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01.02.2020 - IDEENGESCHICHTE

Sanfter Wandel, lautstarke Debatten

Sozial- und Ideengeschichte der Familie im Deutschland des 20. Jahrhunderts

von Josef Tutsch

 
 

Hochzeit in Frankenthal-Mörsch,
1990
Bild: Joachim Specht/Wikipedia

„Man hat so oft das kalte Wort gesprochen“, klagte 1855 der Historiker Wilhelm Heinrich Riehl, „dass das deutsche Volk nur in seiner Literatur und Wissenschaft sich einig wisse.“ Zu seiner Beruhigung hatte er aber noch etwas anderes gefunden, was ihm Hoffnung gab, die „Naturgeschichte des deutschen Volkes“, wie er sie gerade in einem vierbändigen Werk nachzuzeichnen versuchte, könnte sich in einer glorreichen Zukunft fortsetzen: „Es gibt noch eine deutsche ‚Familiensitte‘“, „noch sind wir einig in der Familie.“

Der Einsicht, dass die Familie seiner Zeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, nicht mehr das war, was er sich für die gute, alte Zeit vorstellte, vermochte Riehl sich freilich nicht zu verschließen: „Es zeigt die Auflösung des Familienbewusstseins an, dass es mehr und mehr Sitte wird, die einzelnen Genossen des ‚Hauses‘ in Gruppen abzusondern: Mann und Frau, die Kinder, das Gesinde, die Geschäftsgehilfen etc. bilden in dem vornehmeren Hause je eine Familie für sich. Der alte Gedanke des ‚ganzen Hauses‘ ist damit faktisch aufgehoben.“

Wenn Riehl die weiteren Veränderungen miterlebt hätte, die der Familie und dem Familienbild im Laufe des 20. Jahrhunderts bevorstanden … Der Historiker Christopher Neumaier von der Universität Potsdam hat die Debatten, die in Deutschland vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis in die 1980er Jahre hierzu geführt wurden, in einer umfangreichen Studie analysiert.

Die Furcht vor einer Auflösung der Familie, die schon Riehl so beunruhigte, durchzieht wie ein roter Faden das Jahrhundert. „Es treten schon Anzeichen gewisser Zersetzungserscheinungen hervor, die unsere Familie bedrohen“, warnte 1918 der nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler Friedrich Zahn. „Was kommt nach der Familie?“ fragte im Jahr 2000 die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim. Als der Bundestag vor anderthalb Jahren gleichgeschlechtlichen Paaren die Ehe ermöglichte, waren ganz ähnliche Töne zu hören.

Eine Angst, die sich nur als Kehrseite einer überragenden Wertschätzung der Familie verstehen lässt. Selbstverständliche Norm war die längste Zeit hindurch die christlich-bürgerliche „Kernfamilie“, mit klarer Rollenteilung von Mann und Frau. Riehls Idee vom „ganzen Haus“ war bereits im wilhelminischen Kaiserreich längst ad acta gelegt, „Großeltern und unverheiratete Geschwister gehörten in der Regel nicht mehr zur Haushaltsgemeinschaft.“ Dass sie sich als nostalgische Idee bis weit ins 20. Jahrhundert hielt, zeigt ein weiteres Leitmotiv an: Was am lautesten propagiert und diskutiert wurde, hatte nicht unbedingt viel mit den sozialen Realitäten zu tun.

So war etwa im Kaiserreich die Wirklichkeit oft weit von der Idee der Kernfamilie entfernt. Das hatte nichts mit ideologischen Differenzen zu tun, es war schlicht aus der Not geboren: Gerade ärmere Familien mussten in ihren ohnehin beengten Wohnungen aus finanziellen Gründen zusätzlich „Schlafgänger“ aufnehmen, die unvermeidlich am Familienleben teilnahmen. Auch die geforderte klare Trennung der Geschlechterrollen entsprach nicht der Realität: Oft zwang der niedrige Verdienst des Mannes die Ehefrau, durch Erwerbsarbeit zum Familieneinkommen beizutragen.

Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs allerdings, hat Neumaier beobachtet, verschärfte sich in den Debatten der Ton. Den Anlass gaben Statistiken, die einen allgemeinen Geburtenrückgang zeigten sowie einen Anstieg der Scheidungen und der unehelichen Geburten. Mit großer Selbstverständlichkeit wollten konservative Beobachter aus den Zahlen Schlüsse zur Stabilität oder Instabilität von Ehen ziehen. Die Berufstätigkeit von Ehefrauen, die in gewissem Maß finanzielle Unabhängigkeit ermöglichte, stand im Verdacht, der „Krise“ Vorschub zu leisten.

Tauffeier bei Familie Schwartzkopff, bei 
Stettin, 1885 - Bild: Wikipedia 


Aus der Fülle von Belegen, die Neumaier für eine „Dramatisierung“ der Debatte anführt, hier nur ein Beispiel. Das restriktive Scheidungsrecht habe „Tausende zum Selbstmord getrieben, Tausende zu Verbrechern gemacht“, behauptete 1928 der Deutsche Rechtsbund. Die Realität scheint viel weniger dramatisch gewesen zu sein. 1930 erstellte die Sozialdemokratin Anna Geyer für die „Arbeiterwohlfahrt“ eine Studie zur Erwerbstätigkeit von Ehefrauen. Tatsächlich, lautete ihr Ergebnis, könne die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen das Scheidungsrisiko erhöhen. Anderseits könnten viele Familien ohne ihr Einkommen kaum überleben, insofern würden Familien durch die Erwerbstätigkeit von Frauen sogar zusammengehalten.

Männer und Frauen hätten „grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“, wurde 1919 in Art. 109 der Weimarer Reichsverfassung festgeschrieben. In dem Wort „grundsätzlich“ kam ein sehr grundsätzlicher Vorbehalt zum Ausdruck: Es fiel schwer, sich eine Ehe- oder Familiengemeinschaft vorzustellen, die nicht auf unterschiedlichen Rollen beruhte. Der Parlamentarische Rat strich 1949 diesen Vorbehalt ersatzlos.

Oft mussten die Konflikte und Kompromisse um das Familienbild in ein und derselben Partei ausgetragen werden. Art. 119 der Weimarer Reichsverfassung fixierte das Ideal der christlich-bürgerlichen Kernfamilie, zugleich schützte Art. 121 die Rechte von nichtehelichen Kindern. Die eine wie die andere Bestimmung wurde maßgeblich von den Frauen der katholischen Zentrumspartei unterstützt.

Neumaiers Analysen zufolge war es vor allem im Kontext der Debatten um die Familie, dass das Konzept „Volksgemeinschaft“ seine fatale Karriere nahm. Den Zusammenhang erläuterte 1921 auf dem Katholikentag in Frankfurt am Main Marie von Gebsattel von der Bayerischen Volkspartei: Das Individuum lerne zuerst in der Familie, sich in eine größere Gemeinschaft einzugliedern. Der Begriff „Volksgemeinschaft“ war zunächst einmal offen genug, dass alle politischen Richtungen, von den Nationalisten über das katholische Zentrum und rechte wie linke Liberale bis zu den Sozialdemokraten, ihn mit ihrem Demokratiebegriff füllen konnten. Im Laufe der Jahre entwickelte er sich zum Slogan völkisch-nationalistischer Kreise. Der Individualismus wurde als die große Gefahr beschworen, die sowohl die Familie als auch das Volk bedrohe.

Die Familienpolitik des Nationalsozialismus, berichtet Neumaier, war von zwei gegenläufigen Intentionen geprägt. Einerseits sollte die Institution der Familie stabilisiert werden, andererseits war es aus bevölkerungspolitischen Gründen wichtig, das soziale Stigma zu beseitigen, das über nichtehelichen Geburten lag. Dass im Zweiten Weltkrieg 4,7 Millionen deutsche Soldaten fielen, die Millionen Witwen und Waisen hinterließen, machte die „unvollständige“ Familie im Nachkriegsdeutschland zum Massenphänomen, völlig unabhängig von Ehescheidungen. Niedrige Scheidungsraten und hohe Heiratszahlen in den 50ern bewirkten dennoch, dass die meisten Jugendlichen in einer „vollständigen“ Kernfamilie aufwuchsen. Alle anderen Familienformen wurden im strengen Sinn nicht als Familie betrachtet.

Gefördert wurde dies, weil in der Bundesrepublik der 50er Jahre konservativ-katholische Familienpolitiker den Ton angaben. Neumaier widerspricht jedoch dem Eindruck, die „Restauration“ der traditionellen Kernfamilie damals sei bloß ein westdeutsches Phänomen gewesen. Auch in der DDR habe die staatlich propagierte Abkehr von traditionellen Rollenbildern „für den Familienalltag zunächst wenig direkte Folgen“ gehabt.

Ab Mitte der 1960er Jahre zeigen die Statistiken erstens, dass viele Paare ihre Heirat immer weiter hinausschoben, und zweitens, dass die Geburtenzahlen deutlich zurückgingen. Ein wichtiger Grund lässt sich vermuten: Die neuen Möglichkeiten der Empfängnisverhütung hatte den Zusammenhang von Sexualität und Schwangerschaft aufgelöst. Von einer „Revolution“, betont Neumaier, könne jedoch keine Rede sein: Der Wandel vollzog sich „nicht radikal und plötzlich“, sondern vielmehr graduell und allmählich, sozusagen „sanft“. Die Sozialstruktur der Familie wandelte sich „weit weniger stark, als die zeitgenössische Debatte auf den ersten Blick vermuten lässt“.

"Regenbogenfamilie", 2008 - Bild: Wikipedia 


Ingleharts viel zitiertes Wort von der „stillen Revolution“, meint Neumaier, führte noch aus einem anderen Grund in die Irre: Was die Argumentationen und Diskussionen betrifft, vollzog sich der Wandel keineswegs „still“, sondern ganz im Gegenteil ziemlich laut und lautstark. Gerade in den Jahren, die „1968“ folgten, wurden vor allem in intellektuellen Kreisen neue Lebensformen in einem Maße propagiert, mit dem die Realität nicht Schritt halten konnte, in merkwürdigem Widerspruch zu der damals so viel zitierten Satz, das Sein bestimme das Bewusstsein.

Auffälliges Beispiel für die Diskrepanz zwischen öffentlicher Debatte und sozialer Wirklichkeit: die Rolle der Ehemänner und Väter. „Spätestens seit den 1970er Jahren war es nicht mehr sozial akzeptiert, sich öffentlich gegen Gleichberechtigung und Partnerschaft zu positionieren.“ Wenn es konkret wurde, zeigten die altüberlieferten Rollenbilder jedoch eine erstaunliche Persistenz – erstaunlich jedenfalls für Beobachter, die den Gedanken verinnerlicht hatten, die Geschlechterrollen seien vielleicht doch nicht biologisch oder psychologisch vorgegeben. Hausarbeit sei „unvereinbar mit der männlichen Würde“, zitiert Neumaier aus Interviews, die damals erstellt wurden, oder: Es gebe eine „natürliche Mutter-Kind-Bindung“, die sich zwischen Vätern und Kindern nun einmal nicht einstelle.

Wie sich das bis heute entwickelt hat, wäre eine Frage, die über den Zeitraum dieser Studie hinausreicht. In einem Punkt jedenfalls zeigt die Statistik eine sehr stetige Entwicklung: Die Zahl der Single-Haushalte hat sich in den letzten drei Jahrzehnten von knapp 12 auf über 17 Millionen entwickelt. Eine „Vereinzelung“, ganz wörtlich, und am Ende auch eine Vereinsamung? Riehl hätte darin sicherlich jene Auflösung des „ganzen Hauses“ fortgesetzt gesehen, die er im 19. Jahrhundert so heftig beklagte.

Die 1970er Jahre seien längst nicht in dem Maß eine „Wasserscheide“ des 20. Jahrhunderts gewesen, wie wir heute gern glauben, schließt Neumaier – auch wenn die Politik sich damals zum Ziel setzte, etwa durch Gesetzesänderungen im Scheidungsrecht die Familie im Sinne neuer Leitvorstellungen zu reformieren. Was die Praxis betrifft, blieb die „Pluralisierung der Familienformen“ eher sanft und begrenzt – ganz im Gegensatz zu manch lautem Ton in der Debatte. 


Neu auf dem Büchermarkt:
Christoph Neumaier: Familie im 20. Jahrhundert. Konflikte um Ideale, Politiken und Praktiken, Walter de Gruyter, Berlin – Boston 2019, 596 S., ISBN 978-3-11-064677-1, 84,95 €


Mehr im Internet:

Familie - Wikipedia 
Christoph Neumaier: Familie im 20. Jahrhundert, Walter de Gruyter 
scienzz artikel Ehe und Familie 

 

 

 

 

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