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08.01.2020 - KULTURGESCHICHTE

Liebe den Schlaf nicht, dass du nicht arm werdest

Der Schlaf in Kulturgeschichte und Kulturvergleich

von Josef Tutsch

 
 

Jeremy Benthams Skizze für das Panopticon,
1791 - Bild: Wikipedia

„Der Schlaf dringt herein“, beschrieb Charles Lindbergh später in seiner Autobiographie, was er empfand, als er 1927 seinen Nonstopflug von New York nach Paris durchführte, mehr als 33 Stunden lang. „Mein Körper protestiert dumpf, dass nichts, nichts, was das Leben bereithält, auch nur annähernd so begehrenswert sei wie der Schlaf.“ „Ich werde meinen Körper zwingen, wachsam zu bleiben.“

Begehrenswert – und gerade deshalb eine Versuchung, die es abzuwehren gilt. Es ist, so wird es Lindbergh gesehen haben, nicht zuletzt das Schlafbedürfnis, das die allermeisten Menschen daran hindert, „Helden“ zu werden. Schlimmer noch: das es ihnen erschwert, ihren alltäglichen Pflichten nachzukommen. Eine Einstellung, die sich bis in die Bibel zurückverfolgen lässt. „Wie lange liegst du, Fauler!“, zitiert die Kulturhistorikerin Karoline Walter in ihrem neuen Buch aus den „Sprüchen Salomos“, „wann willst du aufstehen von deinem Schlaf?“ „Ja, schlafe noch ein wenig […], so wird dich die Armut übereilen wie ein Räuber.“

Woraus der gute Rat folgt: „Liebe den Schlaf nicht, dass du nicht arm werdest. Lass deine Augen offen sein, so wirst du Brot genug haben.“ Walter hat eine Kulturgeschichte des Schlafes vorgelegt, die zugleich eine Kulturgeschichte des Traums ist, nicht schlafen zu müssen – und dann auch des Alptraums, nicht schlafen zu können und nicht schlafen zu dürfen. Die Verhinderung des Schlafens, die Lindbergh freiwillig auf sich nahm, ist eine verbreitete Foltermethode.

Ob Adam und Eva im Paradies eigentlich schlafen mussten? Als Gott zu dem Schluss kommt, es sei nicht gut, dass der Mensch allein bleibt, versetzt er Adam in einen tiefen Schlaf, entnimmt ihm eine Rippe und formt daraus Eva. Ansonsten, meinten viele Theologen, sei das Schlafbedürfnis ein Ergebnis der Erbsünde. „Die Ermüdung ward dem Menschen als eine Strafe nach dem Sündenfall zuerkannt“, schrieb 1768 Adoph Bogislav Grulich.

Dem Gott, als dessen Ebenbilder Adam und Eva geschaffen wurden, ist Schlaf jedenfalls fremd. „Der Hüter Israels schläft und schlummert nicht“, stellt Psalm 121 lapidar fest. Dass Gott nach seinem Schöpfungswerk am siebten Tage „ruht“, bedeutet vielmehr, dass die Schöpfung vollendet ist. Andere Religionen, berichtet Walter, haben da andere Gottesbilder. Die Götter Homers sind zwar unsterblich, aber schlafen müssen sie sehr wohl. So wird Göttervater Zeus von seiner Gattin Hera gelegentlich überlistet, indem sie ihn selig schlummern lässt.

Und in einem indischen Mythos entsteht die Welt nicht wie in der Bibel auf das Wort hin, sondern aus dem Schlaf. Während der Gott Vishnu langsam aus seinem Schlummer erwacht, wächst ihm eine Lotosblüte aus dem Bauchnabel. Der Versuch, ganzen Kulturen und Religionen so etwas wie ein psychologisches Profil zuzuschreiben, gilt mit gutem Grund als fragwürdig. Aber das reichhaltige Material, das Walter in ihrer Kulturgeschichte ausbreitet, legt in der Tat den Eindruck nahe, dass in der europäischen Kulturgeschichte, unter dem Einfluss der Bibel, eine Abwertung des Schlafes dominierte.

Im Neuen Testament, angesichts des anbrechenden Gottesreiches, wurde die biblische Mahnung zur Wachsamkeit intensiviert. „Wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallet!“, mahnt Jesus seine Jünger. Und an anderer Stelle: „Der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ In Jeremy Benthams Vorstellung von einer „panoptischen“ Architektur, 1787, sollte das ursprünglich theologische Konzept menschlich verfügbar werden. Für Bentham war Aufklärung gleichbedeutend mit „Transparenz“. Daraus folgte zum Beispiel das Postulat der Rede- und Pressefreiheit, in Gefängnissen und Krankenhäusern aber auch die Möglichkeit totaler Überwachung.

Friedrich Wilhelm Schadow: Die klu-
gen und die törichten Jungfrauen
(Ausschnitt) um 1840 (Städelsches
Kunstinstitut, Frankfurt am Main)
Bild: Wikipedia 


Das „panopticon“, wie Bentham seinen Entwurf für ein Gefängnis in London nannte, war so konstruiert, dass von einem einzigen Punkt aus alles kontrolliert werden konnte. Der Überwacher usurpierte, wenn  man so will, die göttliche Allwissenheit und Allgegenwart, die im 17. Jahrhundert, zuerst in Illustrationen zum Werk des schlesischen Mystikers Jakob Böhme, ihr Symbol gefunden hatte: das körperlose Auge, das „Auge der Vorsehung“, wie man später sagte.

Die Gefangenen in Benthams Architekturidee sollten – das Prinzip des Einwegspiegels, wie wir es aus jedem Fernsehkrimi kennt – niemals wissen, ob sie gerade überwacht wurden. Die Fremdüberwachung wurde sozusagen verinnerlicht und in eine Selbstbeobachtung transformiert, wie es 1975 der Ideenhistoriker Michel Foucault in seinem Buch „Überwachen und Strafen“ analysierte.

Da kommt es nicht überraschend, dass Bentham an den Häftlingen auch seine Idee umsetzen wollte, die „Verschwendung von Gesundheit und Zeit“, die der Schlaf in seinen Augen war, zu reduzieren. „Schlafverkürzung war für ihn ein gesellschaftliches Ideal“, schreibt Walter. „Von einer Sünde im religiös geprägten Mittelalter wurde der Schlaf – oder jedenfalls der Schlaf im Übermaß – in der Aufklärungszeit zu einem Laster und im Industriezeitalter schließlich zu einem produktionshemmenden Faktor“, resümiert Walter die abendländische Ideengeschichte.

Um 1798 schuf Francisco de Goya sein „Capricho“ mit dem Titel „El sueño de la razón produce monstruos“. Ein Mann ist an seinem Schreibtisch eingeschlafen, über ihm flattern Eulen und Fledermäuse. Wenn die Vernunft schläft, wollte Goya vielleicht sagen, übernehmen dunkle Mächte die Herrschaft. Das Wort „sueño“ ist allerdings doppeldeutig. Soll der Satz womöglich ganz im Gegenteil bedeuten, dass die Vernunft „träumt“ und in ihren Träumen selbst die Ungeheuer hervorbringt?

1946 stellte Arthur Koestler in seinem Roman „Sonnenfinsternis“ den Umgang totalitärer Regime mit dem Schlafbedürfnis von „Konterrevolutionären“ dar. Zunächst beschimpft der „Held“ N.S. Rubaschow seinen Folterer als „Bestie“, kommt dann jedoch zu dem Schluss, diese Brutalität sei notwendig, um den gesellschaftlichen Fortschritt voranzubringen: „Was wir jetzt brauchen, ist gerade eine Generation von Bestien wie du.“

Der Kampf gegen den Schlaf als ein Refugium der Unverfügbarkeit konnte nicht nur Widerständler, sondern auch die „Normal“-Bevölkerung betreffen. 1940 wurde die deutsche Wehrmacht auf ein Patent aufmerksam, das die Firma Temmler drei Jahre zuvor auf den Markt gebracht hatte. In der Bevölkerung war „Pervitin“ rasch als Mittel gegen „Hausfrauendepressionen“ populär geworden. Ließ sich damit womöglich auch der „Endsieg“ sichern? Es gab heftige Auseinandersetzungen im nationalsozialistischen Machtapparat, berichtet Walter. Schließlich hatte sich das Regime den Kampf gegen die Drogensucht auf die Fahne geschrieben.

Am Ende setzten sich die Militärstrategen gegen die Gesundheitspolitiker durch: Die Wehrmacht könne „nicht darauf verzichten, auch durch die Verwendung von Arzneimitteln […] eine vorübergehende Leistungssteigerung oder eine Durchbrechung der Ermüdung hervorzurufen“. Heute ist der Wirkstoff Methylamphetamin unter dem Namen „Crystal Meth“ als Partydroge beliebt.

Seit dem 17. Jahrhundert wurde der menschliche Körper immer wieder mit einem Automaten verglichen. Das legte den Gedanken nahe, man müsse ihn nur gelegentlich „aufziehen“, um ihn am Laufen zu halten. „Die Zeit, in welcher die Dampfkraft das All beherrscht“, war 1887 in der Zeitschrift „Gartenlaube“ zu lesen, „stellt auch die höchsten Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der menschlichen Maschine, besonders aber an den Motor der letzteren, das Nervensystem.“

Es ist aber nicht nur der Druck der Arbeit, der den Konsum von „Wachmachern“ antreibt. In den 1950ern waren in den USA „Wake-a-thons“ ein Trend. 1959 ließ sich auf dem New Yorker Times Square ein junger Mann in einem Glaskasten ausstellen. Er schaffte es, 200 Stunden lang wach zu bleiben, fiel danach allerdings in schwere Halluzinationen.

Dagegen ist es aufs höchste verpönt, in der Öffentlichkeit zu schlafen – außer allenfalls in Nachtzügen. Um zu verhindern, dass Obdachlose auf Straßen- oder Parkbänken schlafen, haben viele Städte inzwischen zu einer Maßnahme gegriffen, die im Englischen „defensive“ oder „hostile architecture“ genannt wird. Die Bänke wurden mit Kanten und Schrägen ausgestattet, die es zwar erlauben, dass man sich darauf setzt, es aber höchst unbequem machen, sich hinzulegen.

Francisco de Goya: Der Schlaf
(oder: der Traum) der Vernunft   
gebiert Ungeheuer, um 1798
Bild: Wikipedia 


Anders in asiatischen Ländern, in denen viele Menschen auf Parkbänken schlafen, ohne dass sie deshalb als „Penner“ angesehen würden. In Japan, schreibt Walter, wird Müdigkeit bei Tage als Indiz gewertet, dass man in der Nacht zuvor regsam war. Freilich lehrt der Zen-Buddhismus, „buchstäblich bis in den Schlaf hinein Haltung zu bewahren“. In japanischen Haushalten sind abgetrennte Schlafzimmer bis heute unüblich, der Mangel an Privatsphäre wird durch äußerste Körperbeherrschung kompensiert.

Auch im Abendland hat es immer wieder Gegenbewegung gegen die Dominanz des Wachheitsgedankens gegeben. Im 13. Jahrhundert, gerade während in den Städten Handel und Wirtschaft aufblühten, entwickelte der Franziskanermönch Bonaventura die Lehre vom „sopor pacis“, von einem „friedvollen Schlaf in Gott“, als der höchsten Stufe mystischer Versenkung entwickelte. Ein Jahrhundert später interpretierte der englische Mystiker Richard Rolle das „Hohe Lied“ aus dem Alten Testament als Ausdruck einer mystischen Kontemplation, die „allem Irdischen entschlafen“ sei und gerade deshalb höchste Bewusstheit in der Vereinigung mit Gott bedeute.

Rolle, meint Walter, wird sich an einer paradoxen Formulierung im Hohen Lied orientiert haben: „Ich schlafe, aber mein Herz wacht.“ Eine Traditionslinie, die sich in Deutschland bis zu Novalis‘ „Hymnen an die Nacht“ weiter verfolgen: „Heiliger Schlaf – beglücke zu selten nicht der Nacht Geweihte in diesem irdischen Tagewerk!“ Und bis zu Richard Wagners „Tristan und Isolde“: „Nie-wieder-Erwachens wahnlos hold bewusster Wunsch.“

Aus den letzten Jahren hat Walter eine Reihe von mehr spielerischen Versuchen gefunden, das Schlafen im öffentlichen Raum zu rehabilitieren. 2016 wurde in Berlin in einem ehemaligen Heizkraftwerk in Berlin das achtstündige Musikstück „Sleep“ vom Komponisten Max Richter aufgeführt. Den Zuhörern wurden statt Stühlen Feldbetten zur Verfügung gestellt – Schlafen ausdrücklich erwünscht. 2017 überraschte das Amsterdamer Rijksmuseum seinen zehnmillionsten Besucher mit dem Angebot, eine Nacht gemeinsam mit den Rembrandts und Vermeers zu verbringen. Events, die davon leben, dass sie ihr Gegenteil, eben die strikte Privatheit des Schlafens, das Postulat der Wachheit im öffentlichen Raum, als das Selbstverständliche voraussetzen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Karoline Walter: Guten Abend, gute Nacht. Eine kleine Kulturgeschichte des Schlafs, S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2019, 216 S. mit 21 s/w. Abb., ISBN 978-3-7776-2522-5, 22,90 €


Mehr im Internet:
Schlaf - Wikipedia 
Karoline Walter: Guten Abend, gute Nacht, S. Hirzel Verlag
scienzz artikel Schlaf 

 

 

 

 

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