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25.01.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Feuerspeier und Jungfrauenfresser - oder auch ganz nett und friedlich

Der Drache seit den altorientalischen Schoepfungsmythen

von Josef Tutsch

 
 

Aus dem alchemistischen Traktat
"De lapide philosophico" von
Lucas Jennis, Frankfurt 1625
Bild: Wikipedia

Auch große Helden enden manchmal recht unrühmlich. König Ortnit von Lamparten, erzählte um 1250 ein Dichter, der vermutlich in Bayern schrieb, wollte gegen einen Drachen kämpfen. Durch die tage- und nächtelange Suche nach dem Ungeheuer ermüdet, schlief er ein. Als sich der Drache bedrohlich näherte, wollte sein treuer Hund den Helden warnen. Doch der wachte der nicht auf. Der Drache packte den Helden und trug ihn zu seinen Jungen in die Höhle. Da sich die Rüstung unmöglich öffnen ließ, saugten sie ihn aus.

Ein „Held“, der zum „Dosenfutter für Jungdrachen“ wurde, fasst die Germanistin Andrea Schindler von der Universität Saarbrücken den Plot zusammen. Da ist der Gedanke schwer abzuweisen, dass der unbekannte Dichter sich über die vielen Drachenkämpfe in der Literatur seiner Zeit ein wenig lustig machen wollte. Nicht ohne allerdings im zweiten Teil der Erzählung die Weltordnung wieder gerade zu rücken. Ein noch größerer Held, Wolfdietrich, rächt Ortnits Tod und darf dann selbstverständlich dessen Nachfolge auf dem Thron antreten.

Literaturwissenschaftler von der Ludwig-Maximilians-Universität in München haben eine Tour d‘horizon durch die Geschichte der „drakologischen“ Phantasie erstellt. Mit einem Ausdruck, den der schottische Ethnologe Victor Turner vor einem halben Jahrhundert geprägt hat, spricht der Buchtitel von einem „liminalen Geschöpf“: Drachen signalisieren in unserer Vorstellungswelt die Schwelle zu einem „ganz Anderen“. Dieses Andere muss besiegt werden, in aller Regel wird es auch wirklich besiegt.

Die frühesten Beispiele stammen aus dem Alten Orient, die jüngsten Drachen finden sich als lebendige Massenvernichtungswaffen im Roman „A Song of Ice and Fire“ von George R. R. Martin, der in den letzten Jahren das Fernsehpublikum unter dem Titel „Game of Thrones“ elektrisierte. „Drachen sind Fleisch gewordenes Feuer, und Feuer ist Kraft“, zitiert der Münchner Germanist Christian Ehring aus dem Roman.

Die Aufklärung hat diesem Phantasiegeschöpf aus Reptil, Vogel und Säugetier, das dem Feuer gebietet, eben keineswegs den Garaus gemacht. Die Entdeckung von Dinosaurierfossilien gab ihm sogar neuen Auftrieb. Ein kurioses Zeugnis dafür hat der Göttinger Literaturwissenschaftler Matthias Teichert in einer Folge der deutschen Comic-Serie „Sigurd“ aus den 1950er Jahren gefunden: Der Drache, mit dem es der Held zu tun hat, ist eindeutig als Tyrannosaurus Rex zu identifizieren.

In Mesopotamien, berichtet der Assyriologe Johannes Bach von der Universität Helsinki, lässt sich die Vorstellung von Mischwesen mit Schlangenkopf, Löwenpfoten, Adlerklauen und Stierhörnern bis ins 23. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgen. Das Monster wurde mit Todesgottheiten in Verbindung gebracht und dann auch mit den Anfängen der Welt, vor Entstehung des Lebens. Im babylonischen Schöpfungsmythos „Enuma elish“, schreibt die Münchner Germanistin Norina Auburger, galten drachenartige Wesen zusammen mit der Urmutter Tiamat als Verkörperungen einer Urzeit, die vom Gott Marduk erst geordnet werden musste.

Vorstellungen, die auch ins Alte Testament eingegangen sind. Das Buch Hiob berichtet vom Seeungeheuer „Leviathan“: „Rauch dampft aus seinen Nüstern wie aus kochendem, heißem Topf. Sein Atem entfacht glühende Kohlen, eine Flamme schlägt aus seinem Maul hervor.“ Im Buch Daniel wird der Drache als Götze genannt, den die Babylonier verehren würden. Dem Verfasser der „Offenbarung“ im Neuen Testament gaben diese Motive die Anregung, den Teufel als Drachen zu zeichnen, „groß und feuerrot, mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und mit sieben Diademen auf seinen Köpfen.“ Der Drache wurde zum Signum der endzeitlichen Bedrohung durch das Böse.

Paolo Uccello: Hl. Georg im Kampf mit dem
Drachen, um 1470 (National Gallery,
London) - Bild: Wikipedia 


In der mittelalterlichen Legendenliteratur hat Auburger mehr als 60 „Drachenheilige“ gefunden, die sich den Kampf des Erzengels Michael gegen den das Ungeheuer zum Vorbild nahmen. Am bekanntesten wurde St. Georg, in der Wahrnehmung vieler Jahrhunderte der „miles christianus“ schlechthin. Georg hat eine Königstochter zu befreien, die dem Ungeheuer zum Fraß vorgeworfen werden solle. Er „sprang auf sein Ross“, erzählt die „Legenda aurea“, „machte das Kreuz vor sich und ritt gegen Drachen“, „er schwang die Lanze mit großer Macht, befahl sich Gott und traf den Drachen so schwer, dass er zu Boden stürzte. Dann sprach er zu der Jungfrau: ‚Nimm deinen Gürtel und wirf ihn dem Wurm um den Hals und fürchte nichts!‘“

In anderen Versionen besiegt Georg den Drachen sogar gewaltlos, bloß durch Gebet oder Kreuzzeichen. Natürlich läge es nahe, auch die Schlange im Paradies, die Eva dazu bringt, von dem verbotenen Baum zu essen, in diese Drachenfiguren einzureihen. Doch dafür gibt der Bibeltext selbst, betont Auburger, keinen Anhaltspunkt. Zur späteren Vermischung der Motive mag beigetragen haben, dass Schlangen und Drachen im Griechischen gleichermaßen mit dem Wort „drakon“ bezeichnet wurden.

Die etymologische Verwandtschaft mit dem Verb „derkomai“, ansehen oder anstarren, erläutert Bach, deutet darauf hin, dass als entscheidendes Merkmal der starrende Blick empfunden wurde. Von der Gorgo Medusa hieß es, der Blick der Schlangen, die ihr anstelle von Haaren aus dem Kopf wuchsen, lasse alles Lebewesen zu Stein werden. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. ist in Griechenland auch die Vorstellung belegt, dass Drachen Feuer speien: Sie verfügen über ein Element, das sich dem Herrschaftswillen des Menschen immer wieder entzieht und in seiner zerstörerischen Kraft den Bestand der Kultur bedroht. Andererseits aber auch, insofern es beherrscht werden kann, Kultur erst ermöglicht.

Das Feuer verbindet den Drachen auch mit dem Teufel: In der Hölle brennt alter Vorstellung zufolge ewiges Feuer. Nicht nur in der Heiligenlegende, sondern ebenso in den weltlichen Dichtungen von Drachenkämpfen, die im Mittelalter entstanden wurde das gefährliche Untier immer wieder als teufelsähnliche Figur dargestellt – als ein Teufel freilich, den der Held mit Gottes Hilfe zu überwinden imstande war.

Dass gerade die Phantasiefigur des Drachen sich für diese Rolle anbot, mag tatsächlich mit jenem uralten Vorurteil gegen Schlangen zusammenhängen, das auch in der Genesis-Geschichte angesprochen wird: „Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.“ Diese Minderbewertung der Reptilien, vermerkt Schindler, spiegelt sich im „Iwein“-Roman des Hartmann von Aue, um 1200. Der Held beobachtet, wie Drache und Löwe miteinander kämpfen. Er entscheidet sich, auf Seiten des Löwen einzugreifen, weil er dem „edleren“ Tier helfen will.

À propos Fressen: Der schrecklichste aller Schrecken, die von den Drachen ausging, war, dass sie Jungfrauen zum Fraß forderten. Da war es nur selbstverständlich, dass ein tapferer Drachentöter eine Prinzessin für sich gewinnen konnte. Ein Märchenschema, das von den Dichtern kunstvoll variiert wurde. Im „Tristan“-Roman des Gottfried von Straßburg, um 1210, befreit der Held Irland von einem Drachen, der das Land verwüstet. Die Königstochter Isolde soll jedoch nicht ihm, sondern seinem Oheim König Marke zufallen. Der Leser ahnt, die Geschichte wird nicht so ablaufen, wie die Beteiligten das geplant haben.

In der Siegfriedsage folgt auf die Drachentötung ein Vorgang, der für moderne Leser wohl am ehesten mit psychologischen Kategorien zu deuten ist: Indem Siegfried im Blut des toten Drachen badet und sich auf diese Weise eine Beinahe-Unverwundbarkeit sichert, nimmt er, so der Basler Germanist Matthias Langenbahn, das „Monströse“ teilweise in sich selbst auf. Umgekehrt können die sterbenden Drachen sich als weise, wenngleich eher ohnmächtige Ratgeber entpuppen. In der altnordischen Sigurdsage warnt der Drache den siegreichen Helden vor dem Fluch, der mit dem Schatz verbunden ist.

Bloß am Rande geht der Sammelband darauf ein, dass zwar die Phantasie von drachenartigen Tieren nahezu weltweit verbreitet ist, die Bewertung insbesondere in China jedoch völlig anders war als in der abendländischen Tradition. Dort „stellt der Drache seit jeher eine Verkörperung hoher Ideale sowie gemeinhin angesehener Tugenden dar“, schreibt Langenbahn. Da hätte sich der Leser wohl ein bisschen weniger „Eurozentrismus“ gewünscht.

Als die Drachen im Europa des 20. Jahrhunderts wieder populär wurden, war auch gleich der Schrecken wieder da. Das vermutlich bekannteste Beispiel schuf in den 1930er Jahren J. R. R. Tolkien mit seinem Drachen Smaug, der den Zwergen ihren Schatz stiehlt. Bereits 1924 hatte Fritz Lang in seinem „Nibelungen“-Film die alte Sage mit viel technischem Aufwand ins bewegte Bild gesetzt: Im Kopf des Drachen, berichtet der Münchner Informatiker Tobias Eder, arbeitete ein Blasebalg, der eine Acetylenflamme entzündete und den Feueratem bis zu drei Meter weit versprühen konnte.

Von der "Neun-Drachen-Wand" in der Ver- 
botenen Stadt, Peking, 1756
Bild: Wing/Wikipedia


Stärker durch die paläontologische Wissenschaft ließ sich gleichzeitig Alfred Döblin in seinem Roman „Berge, Meere und Giganten“ inspirieren. Um neues Siedlungsgebiet zu schaffen, soll Grönland enteist werden. Dabei kommen Urzeitechsen zum Vorschein, Drachen, wenn man so will – am Ende steht, so May, die Vision eines monströsen Hybridwesens aus Natur und Technik.

In „Jurassic Park“ von dem Schriftsteller Michael Crichton, 1990, und dem Regisseur Steven Spielberg, 1993, wurde die Wiederbelebung der Dinosaurier aus ökonomischem Kalkül und wissenschaftlicher Hybris gar planvoll inszeniert. Ein Großteil der modernen Drachen, stellt Maren Bonacker von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar fest, ist jedoch nett und friedlich. 1898 veröffentlichte der Schotte Kenneth Grahame seine Erzählung vom „Drachen, der nicht kämpfen wollte“. Diesem Drachen liegt es fern, Menschen fressen zu wollen. Ebenso hat sein Gegner, der hl. Georg, keine Lust, den Drachen zu töten. Die beiden verabreden einen Schaukampf, der die Sensationsgier des Publikums befriedigt.

Mit einer Verdopplung der Drachenfigur versuchte 1997 die Kinderbuchautorin Cornelia Funke in ihrem phantastischen Roman „Drachenreiter“ östliche und westliche Tradition zu verbinden: Während der „böse“ Drache das Geschöpf eines gierigen Alchemisten ist, stehen die „guten“ Drachen für die vom Aussterben bedrohten Tiere unserer Welt. 1936 erzählte die Engländerin Joyce Alice Bissell Thomas in einem Märchenroman, wie ein König seine halsstarrige Tochter erziehen will, indem er sie auf einer einsamen Insel aussetzen lässt. Dem Volksglauben zufolge haust dort ein entsetzlicher Drachen. Zum Entsetzen des Königs stellt sich heraus, dass es ihn wirklich gibt. Aber er frisst keine Menschen, zwischen ihm und der Prinzessin entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte.

Es gab solche Umdeutungen und Umwertungen des Motivs bereits im Mittelalter. Um 1200, schrieb der alemannische Dichter Ulrich von Zatzikhoven, seinen „Lanzelet“. Der Held begegnet einem gewaltigen Drachen, „schrecklicher anzusehen als jedes andere Tier“. Die Erwartung, nun würde sich ein großer Kampf entspinnen, geht in die Irre. Der Drache bittet vielmehr, ganz wie Froschkönig, um einen Kuss und verwandelt sich darauf in „die schönste Frau“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Den Drachen denken. Liminale Geschöpfe als das Andere der Kultur, herausgegeben von Markus May, Michael Baumann, Robert Baumgartner und Tobias Eder, transcript Verlag, Bielefeld 2019, 239 S., ISBN 978-3-8376-4663-4, 34,99 €


Mehr im Internet:
Drache - Wikipedia
Den Drachen denken. Liminale Geschöpfe als das Andere der Natur, transcript Verlag 
scienzz artikel Phantastisches

 

 

 

 

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