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20.02.2020 - BRAUCHTUM

Wo die Vergnuegungen am raffiniertesten sind

Karneval in Venedig

von Josef Tutsch

 
 

Bauta - Bild: Godromil/Wikipedia

Goethe war in Verlegenheit. Am 28. September 1786 war er in Venedig eingetroffen und wollte sich nun gern einen „tabarro“ anschaffen, einen schwarzen Maskenmantel. „Denn man läuft schon in der Maske“, notierte er in sein Tagebuch. „Schon“ – in Venedig begann der Karneval Anfang Oktober und dauerte zunächst einmal bis zum Advent. Am Dreikönigstag ging das närrische Treiben erneut los, nun feierte man ununterbrochen bis zum Aschermittwoch, wenn um Mitternacht die Totenglocken von San Francesco della Vigna die Fastenzeit einläuteten. Zusätzlich gab es vor Pfingsten, in der Himmelfahrtswoche, noch einen „kleinen“ Karneval.

Wer weiß, vielleicht träumte Goethe insgeheim von einem galanten Abenteuer unter der Maske. Politisch besaß die Republik des hl. Markus, die einst wesentlichen Anteil daran gehabt hatte, dass Europa nicht von den Türken erobert wurde, im 18. Jahrhundert keine große Bedeutung mehr. Doch die Stadt wusste sich einen Ruf als die große Metropole des Vergnügens zu sichern – oder, wenn man es abwertend sehen wollte, der Ausschweifung. „Junge Leute, die nur in sündlicher und ausgelassener Freiheit ihren Zeitvertreib suchen, finden hier Gelegenheit genug, ihre Begierden, wo nicht zu sättigen, jedoch wenigstens zu ermüden“, schrieb 1730 missbilligend der fränkische Historiker Johann Georg Keyßler.

Der französische Gelehrte Charles de Brosses, der 1739 in Venedig weilte, behauptete gar, es gebe dort doppelt so viele Dirnen wie in Paris, „alle von entzückender Sanftheit und Höflichkeit und einige sogar von vornehmstem Wesen.“ Wie auch immer – Goethe scheute die hohen Kosten für den Mantel dann doch. Im Buchhandel war ihm eine Ausgabe des „Vitruv“ angeboten worden, der Schriften des römischen Architekturtheoretikers aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Das versprach ihm „eine Freude, die auch außer Venedig und dem Karneval dauert“. Goethe kaufte den Vitruv und verzichtete dafür auf den „tabarro“.

Hut und Maske leistete er sich dagegen. Wie wir uns diese „maschera nobile“ vorzustellen haben, darüber geben Johann Jacob Volkmanns „Historisch-kritische Nachrichten von Italien“ Auskunft, sozusagen der „Baedeker“ der Epoche, auch Goethe führte die Bände mit sich. „Auf dem Kopfe trägt man eine ‚bauta‘ oder Kappe, welche den Kopf bis ans Kinn bedeckt und bis über die Schulter hinab geht. Das Gesicht ist mit einer weißen Wachsmaske, ‚volto‘, bedeckt, welche bis auf den Mund geht.“ Um sie festzuhalten, setzte man einen schwarzen Hut mit weißen Federn auf.

Anders als das Beiwort „nobile“ vermuten lässt, war diese Maske nicht dem Adel vorbehalten. Im Vorfeld der großen Revolutionen vermittelte der venezianische Karneval den Schein gesellschaftlicher Gleichheit, wenigstens für einige Stunden. „Alle Menschen“, begeisterte sich 1773 ein französischer Anonymus, „welche der Unterschied der Stände und Güter voneinander entfernte, sind sich alsdann wieder genähert.“ Gebräuchliche Anrede war ganz einfach „Sior Maschera“.

Im politischen Niedergang der Republik war der Karneval zum großen Wirtschaftsfaktor geworden, vergleichbar dem modernen Massentourismus. 1701 soll die Stadt zeitweise 30.000 Fremde beherbergt haben, bei etwa 140.000 Einwohnern. 1688 wollte ein niederländischer Beobachter in Venedig nicht weniger als sieben regierende Fürsten gezählt haben. „Alles zu Venedig schmeckt nach der großen Freiheit, die daselbst herrscht, man ist hier in keinem Stücke gebunden“, schrieb 1773 ein französischer Anonymus, fügte aber gleich hinzu: „außer was die Staatsverfassung betrifft“. Vor manchen Äußerungsformen dieser Freiheit hatte man sich allerdings in Acht zu nehmen. Durch die Gassen, berichtet ein Reisender, streiften „Leute, die ganze Körbe voller Eier mit sich herumtrugen“. „Manche Eier waren mit Rosenwasser gefüllt, die warfen sie auf ihre Freunde“, auf andere solche „mit nicht so wohlriechendem Wasser.“

Giandomenico Tiepolo: Pulcinelle und
Artisten 1790 (Ca' Rezzonico, Venedig)
Bild: Wikipedia
 

Das Eierspiel verweist auf den Ursprung des Karnevals im katholischen Fastenbrauch: In den sieben Wochen der Fastenzeit von Aschermittwoch bis Ostern würde man die Eier ohnehin nicht mehr essen dürfen. Einige der „Belustigungen“ waren sehr blutig. Im Mittelalter war es üblich, Schweine, die über die Fastenzeit nicht durchgefüttert werden sollten, öffentlich abzuschlachten – zunächst nicht etwa durch bestellte Metzger, sondern durch die Patrizier der Stadt. Man erzählte sich, der Brauch gehe auf den Sieg der Republik über den Patriarchen von Aquileia im Jahr 1162 zurück. Stellvertretend für den Patriarchen würden die Tiere zum Tode verurteilt.

1564 wurden die Schweine durch Stiere ersetzt. In dieser Form erlebte am „Giovedì grasso“, dem Karnevalsdonnerstag, 1740 Goethes Vater Johann Caspar auf seiner Italienreise das Spektakel: „Man trieb zwanzig Stiere und eine entsprechende Anzahl von Hunden in das Gehege, so dass sich im Nu zwischen diesen Bestien eine fürchterliche Jagd anhob.“ Reichlich oft gab es nicht nur tote Tiere. Bis ins 17. Jahrhundert gehörten Schaukämpfe zwischen den Bewohnern der „sestieri“, der Stadtviertel, zum Programm. Sie konnten in blutigen Ernst übergehen. 1705 hielten die Behörden es für angebracht, im Karneval schon Menschenansammlungen an den Brücken zu verbieten.

Ein Vermerk bei Johann Caspar Goethe lässt vermuten, dass diese Tage auch ein Höhepunkt individueller Gewalttätigkeit waren. Ausgerechnet zum Höhepunkt des Karnevals, wunderte sich Goethe, war das Verbot, „scharfe und spitze Waffen“ mit zu führen, aufgehoben. Wie es scheint, hatte die Signoria in dieser Hinsicht vor dem Volksbrauch kapituliert. Der Attraktion, die vom venezianischen Karneval auf ganz Europa ausstrahlte, tat die Gefährlichkeit keinen Abbruch. Ein Liedchen aus dem 16. Jahrhundert sprach unverblümt aus, worum es vielen Besuchern ging: „Der Karneval macht mich potent.“ Eine Tradition, die bis auf die Pilgerfahrten und die Kreuzzüge des hohen Mittelalters zurückging: Während die Reisenden in den italienischen Hafenstädten auf günstigen Wind zur Überfahrt ins Heilige Land warteten, wollten sie unterhalten werden. „Venedig ist der Ort in der Welt, wo die Vergnügungen am raffiniertesten sind“, schrieb 1686 ein Reisender aus England. Es gab Theater und Bälle und natürlich viel Straßenkultur mit Seiltänzern und Feuerschluckern und sprechenden Kanarienvögeln usw. usf. 1751 zeigte ein Menageriebesitzer der staunenden Menge ein leibhaftiges Rhinozeros.

Und ein Großteil der Zuschauer spielte sozusagen mit. „Ein Lastenträger verkleidet sich als Ritter, ein Edelmann als Bäcker; die Frau aus dem einfachen Volk gibt sich den Anschein einer feinen Dame, während eine Gräfin sich in eine Bauersfrau verwandelt“, heißt es in einer Schilderung aus dem 17. Jahrhundert. Die Maskentypen vervielfältigten sich, vor allem die Figuren der Commedia dell ‘Arte bevölkerten nun die Gassen: der ältliche und kränkliche, dabei immer lüsterne Kaufherr Pantalone, der naiv-liebenswürdige Arlecchino, der listige Brighella, der faule und gefräßige Spaßmacher Pulcinella … Man verkleidete sich als Türke wie als Teufel, als verführtes Mädchen mit einem Pudel statt Kind auf dem Arm wie als Wüstling, dem eine Krankheit die Geschlechtsteile unförmig entstellt hatte. Der Phantasie waren keine Grenzen gezogen, erst recht nicht, seit 1756 das Verbot, dass Frauen Männerkleidung trugen, aufgehoben war.

Immer wieder hatte es Versuche gegeben, den Karneval oder wenigstens seine Auswüchse zu regulieren. 1339 und dann wieder 1461 wurden die Masken verboten, ein Dekret von 1502 untersagte „das Tragen falscher Bärte, künstlicher Haare, der Masken und überhaupt jedes Kostüms“. 1774 ließ die Signoria das berühmt-berüchtigte Spielcasino, den „Ridotto“, schließen und löste damit eine Wirtschaftskrise aus. Über 30 Manufakturen seien ohne Beschäftigung, klagte eine Denkschrift.

Der venezianische Karneval, eine Oase der Freizügigkeit im Europa des ancien régime … und zugleich ein Zentrum der internationalen Spionage. Keyßler berichtete, in den „Coffehäusern“ am Markusplatz seien inzwischen keine Bänke und Stühle mehr aufgestellt: Die Signoria habe sie abbauen lassen, weil ein kaiserlicher Gesandter und dessen Sohn die Sitzgelegenheiten allzu dreist genutzt hätten, um die venezianischen Nobili auszuhorchen. Die Maskenfreiheit selbst wurde jedoch nicht angetastet. Schließlich nutzte der Geheimdienst der Republik selbst sie ebenfalls, um die Bevölkerung zu überwachen.

Wenigstens den Standortfaktor „Vergnügen“ hatte die Stadt über ihre politische und ökonomische Krise hinweg gerettet. Vergnügen oft in sehr eindeutigem Sinn. Ein paar Wochen in Venedig galten als Kompensation für die Sittenstrenge, die sich seit Reformation und Gegenreformation in großen Teilen Europas durchgesetzt hatte. Giorgio Baffo, ein Senator der Republik, der gern satirische Verse schrieb, belustigte sich über die vielen Keuschheitsgürtel, die Venedigs Männer ihren Frauen oder Geliebten zum Karneval gern anlegen würden.

Pietro Longhi: Ausstellung des Rhino-     
zeros, 1751 (Ca' Rezzonico, Venedig)
Bild: Wikipedia 


Wie freizügig es wirklich zuging, vor allem für die Frauen der besseren Gesellschaft, ist recht schwer zu sagen. „Die edlen Frauen brechen ihre Ketten und sind frei, sich zu maskieren und auf den Bällen zu treffen“, heißt es einer Quelle, in einer anderen dagegen, es werde „den Ehefrauen und Töchtern nur selten erlaubt, maskiert auszugehen, in Begleitung ihrer Ehemänner oder Eltern oder eines anderen Vertrauten“. 1864 konstatierte der Historiker Hippolyte Taine, im alten Venedig sei die Institution der Ehe geradezu „aufgelöst“ gewesen.

Jedenfalls war schwer zu beurteilen, ob sich hinter der Maske, die ein Liebesabenteuer versprach, eine ehrbare Dame oder eine Kurtisane verbarg. „Die Venezianerinnen sind gewiss reizende Geschöpfe und ganz gemacht zur Wollust“, behauptete 1783 der Romancier Wilhelm Heinse in seinem Tagebuch. Die Maskenform der „moretta muta“ war zu dieser Zeit bereits aus der Mode gekommen. Die „stumme Mohrin“ hatte keinen Mundschlitz und musste mit den Zähnen festgehalten werden. Das zwang die Trägerin, wenn sie nicht erkannt werden wollte, zu Selbstdisziplin – und forderte ihr Gegenüber erst recht zu Versuchen heraus, diese Disziplin zu brechen.

Bereits 1580 vermerkte Michel de Montaigne, manche der venezianischen Kurtisanen würden ihn eher an Prinzessinnen erinnern. „Prinzessinnen“ allerdings, die man wie aus einem Katalog bestellen konnte; für die Besucher der Stadt wurden seit dem 16. Jahrhundert Listen mit den Adressen und den besonderen Reizen der Damen gedruckt, berichtet der Historiker Achatz von Müller. Taine behauptete im Rückblick, selbst viele der Nonnen in den Klöstern hätten sich ihre „Kavaliere“ gehalten: „Die meisten waren mit Gewalt in das Kloster gesteckt worden und sagten, dass sie als Weltfrauen leben möchten.“

Dabei war es einige Male verboten worden, in Maske Klöster und Kirchen zu betreten. Offenbar mit begrenztem Erfolg. Auf Vater Goethe machte Venedig zur Karnevalszeit den Eindruck eines einzigen großen Tollhauses: „Die ganze Stadt taucht derart trunken und hemmungslos ein in törichte Vergnügungen, dass mir tatsächlich übel geworden ist vor lauter Staunen und Entsetzen.“ Ein „Kulturschock“, wie man so sagt. „Zwischen den Venezianern herrscht in dieser Zeit ein derartiger Wetteifer, dass sie sogar an Verrücktheiten Exzesse üben und alle Grenzen des Anstands überschreiten.“

Als sich 1797 die „Serenissima Repubblica“ den Truppen des Generals Bonaparte ergeben musste, kam auch der Karneval ans Sterben. Ein paar Jahrzehnte lang hielten sich noch die Maskenzüge, selbst nachdem Venedig zur österreichischen Provinzstadt herabgesunken war. Doch der Karneval hatte seine wirtschaftliche Grundlage verloren. Ein Wiederbelebungsversuch 1867, nach dem Anschluss der Stadt an das junge Königreich Italien, blieb Episode. Erst seit 1979, nun im Zeichen des Tourismus, ist der venezianische Karneval wieder da. Was dieser neue Karneval mit seinem historischen Vorbild zu tun hat, lässt sich natürlich ebenso fragen wie am Rhein oder im Schwäbisch-Alemannischen auch. Bei den Masken immerhin wird Tradition hoch gehalten: Viele Venezianer und Besucher zeigen sich in Masken nach historischer Vorlage.


Mehr im Internet:

Karneval in Venedig - Wikipedia 
scienzz artikel Rund um den Karneval 

 

 

 

 

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