Berlin, den 24.02.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

12.01.2020 - ARCHAEOLOGIE

Auf der Suche nach Herkunft und Heimat

800.000 Jahre Geschichte in Europa

von Josef Tutsch

 
 

Pferdekopf aus Waldgirmes
(Hessen), um 10. n. Chr.
(Saalburgmuseum, Bad
Homburg v. d. H.)
Bild: Kreuzschnabel/Wikipedia

„Die Kelten am Ursprung Europas“ war 1991 eine große Ausstellung in Venedig zur Kunst und Kultur der letzten Jahrhunderte vor und der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt überschrieben. Die Schau rückte ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, dass es eben nicht nur Griechen und Römer waren, sondern auch Völker weiter im Norden des Kontinents, die damals jene Grundlagen schufen, aus denen dann „Europa“ hervorging.

Aber hat es, über das rein Geographische hinaus, eigentlich einen Sinn, für diese frühe Zeit von „Europa“ zu sprechen? 1994 startete der Europarat eine Kulturkampagne zur Bronzezeit, in der nun sogar das 2. Jahrtausend v. Chr. als das „erste goldene Zeitalter Europas“ beschworen wurde. Oder sind etwa die mehr als 35.000 Jahre alten Skulpturen aus Mammutelfenbein, die in Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden wurden, die frühesten Zeugnisse „Europas“? Darf man womöglich den Neandertaler vor 100.000 oder 50.000 und den „Homo heidelbergensis“ vor 600.000 Jahren als „frühe Europäer“ bezeichnen?

Die Forscher des Deutschen Archäologischen Instituts, die jetzt einen umfangreichen Band zu den Erträgen archäologischer Forschung in Europa, vor allem Mitteleuropa, herausgebracht haben, verfahren tatsächlich so, wenngleich der Buchtitel dann doch ein Stück bescheidener formuliert ist: „800.000 Geschichte in Europa“ – nicht „Geschichte Europas“ oder „europäische Geschichte“. Im Untertitel des prachtvoll bebilderten Bandes ist umfassender, sozusagen universalhistorisch von „Spuren des Menschen“ die Rede.

Archäologie ist nicht bloß Erkenntnis-, sondern zugleich „Spurensuche“, Suche nach den „eigenen“ Spuren.  Als sich im 16. Jahrhundert in Deutschland, stellt ein einleitendes Kapitel zu Wissenschaftsgeschichte dar, die ersten Anfänge einer „prähistorischen“ und „provinzialrömischen“ Archäologie ausbildeten, stand dahinter die Konkurrenz mit der soviel glanzvolleren Kulturgeschichte der Länder am Mittelmeer. Archäologie war primär eine „vaterländische“ Wissenschaft. Noch im 20. Jahrhundert wurde eine bruchlose Kontinuität von den alten Germanen über das Heilige Römische Reich des Mittelalters zum Bismarckreich postuliert.

Im Nationalsozialismus waren es die „Germanen“, die als Inbegriff einer glorreichen Vergangenheit des mittleren und nördlichen Europa herhalten mussten, heute reden viele lieber von den „Kelten“. Rein linguistisch, also von Wortschatz und Grammatik her, lassen sich bestimmte Sprachen in der Tat als germanisch oder keltisch klassifizieren. Doch ansonsten verwenden heutige Archäologen, betonen die Autoren, solche Bezeichnungen nur mit allergrößter Vorsicht. Germanen und Kelten oder auch Slawen waren keine „Völker“ oder „Stämme“, die sich selbst als solche verstanden hätten.

Den Sprachen lassen sich auch keineswegs bestimmte Kunststile, die in den Grabungen fassbar werden, zuordnen: Völker, Sprachen und Kulturen sind miteinander nicht „deckungsgleich“. Mit „Rassen“, was immer dieses Wort bezeichnen mag, erst recht nicht. Bloß in einem Halbsatz weisen die Forscher darauf hin, dass die neuen Möglichkeiten der Genanalyse da durchaus missverstanden und missbraucht werden könnten. Verzichten lässt sich auf diese Erkenntnisquelle dennoch nicht. Durch die Genanalyse weiß man inzwischen: „Die meisten heutigen Europäer haben ca. 2 Prozent Neandertaler-Gene in ihrem Erbgut“.

Wie friedlich oder unfriedlich wir uns die Koexistenz von Neandertaler und „modernem“ Menschen vorzustellen haben, muss weitgehend eine Frage der Spekulation bleiben. Es könnte sein, meint der Prähistoriker Thomas Terberger, dass beim Aussterben der Neandertaler um 37.000 v. Chr. auch eine Klimaveränderung ihre Rolle spielte: Vielleicht kam diese Menschenart damit weniger gut zurecht als die Konkurrenz.

Himmelsscheibe von Nebra, um 2,000 v.
Chr. - Bild: Dbachmann/Wikipedia


Von einem „anthropogenen“, durch die menschliche Kultur verursachten oder mitverursachten Klimawandel konnte damals natürlich noch nicht die Rede sein. Aber seit sich von 7.000 v. Chr. an Ackerbau und Viehzucht in Europa verbreiteten, griff der Mensch in einem Maße in die natürliche Umwelt ein wie keine andere Lebensform. Alexander Gramsch und Knut Rassmann vermerken aber auch, dass diese „neolithische Revolution“ eine Antwort auf eine Klimaverschlechterung in dieser Epoche gewesen sein könnte. Ähnlich, wäre hinzuzufügen, wie in der Neuzeit die industrielle Revolution eine Antwort auf die „Kleine Eiszeit“ war.

Unvermeidlich begegnet der Leser beim Durchgang durch die „800.000 Jahre Geschichte in Europa“ immer wieder den bekannten Problemen von heute. „Migration ist ein ‚ur-menschliches‘ Phänomen“, schreibt Terberger. In Mitteleuropa ergab es sich vor allem aus dem Vor- und Zurückweichen des Eisschildes. Ob es in Gebieten, die wegen ihrer natürlichen Ressourcen begehrt waren, ähnlich wie heute auch Konflikte gegeben hat, trotz der insgesamt doch viel geringeren Bevölkerungsdichte?

Für Norddeutschland um 5.000 v. Chr. haben Ausgrabungen ein enges Nebeneinander von Bauern einerseits, Jägern und Sammlern andererseits gezeigt. Mehr ein Neben- als ein Miteinander; es handelte sich um „Parallelgesellschaften“, wenn man so will. Untersuchungen zu Fundorten in Sachsen ergaben, berichtet Daniela Hofmann, dass es über 60 oder 70 Generationen hinweg zwischen Bauern und Wildbeutern kaum einen „genetischen Austausch“ gab. Ein erstaunlicher Befund, wenn man sich vor Augen führt, dass die relativ kleinen Gruppen wahrscheinlich öfters vom Aussterben bedroht waren.

Die Autoren verschweigen nicht, wie vieles an der europäischen Vorgeschichte trotz aller Erkenntnisfortschritte nach wie vor offen ist. Die „Himmelsscheibe von Nebra“, die 1999 in Sachsen-Anhalt gefunden wurde, lässt auf einen hohen Stand von Astronomie und Kalenderrechnung vor etwa 4.000 Jahren schließen. Doch welche religiösen Vorstellungen standen hinter den oft prunkvollen Fürstenbegräbnissen in der Bronzezeit, welche Rituale haben wir uns vorzustellen? Anders als in Ägypten und im Vorderen Orient geben für Europa keine schriftlichen Quellen Auskunft.

Im Tollensetal in Mecklenburg konnten Ausgräber Zeugnisse einer Schlacht im 14. Jahrhundert v. Chr. finden, an der mindestens 2.000 Krieger beteiligt waren. Das zeigt einerseits ein hohes Maß an Aggressivität zwischen den Gruppen, andererseits aber auch ein ebenso hohes Maß an Kooperation innerhalb dieser Gruppen. Es muss solche Kooperation bereits in der Jungsteinzeit gegeben haben, als die Megalithgräber aus riesigen Steinblöcken errichtet wurden. Experimente, berichtet Johannes Müller, ergaben, dass zum Auflegen der Decksteine mindestens 70 Menschen nötig waren.

In einem simplen „Entweder-Oder“ lassen sich die Ergebnisse der Archäologie, das zeigt dieser Band, kaum jemals auflösen. Die Grenze des Römischen Reiches an Rhein, Donau und Limes war zeitweise ein Ort heftiger Kämpfe, von kleineren Raubzügen bis zu großen Kriegen, zeitweise aber auch eine friedlich Verwaltungslinie, über die sich ein lebhafter Handel hin und her bewegte. Wie, fragt Susanne Brather-Walter, lässt sich bei Gräbern aus Spätantike und Frühmittelalter unterscheiden, ob die Bestatteten Christen oder „Heiden“ waren? Frühere Forschergenerationen haben Amulette oder Talismane gern als Indizien für eine nicht-christliche Haltung genommen. Zu Unrecht, meint Brather-Walter: Magische Handlungen sind nicht religionsspezifisch, es gibt sie in allen Religionen.

Ähnlich einige Jahrhunderte später, in der Reformationszeit. Hier haben sich allerdings die Voraussetzungen archäologischer Erkenntnis enorm verbreitert, neben die materiellen Reste sind schriftliche Quellen getreten. In den letzten Jahren wurde der Bauschutt ausgewertet, der anfiel, nachdem das „Lutherhaus“ in Wittenberg 1564 von den Erben an die Universität verkauft und umgebaut worden war. Zum Vorschein kamen polychrom glasierte Ofenkacheln, darunter die Darstellung einer Eva, die, einen Totenschädel in der Hand, um das verlorene Paradies trauert. Bloß von den Funden her hätte man nicht wissen können, wie der Bewohner sich zur Reformation stellte. Eine ganz ähnliche Kachel, berichtet Natascha Mehler, wurde auch in der Residenz von Luthers katholischem Widersacher, Kardinal Albrecht von Brandenburg, in Halle gefunden. Im Grunde nicht weiter erstaunlich: Katholiken und Protestanten schöpften aus dem gleichen Bildungsschatz.

Archäologie befasst sich heute nicht unbedingt mit fernen und fernsten Vergangenheiten, auch die Zeugnisse des Industriezeitalters sind „archäologie“- und „museumswürdig“ geworden. Ebenso werden die Hinterlassenschaften des Dritten Reiches oder der DDR archäologisch erforscht. Bei Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus in Berlin kamen sogar veritable Kunstwerke zutage: Skulpturen der klassischen Moderne, die nach einer Ausstellung über „Entartete Kunst“ als wertlos „entsorgt“ worden waren.

Wikingermuseum in Haithabu bei Schleswig
Bild: Ziko van Dijk/Wikipedia


Archäologie, betont Nils Müller-Scheeßel, ist „heute“ eine „an gesellschaftlichen Fragen orientierte Disziplin“. Aber wieso eigentlich erst „heute“? Unter „gesellschaftliche Fragen“ wäre ja wohl auch die „vaterländische“ Intention der älteren Archäologie zu subsumieren. Im Grunde, das deutet bereits das Wort „Spuren“ im Titel an, geht es um die eine Frage: Wer sind „wir“? In heutiger Sicht: Was macht die Identität Europas aus?

Eine Identität, die zugleich eine Unterscheidung von anderen Weltregionen oder Weltkulturen sein wird. Kulturerbe steht sowohl für Identität als auch für die „Konstruktion einer Grenze zwischen dem Wir und den anderen“, stellt Stefanie Samida fest, es kann sowohl trennen als auch verbinden. Soll Archäologie, fragt Müller-Scheeßel, den historischen Anteil zu einer solchen Bestimmung und Deutung von „Heimat“ beisteuern? Oder umgekehrt: „Wie kann Archäologie „die ausgrenzenden Wirkungen jeder Identitätskonstruktion, auch einer europäischen, eindämmen oder ausgleichen?“

Es zeugt von der intellektuellen Redlichkeit der Autoren des Bandes, dass sie zu diesem Komplex mehr Fragen als Antworten bieten. Wenn man, wie es angesichts der politischen Herausforderungen der Gegenwart sicherlich nicht sinnlos ist, von einer gemeinsamen „Heimat“ Europa sprechen will – wie weit lässt sie sich in die Geschichte zurückverfolgen? Bis ins christliche Mittelalter? Bis zu den alten Griechen und Römern? Oder noch viel weiter zurück in die Vor- und Frühgeschichte?

Und welche Teile aus diesem Erbe sollten wir als bewahrenswert anerkennen, welche anderen von uns abweisen? Renaissance und Aufklärung empfanden das Mittelalter insgesamt als „dunkel“, vor allem das frühe Mittelalter als Zeit eines katastrophalen Niedergangs der Kultur. Heute überzeugt uns das nicht mehr, meint Brather-Walter, wir fordern von uns selbst, „ganz verschiedene Lebensweisen als grundsätzlich gleichwertig zu akzeptieren“. „Grundsätzlich“. Wie wir es halten wollen, wenn praktische und politische Entscheidungen anstehen, ist eine andere Frage.


Neu auf dem Büchermarkt:

Spuren des Menschen. 800.000 Jahre Geschichte in Europa, herausgegeben von Eszter Bánffy, Kerstin P. Hofmann, Philipp von Rummel, Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2019, 552 S. mit 500 farb. Abb., ISBN 978-3-8062-3991-1, 50,00 €


Mehr im Internet:
Archäologie - Wikipedia 
Spuren des Menschen. 800.00 Jahre Geschichte in Europa, Konrad Theiss Verlag
scienzz artikel Vor- und Frühgeschichte 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet