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19.01.2020 - RELIGIONSGESCHICHTE

Der Gerechte handelt bei dem geringsten Anlass aus dem Glauben

Vor 350 Jahren erschienen Blaise Pascals Pensees

von Josef Tutsch

 
 

Blaise Pascal - Bild: Wikipedia

„Pascal“ – Physiker denken bei diesem Namen an eine Einheit zur Druckmessung, Mathematiker an die Geometrie der Kegelschnitte, Astronomen vielleicht an einen Mondkrater, Informatiker an eine Programmiersprache. Anhand von Glücksspielen entwickelte der französische Schriftsteller Blaise Pascal eine Theorie der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Er erfand eine mechanische Rechenmaschine und gründete zusammen mit einem Freund ein Droschkenunternehmen, das in Paris den Beginn des öffentlichen Nahverkehrs markierte.

Heute wäre er jedoch nur noch den Spezialisten jener Disziplinen ein Begriff, wenn es  in seinem Leben nicht den 23. November 1654 gegeben hätte. In den Wochen zuvor hatte sich Pascal, von Depressionen geplagt, aus der Gesellschaft zurückgezogen. Was ihm dann widerfuhr, legte er auf einem schmalen Pergamentstreifen nieder, der nach seinem Tod aufgefunden wurde; Pascal hatte ihn in das Futter seines Rocks eingenäht: „Feuer – Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs, nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Frieden. Der Gott Jesu Christi […] Er ist allein auf den Wegen zu finden, die das Evangelium lehrt. […] Ewige Freude für einen Tag der Mühe auf Erden [...].“

Ein religiöses Erlebnis, wie man als Außenstehender hilflos sagt. Nicht dass Pascal zuvor religiös indifferent gewesen wäre. Seit 1646 bekannte er sich zum Jansenismus, einer strengen Sonderbewegung innerhalb der katholischen Kirche. Doch im Licht dieses „Feuers“ erschien ihm sein altes Leben als oberflächlich. Als er 1662, nur 39 Jahre alt, verstarb, hinterließ er rund 1.000 Notizzettel, auf denen er versucht hatte, sein neues, verwandeltes Ich zu reflektieren. Im Januar 1670, vor 350 Jahren, brachten Freunde eine erste Ausgabe der „Pensées“, der „Gedanken über die Religion und einige andere Themen“, an die Öffentlichkeit.

Dass die „Pensées“ überhaupt erscheinen konnten, war keineswegs selbstverständlich. Im Jahr zuvor hatte sich Papst Clemens IX. mit dem jungen König Ludwig XIV. darauf verständigt, im Kampf gegen den „Jansenismus“, der die katholische Kirche Frankreichs damals aufwühlte, einen Augenblick innezuhalten, damit die Gemüter sich beruhigten. Ausgangspunkt des Streits war eine Abhandlung von Cornelius Jansen, Bischof von Ypern, über den Kirchenvater Augustinus, 1640. Darin wurde die Lehre vertreten, dass der Mensch an seiner Erlösung nicht mitwirken könne, sondern der göttlichen Gnade völlig ausgeliefert sei.

Seitdem hatten mehrere päpstliche Bullen den Jansenismus als Häresie verdammt. Tatsächlich kam vieles bei dem holländischen Theologen den Ansichten von Luther und Calvin recht nahe. Dabei wollten Jansen und seine Anhänger die Autorität der Kirche in keiner Weise antasten. Vielmehr strebten sie eine innere Erneuerung an: Das Zeremonienwesen sollte zugunsten der frommen Ergebung in die Gnade Gottes zurückgedrängt werden. Damit bot der Jansenismus eine rigorose Alternative zur konventionellen, geradezu lax erscheinenden Kirchenfrömmigkeit, wie sie vor allem von den Jesuiten propagiert wurde.

Eine Rigorosität, die gerade unter den Intellektuellen faszinierte. In den „Pensées“ treten die eigentlich theologischen Fragen freilich eher in den Hintergrund. Pascal wollte einem aufgeschlossenen, jedoch religiös nicht unbedingt engagierten Publikum das Unzureichende an seinem alltäglichen Leben und Denken vor Augen führen: „Der letzte Schritt der Vernunft ist es anzuerkennen, dass es unendlich viele Dinge gibt, die über sie hinausgehen. Sie ist nur schwach, wenn sie nicht so weit geht, das anzuerkennen."

Erstausgabe der "Pensées",
1670 - Bild: Wikipedia 


Es war der Vorabend der „Aufklärung“. Noch nicht in der breiten Bevölkerung, wohl aber in einer dünnen Schicht von Belesenen und Gebildeten hörte der christliche Glaube im 17. Jahrhundert auf, etwas „Natürliches“ und Selbstverständliches zu sein, er wurde zum bewussten Glaubensakt. Jesuitische und jansenistische Geistliche, stellte 1930 der Historiker Bernhard Groethuysen in seiner Studie zur „Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich“ fest, predigten verschiedene Konzepte, wie sich angesichts dieser Krise christlich leben ließ. Während die Jesuiten bemüht waren, ein detailiertes System von Regeln und Ausnahmen für die Erfüllung der sozialen Pflichten auszuarbeiten, stellten die Jansenisten das gesamte Leben unter eine einzige Norm: „Der Gerechte handelt bei dem geringsten Anlass aus dem Glauben“, führte Groethuysen eine Sentenz Pascals an.

Ein „Absolutismus“ des Religiösen, wenn man das so nennen darf, vor dem alles Irdische ganz und gar relativ wurde. Für Pascal, konstatierte der Philosoph Lucien Goldmann, „gibt es kein gültiges und gerechtes menschliches Gesetz“, jedenfalls für den Pascal, der in seinen letzten Lebensjahren die „Pensées“ schrieb. „Hier auf Erden ist jegliches Ding zum Teil wahr, zum Teil falsch“, heißt es in einem der Fragmente.

Der Welterfolg, den Pascal postum mit seinem Buch landete, könnte leicht verdecken, dass es bereits der zweite Anlauf war, den er nach seinem Bekehrungserlebnis von 1654 zu einer „Apologie des Christentum“ unternahm. 1655 wurde auf Betreiben der Jesuiten einer der Hauptvertreter des Jansenismus, Antoine Arnauld, aus der Theologischen Fakultät der Pariser Sorbonne ausgeschlossen. Pascal reagierte, indem er einen jungen Adligen in fiktiven Briefen, den „Lettres provinciales“, von den intellektuellen Debatten in der französischen Hauptstadt berichten ließ. Es wurde eine der brillantesten Polemiken der Literaturgeschichte. Pascal hatte sich lange Jahre in den Pariser Salons als brillanter Unterhalter einen Namen gemacht; nun setzte er all seine Sprachkunst für die Verteidigung der jansenistischen Sache ein und geißelte die jesuitische Morallehre als pure Heuchelei.

Das Notizenkonvolut der letzten Jahre, das dann postum unter dem Titel „Pensées“ erschien, zeigt demgegenüber einen ganz anderen Pascal, einen Denker von radikaler Ernsthaftigkeit. Erklärlich ist diese neue Wendung wohl nur, wenn man mit Goldmann annimmt, dass Pascal 1656 oder 1657 nochmals eine religiöse Erschütterung erfuhr, als Vertiefung der früheren. Seine Nichte, die Nonne Marguerite Périer, war unerwartet von einer das Gesicht entstellenden Geschwulst geheilt worden. Pascal brachte die Heilung mit einer Reliquie aus der Dornenkrone Christ in Verbindung, die Marguerite zuvor berührt hatte.

Das Ereignis verschärfte die Auseinandersetzungen in der Kirche: Während die Geistlichen des jansenistischen Klosters Port-Royal des Champs das Wunder anerkannten, bestanden ihre jesuitischen Gegner auf einer medizinischen Untersuchung. In Pascals Leben haben die Biographen noch einen anderen Wandel festgestellt: Er wandte sich wieder den naturwissenschaftlich-mathematischen Studien zu, die er nach seinem Erlebnis 1654 zunächst hintangestellt hatte. Eine neue Wertschätzung wissenschaftlicher Arbeit, ein Anerkenntnis, dass sie in einem christlichen Leben ihren legitimen Platz hat? Der eine oder andere Aphorismus in den „Pensées“ zeigt, dass Pascal an einer Erkenntnistheorie jenseits der platten Entgegensetzung von Rationalität und Irrationalität arbeitete: „Das Herz hat seine Gründe, welche der Verstand nicht kennt.“

In diesem Kontext ist wohl auch das umstrittenste aller Fragmente in den „Pensées“ zu betrachten, die „Pascalsche Wette“. Der Autor hatte erfahren, dass die traditionellen Gottesbeweise vielleicht den Verstand, aber nicht das Herz zu überzeugen vermochten. Er fand ein schlagendes Nützlichkeitsargument: Es sei allemal günstiger, an Gott zu glauben als nicht an Gott zu glauben. Im zweiten Fall drohe der Verlust der ewigen Seligkeit. Im ersten Fall hätte man zwar auf irdische Freuden unnütz verzichtet. Doch im Vergleich mit der Alternative könne das nicht ins Gewicht fallen.

Eine Anwendung der Theorie des Glücksspiels auf den Glauben, wenn man so will … Pascals Argumentation hat viel Befremden hervorgerufen. Goldmann weist darauf hin, dass die frommen Jansenisten aus dem Umkreis des Klosters von Port-Royal, die Pascals Notizen 1670 bearbeiteten, damit sie als Buch erscheinen konnten, das skandalöse Wort „Wette“ tilgten. Tatsächlich traf sich Pascal in diesem Punkt überraschend mit seinen theologischen Gegnern. Groethuysen führt eine ganze Reihe jesuitischer Predigten auf, in denen die Vorstellung einer Ewigkeit voller Qualen aufgerufen wurde, um die Gläubigen zu einem frommen Leben anzuhalten. Was konnten dem gegenüber schon die großen oder kleinen Mühsale des Erdenlebens bedeuten?

Bei allen Unterschieden hatten die Gegner die gemeinsame Schwierigkeit, dass sie inkommensurable Größen, das bekannte irdische Leben und die ungewisse Ewigkeit, miteinander ins Verhältnis setzen mussten. Eine unmögliche Aufgabe, der jedoch nicht auszuweichen war, für den Rigoristen Pascal stellte sie sich in aller Schärfe: War das Projekt einer Apologie des Christentums, verfasst mit den begrenzten Möglichkeiten der menschlichen Vernunft, unter den Voraussetzungen der jansenistischen Gnadenlehre überhaupt vertretbar und verantwortbar?

Blaise Pascal, von Augustin
Pajou, 1791 - Bild: Wikipedia     


Vier Generationen später stellte sich Immanuel Kant eine ähnliche Frage. In der „Kritik der reinen Vernunft“ hatte er die Unmöglichkeit metaphysischer Erkenntnis ein für allemal nachgewiesen. In der praktischen Vernunft jedoch, in unserem moralischen Selbstbewusstsein, meinte er, einen Zugang zu den Fragen von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit gefunden zu haben, vergleichbar Pascals „raison du coeur“. „Die Größe des Menschen zeigt sich darin, dass er sich als elend erkennt“, heißt es in den „Pensées“. „Ein Baum erkennt sich nicht als elend. Es bedeutet, groß zu sein, wenn man erkennt, dass man elend ist."

Mit dem Buch wurde Pascal zum wirkungsmächtigsten christlichen Schriftsteller des Abendlandes, noch vor Søren Kierkegaard. Dass man seine Wirkung allerdings auch ganz anders sehen kann, zeigt ein Artikel, der 1772 in den „Frankfurter Gelehrten Anzeigen“ erschien. „Wir müssen es einmal sagen“, schrieb der unbekannte Verfasser, der zum Umkreis des jungen Goethe gehörte: „Voltaire, Hume, La Mettrie, Helvetius, Rousseau und ihre ganze Schule haben der Moralität und der Religion lange nicht so viel geschadet, als der strenge, kranke Pascal und seine Schule.“

Das klingt einigermaßen grotesk: die Apologie des Christentums als religions- und moralzerstörend? Der russische Schriftsteller Lew Tolstoi urteilte später, Pascal habe die Menschheit gelehrt, dass „Menschen ohne Religion entweder Tiere oder Aberwitzige sind“. Näher betrachtet, sind das eine und das andere Fazit aber gar nicht so unvereinbar, wie es scheinen könnte. Die „Pensées“ zwingen den Leser zur Entscheidung: Will und kann er mit dem absoluten Anspruch, der da erhoben wird, leben?

In Pascals Augen war es die große Versündigung der Vertreter einer konventionellen Frömmigkeit und Moral am Christentum, dass sie den Menschen diese Entscheidung ersparen wollten – eine Entscheidung, auf die das Christentum doch hinauslaufen musste. So nannte Friedrich Nietzsche ihn denn auch den „einzigen logischen Christen“, „den ich beinahe liebe, weil er mich unendlich belehrt hat“. In Nietzsches Fall allerdings mit dem Ergebnis, diese „Logik“ nicht annehmen zu wollen: Sie bedeute einen „dauernden Selbstmord der Vernunft“.


Auf dem Büchermarkt:

Blaise Pascal: Gedanken über die Religion und einige andere Themen, herausgegeben von Jean-Robert Armogathe, übersetzt von Ulrich Kunzmann, Reclam Verlag, ISBN 978-3-15-001622-0, 13,80 €


Mehr im Internet:
Blaise Pascal - Wikipedia 
scienzz artikel Christentum in der frühen Neuzeit

 

 

 

 

 

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