „Die Adeligen werden wir aufknüpfen!“, heißt es in einer Version des bekannten Revolutionslieds „Ah! Ça ira!“ Einen Höhepunkt an Opulenz in der Gestaltung der Laternen brachte das Second Empire Napoleons III. Auf dem Platz vor der Pariser Oper sind die Kandelaber von Charles Garnier noch heute zu bewundern. Im Berlin des Dritten Reiches wollte Albert Speer die Lichtfülle mit seinen riesigen Doppelkandelabern für die „Ost-West-Achse“ dann nochmals übertreffen.

Die kleinen, scheinbar belanglosen Dinge, schreibt Lampugnani, prägen in ihrer Summe den Stadtraum im Grunde viel stärker als die großen Kirchen und Paläste. Sie tragen dazu bei, dass wir auf alten Postkarten Paris oder London, Wien oder Berlin wiedererkennen, auch wenn gerade kein Eiffelturm und keine Tower Bridge, kein Stephansdom und kein Brandenburger Tor abgebildet sind. Noch eine Kleinigkeit, die wir leicht übersehen, weil wir achtlos darüber hinwegschreiten: die Schachtdeckel. Es gab sie bereits in den antiken Hochkulturen, die berühmte „Bocca della Verità“, die heute in der Säulenvorhalle der römischen Kirche S. Maria in Cosmedin steht, wird ein Schachtdeckel über der Cloaca Maxima gewesen sein, meint Lampugnani. Durch die Löcher von Mund, Nase und Augen floss das Regenwasser ein. Im Mittelalter verbreitete sich die Legende, das rätselhafte Relief könne Lügner entlarven: Wenn man ihm die Hand in den Mund halte, werde sie womöglich abgebissen.

Erst im 19. Jahrhundert kamen die Abfallkörbe auf, als Ergebnisse eines wachsenden Hygienebewusstseins. Für Paris, schreibt Lampugnani, waren früher dunkelbraune Blecheimer mit Deckel charakteristisch, für London schwarze Gusseisenbehälter. In den letzten Jahrzehnten wurden sie in manchen Städten wieder abgebaut: Das Ziel, den Straßen- und Platzraum sauber zu halten, geriet in Konflikt mit der Furcht, sie könnten als Versteck für terroristische Sprengsätze dienen.

Ob etwas dran ist an der Legende, die französischen Kanonen, die in der Seeschlacht von Trafalgar 1805 erbeutet wurden, wären auf Londoner Straßen zu Pollern umgewidmet worden? Richtig ist wohl, meint Lampugnani, dass die Kanonenform mit ihrem Schaft und ihrer wulstartigen Mündung übernommen wurde, als Anfang des 19. Jahrhunderts in Eisen gegossene Poller aufkamen. Es gab auch den umgekehrten Vorgang: In den Studentenunruhen 1968 wurden manchmal Poller ausgerissen und als Waffen verwendet.


Neu auf dem Büchermarkt:

Vittorio Magnago Lampugnani: Bedeutsame Belanglosigkeiten. Kleine Dinge im Stadtraum, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019, 192 S. mit vielen Abb., ISBN 978-3-8031-3687-9, 30,00 € [D], 30,90 € [A]


Mehr im Internet:

Urbanistik - Wikipedia 
Vittorio Magnago Lampugnani: Bedeutsame Belanglosigkeiten, Verlag Klaus Wagenbach 
scienzz artikel Architektur

 

 

 

 

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